100 ist keine Zahl!

In eigener Sache 3

Das Ziel für die Wiedereinführungsphase des Wahlberliners, die ersten 30 Tage, war, jeden Tag mindestens drei Artikel zu veröffentlichen. Nach 27 Tagen sind nun 100 Publikationen geschafft, also eine Übererfüllung von 19 Beiträgen, wenn man so will. Ist das super?

 Ich dachte, es seien mehr Artikel gewesen, durchschnittlich etwa vier pro Tag. So kann man sich täuschen. Die höchste Zahl pro Tag war aber auch nur fünf, es gab noch keinen Mega-Tag mit sechs oder mehr Beiträgen.

Es kommt ja auch auf die Länge der Beiträge an.

Nach 93 Artikeln lag die durchschnittliche  Wörterzahl bei 1.389, das dürften im Schnitt etwa 11.000 Zeichen sein. Wer zum Beispiel auch fiktional schreibt, weiß, dass das eine komplette Kurzgeschichte ist. Kein Wunder, dass bei mir im Moment das Fiktionale etwas runterfällt, irgendwann ist man leergeschrieben. Nicht, dass man keine Ideen mehr hätte, aber es kommt zu einem Erschöpfungszustand. Auch physisch, ich treffe irgendwann nur noch bei jedem zweiten Versuch die richtige Taste auf Anhieb.

Bloggen ist also Maloche?

 Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist Maloche geistige Arbeit, während in der Produktion nur noch ein einzelner Mensch in einem Steuerungsraum stehen und aufpasst, dass die Roboter sich nicht zu einer Gewerkschaft zusammenschließen und streikend das Werksgelände verlassen, weil auch sie sich nicht mehr länger einen 24/7-Job reindrücken lassen wollen, der ihnen jede Möglichkeit verwehrt, kulturell und sozial teilzuhaben. Für Blogger ist aber genau das normal.

Selbstausbeutung macht nur Spaß, wenn der Erfolg es rechfertigt, falls überhaupt.

 Als der Wahlberliner 2011 startete, das war eine andere Zeit. Es gab weniger Mitbewerber, das Leseverhalten hat sich seitdem nochmal verändert und das Profil des Blogs war auch anders – weniger dezidiert politisch und es waren damals überwiegend die Film- und Fernsehrezensionen, die für die hohen Klickzahlen sorgten. Fast alle Top-Beiträge nach Zugriffen lagen in dem Bereich. Es war aber eine bewusste Entscheidung, mich mehr politisch zu äußern. Ach ja, das „Freunde-Umfeld“ war ebenfalls different, um nicht zu sagen, wesentlich effizienter organisiert, weil es dem Blog gefolgt ist und nicht der Blog in ein für ihn nicht optimales Umfeld gestellt wurde.

Aber das Umfeld ist doch hochgradig politisch?

 Das kann auch genau falsch sein, ich will das aber nicht zum Thema machen, zumindest nicht in diesem Beitrag. Es gibt ja sogar eine Splittung, die Kulturbeiträge und die politischen Beiträge werden im Wesentlichen verschiedenen Clustern zugeleitet. Twitter bringt aktuell mehr und vor allem halte ich es für eine gute Idee, eine „Bloggosphere“ aufzubauen, also mich mit anderen Bloggern zu verbünden. Was mir dabei etwas im Weg steht, ist dass „Der Wahlberliner“ auch nicht so gestrickt sein soll, dass er Eins zu Eins die „Gegenöffentlichkeitsmedien“ nachbilden oder unterstützen soll, die auch eine geradezu unheimliche Gleichrichtung aufweisen, also das, was sie den „Mainstream-Medien“ unterstellen. Ich bin noch nicht ganz fertig mit der Profilierung, aber ich weiß, wie wichtig sie ist und wie schwierig, einen eigenen Weg zu finden. Sieben Jahre Erfahrung helfen dabei natürlich, aber trotzdem ist es ein Neustart.

Wir haben mal ein Blog gecheckt, das sieben Wege zum Erfolg aufzeigen will und fangen vorne an.

 1. Je mehr man schreibt, desto besser.

 Aber die Qualität darf natürlich auch nicht leiden, is klar. „Talent, das nicht geübt wird, ist vergeudet“, trifft auf mich nur begrenzt zu. Nicht, weil ich mir gar kein Talent zurechne, sondern, weil ich insgesamt 17 Jahre Schreiberfahrung habe. Da tun sich nicht mehr Tag neue Welten auf, die Schreibfähigkeit betreffend. Bei der Entwicklung der Politikbeiträge gibt es aber eine deutliche Entwicklung, von 2011 aus gesehen, zuvor habe ich ja nur fiktional getextet. Anders bei den Rezensionen: Ich frage mich, wenn ich die Anfangsbeiträge heute anschaue, weil ich sie neu veröffentliche, wie ich das damals hinbekommen habe, so viel Arbeit in die Kritik zu einem simplen Fernsehkrimi zu stecken. Das muss echte Leidenschaft gewesen sein. Ist es immer noch, aber der Akzent hat sich eben verschoben.

  1. Creativity matters.

 Neue Ideen wie die Texttafeln und das damit verbundene Feature „Spottlight“ zeigen mir, dass ich Dinge immer weiterentwickeln kann – das ist dies- und jenseits der Blogarbeit vermutlich meine größte Stärke: Etwas immer besser machen zu können. So gesehen, war ich viel zu lange Zeit in einem Berufsfeld tätig, in dem diese Eigenschaft kaum eine Rolle spielt. Nur während meiner Zeit in Österreich, als ich in den „KVP“ (den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess) meiner damaligen Firma involviert war, konnte ich das ausspielen.  Etwas neu zu erfinden oder imer weiterzuentwickeln, sind für mich gleichrangige Formen der Kreativität.

Aber der „alte“ Wahlberliner hat auch gezeigt, dass man irgendwann in einen Routinemodus kommt und nicht mehr jeden Tag etwas ändern will. Auf die Weiterentwicklung will ich jetzt stärker achten. Und natürlich auch die Beiträge selbst kreativ gestalten. Die Texttafeln sind beispielsweise viel elaborierter, als man ihnen auf den ersten Blick ansieht. Anders ausgedrückt: Wer selbst schreibt, bemerkt es am schnellsten, da sie aber im politischen Bereich angesiedelt sind, gibt es die oben angesprochene Diskrepanz zwischen Produkt und derzeit erreichbarem Zielpublikum.

  1. Effiziente Blogger sind wirklich, wirklich leidenschaftlich.

 Siehe oben. Wer das den Film- und Fernsehrezension und insbsondere den längeren politischen Beiträgen nicht anmerkt, hat vermutlich keinen Zugang zum geschriebenen Wort an sich. Aber da sehen wir auch schon das erste Problem: Je mehr ich schreibe, desto häufiger müssen auch mal Beiträge pubiziert werden, die mich emotional nicht vollkommen auspowern. Und selbst die „Leidenschaftstexte“ können nicht jedes Mal im Stil einer politischen Rede gehalten sein, das sind sie auch im US-Journalismus nicht, dem der hier ausgewertete Tipp-Blog sicher am nächsten steht. Auch eine fundierte Analyse, stilistisch eher nüchtern verfasst, erfordert Leidenschaft: gegenüber dem dran bleiben, dem Detail, der möglichst präzisen Argumentation, dem Weiterdenken und sich immer weiter in ein Thema vertiefen. Das ist Forscherdrang und Forscher gehören zu den leidenschaftlichsten Menschen, die ich kenne, auch wenn sie auf den ersten Blick manchmal eher nerdig und weltfremd wirken. Da glüht es nicht im Verborgenen, da flammt es innen so heftig, dass man es nach außen verbergen muss, damit nicht die Feuerwehr gerufen wird.

  1. Hör nie auf zu lernen.

 Siehe oben und natürlich ist der Lernkurve nicht mehr so steil wie vor ein paar Jahren.

„Wer stehen bleibt, fällt zurück.“ Weil alle anderen weitergehen. Wenn das mal stimmt, außerdem kommt es auf die Richtung an. Viele gehen im Moment weiter in Richtung Abgrund. Ich sträube mich etwas gegen diesen Satz, wenn man ihn als eine Art Mission Statement auffasst, weil er mir zu häufig auf ein Wirtschaftswachstum und eine unternehmerische Expansionshaltung angewendet wird, alles wird zum Selbstzweck und ist zudem hochaggressiv gegenüber anderen. Es kommt darauf an, wo, aber das habe ich schon verstanden: Es geht um Selbstvervollkommnung, auch blogweise. Deswegen gibt es für den neuen Wahlberliner auch ein internes Dokument, in dem ich mir alle neuen Ideen und Verbesserungsmöglichkeiten notiere. Klingt simpel, hatte ich aber früher nicht.

Fotos anstatt Logos.

 Visuelle Unterstützung der Inhalte gegen Wiedererkennbarkeit. Tut mir leid, das ist konzeptionell, erst einmal die meisten Beiträge mit den Logos zu posten, damit die Marke sichtbar wird. Schrittweise ändere ich das und die Logos werden mehr in den Bereich der beitragsinternen Bebilderung rücken.

  1. Fokussierung und Stetigkeit

 Durch den Fehler, zwischenzeitlich den Bloganbieter und den Namen zu wechseln, ist die Stetigkeit natürlich jetzt anders zu bewerten als Anfang 2017, als es sechs Jahre ununterbrochene Wahlberliner-Arbeit mit fast 1500 veröffentlichten Beiträgen gab. Und die Fokussierung ist sogar ein generelles Problem: Ich widme mich mehreren politischen Themen, um selbst einen Überblick zu gewinnen. Mancher Leser wird denken: Niemand kann doch in all dem kompetent sein. Auf einer oberen Ebene geht das aber sehr wohl und ich vertiefe ja nicht jedes Sujet, sondern im Wsentlichen wirtschaftspolitische Aspekte.

Also alles, unter der Prämisse, dass Wirtschaftspolitik das politische Meta ist.

 Ich kann’s nicht ändern, dass es so ist. Und dass ich dabei von einem Fass zum nächsten gelange, das ich öffnen muss. Ich hatte früher nie die Absicht, mich mit Geld- / Währungspolitik zu befassen, aber mir bleibt nichts anderes übrig, wenn ich den makroökonomischen Überbau nicht rauslassen und damit Aspekte der Ökonomie nur auf Betriebswirtschafts- oder kaufmännischer Ebene abhandeln will – und das gilt für viele andere Gegenstände ebenfalls. Was heißt also dann Fokussierung? Im Grunde nur, dass ich neben meinen beiden Hauptthemen Kultur und Politik kein drittes aufmache. Zum Beispiel ist die Berichterstattung von Fußball-Großereignissen in Form von Live-Tickern, die es beim alten Wahlberliner gab, jetzt komplett weg. Die brachte übrigens auch viele Leserinnen und war stilistisch besser im Sinn von lebendiger als vieles, was die „Leitmedien“ in dem Bereich anbieten, weil sie auch vom fiktionalen Schreiben inspiriert war. Habe ich aber gecancelt. Aus Zeitgründen natürlich, nicht wegen der Fokussierung an sich.

  1. Interaktiv sein.

 Ich freue mich immer, wenn ich kommentiert werde und reagiere auch darauf. Egal, ob es in den sozialen Medien geschieht oder direkt auf dem Blog. Und ich beginne mittlerweile, andere zu kommentieren. Ein bisschen Angst habe schon davor, dass eine Diskussion mal hart wird und ich nicht mehr weiter weiß, was aber vor allem dann vorkommen kann, wenn man sehr auf seiner Meinung besteht. Genau das ist aber ein Merkmal der „Gegenmedien“ – ihre beängstigenden Wahrheitsansprüche, die sozusagen aus dem „Schreiben in der Diaspora“ motiviert sind. Manches zu lesen ist wirklich anstrengend und interaktiv sein heißt auch, immer aufzupassen, dass ich nicht zu negativ werde.

Wenn man doch häufig die Abwesenheit einer linken Vision kritisiert, läge es doch nah, die schrittweise Erstellung einer solchen als Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln.

 Das ist dann aber kein Journalismus mehr, keine Analyse, sondern den Politikern die Arbeit abnehmen, die sie sich dann eh ans eigene Revers heften werden. Muss ich das? Im Projekt „links voraus“ ist das dieser Ansatz aber implementiert und soll verstärkt werden. Außerdem haben auch andere Beiträge des Wahlberliners stellenweise einen Appell-Duktus. Aber, siehe auch dazu oben, ich justiere noch am Profil dieses neuen Wahlberliners. Und ich will mir nicht nehmen lassen, dass sich meine Stimmungen auch in den Beiträgen ausdrücken und es hängt vom Feature ab und vom Thema. Ein Spottlight über die AfD muss sich anders lesen als eine Analyse zum BGE,  um zwei aktuelle Beispiele sehr unterschiedlicher stilistischer und inhaltlicher Herangehensweisen herauszugreifen.

  1. Hartnäckig sein.

 Das ist im Moment das Wichtigste von allem. Und ich habe auf dem Gebiet eine Schwäche, ich weiß das. Ich wundere mich jeden Tag darüber, dass ich schon seit 17 Jahren schreibe, obwohl die Erfolge auch nicht immer waren wie zuletzt im fiktionalen Bereich, aber es fehlt nach wie vor der Langtext und auch bezüglich der Permanenz der Arbeit sind immer noch Wünsche offen. Dieses Bild vom chinesischen Bambus, der fünf Jahre keine Lebenszeichen von sich gibt und dann so schnell in die Höhe schießt, dass man ihn als Mordwerkzeug verwenden kann, wenn man jemanden auf ein Bambusfeld setzt, das kurz vor dem Durchbruch steht, entspricht dem, was im Business jeder sagt: Ein Ding hochzuziehen, dauert fünf Jahre. Ich relativiere: Meistens und kommt darauf an. Im Mee-Too-Bereich, wo das Alleinstellungsmerkmal nur die unique Persönlichkeit des Inhabers ist, stimmt das überwiegend und unter Auslassung aller Sonderffekte wie „vorhandene Connections oder nicht?“, im Kreativen ist es anders – das wäre ja entsetzlich, das würde keiner durchstehen, es sei denn, er ist autistisch und nicht auf viel Anerkennung angewiesen. Aber ich verstehe gut: Ein Blog ist einzigartig, aber doch sind sie einander oft sehr ähnlich. Für Außenstehende. Der Blogger selbst kann sein Produkt von jedem anderen unterscheiden, der Leser da draußen kann das nicht in dieser Feinfühligkeit nachbilden, die man nur dem eigenen Schaffen gegenüber entwickeln kann, weil es ja aus dem innersten Selbst kommt.

Was hier gar nicht erwähnt ist: Netzwerken.

 Doch, irgendwo steht das, was ich auch denke: Je mehr ich schreibe, desto weniger kann ich den ganzen Tag auf Facebook verweilen, um andere zu liken. Ich finde Reziprozität klasse, weil ich stark mit dem Thema Gerechtigkeit zugange bin; ich habe lange Zeit jedem, der mich einmal likt, zwei Likes zurückgegeben – sofern seine Postings nicht so waren, dass ich sie inhaltlich keinesfalls unterstützen konnte, versteht sich. Aber die meisten erstellen auf FB keinen eigenen Content, sondern kommentieren nur mal kurz, was sie weiterleiten oder auf die Kommentare. Die schreibende Position lässt dieses ständige Interagieren nicht zu, es sei denn, man macht das hier wirklich 24/7, also mindestens hauptberuflich und lässt sich durch die Kakophonie der sozialen Netzwerke auch überhaupt nie ablenken. Ich generiere viel innere Zufriedenheit aus dem Schreiben selbst und bin auch wesentlich mehr befähigt als früher, mit intrinsischer Motivation zu arbeiten und mich nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen. Da kann ich wirklich sagen, es liegt eine Entwicklung vor, die mich erfreut. Die ist altersbedingt, aber nicht nur.

Wie sieht es mit den persönlichen Storys aus, die ja Leser besonders mögen?

 Homestorys? „In eigener Sache“ wird sicher kein Hauptfeature werden und sich wohl auch meist aufs Schreiben beziehen – aber natürlich ist es schön, es mal einsetzen zu können wenn es einen Anlass gibt, wie heute den 100. Beitrag nach 27 Tagen. Das ist Journalisten der Mainstream-Medien nicht möglich und leider verkneifen es sich auch die „Alternativen“ meistens und setzen zu sehr auf Manipulation mit scharfen und einseitigen Darstellungsweisen als darauf, dass sie auch als Menschen kenntlich werden, sodass man versteht, warum sie so augenfällig getrieben wirken. Es gibt Ausnahmen, die sind sehr berührend, auch wenn sie das politisch Geschriebene deutlich unter den Vorbehalt der Subjektivität stellen. Gerade das aber finde ich wahrhaftig.

Wie sind die Aussichten?

 Es wird heiß werden, in den nächsten Tagen. Politisch ist dagegen eher Sommerloch, aber leider machen die Krisen der Welt ja keine Sommerpause. Vielleicht wird es innenpolitisch etwas ruhiger, das gibt Zeit, sich mit grundsätzlicheren Themen zu beschäftigen. Und zur weiteren Entwicklung der Zugriffszahlen etc. will ich hier keine Aussage machen. Ich habe die Erfahrung mitgebracht, dass der ursprüngliche Wahlberliner auf Zugriffszahlen kam, die gute Alternativmedien heute ebenfalls teilweise haben – Blogs meine ich, nicht Internet-Zeitungen, an denen viele Autoren mitwirken und die ein redaktionelle Gepräge aufweisen. Aber die 100 sind geschafft und das im vorgesehenen Zeitraum. Ich freu mich einfach mal.

© Der Wahlberliner 2018, Thomas Hocke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s