Das Filmfest beim Wahlberliner – ein Herzensprojekt und ein Zirkel

2018-06-24 Fimfest

Aus Kapazitätsgründen haben wir bisher eines der wichtigsten Projekte des Wahlberliners, das „Filmfest“ nur zögerlich anlaufen lassen. Dabei warten gerade in diesem Bereich über 1.500 Artikel auf ihre Veröffentlichung. Über 1.200 im Archiv, die noch nie gezeigt wurden und 300 vom „ersten Wahlberliner“ und von „Rote Sonne 17“. 

Das ist ja geradezu gigantisch – und was ist der „Zirkel“?

Als wir unter dem Namen „FilmAnthologie“ 2011 gestartet sind, kam es ziemlich schnell zu einer Idee, die selbst wiederum an einen Film und das ihm zugrundeliegende Drama von Arthur Schnitzler „Der Reigen“ erinnerte. Wir haben Filmrezensionen so gezeigt, dass ein Film immer etwas mit dem vorhergehenden zu tun hatte. Das konnten starke Verknüpfungen sein wie Regisseur, Hauptdarsteller, Genre, Epoche, aber auch schwächere wie zum Beispiel der Drehort oder eine inhaltliche Verknüpfung. Damals war aber die Schwierigkeit, dass wir nicht genug „Material“ hatten, um das über einen längeren Zeitraum so fortzusetzen. Es gab ja keine Rezensionen, die schon auf Lager waren und nur auf ihren Einsatz warteten, beispielsweise.

Und vor allem konnten wir nicht höchst elegant in eine Werkschau münden – denn die stärkste Verknüpfung ist natürlich das „Werk“, also etwa alle Filme oder doch alle wichtigen von Alfred Hitchcock, von den Marx Brothers oder von Fritz Lang. Man sieht an der Auswahl, das Filmfest wird einen deutlichen Akzent auf die Klassiker setzen, nicht auf das quasi auserzählte heutige Blockbuster-Kino. Freilich lassen wir das nicht außen vor, denn wir sind ja an der Weiterentwicklung und an aktuellen Tendenzen insofern interessiert, als wir prüfen wollen, ob es wirklich noch Neues gibt. Aber wie funktioniert nun der „Zirkel“. Wir stellen das anhand der aktuellen Situation dar.

Wir haben zuletzt den bemerkenswerten französischen Film „Meurtres!“ von 1950 vorgestellt. Von ihm aus könnten wir jetzt mehrere Abzweigungen nehmen, um das nächste Mitglied im Filmzirkel zu präsentieren. Zum Beispiel Filme des Hauptdarstellers von „Meurtres!“, Fernandel. Da kämen wir unweigerlich zur Don-Camillo-Pentalogie, die zwischen 1951 und 1965 entstand, vor allem die ersten drei Filme sind wirklich schön. Das wäre eine sehr enge und logische Verknüpfung. Von dort aus könnten wir irgendeinen Film aus dem Jahr 1965 nehmen und weitermachen. Am besten einen italienischen natürlich.

Es geht aber auch anders. Die meisten französischen Filme spielen natürlich in Paris, dann gibt es die wunderbare Südschiene von Marcel Pagnol, die in Marseille angesiedelt ist. Und viele andere Filme, die auch nicht mit der Seinestadt als Hintergrund prunken. Wobei, damit prunken, das tun ja eher amerikanische Filme, französisches Kino ist wesentlch nüchterner, die eigene Hauptstadt betreffend. Aber der Film „Meurtres!“ spielt in Aix-en-Provences, einer mittleren Stadt, die selbstverständlich in der Provence liegt. So häufig kommt es nicht vor, dass dort Filme gedreht werden.

Gestern habe ich zufällig „Der große Blond emit den roten Haaren“ gesehen, einen Film mit Pierre Richard aus dem Jahr 1973. Ich will mit mit diesem Komiker noch ein wenig beschäftigen, nachdem ich das mit Louis de Funès bereits getan habe, seinem Vorgänger, wenn man so will. Und nun spielt „Der große Blonde mit den roten Haaren“ tatsächlich in Aix-en-Provence, wie der letzte Film, den ich mir zuvor angesehen habe. Das ist natürlich keine sehr starke Verknüpfung, aber dafür eine ziemlich ungewöhnliche, weil die Chance, dass sowas passiert, eher gering ist. Und so wird’s laufen und so wird auf einen sehr ernsten und auch sehr satirisch-kritischen Film eine Slapstick-Komödie folgen? Ein wenig geschmacklos? Eher doch so wie das Leben: Ein Reigen, und da gibt es immer wieder ernste und heitere Situationen und ich finde, davon kann man sich auch mitnehmen lassen. Der Reigen des Weltkinos is teiner der faszinierendsten überhaupt. Man kann das Werk nicht gerade als übersichtlch bezeichnen und dieses Filmfest wird sicher nie „fertig“ sein, die bunten oder schwarz-weißen werden nie ausgehen, aber natürlich gibt es etwas wie einen „Kanon“, sagen wir, 1000 Filme, die man gesehen haben sollte, bevor man das Zeitliche segnet. Es gibt ein Buch, das heißt so ähnlich und das versucht, die wichtigen von den weniger wichtigen Filmen zu scheiden.

1000 Filme, das sind fast drei Jahre jeden Abend ein Film. Oder, wie bei mir zeitweilig, als die Kritikensammlung im Aufbau war, drei Filme pro Tag das ganze Jahr über. Nicht alle, die wir hier rezensieren, gehören dazu, deswegen wird es auch weiterhin Bewertungen geben – zur Orientierung vor allem für Nichtcineasten aber natürlich auch als Möglichkeit, sich auszutauschen und anderer Ansicht zu sein.

Bald wird auch die Excel-Tabelle zum Filmfest starten, damit auf der Seite „Special Service“ unsere Leser eine andere Art von Schnellorientierung gewinnen können: Was gab es bisher und wie lässt es sich schnell nach verschiedenen Kriterien sortieren?

Ein bisschen ein Problem werden wir mit der Verortung unserer Rezensionen in der IMDb (der Internet Movie Database) bekommen. Ich habe vor einiger Zeit angefangen, Rezensionen, die dort schon gelistet und dem „ersten Wahlberliner“ zugeordnet waren, durch Wiederauflagen bei „Rote Sonne 17“ zu ersetzen. Und nachdem ich das aus Zeitgründen nach ein paar Filmen erst einmal habe sein lassen, gibt es  jetzt die die dritte Änderung innerhalb von zwei Jahren. Deswegen wird das Verfahren so sein, dass erst einmal die IMDb-Bestückung nur mit Rezensionen erfolgt, die dort noch nicht in der Rubrik „critic“, also bei den professionellen, externen Artikeln abgelegt sind, damit diese Institution uns schon ein wenig vertraut, wenn wir dann doch wieder anfangen, bereits vorhandene Kritiken mit neuen Links zu versehen.

Wie könnte nun aber der Reigen weitergehen? Mit einem Film von Pierre Richard natürlich, drei oder vier habe ich ja nun gesehen, wobei ich bisher immer „Der große Blonde mit dem schwarze Schuh“, seinen Megahit, geschickt umkurvt habe. Aber es geht natürlich auch so:

Bei „Der große Blonde mit den roten Haaren“ hat Claude Zidi Regie geführt.

Claude Zidi hat aber auch als einer der Komödienspezialisten der 1970er mit Louis de Funès gearbeitet.

Louis de Funès hat aber mehrfach mit dem großen Jean Gabin zusammen vor der Kamera gestanden.

Und von Jean Gabin aus führen unendlich viele Spuren überall hin. Zum Beispiel zum Poetischen Realismus des französischen Kinos der Vorkriegszeit. Oder zum fantastischen Gangsterkino der 1950er und 1960er.

Dieser Stil hat aber wesentlich die „Schwarze Serie“ in den USA beeinflusst, die nach einer für mich allerdings kritikwürdigen Definition 1941 startete und etwa bis 1958 dauerte. Und wer an berühmten Schauspielern und Regisseuren da nicht alles mitgemacht hat.

Oder wir kommen von Jean Gabin zu Max Ophüls, dem Magier des visuell so elegant bewegten Dramas, der in derselben Stadt geboren wurde wie ich und dessen deutsche und französische Identitätsanteile man deutlich wahrnehmen kann. Ja, auch zu dem, denn Gabin hat in „Le Plaisier“ (1952) mit ihm gedreht.

So gesehen ist der Reigen eher wie eine Lawine, jede Spur führt zu unzähligen neuen Spuren. Aber da wir wollen keine Seitenwege anlegen und uns nicht verästeln, sondern haben uns für das Modell „Der Reigen“ entschieden, um  unsere Leser durchs Wunderland der Kinematografie zu führen. Dabei werden wir auch größere Stopps einlegen, in Hotels übernachten, in denen große Filmkünstler ihren dauernden Wohnsitz aufgeschlagen haben. Wir werden dann ein wenig bei ihnen verweilen und den Rezension über Einzelfilme auch Beiträge zum Gesamtwerk oder Dokumentationen über sie als eigenständige Elemente des Filmfests rezensieren oder auf sie hinweisen.

Es kann doch irgendwann geschehen, dass wir mehrere Stränge herausbilden werden, aber wir werden sie dann irgendwann wieder einfangen müssen und das wird sicher besonders spannend, denn wir müssen dann zu drei oder vier Filmen etwas finden, was sie alles verbindet und werden wieder zu einer Person, die nur ein Leben in diesem Filmreigen  hat und nur einen Erzähler darstellt, der unsere Leser auf dieser einen Reise begleiten soll.

Wir hoffen, dass viele Leser bereit sind, mit uns auf diese Reise zu gehen. Der Name „Filmfest „wird aber bleiben, nicht etwa in „Filmreigen“ geändert werden, denn der Reigen ist ja auch ein Fest. Ein permanentes Fest für die Sinne und die Seele.

Aber ein Reigen, ein Zirkel, muss ja dort enden, wo er begann, oder? Wenn ich merken sollte, dass ich keine Lust mehr habe oder es nicht mehr geht, muss ich wieder auf den Ausgangspunkt zusteuern. Das wäre die Vollendung eines Projekts, in das ich bisher vermutlich schon weit mehr als 5.000 Arbeitsstunden gesteckt habe. Wie viele werden es dann sein?

Nachtrag 06.08.2018: Sehr interessant wird noch, ob wir es hinbekommen, auch besondere Ereignisse, die Todesfälle oder runde Geburtstage würdigend zu berücksichtigen und trotzdem das Reigen-Modell einzuhalten. Gerade wurde ja der Berliner Produzent Artur Brauner 100 Jahre alt – wir haben auch ein paar seiner Filme aufgezeichnet, einen schon angeschaut und in den 1500 verstecken sich noch viele weitere, die von seiner „CCC“ produzeirt wurden. Aber aus Aix-en-Provence im Jahr 1950 führt erst einmal kein halbwegs plausibler Weg zu dem, was wir bisher von Brauners Filmen gesichtet haben.

TH

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s