Martinsfeuer – Tatort 429 / Crimetime 43

ES 05.12.1999, Titelfoto © WDR / Kerpensian

Eine bekannte Aktrice im sozialen Brennpunkt und ein Diktiergerät als talking Head

Wir haben die Rezension zu „Willkommen in Köln“ vorgezogen, weil wir uns unschlüssig waren, ob wir über das „Martinsfeuer“ schreiben sollen, das wir zwei Tage zuvor leuchten sahen – uns dann aber dafür entschieden.

Das Positive vorweg: Die Kinderdarsteller sind für deutsche Verhältnisse gut bis ausgezeichnet. Man fand offenbar den richtigen Umgang mit den kleinen Mimen und sie sind sowohl als Einzelpersönlichkeiten wie als Gruppe ansprechend gezeichnet. Gerade deswegen aber kommt das wirklich dicke Ende sofort hinterher: Gegen die Auflösung dieses Falles sträubt sich alles in uns, was wir meinen, in und an Kindern in einigen Jahrzehnten entdeckt zu haben.

Natürlich können Kinder in eine Scheinwelt abdriften und auch brutal sein, natürlich spielen die sozialen Verhältnisse eine Rolle – und dass ein Kind einmal ein Tötungsdelikt begeht, ist sicher nicht unmöglich. Aber die geradezu ritualisierten Mordszenarien, die ein etwa 10jähriges Mädchen entwirft und durchführt, wie sie in „Martinsfeuer“ aufgemacht werden, sind des Guten oder Schlechten zu viel. Da hilft es auch nichts, dass sie die getöteten Mitkinder in eine bessere Welt transferiert wissen will.

Aber weiß man dies, wenn man Katharina Thalbach zur Mutter hat? Mit ihr und Cosma Shiva Hagen treffen Vertreterinnen von Künstlerdynastien als Mitglieder einer sozial negativ gestellten Kleinfamilie aufeinander, aber so wirkt es auch. Sehr bühnenmäßig, vor allem bei Katharina Thalbach. Da merkt man doch, dass das Thema soziale Verwahrlosung heute mit mehr Fingerspitzengefühl angefasst wird, vor allem in Tatortstädten wie München oder Frankfurt – als 1997 beim Kölner WDR, wo zwar Vieles prollig wirkt, aber die tiefe Depression, die sich in solchen Verhältnissen über die Jahre einnistet und zu emotionaler Abgeschiedenheit führt, zu Gleichgültigkeit und zum Abdriften in Scheinwelten, die kann man allenfalls erahnen; keine der teilweise skurrilen Figuren in „Martinsfeuer“ steht wirklich dafür.

Einerseits finden wir es richtig, dass in Tatorten nicht nur die oberen Gesellschaftsschichten gezeigt, manchmal auch karikiert werden, dass man sich also auch einer gar nicht so kleinen Gruppe von Menschen in Deutschland annimmt, die am Existenzminimum lebt und eine ganz eigene Parallelgesellschaft herausgebildet hat, die dem Durchschnittsbürger mindestens so fremd sein dürfte wie die sogenannten Teilgesellschaften innerhalb von Migranten-Ethnien. Das Leben in den ollen Wohnsilos wird bereits vom unteren Mittelstand kaum noch wahrgenommen und ist in seiner Tristesse als ein Teil deutscher Realität folgerichtig nicht so sehr präsent, wie es eben real ist.

In den letzten Jahren hat sich einiges getan, auch was die spielfilmmäßige Rezeption und Aufbereitung verschiedener Aspekte der sozialen Frage betrifft, daher wollen wir es dem „Martinsfeuer“ nicht allzu sehr anlasten, dass zu effektheischend mit dem Thema emotionale Verwahrlosung umgegangen wird. Heute würde man auch in Köln, wo man hin und wieder denkt, alles Elend hat nur mit einem karnevalistischen Unterton eine Berechtigung gezeigt zu werden, manches anders machen und vielleicht auch noch einmal darüber nachdenken, ob so ein versponnenes Mädchen wie die kleine Marion als Serientäterin eine auch nur halbwegs glaubwürdige Figur abgibt.

Inhalt

Kommissar Freddy Schenk macht sich Sorgen: Kollege Max Ballauf scheint in letzter Zeit nicht bei der Sache zu sein. Was niemand weiß: Ballaufs Mutter ist gestorben.

Nur mühsam arbeitet sich der trauernde Sohn in den neuen Fall ein: Im Bunker eines ehemaligen Militärgeländes wurde ein vierjähriger Junge ermordet. Tod durch Ersticken lautet der Befund, sexueller Missbrauch ausgeschlossen. Die Untersuchungen ergeben weiter, dass das Opfer seinen Mörder gekannt haben muss. Und was bedeutet das geheimnisvolle Zeichen, das dem Jungen auf die Bauchdecke geritzt wurde?

Der kleine Mirko hat die Leiche im Bunker gesehen, doch er schweigt. Genauso wie die anderen Kinder, mit denen das Opfer zuletzt gespielt hatte. Also müssen die Kommissare Schenk und Ballauf ins Blaue ermitteln. Die Zeit drängt: „Ich komme wieder im Licht“, hat der Mörder mit Blut an ein Fenster geschrieben. Wird er sich beim Martinszug ein neues Opfer holen?

Doch für Freddy Schenk ist der Fall vorher erledigt: Der junge Stricher Leon aus der Nachbarschaft muss der Mörder sein. Verschiedene Indizien und seine kriminelle Vergangenheit sprechen für ihn. Erleichtert wird für den Martinszug Entwarnung gegeben. Doch dann hat Leon plötzlich ein Alibi! Im Licht des Fackelzugs suchen die Kölner Kommissare fieberhaft.  

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Die Mörder sind unter uns

Ein echter Knaller, dass sich am Ende ein kleines Mädchen namens Marion (Jacqueline Jeske) als Täterin entpuppt. Mörderin im strafrechtlichen Sinn ist sie nicht, aus Altersgründen. Da hat man sich jahrelang auf bestimmte Typen als Tätertypen und übliche Verdächtige eingeschossen, wie es Freddy Schenk hier tut, indem er den Stricher Leon (Thomas Arnold) in die Mangel nimmt, weil er in ihm gerne die ebenso billige wie gerechte Lösung des Falles sehen würde. Da kommen krude Einzelgänger wie der Tittenpostersammler infrage und dann dieses Mädchen.

Worauf soll man sich noch verlassen, welche Feindbilder pflegen? Ein fantasievolles Mädchen voller verdeckter Aggressionen taugt nicht als Projektionsfläche. Es taugt nach unserer Ansicht aber auch nicht als Täterin, da kann man noch so sehr am Zuschauer manipulieren, indem man eine Psychologin (Natalia Wörner) einsetzt. Auch sie erkannte ja, und das können wir ihr nicht verdenken, eher, wer es nicht sein konnte, zum Beispiel Leon – als diese Täterin. Nebenbei lernen wir, dass Max Ballauf eine von 1999 bis 2012 fortwirkende Schwäche für Psychologinnen hat. Auch wieder nicht so verwunderlich, angesichts seiner vielen Seelenfalten und der Tatsache, dass seine Mutter gerade verstorben ist, als das tote Kind aufgefunden wird, welches die Ermittlungen in Sachen „Martinsfeuer“ auslöst.

Inszenierung

Die ganz konzentrierte Linie, die straffe und dramaturgisch ausgefeilte Handlung, das haben wir schon bei vielen Köln-Tatorten feststellen können, ist offenbar nicht rheinländisch. Hier ist eine seltsame Fahrigkeit zu beobachten, die sich auch in der Bildregie offenbart. Hektisch, hin und wieder ziellos wirken Schnitte und Übergänge. Vielleicht soll dies das Herumstochern der Ermittler in einem Fall symbolisieren, in dem kein Mensch auf die wirkliche Täterin käme.

Die beiden Männer, die ein Verdächtigenduo bilden, Leon und dieser Tittenpostersammler, wirken zu verdächtig. Aber wer sonst soll es sein? Zwischenzeitlich, ohne Quatsch, hatten wir Katharina Thalbach im Verdacht, die immer dolle und ohne Verstand liebt, ohne dafür etwas zu bekommen. Sie hätte jemand sein können, der all die Kränkungen in einer zweiten, ganz anderen Persönlichkeit unterbringt und seine emotionale Verwahrlosung grausam spiegelt. Letztlich aber auch sehr weit hergeholt, diese Hypothese. Obwohl das Mädchen Marion über den ganzen Film hinweg präsent ist, wären wir auf dieses Kind nicht gekommen, und wenn man alle anderen Figuren schrittweise abgezogen hätte, weil wir einfach nicht glauben wollten, dass man es sich traut, ein Kind als durchdacht mordendes und dabei auch noch mit Symbolik aller Art vorgehendes Wesen zu präsentieren.

Dass Kinder Tiere umbringen können, ist unstrittig. Doch da gibt es eine natürliche Grenze, die mit der Größe der Tiere und der Nähe ihres Verhaltens zu dem von uns Menschen einhergeht. Ein Frosch geht also noch, aber eine Katze oder ein Hund kaum. Quälen, ja. Aber nicht töten. Nicht einmal im Affekt, also auf weniger anspruchsvolle Art, als es hier gezeigt wird. Dass ein Kind aber hingeht, und mit Kaninchenblut bedeutungsschwangere Erwachsenensätze in ungelenker Schrift auf alten Glasscheiben anbringt und dies nicht einfach so, sondern wirklich innerhalb eines großen Planes von einer besseren Welt und einer darauf basierenden Mordserie, das ist vielleicht gut für einen Schocker à la Scream, aber nicht für einen Tatort, der Realitätsnähe suggeriert und die man gerade bei sozialen Themen als Mittelpunkt auch einfordern darf.

Alles wirkt in „Martinsfeuer“ ein wenig dick aufgetragen. Den ganz frühen Freddy Schenk haben wir in „Willkommen in Köln“ jüngst kennen lernen dürfen, von der rabiaten Art, die er dort zeigt, ist durchaus auch in „Martinsfeuer“ noch etwas zu spüren. Außerdem geht es um den Tod von Kindern, und da rastet der Familienvater auch heute noch aus und wirft mit Klischees um sich wie Kinder mit Sandkastendreck. Der Dreck fällt aber ab, die Klischees hingegen kleben fest und schüren auf eine ziemlich perfide Art unsere Ängste und Aversionen. Die unglaubwürdige Auflösung beruhigt diese Ängste nicht gerade und fördert auch nicht das Nachdenken darüber, wie Delikte an Kindern am sinnvollsten geahndet werden sollten.

Schenk irrt sich zwar in der Person des Täters, aber widersprochen wird ihm bezüglich seiner verallgemeinernden Aussagen nicht. Vielleicht hat sich dieses Wechselspiel der Argumente zwischen Ballauf und Schenk, das mittlerweile so herrlich routiniert Krimi und Lehrfilm miteinander verbindet und keinerlei Sichtweise außer Acht lässt, erst in späteren Tatortfolgen entwickelt. Uns fehlen ja rezensorisch noch ganze Epochen aus dem umfangreichen, mittlerweile 52 Filme umfassenden Oeuvre der beiden Kölner Kriminalstrategen.

Fazit

„Martinsfeuer“ hat einigen Schauwert, ist prall gefüllt mit Charakteren, welche den Bildschirm zu füllen vermögen – die Reduktion älterer Autorenfilme und moderner Sozialdramen im Tatortkleid aufs Triste und Wesentliche ist diesem Film weitgehend fremd. Während andere Großschauspieler sich zuweilen dadurch auszeichnen, dass sie in Tatorten eher unterkühlte Vorstellungen geben, tut Katharina Thalbach genau das Gegenteil. Das wirkt, bezüglich ihrer Art zu spielen, authentisch, aber es verdeckt auch die Risse in der Gesellschaft, weil es so singulär wirkt. Weniger bekannte  Schauspieler halten wir für solche Rollen besser geeignet. Nicht aus krachendem Aufschrei, und das den ganzen Tag über, quillt das innere Elend hervor, sondern aus tödlicher, banaler Eintönigkeit und Abgestumpftheit.

Die hier handelnden Figuren weisen sehr viel Witz und Lebenswillen auf, ja, dieser Tatort hat auch  Humor, der in den Figuren und ihrem Agieren miteinander liegt. Da kommt die Auflösung zu sehr aus heiterem oder trübem Himmel, wirkt aufgesetzt und in der gezeigten Spielart des Milieus fehlplatziert. Die Dramatik des Martinsfeuers hingegen, die dem Film den Titel gibt, wirkt nicht ausgereizt, was gerade angesichts der sehr kräftigen Farben, in denen hier Menschliches gemalt wird, verwundert. Da wäre mehr drin gewesen.

Gute Kinderschauspieler und viele witzige Ideen können letztlich die Bewertung nicht auf Durchschnitt heben: 6,5/10 für „Martinsfeuer“. 

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Nadja Pranskat – Cosma Shiva Hagen
Vera Furthwängler – Natalia Wörner
Lissy – Anna Loos
Nadja Pranskat – Cosma Shiva Hagen
Elsie Antes – Katharina Thalbach
Leon – Thomas Arnold

Stab
Regie – Niki Stein
Kamera – Arthur Ahrweiler
Buch – Günter Schütter
Szenenbild – Frank Polosek

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