Höllenfahrt – Tatort 727 / Crimetime 55

Crimetime 55 - ES 22.03.2009 / Titelfoto (c) WDR, Michael Böhme

Über die Felder, durch die Wälder

Für den Wahlberliner rezensieren wir nun jenen legendären Krimi, in dem Thiel und Boerne mit Zwei- und Vierrädern durch Wälder und über Felder räubern und in dem ein ziemlich irrer Irrenarzt Thiel zum Weinen bringt. Die Handlung von „Höllenfahrt“ ist eine ebensolche, nämlich verworren und in Details entweder unerklärt oder unschlüssig, die Dialoge zwischen Thiel und Boerne und von Boerne an sich waren auch schon besser, die Situationskomik ist von unterschiedlicher Qualität.

Trotzdem hatten wir wieder viel Spaß und am Schluss wurde es sogar spannend Leider waren die letzten Folgen, über die wir geschrieben haben, beinahe alle mit dem Element „Ermittler in Gewalt von Täter / Tatverdächtigem / Tatverdächtigen“ ausgestattet. Thiel kann nichts dafür und der Arzt Dr. Winkler auch nicht, dass uns diese besonders unrealistische und zudem besonders vorhersehbare Handlungsführung langsam nervt.

Wenn man eine Folge nicht zum ersten Mal sieht, fällt es allerdings schwerer, das Spannungsmoment zu beurteilen, denn man kennt ja den Ausgang. Zum Ausgleich kann man den Plot besser beschreiben, und der erschließt sich uns auch nach dem dritten Anschauen von „Höllenfahrt“ nicht komplett. Vielleicht haben wir nach der zweiten Sitzung nicht darüber geschrieben, weil wir nicht alles verstanden hatten. Doch irgenwann muss man das zugeben und den Artikel verfassen.

Vor allem die Connection zwischen den ermordeten Altherren (natürlich wieder solche aus Boernes sozialem Umfeld, hier: Golfclub) und den vor Jahren in der Sahara entführten jungen Männern ist schlampig dargestellt, nämlich so, dass viele Hintergründe fehlen, die zur Logik der Gewalteruption von Dr. Winkler vielleicht einiges beigetragen hätten. So wirkt alles letztlich zwar schön rituell und wird auf einer oberen Ebene auch hergeleitet, aber dahinter verbirgt sich mehr, als uns gezeigt wird. Oder auch nicht.

Handlung, Besetzung, Stab

Es ist ein Sommertag wie aus dem Bilderbuch, als Prof. Boernes Golfturnier in Grothenburg wegen eines Toten im Smoking abrupt unterbrochen wird. Den Turniersieg fest im Auge ist Boerne kurzzeitig versucht, seinen Beruf zu verleugnen und zu unterstellen, dass Dr. Raimund Strothoff, der Münsteraner Bankier, sich selbst umgebracht hat. Aber Fesselungsmale an einem der Fußgelenke veranlassen Boerne dann doch, Kommissar Thiel zu rufen.

In der nahe gelegenen Kurklinik wird unterdessen ein Trauma-Patient vermisst und – kaum angekommen – erfährt Thiel, dass der tote Bankier am Abend zuvor eine lautstarke Auseinandersetzung mit einer schönen Frau hatte, die soeben das Gelände verlässt. Fährt da am Ende die Täterin davon? Kurz entschlossen nehmen Thiel und Boerne die Verfolgung der Unbekannten auf, verlieren sie und stehen bald vor einem weiteren Toten. Der Täter oder die Täterin, das ist eindeutig, war in beiden Fällen identisch. Ein Rachefeldzug? Wo liegt die Verbindung? Und wer steht noch auf der Liste? Eine weitere Leiche, einen Tag und eine Nacht später liegen hinter Thiel und Boerne die abenteuerlichsten vierundzwanzig Stunden, die sie je miteinander verbracht haben. Und die längste kurze Reise ihres Lebens. Einmal quer durchs Münsterland und zurück. 

Rezension

Von hinten ist immer alles leicht zu betrachten. Dass Dr. Winkler der Täter ist, in einem Krimi, in dem nicht einmal die Staatsanwältin Klemm raucht, das hätte man wissen können, als er sich eine Zigarette anzündete. Ganz klar, der Mann hat ein Trauma, resultierend aus Verschleppung in der Wüste, dem Zwang, Foltermethoden zu vebessern, diesem Zwang haben die Entführer ihn ausgesetzt, einer halb veruntreuten Lösegeldsumme, die dazu geführt hat, dass Dr. Winkler (Mark Waschke) und sein Freund Verhoven zu unterschiedlichen Zeitpunkten freikamen und der eine dann vom anderen in einer Klink behandelt wurde, jedoch von dort ausrückte.

Plötzlich entschließt sich der traumatisierte Dr. Winkler, alle, die von Deutschland aus negativ an dem Entführungsfall beteiligt waren umzubringen – erklärbar ist das noch bei dem Mann, der einen Teil des Lösegeldes auf die Seite gebracht hat, bei dem Banker, der die aus dem Entführungsfall entstandene finanzielle Notlage von Verhoven und Frau Kolb (Nina Kunzendorf) ausgenutzt hat, wirkt es schon weit überzogen, und erst bei diesem Bollinger, der am Schluss beinahe noch dran glauben muss, was Boerne einen wichtigen Golfgegner gekostet hätte, wenn Thiel und er nicht rechtzeitig am Beinahe-Tatorterschienen wären? Was hatte der eigentlich damit zu tun? Vielleicht wird es uns ein Kommentator sagen, aber gefühlt reichte es niemals aus, um ihn zu ermorden, ein starkes Motiv wäre uns in Erinnerung geblieben.

Dieser Film zerfällt im Wesentlichen in zwei Teile. 75 Minuten zuckeln Thiel und Boerne hautpsächlich durch die Gegend und führen Gespräche miteinander, dann wird’s ernst, auch thematisch. Was sich uns aber kaum vermittelt, weil es eben erst spät zu dramatischen Momenten kommt und im Ganzen das schwierige Thema nicht überzeugend dargestellt werden konnte, weil eben Thiel und Boerne für ihre Gags so viel Spielzeit benötigten. „Höllenfahrt“ bleibt lange flach, geht am Ende sehr steil und riskriert damit, dass nicht einmal Thiels Angst vor dem Tod durch die Hand des Dr. Winkler noch packende Dichte ausstrahlt. Für uns ist genau die Szene aber eine der besten, die Axel Prahl in seiner Kommissarsrolle bisher gespielt hat und deshalb ein starkes Einzelstück in einem insgesamt nicht überragenden Kriminalfilm. Vielleich finden wir sie deshalb so gut, weil da Schauspielkunst gefragt war, weil Thiel sich nicht mit seiner Darstellung als mürrischer und proletarischer Gegenpart zum gut gelaunten Snob Karl-Friedrich Boerne begnügen konnte.

Zu den Szenen zwischen Thiel und Dr. Winkler hat man parallel die mit Boerne und Frau Kolb (Nina Kunzendorf) montiert. Deren Handeln erklärt sich nicht sehr gut, umso mehr ist sie als Charakter gefragt. Auch hier kann man von hinten alles besser wissen, aber schon beim ersten Mal, als wir „Höllenfahrt“ geschaut haben (es war wohl die Erstausstrahlung) fanden wir sie als Typ und Charakter interessant und insofern ist es für uns, von heute aus gesehen, beinahe folgerichtig, dass sie selbst auf die ermittelnde Seite gewechselt ist (in Frankfurt als Connie Mey an der Seite von Klaus Steier, der von Joachim Król gespielt wird). Diese Figur Mey spielt sie auch anders als hier die ernste und irgendwie ebenfalls traumatisierte Frau Kolb, was bedeutet, dass sie eine schauspielerische Bandbreite hat.

Regie oder Drehbuch, wer ist schuld? Wer hat es zu verantworten, dass die Hintergründe der Morde nicht anständig herausgearbeitet werden und dass außerdem Thiel und Boerne dialogtechnisch nicht an ihre besten Fälle anknüpfen können?

Wenn eine Frau und ein Mann zusammen ein Drehbuch schreiben, warm sollte das nicht funktionieren. Wir haben für eine fiktionale Textform auch eine gemischtgeschlechtliche Autorenpartnerschaft entwickelt. Wenn einem von beiden mal nichts Gescheites einfällt, dann hat der andere etwas auf Lager für eine gute Story. Hier überlagert aber der Klamauk eindeutig die Story und der Wortwitz ist bescheiden. Das müsste auf die schreibende Seite zurückzuführen sein, denn die ist schließlich für die Dialoge verantwortlich, die in „Höllenfahrt“ manchmal nur Klassenzimmer-Kalauerniveau haben. Das gilt auch für das, was die übrigen Figuren von sich geben müssen und darüberhinaus für die Situationen, in die Thiel und Boerne gestellt werden.

Der lange Teil der Irrfahrt durchs Münsterland ist weder glaubwürdig noch überragend witzig, so viele negative Zufälle gibt es nicht, dass eine solche Lage entstehen kann. Bis auf wenige Momente, etwa, als Boernes Mercedes aus dem Feld auf die Straße schießt, wirkt er auch nicht skurril. Es mag abgedreht sein, dass ein geschniegelter Typ wie Boerne sich innerhalb einer Nacht ein uraltes Motorrad soweit herrichtet, dass es fahrbereit ist; Boerne ist ja ein Gefäß, in das man jedweden Gag plumpsen lassen kann, er nimmt das alles mit seiner unverwüstlichen Art auf und spiegelt es dem Zuschauer so, dass dieser darüber lachen kann.

Liefers ist so grandios, dass selbst die blödesten Sätze seiner Figur kaum schaden. Selbst solche nicht, wie sie in der Szene mit dem Sezierbesteck fallen, als er einfach nicht verstehen kann, dass Thiel von Sezierbesteck keine Ahnung hat und auch nicht haben muss, oder die Feststellung, dass ein leeres Handy kein Handy ist. Wenn sein Boerne dazu das passende Gesicht macht und die Stimmlage ebenfalls kongruent zur Absurdität des Moments und der Boernität insgesamt ist, kann kaum etwas schiefgehen.

Für Thiel, der dieses Mal irgendwo hinten im Feld sein Geschäft verrichten muss, gilt das nicht in gleichem Maße. Die Folge 727 steht gut in der Linie, die etwa mit der Folge 799 „Herrenabend“ ihren Höhepunkt erreicht, nämlich seiner im Verlauf der Zusammenarbeit zunehmenden Proletarisierung. Boerne färbt auf Thiel keineswegs ab, vielmehr grenzt dieser sich von Boerne ab. Vielleicht ist es deshalb auch gut, dass Thiel kein eigenes Kraftfahrzeug bewegt, obwohl er doch schon seit „Der Frauenflüsterer“den Führerschein zurück hat. In den neuesten Folgen hat man ihn aber diesbezüglich normalisiert, das heißt, er fährt, wie alle besonders schrulligen Ermittler, ein Uralt-Auto mit Attitüde.

Wir vermuten schon, dass es schwierig sein muss, die richtigen, die knackigen Dialoge für die Münsteraner zu schreiben, die wir in deren besten Folgen schätzen gelernt haben. Die Gagdichte und die Notwendigkeit, immer neue Humor-Highlights zu zaubern, fordern den durchschnittlichen Drehbuchautor wohl weitaus mehr, als ein etwas konventionelleres Figurentableau in einem vernünftig aufgebauten Fall agieren zu lassen. Zwischen einer logisch und für die Figuren stimmigen Gesprächsfolge und Boernes halbintellektuellen, aber urkomisch angelegten Äußerungen zu allem und jedem, liegen Welten, die Anforderungen ans Drehbuch betreffend. Möglicherweise gibt es zusätzlich  Gagschreiber für die Münster-Tatorte oder es sollte sie zumindest geben, damit ein hoher Witze-Level garantiert ist. Ähnliches gilt für die Situationskomik.

Was hätte die Regie tun können? Mehr Fluss und Natürlichkeit reinbringen, wäre nicht schleht gewesen. Vielleicht liegen dem Regisseur Tim Trageser ernste Stoffe wie „Die Lehrerin“ (mit Anna Loos und wieder mit Axel Prahl) mehr als das doch sehr seichte Geläuf, auf dem die Münsterland-Ermittler und ihre Alberichs, Klemms und Krusensterns sich bewegen, jedenfalls merkt man, dass die Inspiration besondes in den dialogorientierten Szenen fehlt, alles etwas statisch wirkt und damit das Gefühl verstärkt, dass dies alles mehr künstlich als kunstvoll ist, was sich z. B. auf dem Kunstrasen des Golfplatzes abspielt (nein, nein, natürlich ist es echtes Grün).Vielleicht hätte Trageser lieber den Fall in den Vordergrund gestellt und die wenigen Szenen, die ganz dem Fall gehören, sind ja auch gut. Was bleibt, ist ein dissonantes Bild.

Fazit

Wenn wir nicht mit den Münsteraner Ermittlern Boerne und Thiel schon so vertraut wären, hätten wir „Höllfenfahrt“ sicher originell gefunden. Aber wir sind mehr gewöhnt, vor allem dialogtechnisch. Dass man die vielen Gags, die unumstößlich eine Menge Spielzeit in Anspruch nehmen, mit einem guten, möglichst nicht zu komplizierten Fall verknüpfen kann, beweisen vier Folgen, die wir mit 8,5/10 bewertet haben, eindrucksvoll (drei weitere bekamen von uns 8,0/10) zugesprochen).

In „Höllenfahrt“ hat man die Rollen von Staatsanwältin Klemm, Assistentin Krusenstern und Silke Haller (Alberich) sehr reduziert, Claus D. Clausnitzer als Taxi fahrender Vater Thiel durfte sogar Urlaub machen – und trotzdem ist der im Grunde sehr dramatische Fall von Verschleppung, Folter und Verrat zu kurz gekommen. Man fühlt, wie komplex er ist, technisch und bezüglich der Figurenpsychologie, und wie wenig davon gezeigt wird.

„Höllenfahrt“ kommt deshalb nicht über den Durchschnitt hinaus, mit einer Wertung von 7,0/10.

© 2018, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommisar Frank Thiel – Axel Prahl
Prof. Karl-Friedrich Boerne – Jan Josef Liefers
Alexandra Kolb – Nina Kunzendorf
Dr. Ralph Winkler – Mark Waschke
Dr. Geissler – Michael Abendroth
Nadeshda Krusenstern – Friederike Kempter
„Alberich“ Silke Haller – ChrisTine Urspruch
Staatsanwältin Wilhelmine Klemm – Mechthild Großmann
Dr. Bollinger – Paul Faßnacht
Seifert – Eric Bouwer
Ann-Kathrin Strothoff – Friederike Wagner
Anika Kleinschmidt – Martina Eitner-Acheampong

Regie – Tim Trageser
Drehbuch – Matthias Seelig, Claudia Falk

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