Freunde – Tatort 188 / Crimetime 57

Crimetime 57 – Titelfoto © WDR

Alles geht zu Ende, manchmal bei schlechtem Wetter

Dieser Weg wird kein leichter sein, das erkennt man von Beginn an. Minutenlang versucht Schimanski umständlich, mit einem Hubschrauber eine Bande von Geldtransporträubern zu erwischen, glücklicherweise trifft einer von der Bande den Hubschrauber irgendwann mit einem Schuss, sonst wäre das Fluggerät wohl bis zum Ende des Films im Einsatz gewesen, so fasziniert waren die Macher von dieser luftschraubelnden Aktionsmaschine. Wie es dann aber wurde, nachdem Schimanski endlich wieder Boden unter den Füßen hatte, beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein Geldtransporter wird von einer Bande mit einer Panzerfaust angehalten und ausgeraubt. Trotz Hubschraubereinsatz ist die Polizei zu spät am Tatort. Nach einem kurzen Feuergefecht gelingt es den Gangstern zu entkommen.

Schimanski vermutet, daß sein alter Freund, Kumpan und Rivale Frieder das Haupt der raffiniert arbeitenden Bande ist. Für die Tatzeit hat er natürlich ein Alibi; Schimanski hat nichts anderes erwartet. Die beiden beginnen Katz und Maus miteinander zu spielen. Schimanski weiß, daß Frieders Antiquitätengeschäft nur die glänzende Fassade für seine kriminellen Aktivitäten ist. Und Frieder weiß, daß Schimanski weiß. Wem wird es gelingen, den anderen hereinzulegen?

Rezension

„Der noch nicht gesehene Schimanski“ wird langsam zum Running Gag und das kann sich verfestigen, denn es gibt 29 Filme mit dem Ruhrpott – ja, was eigentlich? Rambo? Proll? Oder ist er doch eine Ikone? Ein zu spät gekommener Früh-70er, der in den 80ern trotzdem für Aufregung sorgte, weil die meisten Ermittlertypen und Zuschauer in den 80ern im Grunde in den 50ern stecken geblieben waren? Schimanski war damals sicher eher fürs jüngere Publikum gedacht und – Déjàvu, wegen des neuen Weimar-Krimis, über den wir gerade geschrieben haben. Da haben wir uns noch darüber ausgelassen, wie infantil wir die Figuren finden, die für die jetzt Jungen kreiert werden. Aber es ist schon ein Unterschied, ob jemand so provoziert, wie sich vom Scheiße-Horst damals viele provoziert gefühlt haben, oder ob man nur irgendwie noch mickymausmäßiger wirkt als die anderen, die sich ja auch hinsichtlich der Anfälligkeit fürs Regressive deutlich von früheren Ermittlergenerationen unterscheiden.

Der letzte Schimanski, den wir angeschaut und für den Wahlberliner rezensiert haben, „Schwarzes Wochenende“, war nicht nur der direkte Vorgänger von „Freunde“, beide also aus der mittleren Schimanski-Phase und 1986 vorgestellt – er war auch ziemlich interessant gemacht und wir haben eine recht hohe Bewertung abgegeben.

Eine der spannendsten Fragen: Ist „Freunde“ nun konservativer, weil nicht vom jungen Regietalent Dominik Graf inszeniert, sondern von einem gewissen Klaus Emmerich, nicht zu verwechseln mit Roland Emmerich, mit dem er offensichtlich nicht verwandt ist. Allerdings hatte auch Klaus Emmerich, Jahrgang 1943, im Jahr 983 mit dem Mehrteiler „Rote Erde“ ein großes Projekt durchgeführt. Trotzdem unterlaufen in „Freunde“ einfachste Fehler. Wenn jemand gemäß auf dem Computerbildschirm sichtbaren Daten im Jahr 1943 geboren ist, wie der Regisseur, dann ist er im Jahr 1986  nicht 35, sondern 42 oder 43 Jahre alt. In der Klasse sind auch Schimmi und Frieder eher angesiedelt, zumindest optisch. Vielleicht war da ein wenig Wunschdenken drin. Nochmal 35 sein, wenn man schon acht Jahre mehr auf dem Buckel hat, das wär’s doch.

Ich habe gelesen, dass ein Tatortnutzer im „Fundus“, also in unseren Tagen, wieder 32 Jahre später, Schimanski wirke unfreiwillig komisch, mit seiner übertriebenen Spielweise. Ich bin mir gar nicht sicher, ob das unfreiwillig ist. Der Kontrast zu anderen Ermittlern seiner Zeit ist so groß, dass diejenigen, die Schimanski eh nicht mochten, ihn sicher auch in jenen 1980ern schon unfreiwillig komisch fanden, dabei ist doch im Grunde nur die Schlussszene in der Hinsicht schwierig – ich wusste auch nicht so recht, ob ich sie berührend oder lächerlich finden sollte. Ich hatte mich dann aus rein sentimentalen Gründen für Letzteres entschieden. Vermutlich auch, damit mir wegen des Wetters, das am Ende vom 188. Tatort herrscht, nicht zu sehr fröstelte. Es ist aber nicht nur das Wetter, sondern auch, wie der Ruhrpott hier gefilmt wird. Alte Fabrikhallen: kaputt. Hubschrauber: kaputt. Schmanskis Unterlippe: kaputt. Juweliergeschäft, Freundschaft mit Thanner, Freundschaft mit Frieder, alles kaputt.

Der Schock über den industriellen Niedergang des Ruhrgebiets muss damals tief gesessen und traumatische Züge angenommen haben, anders lässt sich die Wahl der Drehorte und wie sie gefilmt werden, nämlich fahl und düster drohend, nicht erklären. Hingegen eine alte Freundschaft aus der Zeit der Kinderlandverschickung an die See. Auch das hält einer Überprüfung nicht stand. Vielleicht hätte sie aus den späteren Einzelgängern und Autoknackis, von denen einer sich dann doch lieber beim Staat in Sicherheit gebracht hatte, um dort sein dienstvorschriftenfreies Wesen zu treiben, staatsnahe Kameraden entwickelt, aber bei Kriegsende waren die beiden ja erst zwei Jahre alt, da wäre allerhöchstens eine Mutter-Kind-Landverschickung denkbar gewesen, aber nicht das hier beschriebene Wachsen einer Freundschaft.

Der gesamte Film ist ziemlich schlampig gemacht und irgendwie passt das hervorragend zu dem neuen Polizeicomputer, der bei jeder zweiten Anfrage hängenbleibt und absturzgefährdet ist. Ja, wir erinnern uns gut, so war’s damals. Quatsch! 1986 liefen die damals in Büros üblichen IBM-AT-Computer schon ziemlich sicher. Aber einen HD-Bildschirm gab es bereits, wow. Der stand irgendwo neben der eigentlichen Computeranlage und das Zoomen von Bildern deren Auflösung im Zoom-Modus noch ebenso pixelfrei wirkte im kleinen Format hat auch funktioniert. Es gibt viele Fragwürdigkeiten bei weiteren Szenen. Warum überholte der Citroen BX den Geldtransporter so waghalsig auf einem besseren Feldweg, wenn er sowieso kurz danach abbiegen wollte? Das ist jetzt mal ein kleiner Ausschnitt von Fehlern, die belegen, dass alte Tatorte nicht immer solide Handwerksarbeit waren. Und sie wiesen auch nicht auf heutige Filme hin, nach dem Motto, der Billigkonsum, der hat uns alle erfasst. Die heutigen Hochglanzbilder sind fast immer perfekt inszeniert und aufvon bekannten Autoherstellern zur Verfügung gestellten Dienstwagen darf kein Stäubchen zu sehen sein. Dass ein ganz neuer Ford Scorpio, der den Granada II aus dem Vorgängerfilm „Schwarzes Wochenende“ nach einigen Ausfahrten ausschaut, als habe er schon ein bewegtes Leben hinter sich, entfällt heutzutage aus werbetechnischen Gründen, dafür entfällt manchmal das Markenlogo und doch weiß jeder, welches Modell gefahren wird. Eines muss man festhalten. Vieles war damals wesentlich realistischer dargestellt.

Hingegen trifft das nicht auf die persönlichen Verhältnisse zu. Ja, Thanners hingebungsvoller, kaum enden wollender Wutausbruch ist ein Highlight der Tatortgeschichte und bringt diesem Film allein schon mehrere Punkte ein, ein, zwei weitere gibt es für Hänschen, wie er Horst vermöbelt – aber die gehen fast alle wieder verloren durch das seltsame Freundschaftsverhältnis von Horst und Frieder. Selten habe ich Schimanski so unterbelichtet agieren sehen wie in diesem Film, und das alles wegen „damals“. Die KLV, die es gar nicht gegeben haben kann. Und die Autoknackerei. Hätte Frieder seinen Freund damit überhaupt noch erpressen können, was ist mit der Verjährung? Und kann man trot Verjährung aus einem Beamtenverhältnis fliegen, wenn man als 17jähriger krumme Dinger gedreht hat? Und mit nunmehr 43 sein ganzes Geld von Hänschen verzocken lassen, nur, um an Frieder ranzukommen, auf eine wirklich echt spekulative Weise?

Fragen, die die Welt nicht braucht, wenn es sich nicht um die spezielle Schimanski-Welt handelt. Die so realistisch abgewrackt wirkt, aber in Wahrheit ein polizeiliches Parallel-Universum darstellt, in dem es zugeht wie in einem guten, alten Western, inklusive Showdown. Nun, ganz so ritualisiert ist die Szene nicht, dafür aber das Szenario solchen Filmen nachgebildet. Wie oft kam schon ein alter Freund des Sheriffs in die Stadt und war ein Gangster geblieben, während der Sheriff sich geläutert hatte und im Sinn des einmaligen amerikanischen Narrativs, dass jeder eine zweite Chance bekommen soll und dann noch eine, sofern er inzwischen nicht gewaltsam das Zeitliche gesegnet hat nun die Stadt vor seinem alten Freund beschützt. Auf deutsche Verhältnisse leider kaum übertragbar, was sehr bedauerlich ist.

Finale

Kurzweilig ist der Film, auch wenn er sehr unrund und sogar mit einigen Längen daherkommt, die auf das zu intensive Ausspielen der Szenen zwischen Frieder und Schimanski zurückzuführen sind. Ob das wirklich gut ist oder richtig grottig, was die Götz George und Klaus Wennemann da zeigen, das wirklich Geschmacksache. Hölzern kann jeder, die spezielle George-Art kann bzw. konnte nur George. Wie laut, physisch und permanent übergriffig es in diesem Tatort zugeht, das erreichen heute die Lümmel aus der letzten Bank bei weitem nicht mehr. Auch innerhalb der Schimanski-Reihe ist dieser Film ein besonders auf Krawall getrimmter. So gut wie „Schwarzes Wochenende“ finde ich ihn nicht, aber für halbstarke 6,5/10 reicht es.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Schimanski – Götz George
Thanner – Eberhard Feik
Hänschen – Chiem van Houweninge
Königsberg – Ulrich Matschoss
Albino – Klaus Kelterborn
Frieder – Klaus Wennemann
Haffner – Eberhard Witt
Flaak – Peter Freiberg

Buch – Thomas Wittenburg, Horst Vocks
Kamera – Theo Bierkens
Regie – Klaus Emmerich
Musik – Irmin Schmidt
Szenenbild – Götz Weidner
Schnitt – Susanne Hartmann
Ton – Michael Etz
Produzent – Hertmut Grund
Produktionsleitung – Willi Lanzinger

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