Borowski und das Haus der Geister – Tatort 1065 / Crimetime 58 / #Tatort #TatortKiel #Kiel #Borowski #Sahin #NDR #BorowskiunddasHausderGeister

Crimetime 58 - Titelfoto © NDR, Marion von der Mehden

Beinahe hätte das Gaslighting mit Verspätung funktioniert

Wenn man genau aufpasst, erfährt man relativ früh, ob es sich um einen echten Spuk handelt oder nicht. Und es war doch der Brief, der Klaus Borowski vier Jahre später noch einmal ermitteln lässt. Man ist unter Freunden und doch nicht. Außerdem hat die Neue von Borowski einen Freund, der aussieht wie ein Boxsack. Ob das alles passt? Dazu mehr in der -> Rezension.

Handlung

Ein Brief von seinem Patenkind Grete beschwört bei Kommissar Borowski die Geister der Vergangenheit herauf. Vor vier Jahren verschwand Heike Voigt. Sie war die Frau eines Freundes. Ihr Ehemann Frank Voigt wurde damals verdächtigt und aus Mangel an Beweisen freigesprochen. In dem Brief bittet Grete ihren Onkel Klaus um Hilfe. Sie lebt mit ihrer Schwester Sinja, ihrem Vater Frank und dessen neuer Partnerin Anna in einer Villa auf dem Land. Als Borowski die Familie Voigt besucht, streitet Grete ab, den Brief jemals abgeschickt zu haben.

Und noch etwas ist merkwürdig. Anna, die neue Frau des Gastgebers, bittet Borowski über Nacht zu bleiben: Ein Geist soll im Haus umhergehen. Ist es der Geist von Heike? Borowski glaubt nicht an Gespenster und will die Ermittlungen wieder aufnehmen.

Sehr real ist dagegen Borowskis neue Ko-Ermittlerin Mila Sahin! Die 28-jährige Spezialistin für operative Fallanalysen ist auf eigenen Wunsch von Berlin nach Kiel gewechselt. Sie ist kompetent, schnell und bekommt prompt die Leitung der neuen Ermittlungen übertragen. Denn Borowski ist im Fall Heike Voigt befangen. Es beginnt ein Psychoduell unter alten Freunden.

Aus der Vorschau

Frieda Jung ist weg. Borowski bleibt. Sahra Brandt ist weg. Borowski bleibt. Mila Sahin kommt und wir sind gespannt, ob der hintergründige Kommissar aus dem Norden mit ihr zu neuer Hochform auflaufen wird. Es lag aber nicht an Brandt, dass eine der besten Tatortschienen zuletzt ein wenig nachgelassen hat, sondern an den Drehbüchern. Heißt also, wir wünschen einem unserer Lieblingskommissare vor allem wieder packende, stimmungsvolle Ermittlungen, wie sie zum Beispiel von Sascha Arango konstruiert oder von Claudia Garde inszeniert wurden.

Dass ein guter Tatort einen guten Fall voraussetzt, ist immer noch ein Grundkonsens. Die Kieler Filme hängen auch besonders von ihrer Stimmung, von der Atmosphäre ab. Dem versucht man in der Regel auch gerecht zu werden, aber zuletzt kam ein wenig die überzeugende Komposition, das stimmige Zusammenwirken von allem abhanden.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

In Deutschland werden mittlerweile dermaßen viele Krimis produziert, dass es nicht mehr genug Drehbuchautoren gibt, die da immer etwas Neues und Originelle erfinden können. Etwas Neues gibt eh grundsätzlich nicht mehr, aber mit der heutigen Technik kann man das, was man kennt, nochmal neu denken. Das Böse ist jetzt die KI. War klar, dass das in Deutschland so gesehen wird. Dagegen ist der neue Borowski ein absolut traditioneller Tatort, in dem Menschen mit Spukkram erschreckt werden. Aber auch wieder nicht so ganz konsequent. Dafür wissen wir aber jetzt, was Gaslighting ist, nämlich unechter Spuk. Woraus resultiert der Begriff? Richtig, aus dem Film „Gaslight“, den es in zwei Versionen gibt. Einer britischen von 1940, die hierzulande kaum bekannt ist und dem berühmten US-Pendant von 1943, in dem Ingrid Bergman das terrorisierte Opfer ist und Charles Boyer der Finsterling, der seine Frau mit Psychoterror umbringen wollte, um sich in den Besitz ihres Vermögens zu bringen. Sowas mit Ingrid Bergman zu machen, geht wirklich nicht. Hat auch letztlich nicht geklappt. Sie hat sich selbst gerettet, teilweise jedenfalls. Und das Messer gegen ihn, den Schurken gerichtet – was in einem Borowski-Tatort aber so nicht geht, denn a.) ist der Schurke die Stieftochter und b.) was bliebe für Borowski zu tun, wenn das Opfer sich selbst den Arm abbindet und aus der Badewanne steigt?

So skurril das Szenario ist, so vorhersehbar der Film. Anfangs dachte ich noch, es könnte auch die andere Stieftochter sein. Meistens sind es die Raucher_innen, die andere  umbringen wollen. Das war eine zu starke falsche Fährte, nach etwa zehn Minuten habe ich Grete ausgeschlossen. Und wenig später auch Frank Voigt. Es wurde einfach zu sehr darauf herumgeritten, dass er seine Frau umgebracht hat. Und da es bei diesem Setting nicht zwei verschiedene Täter für das Aktuelle und das Damalige geben konnte – nun ja. Das Motiv: auch ganz klassisch. Die Eifersucht war’s, neben der Habgier auch im wirklichen Leben das häufigste Motiv bei vorsätzlichen Tötungshandlungen. Und sie finden meist in der Familie statt, wie in unserem Tatort 1065. Tja, weitere Verdächtige gab es nicht, wenn man vom Freund der Täterin absieht, der ihr ein wenig geholfen hat.

Früher waren die Kieler Tatorte weit weniger konventionell als im Moment, zudem war dieser Familien-Wiederholungsbesuch nicht so skurril und witzig, wie er vielleicht wirken sollte und normalerweise hätte Borowski so und überhaupt nie ermitteln dürfen, weil er zu dicht an dieser Familie Voigt dran ist. Sowas zu erwähnen, deutet aber auch darauf hin, dass es immerhin noch eine Rolle spielt, ob das Geschehen glaubwürdig ist oder nicht. Das kann man nicht von jedem Tatort behaupten (siehe Weimar letzte Woche), es ist aber auch nicht ganz neu, dass die Handlung an allen Ecken hakt (siehe Schimanski, „Freunde“, unsere vorletzte Rezension).

Dafür ist auf Axel Milberg Verlass und Almila Bagraiacik macht ihre Sache fürs erste Mal auch schon ganz gut. Das ist seine Neue. Schade, dass die Neuen immer jünger werden und er immer älter, dieses Knistern wie im Verhältnis zu deiner Frieda Jung wird es wohl nie wieder geben, grauer Wolf. Ja, der Film ist ziemlich langsam, aber Milberg trägt ihn – nicht wie Schimanski, indem er rumkaspert bis zum Gehtnichtmehr, sondern indem er selbst langsam ist. Und ein bisschen Hokuspokus mit Gläserrücken macht. Anna Voigt kam mir irgendwie bekannt vor. Tatsächlich, sie ist Freddy Schenks Tochter, man hat sie jetzt umbenannt, aber eigentlich heißt sie Karoline Schuch. Jetzt darf sie endlich mal richtig aufspielen, in Köln war sie ja, wenn sie überhaupt eingesetzt wurde, ein manchmal etwas nerviges Kommissarstöchterchen.

Ein weiteres Plus des Films ist, dass er sehr nett ausschaut, farblich und die kameratechnisch und dadurch entsteht schon etwas wie die typische Atmosphäre der Kiel-Tatorte. Hauptsächlich ist es aber Borowski selbst, der durch seine Individualität für diese Stimmung sorgt. Es ist spannend, Milberg zuzuschauen, aber wie mancherorts, wo die besonders guten Schauspieler zugange sind, verlässt man sich in letzter Zeit auch in Kiel etwas zu sehr darauf, dass diese es rausreißen, wenn der Fall nicht so recht zündet.

Finale

Das Seltsame wird ein bisschen übertrieben, weil das Motivische schwach ausgeprägt ist und weil man das typische Setting des abgeschiedenen Ortes, an dem unter einer begrenzten Zahl von Personen ein Täter sein muss, auf eben zu wenige Personen abstellt. Ein Whodunit, der so konstruiert ist, verliert einiges an Reiz, wenn man den richtigen Riecher hinsichtlich der richtigen Person hat. Und erfahrene Krimigucker hatten es dieses Mal wohl nicht schwer, schon nach kurzer Zeit auf die zierlichere der beiden Voigt-Töchter zu tippen. Bei ihrer eigenen bösen Mutter war es gar keine Absicht – oder doch? Man weiß es nicht genau. Bei der netten und psychisch etwas labilen Stiefmutter hingegen schon. Eine Offenbarung oder ein vehementer Schritt hin zu einsamen Höhen ist „Borowski und das Haus der Geister“ sicher nicht, aber es ist ein schönes Haus und es es gibt auch einige positive Ansätze.

7/10

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Mila Sahin – Almila Bagriacik
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Frank Voigt – Thomas Loibl
Heike Voigt – Sandrine Mittelstädt
Anna Voigt – Karoline Schuch
Sinja Voigt – Mercedes Müller
Grete Voigt – Emma Mathilde Floßmann
Chris, Freund von Sinja – Alex Peil
Borowskis Ex-Frau Gabrielle – Heike Trinker
Staatsanwalt Caracus – Navid Navid
u.a.

Drehbuch – Marco Wiersch
Regie – Elmar Fischer
Kamera – Philipp Sichler
Schnitt – Eva Lopez Echegoyen
Szenenbild – Detlef Provvedi
Musik – Matthias Beine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

Buntsterben

Tagebuch einer Depression, Willkommen im Nachtleben.

Voyager Verlag

Literatur über Astronomie und Reisen

Der Dosenöffner an der Sardinenbüchse der Gerechtigkeit

endlich: ehrliche und seriöse Nachrichten

HashtagBuch

Ehrliche Buchrezensionen

Gentrification Blog

Nachrichten zur Stärkung von Stadtteilmobilisierungen und Mieter/innenkämpfen

Sascha Iwanows Welt - die Welt wie ich sie sehe

„Wir können die Gegenwart nur verstehen, wenn wir die Vergangenheit studiert haben, die in einer Klassengesellschaft vorhandenen Gesetzmäßigkeiten kennen, den Klassenkampf ehrlich führen und unser Handeln darauf ausrichten. Um die Zukunft gestalten zu können, muss man also die Vergangenheit und die Gegenwart kennen!“

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

DU PHAM

Unternehmensanwältin & Jalousinen-Co-Workerin

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

%d Bloggern gefällt das: