Jagdzeit – Tatort 797 / Crimetime 72 // #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Jagdzeit

Crimetime 72 – Titelfoto © BR, Stephen Power

Mein erstes Mal

Hier muss ein aktuelles Vorwort sein. Die Kritik zu „Jagdzeit“ war die erste Tatort-Rezension überhaupt, mit ihr startete im März 2011 die Reihe „TatortAnthologie“ im „ersten Wahlberliner“. Mittlerweile gibt es über 600 Tatort-Kritiken, die seit dem 24.06.2018, dem Start des „neuen“ oder „zweiten “ Wahlberliner sukzessive veröffentlicht werden. Selbstverständlich hat sich der Stil, vor allem aber der Kenntnisstand zur Tatort-Reihe inzwischen verändert. Wir behalten aber in der Regel die Rezensionen nahezu unverändert bei, wie sie zum Zeitpunt ihrer Erstellung verfasst waren.

Handlung

In Milbertshofen, Münchens sozialem Brennpunkt, wird Gerd Zach neben seinem Jagdgewehr erschossen aufgefunden. Die einzige Zeugin ist die 13-jährige Nessie (Laura Baade). Doch das Mädchen schweigt. Nessie hat schon genug Probleme. Sie lebt mit ihrer psychisch labilen Mutter von Hartz IV und muss sich um alles kümmern. Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) ermitteln. Da verschwindet Nessie. (Zusammenfassung der Handlung aus TV Movie Online.)

Wir können’s nicht ändern, derzeit muss zu den nicht wenigen Artikeln, die etwas Neues starten, eine Erklärung zum Verfahren hinzu. Aufgrund der Tatsache, dass wir uns sehr für die Tatort-Krimis interessieren, war klar, dass es auch zu ihnen Rezensionen geben würde. Fraglich bis fast zur Entstehung dieses Artikels war allerdings, ob sie der Filmanthologie zugeordnet werden sollen – oder eine eigene Serie  enthalten. Vorerst machen wir das so: Tatorte werden eigens gelistet – aber bei den Rubriken vorerst in der Filmwelt belassen, damit die Rubriken und Unterrubriken nicht zu weit ausdifferenziert werden müssen. Nun zum Tatort „Jagdzeit“.

Rezension

Auch dieses Mal haben die Kommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) wieder gut gespielt. Das Team ist gemäß einer BILD-Sonderumfrage zum 700. Tatort im Jahr 2010 das beliebteste aller noch aktiven. Nach Zuschauerzahlen sieht es ein wenig anders aus, da führen Kopf an Kopf das Münster-Team Thiel / Börne (Prahl / Lieffers) einerseits und Chrlotte Lindholm (Maria Furtwängler) (RP-Online), die Mediadaten sind allerdings ebenfalls schon ein Jahr alt.

Dass die beiden Münchener mit bayerischem und kroatischem Hintergrund jeden Fall wuppen können, liegt an ihrer Eingespieltheit, an ihrer Ausgewogenheit (das genaue Gegenkonzept zu den skurrilen Münsteranern), mithin daran, dass sie als Polizistenfiguren ihre Glaubwürdigkeit regelrecht erarbeitet haben.

„Jagdzeit“ ist nicht der kriminalistisch spektakulärste aller bisherigen Fälle. Aber der Film besticht durch sein Thema. Gar keine Frage, einer der besonders und auf sehr direkte Weise sozialkritischen Tatorte. Immer wieder werden heiße Eisen angepackt, aber so richtig tief in die Welt der ganz Armen und Verwahrlosten einzutauchen, das ist gerade in München sicher ein Sprung aus ziemlicher Höhe. Der Bayerische Rundfunk hat das aber gewagt und dafür gebührt ihm Anerkennung. Hoffnungslosigkeit, schwere mentale Verwerfungen, Ausbeutung von sowieso schon armen Menschen, potenzierte Hilflosigkeit, ausgedrückt in der Figur von Nessies Mutter (Katja Bürkle), das alles ist beinahe auf Spielfilmniveau und die eigentliche Hauptfigur des Films ist die junge Nessie, die sich durchs Leben schlägt, mit Willen und ohne viel Hoffnung; hervorragend gespielt von Laura Baade. Sie ist Zeugin des Jagdgewehr-Mordes und nicht nur, dass der Mörder sie möglicherweise auch gesehen hat, sie steht auch sonst im Leben zwischen allen Fronten.

Es geht nicht darum, ob der Film eine Bevölkerungsgruppe repräsentativ darstellt, er leistet sich die Subjektivität, einzelne Figuren herauszuheben und darüber machen dann die beiden Polizisten ein paar verallgemeinernde Statements und die junge Kollegin, die aus Berlin gekommen ist, bemerkt in einem Dialog mit den beiden zum Thema Armut treffend, dass der Hauptstadtwerbeslogan „Arm, aber sexy“, der kürzlich in einem anderen Artikel des WB Erwähnung fand, ein (unausgesprochen: dummer) Werbeslogan sei. Dass Armut nicht sexy, sondern beängstigend ist, sieht man in diesem Tatort. Und wir halten aufgrund unserer Berliner Erfahrungen die dort gezeigten Figuren für überragend realistisch, auch, wie sie sich durchkämpfen und hier und dort und überall noch kleine Dinger drehen, um damit über die Runden zu kommen, und dass sie das auch tun, um ihre suboptimalen Lebensweisen halbwegs zu überleben. Das ist auch schön gezeigt, dass die Armen es manchmal gar nicht im Repertoire haben, sich so zu organisieren und zu rationalisieren, dass sie in hilfloser Lage noch erstklassig Haltung bewahren und mit großer Effizienz Konzepte fürs Ausbrechen aus ihrer desolaten Lage erarbeiten können.

Einerseits eine schwierige Sache, dass gerade der erste Tatort, den der Wahlberliner rezensiert, so aufwühlt, weil er dieses junge Mädchen so glaubhaft zeigt, und dass sich das verstärkt, weil man natürlich dran bleibt und dann noch eine Stunde Anne Will zum Thema schaut (das kommt offensichtlich in Mode, dass Tatorten gleich eine thematisch angepasste Talkrunde nachgeschoben wird und man muss aufpassen, dass in diesen Talkrunden wirklich die richtigen Leute zu Wort kommen und wirklich ernsthaft mit diesen Themen umgegangen wird, wenn nicht gut gemachte Tatorte  zu Teasern für die anschließende, mediokre Politikdarstellung werden sollen).

Der Tatort „Jagdzeit“ hingegen besticht auch dadurch, dass er den richtigen Ton trifft. Das Polemisieren der Polizisten (besonders von Batic) ist okay, jemand muss Soziales auch verschlagworten und besser etwas überspitzt links als in die „wer sich nicht selbst helfen kann, ist eh selbst schuld“-Ecke. Der Film ist auch kompromisslos, es gibt keine Zwischentöne, kein Plädoyer für Ausgewogenheit. Dafür aber eine hervorragende Reminiszenz.

Das Opfer, der frühere stv. Personalchef Gerd Zach (Matthias Heidepriem) hat eine hübsche Frau, Leonie Zach (Angela Ascher), ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma von Gerd Zach, der jetzt im Hartz-IV-Milieu angekommen ist und finanzielle Probleme hat (August Schmölzer) der Freund des Opfers Xaver Heintel (Jens Atzorn, Sohn von Robert Atzorn), in Personalunion Geliebter von Frau Zach, Nessie selbst, sie alle haben ein Motiv. Die Pointe am Ende ist aber, dass Frau Zach, die skrupelloseste Figur, offenbar Beihilfe in Form von Preisgabe eines günstigen Zeitpunktes geleistet hat. Sie wähnt sich in Sicherheit, doch es gibt einen Beweis in Form eines aufgezeichneten Gespräches zwischen ihr und dem ausführenden Mörder. Die Schlusszene des Films ist eine Jagdgesellschaft, bei der Frau Zacher mitschießt. Durchs  Zielfernrohr sieht man, wie sie einen Hirsch anvisiert – und erschießt.

Und in dem Moment kommen die beiden Kommissare Batic und Leitmayr und nehmen sie fest. Ein klasse Ende, dramaturgisch auch sehr leicht zu schreiben und umzusetzen, weil die Pointe sozusagen „obenauf“ ist, der Film hätte sie nicht benötigt, aber der Zuschauer ist irgenwie angenehm befriedigt, dass dieses dralle Frauenzimmer, das sich schon an den nächsten Mann in Person des früheren Chefs ihres ermordeten Ehemannes heranmacht – ja, zur Strecke gebracht wird. Erlegt als Teilnehmerin am Mord an ihrem Mann. Die Versuchung ist groß und wir wagen es mal, eine Verbindung zu einem großen Film zu ziehen, den wir jüngst rezensiert haben: „La règle du jeu“. Filmemacher kennen alle diese großen Vorbilder und schon, als die Teilnehmer der ersten Jagd, an der Herr Zacher nicht mehr teilnehmen konnte, da schon tot, in ihren Ständen sitzend und schießend und schießend gezeigt wurden, dann noch einmal das Bild, als die Strecke ausgelegt wurde, da hatte man den Eindruck, diese beinahe mit den Jagdszenen des französischen Films, der die kommende Geschichte der Filmkunst mitbestimmt hat identischen Szenen sind nicht zufällig.

Wenn aber nicht nur einfach die Bilder abgeschaut wurden, sondern auch eine ähnliche Aussage durch sie transportiert bzw. in einem filmischen Subtext angedeutet wird, dann heißt das nicht mehr und nicht weniger, als dass der Film eine Anklage nicht einfach gegen eine hier als effizient und kaltherzig geschilderte spezielle Form der Jagd ist, sondern auch gegen die Gesellschaft, die auf hilflose Tiere (Allegorie auf die armen Menschen, die sich nicht wehren können) Jagd macht (hier werden die Bedürftigen ja von jemandem zusätzlich in die Bredouille gebracht, der ihnen eigentlich helfen sollte). Am Ende, und das ist die Pointe in der Pointe, erlegt Leonie Zacher ein solches hilfloses Tier und wird selbst beinahe im selben Moment dingfest gemacht. Und sie verkörpert am eindeutigsten von allen wichtigeren Figuren des Films das ausbeuterische Prinzip. Man erfährt nichts über einen Beruf, nicht, dass sie irgendein Interesse hat, das außerhalb ihrer selbst liegt, sie ist einfach da. Sie muss als Charakter gar nicht so gut ausgeformt sein, sie ist ohnehin ein Beinahe-Stereotyp für ein Wesen, das nicht durch Sinn, sondern durch Verzehr an Ressourcen definiert wird.

Einen Unterschied gibt es natürlich zum Film „Die Spielregel“. Den der Gerechtigkeit, die das Spiel, so endlos es auch ist, immer wieder durchkreuzt – durch den Zugriff der Polizei werden einzelne Figuren aus diesem Spiel herausgenommen. Das mildert die Schärfe der Kritik denn doch etwas ab und vermittelt dem Zuschauer das wichtige Gefühl, dass es zumindest im Einzelfall gerecht zugeht. Und natürlich konnten die Jagdszenen nicht ganz so radikal ausgebreitet werden wie im großen Vorbild. Man weiß nicht, wie es mit Nessie weitergehen wird. Es wird nur angedeutet, dass eine betreute Jugend-WG für sie besser wäre als der Verbleib bei ihrer psychisch labilen und antriebslosen Mutter, die ohnehin erst einmal in die Psychiatrie eingeliefert wird.

Die Finessen der Figurenzeichnung, das Thema und die schauspielerischen Leistungen machen diesen kriminalistisch konventionellen, aber sehr ambitionierten Tatort für den Wahlberliner zu einem „must-see“ in der Anthologie.

7,5/10

© 2018, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 


Besetzung
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Fahnderin Peschke – Antje Widdra
Nessi Bürger – Laura Baade
Gerd Zach – Matthias Heidepriem
Tini Bürger – Katja Bürkle
Xaver Heintel – Jens Atzorn
Leonie Zach – Angela Ascher
Rudi Kandler – August Schmölzer
u.a.

Drehbuch – Peter Probst
Regie – Peter Fratzscher

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