Familien – Tatort 1057 / Crimetime 93 // #Tatort #Köln #TatortKöln #Koeln #Ballauf #Schenk #Tatort1057 #TatortFamilien

 Tatort 1057 Familien – Crimetime Titelfoto © WDR

Nur schrecklich, nicht schrecklich nett

Ich muss vorausschicken und wer „Crimetime“ häufiger liest, weiß es sowieso – ich mag die Kölner Recken Freddy Schenk und Max Ballauf wirklich sehr gerne und sie gehören zu den  Teams, deren Abgang mich tatsächlich schmerzen würde. Aus emotionalen Gründen, nicht, weil sie  heute noch zur Weiterentwicklung des Formats Tatort beitragen. Das haben sie verdienstvollerweise getan, als sie 1997 direkt in  16:9 und mit einer für die Verhältnisse der Zeit differenzierten und modernen Tableau gestartet sind. Ihre ersten Fälle bestimmten den Stil der Reihe entscheidend mit. Ich will auch nicht unerwähnt lassen, dass vor nicht allzu langer Zeit mit „Ohnmacht“ und „Franziska“ zwei Filme entstanden sind, die wirkten, als wollten die Kölner es wirklich nochmal wissen und ganz vorne mitmischen. So viel zu den Meriten. Weiteres in der -> Rezension.

Handlung

Das war Mord: Ein junger Mann liegt tot auf der Straße, neben ihm eine Reisetasche, gefüllt mit 500 000 Euro. Schnell ist die Identität des Opfers geklärt. Es handelt sich um Ivo Klein, der an diesem Abend mit Freunden seinen Junggesellenabschied gefeiert hat. Die Fingerabdrücke auf der Tasche und auf dem Bargeld führen Max Ballauf und Freddy Schenk zu Reiner Bertram, einem renommierten Kölner Wirtschaftsanwalt. Als die Kommissare ihn mit Ivo Kleins Tod konfrontieren, gesteht Bertram, er habe das Geld für eine Lösegeldforderung deponiert. Seine Enkelin Charlotte Ritter wurde gekidnappt, und die Entführer haben gedroht, sie umzubringen sobald die Polizei eingeschaltet wird … Jetzt beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, um das entführte Mädchen rechtzeitig zu finden.

Rezension

Nach „Ohnmacht“ und „Franziska“ veränderte sich das Bild jedoch wieder. Es kam eine unübersehbare Köln-Elegie hervor, die man in ähnlicher Form aus Ludwigshafen kennt, natürlich immer wieder mit Ausreißern, mit Filmen zum Aufmerken. Kurz aber ist die Frequenz, in welcher die Kölner neue Tatorte ins Rennen um Marktanteile schicken. Die Mission, der sich wohl vor allem die Produzenten und der WDR verschrieben haben, ist, die Münchener Batic und Leitmayr zumindest bei der Anzahl der Filme von der Spitze zu verdrängen, wenn es schon bezüglich der Dienstzeit sein wird, Lena Odenthal zu toppen, die acht Jahre Länger an Tatorten und Tätersuchen werkelt als Max und Freddy.

Aber tut das den Kölnern noch gut? Sollten sie es in dem Alter nicht etwas ruhiger angehen lassen? Nach „Mitgehangen“ war ich nicht so sicher, zumal die Stimmung so gut zu diesen Männern in den eigentlich besten, aber aufgrund vieler aufreibender Nachtdienste nicht spurlos verstrichener Jahre passte. Gut, an wem gehen die Jahren schon spurlos vorbei.

Ich habe mal wieder in den Tatort-Fundus geschaut und war überrascht, dass „Familien“ sich einen Mittelplatz sichern konnte. Vor allem deswegen, weil er als „ehrliche Hausmannskost“ und dergleichen apostrophiert wird oder gar als grandioses Familiendrama.

Ersteres stimmt, Letzteres sicher nicht. Die Kölner können solche Blackboxen für die  Zuschauer öffnen, kein Zweifel, als Typen können sie alles, was sich darin abspielt, gegen sich selbst spiegeln. Als Familienmensch wie Freddy oder als einsamer Wolf à la Max. Sie können auch Sozialthemen dialektisch behandeln. Aber dieses Mal konnten sie nicht viel tun. Was einige sehr konservative Tatortgucker teilweise euphemisch als konventionell bezeichnen, ist nur schlecht, weil kaum eine Komponente gelungen erscheint. Man hat nicht den Eindruck, dieser Film konnte aus teilweise grandiosen 48 Jahren Tatortgeschichte schöpfen, sondern man würde sich an ein Format wagen, das noch nicht beherrscht wird. Das noch im Werden ist und viel, viel Feinschliff erfordern wird, bis es gut werden kann.

Das Schlimme ist, dass es keinen Lichtblick gibt. Das habe ich, bei aller Kritik, in dieser Kombination bisher selten erlebt. Aber im Einzelnen.

Die Dialoge sind die schwächsten, die ich in einem Tatort seit Langem hören musste. Nicht nur hölzern und uninspiriert, sondern sogar sachlich falsch, als seien Laien am Werk. Da muss Max Ballauf Sätze sagen wie „Es war ein Unglücksfall, wir gehen von einem Gewaltverbrechen aus“ und derlei No-Gos. Ich hätte mir einige aufschreiben sollen, es war wirklich schlimm. Und dann solche sinnfreien, die Handlung, die Dynamik bremsenden, stimmungstötenden Alltagssätze wie „Was weiß ich?“, die mehrfach vorkamen.

Wir lernen, ein gewünschtes Grundmaß an Literarizität von Sprache im Film ist noch nicht zu allen Drehbuchautor_innen durchgedrungen. Begleitet werden megaschwache Dialoge leider durch eine entsprechend steife Regie. Manchmal merkt man, wie die Regisseure versuchen, es zu reißen, wenn sich das zugrundeliegende Buch nicht zu einem flüssigen Film umsetzen lassen möchte, die Bildsprache lässt es erkennen, aber dieses Mal wird so hohl und leer gefilmt wie die Sätze der Figuren klingen.

Der Titel „Familien“ ist viel zu prätentiös, denn keine der Familien wird richtig ausgeformt und wirkt glaubwürdig. Und weil die Regie es nicht zulässt oder fördert, wirkt sich das auf die Figuren aus, die wenig Substanz aufweisen. Mit einer Ausnahme, das ist der Wirtschaftsanwalt Ludwig Ritter, gespielt von Harald Schrott. Aber wie das in einem Baukasten-Whodunit so ist, er hat zu wenig Spielzeit, um sich profilieren zu können. Schade. Ebenso haben mir die wenigen Momente von Marie Mainzenbach als Jessica Dahlmann recht gut gefallen, aber diese Verdächtigen-Schiene wurde ja dermaßen krude abgewürgt, dass eine möglicherweise interessante Familie komplett wegfiel.

Wie steht es nun mit der Handlung? Das zuvor Geschriebene lässt es erahnen. Unglaubwürdig, beliebig, verschroben. Unglaubwürdig, weil nicht einmal der Vertrag mit dem Zuschauer eingehalten wird. Als Ivo, der Bachelor im Endstadium, überfahren wird, ist klar zu erkennen, dass der silberne Ford Fiesta gar nicht den Versuch macht zu bremsen, bei der späteren Bebilderung des Moments aus der Sicht des Fahrers aber ist klar zu sehen, dass er dazu noch Zeit gehabt hätte und außerdem nicht gerade schnell gefahren ist, sodass der tödliche Ausgang zu verhindern gewesen wäre. Und den Mann, der die Tasche zufällig gefunden hat (sehr, sehr zufällig) erschrecken? Damit er sie fallen lässt oder doch eher, damit er sich mit dem vielen Geld, das er ja schon erkannt hat, in die Büsche schlägt? Der Fahrer das Wagens konnte ja nicht wissen, dass Ivo schwer betrunken und zu einer solchen Reaktion vielleicht nicht mehr fähig war.

Auch die Sache mit dem Karussell, die den Tod von Charly Ritter erklären soll – wenn das originell sein soll, wünsche ich mir keine originellen Tathergänge mehr. Ich kenne diese Art von Karussell zufälligerweise und habe nette Kindergartentagepausen auf dergleichen zugebracht. Niemals nicht kann man an ein solches Gerät einfach einen Mofa-Reifen halte und es damit so beschleunigen, dass jemand über die Reling oder das Geländer hinausgeschleudert wird bis auf eine entfernt stehende Bank – und außerdem hätte jemand das Rad fest gegen das Karussell drücken müssen, um es überhaupt auf diese Art in Bewegung zu setzen. Falls nicht noch weitere technische Unmöglichkeiten dagegen stehen.  Jedenfalls ist dies einer der dämlichsten Todesfälle, die ich je in einem Tatort gesehen habe, inklusive der Abplatzung von Lack bzw. Farbe von der Spielbank. Auch deren Form erscheint mir höchst fragwürdig.

Somit zu einer weiteren Großproblematik dieses Films. Der psychologischen Glaubwürdigkeit. Ich stelle mir gerade vor, wie Stiefvater und Freund von Charly diese in den Keller schaffen, unter Zuhilfenahme des Stiefbruders, die Tote dort aufbewahren und ihr, als die erste Geldübergabe scheitert, den Daumen abschneiden. Oh Gott, oh Graus! Ich will nicht sagen, dass alle Menschen gut sind und ich halte es sogar noch für stimmig, dass der junge Fröhlich sich an Charly herangemacht hat,  um den Großvater, die Familie, alle Mitglieder kennenzulernen. Weil ja der Opa den Ex-Arbeitgeber von Caspar Fröhlichs verstorbenem Vater vor Gericht vertrat und verhinderte, dass der vom Arbeitgeber provozierte tödliche Arbeitsunfall wenigstens mit Schadensersatz abgegolten wurde.

Aber dann hat er sich ja angeblich wirklich in das Mädchen verliebt und das müsste alles schlagen, auch die Sache, dass er sich erneut zurückgesetzt fühlte, weil sie wohl in die USA gehen würde. Und auch der Stiefvater ist doch nicht der Typ, der mit dem eigenen Sohn und dem Freund der Tochter eine gefakte Entführung mit einer Toten durchzieht. Auch wenn sie nicht wirklich seine Tochter ist, was ja noch eingebaut werden musste, damit es nicht ganz so übel wirkt. Tut es aber trotzdem. Es gibt zwischen Himmel und Erde viel menschliches Handeln, das noch grausamer ist, aber nicht in dieser Konstellation, nicht mit diesen Personen. Auf das Verhältnis der Fröhlichs zueinander, das auch so ein Klischee ist und wie es zur Alkoholsucht der Mutter und dem Co-Saufen des Sohnes kam, gehe ich nicht gesondert ein.

Finale

Weil die Sprache so schwach, das Filming so lahm, die Handlung so holprig ist und die Figuren nie zur Entfaltung kommen können, wird es heute eine der schwächsten Bewertungen bisher für einen Tatort geben, vergleichbar nur mit der politischen Bewertung des einen oder anderen Überfalls von Herrenmenschin Charlotte Lindholm auf unvorbereitete Landbewohner.

Die Rezension wird auch nicht sofort erscheinen sondern erst im Rahmen einer größeren Rückschau, denn ich will auch den Lesern des Wahlberliners im Moment nicht die Laune zu sehr verderben. Vielleicht überarbeite und glätte ich das eine oder andere an dieser Kritik auch noch, bevor andere es sehen können.* Ich glaube, ich habe an Familiendramen in Tatorten andere Erwartungen, aber selbst wenn ich die beiseite lasse, in „Familien“ wurde zu viel geholzt.  Und nicht mal richtig zählen kann der arme Max noch, der am Ende die Moral von der Geschicht für die Zuschauer zusammenfasen muss: Nicht drei, sondern vier jungen Menschen ist die Zukunft verbaut oder versaut. Zwei sind tot, zwei sind in Verbrechen verwickelt.

4/10

*Die Rezension erscheint nun doch nach relativ kurzer Zeit, weil dieser Tatort nur wenige Monate nach der Premiere bereits wiederholt wird und wir nach der Öffnung des neuen Wahlberliners alle Rezensionen innerhalb der Rubrik „Crimetime“ immer dann zeigen, wenn ein Tatort auf den Bildschirm kommt, zu dem bereits eine Kritik verfasst wurde. Das trifft gegenwärtig auf etwa 650 von 1065 Filmen der Reihe zu und wir bemühen uns, die Anthologie weiter zu vervollständigen. Und damit wirklich niemand glaubt, wir wollten die Kölner bashen, hier der Link zur letzten Rezension eines ihrer Filme, „Hundeleben„, die wir erst gestern verfasst haben.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Assistent Norbert Jütte – Roland Riebeling
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Ivo Klein – Christopf Bertram
Jessica Dahlmann, Kleins Verlobte – Marie Meinzenbach
Freund von Ivo Klein – Florentin Eikelmann
Rainer Bertram, Wirtschaftsanwalt/Vater von Ines Ritter – Hansjürgen Hürrig
Ludwig Ritter – Harald Schrott
Ines Ritter – Nicole Marischka
Tochter Charlotte „Charly“ Ritter – Anke Sabrina Beermann
Sohn Paul Ritter – Johannes Franke
Kasper Fröhlich, Freund von Charlotte – Anton von Lucke
Sandra Fröhlich, Kaspers Mutter – Claudia Geisler-Bading
Julia Schmitt, Freundin von Charlotte – Linda Stockfleth
Philipp Weigel – Simon Boer
Barkeeperin – Jaëla Probst
u.a.

Drehbuch – Christoph Wortberg
Regie – Christine Hartmann
Kamera – Peter Nix
Schnitt – Cosima Schnell
Szenenbild – Stefan Schönberg
Ton – Wolfgang Wirtz, Ivo Seewald
Musik – Fabian Römer

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