Vincent, François, Paul und die anderen (Vincent, François, Paul et les autres…, F / I 1974) #Filmfest 13

Filmfest 13

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Wir hatten am Ende der Rezension zu „Die Dinge des Lebens“ bereits angekündigt, dass wir bei Regisseur Claude Sautet bleiben, vier Jahre voranschreiten und mit „Vincent, Francois, Paul und die anderen“ ein weiteres Werk von ihn über Beziehungen vorstellen möchten. Wir möchten sogleich warnen. Dies ist ein Männerfilm. Sollten Frauen und andere Gender ihn anschauen, dann sollte das nur zu Studienzwecken geschehen. 

Encore les choses de la vie – wieder die Dinge des Lebens

Träume können sterben und begraben werden. Männer geben niemals auf, sondern machen immer weiter. Mit einer wundervollen Besetzung schaut Regisseur Claude Sautet wieder einmal aufs Existenzielle, wie schon in seinem vier Jahre zuvor entstandenen, programmatisch titulierten Film „Die Dinge des Lebens“ („Les choses de la vie„), in dem Romy Schneider eine ihrer schönsten Rollen spielte.

Die Hauptfigur Vincent (Yves Montand), ein mittelständischer Unternehmer, trägt die Handlung durch seine Verstrickung in finanzielle und private Probleme, an seiner Seite agieren Michel Piccoli als Arzt François, der seine Ideale verloren hat und Paul, der ausgebrannte Schriftsteller, gespielt von Serge Reggiani. Dann gibt es noch den Boxer, wir sehen in dieser zu seiner damaligen Erscheinung passenden Rolle den letzten französischen Superstar Gérard Depardieu.

Es war zu der Zeit ein großes Glück, dass Frankreich zu der Zeit neben den Größen Alain Delon und Jean-Paul Belmondo eine ganze Reihe erstklassiger männlicher Schauspieler hatte, die einem solchen Film, der auf den ersten Blick banale Mittelklassegeschichten erzählt, Kontur und Dichte geben konnten. Und der junge Dépardieu klammert bereits das Narrativ der anderen drei, wie er heute die Klammer zur großen zeit des französischen Films bildet.

Er spielt einen jungen Angestellten von Vincent, der sich zudem als Preisboxer betätigt. In ihm spiegeln sich die Männer in den Vierzigern und Fünfzigern auf ganz unterschiedliche Weise. Dies zeigt sich in einer wundervollen Szene während eines Boxkampfes, auf die wir in der Rezension noch eingehen werden. Hier spielen zwei Generationen französischer Topakteure zusammen. So, wie einst der große Jean Gabin die Fackel an Delon weitergab, ihn dadurch adelte, dass er mit ihm zusammen spielte, tun es jetzt Yves, Michel und Serge mit Gérard.

Schmerzlich fällt dabei auf, dass Dépardieu selbst diese Übergabe bis heute nicht vornehmen konnte. Es gibt keine hervorstechenden, jungen männlichen Schauspieler mehr in Frankreich, keine Gesichter, die Projektionsflächen für Millionen werden konnten, wie jeder der bisher erwähnten Namen einer war. Bei den Frauen sieht es besser aus, da kommen immer wieder junge Schauspielerinnen von internationalem Format nach, die vielleicht in die Fußstapfen einer Catherine Deneuve oder ihrer beinahe legitimen Nachfolgerin Juliette Binoche treten könnten.

Handlung (Wikipedia)

Vincent ist Inhaber einer Feinmechanik-Firma, François arbeitet als Arzt und Paul ist Schriftsteller. Mit ihren Frauen und Geliebten – Vincent lebt in Scheidung von Ehefrau Catherine und hat in Marie eine 25-jährige Freundin – verbringen die Männer regelmäßig die Wochenenden zusammen in Pauls Landhaus in der Provinz, wobei stets eine Vielzahl weiterer Freunde zum Trio dazustößt. Unter den häufigen Gästen sind unter anderem Jacques und der junge Boxer Jean. Jeder der Männer hat mit seinen eigenen Problemen zu tun. Paul schafft es nicht, seinen Roman zu vollenden, François und seine Frau Lucie wissen nicht mehr so richtig, warum sie noch ein Paar sind, zumal sich Lucie häufig mit anderen Männern trifft, und Vincent versucht, seine Scheidung zu überstehen. Zudem ist seine Firma in finanziellen Schwierigkeiten und er muss in drei Tagen 13 Millionen (alte) Francs aufbringen, um einen Konkurs zu verhindern. Die Bank lehnt einen Kredit ab und sein früherer Kompagnon Armand kann ihm nur einen Bruchteil der Summe leihen. Vincent wird trübsinnig, erkennt er doch, dass er in der Not eigentlich allein ist. François und Paul trifft er bei einer Lokaleröffnung, doch ist Paul betrunken und François lehnt es ab, ihm Geld zu leihen, ohne überhaupt nach der Summe zu fragen. Lucie wirft ihm später vor, nur noch eine Geldmaschine zu sein und sie nicht mehr leben zu lassen. François schlägt sie. Als Vincent bei Maries Familie schweigend am Essenstisch sitzt und so die Stimmung trübt, trennt sich Marie am Ende von ihm. Er sehe sich selbst nur als Zentrum, um das alle anderen zu kreisen haben. Vincent landet am Ende bei Catherine, der er seine finanziellen Sorgen anvertraut. Er weiß, dass sie kein Geld hat, das sie ihm borgen könnte. Umso verblüffter ist er, als er am nächsten Tag Besuch von ihrem Vater Georges erhält, der gerade sein Anwesen verkauft hat und ihm 10 Millionen Francs leiht.

Jean, der in Vincents Firma arbeitet, hat ein Angebot für einen Boxkampf gegen den bisher unbesiegten Joe Catano erhalten. Vincent, François und Paul sind sich uneins, ob Jean den Kampf annehmen soll. Jean weiß selbst, dass er nur angefragt wurde, weil niemand anderes gegen Joe in den Ring steigen wollte. Er weiß auch, dass er gegen Joe eigentlich keine Chance hat. Er lässt sich mit der Vertragsunterzeichnung daher Zeit. Bei einer Überprüfung seiner Finanzen erkennt Vincent, dass seine Firma zu hohe Schulden hat, als dass er sie abbezahlen könnte. Er entschließt sich für einen Verkauf und Jean schließlich aus finanziellen Gründen für den Kampf gegen Joe. Vincent kann Catherine nun das Geld für ihren Vater schneller zurückzahlen und gibt vor ihr vor, die Firma aus eigenen Stücken verkauft zu haben, da er ein gutes Angebot erhalten habe. Er hofft, wieder mit Catherine zusammenzukommen, doch eröffnet sie ihm, die Vergangenheit hinter sich lassen zu wollen. Sie werde Frankreich für längere Zeit verlassen. Vincent ist nun am Ende und weiß auch noch nicht, wie es weitergehen wird. Nach einer oberflächlichen Feier bei Jean bricht Vincent schließlich in einem Lokal zusammen. François untersucht ihn und bewertet den Zusammenbruch als ein Warnsignal. Die Freunde wiederum wundern sich, war Vincent doch sonst nie „umzuschmeißen“.

Zur Rekonvaleszenz fährt Vincent ans Meer, wo ihn seine Freunde besuchen. Er ist wacher im Umgang mit den anderen geworden und erkennt, dass François einsam erscheint. Bei Jeans Kampf sind er und François die einzigen, die den Kampf ruhig verfolgen. Jean gewinnt, weil Joe eine Wunde am Ohr hat, durch die er den Kampf aufgeben muss. Jean ist unzufrieden. Auf der Rückreise nimmt Vincent den schweigsamen François zu Seite und beide führen ein ernstes Gespräch. Vincent erfährt, dass Lucie François verlassen hat und stattdessen am nächsten Tag mit Jacques zusammenziehen wird. Die Kinder werden bei ihr bleiben. Vincent zeigt sein Mitgefühl und beide schweigen am Ende gemeinsam.

Es ist einige Zeit vergangen. Vincent hat in der Möbeltischlerei seines früheren Kompagnons Armand Arbeit gefunden. Jean wiederum gibt das Boxen auf und wird für einige Monate nach Bordeaux gehen und arbeiten. Vincent trifft in der Freundesrunde Marie wieder, bereut jedoch nicht, sich von ihr getrennt zu haben. Er hofft, dass Catherine eines Tages nach Paris zurückkommt – und zu ihm. 

Rezension

Vincent führt führt die Liste der Namen im Titel an und  ihn erwischt es am  härtesten. Frau weg, Firma weg – und beinahe noch die Gesundheit. Es geht nicht tödlich aus, wie  in „Les choses de la vie“ für Michel Piccoli, der hier den Francois spielt. Vincent findet am Ende einen unspektakulären Weg und sehr modernen Weg, sein Leben zu ordnen. Er fängt als einfacher Schreiner in der Werkstatt seines Freundes Armand (Jacques Richard) neu an – und er hofft auf die Rückkehr seiner Frau Catherine, die ihm in der Not Gehör geschenkt und ihm auch auf dem Umweg über ihren Vater finanziell geholfen hatte. Das Ende dieser Liebe, die durch Vincents Affäre mit der 25jährigen Marie (Ldumila Mikael) verletzt wurde, ist noch nicht gekommen, aber es bleibt in der letzten Szene offen, ob es eine Wiedervereinigung geben wird. Tendenz: eher nicht.

Roger Ebert ist auf die Symbolik des Feuers gestoßen, das auf dem Landsitz von Paul angezündet wird und den Schuppen in Brand setzt. Ebert hat sehr gut dargestellt, wie diese Szene ein Symbol für die Handlung des ganzen Films ist. Aus Unachtsamkeit dem Wind gegenüber, aus Unachtsamkeit dem Leben und seinen wichtigen Dingen gegenüber, um die es auch hier einmal mehr bei Sautet geht, geraten die Bauwerke, die man errichtet hat, gerät das Leben selbst in Gefahr. Doch gemeinsam löscht man dies alles, repariert notdürftig, das Hauptgebäude bleibt stehen. Das Leben selbst und die Charaktere im Film sind stark genug, ihre Herausforderungen am Ende zu meistern.

Sie bauen keine Schlösser mehr, sondern flicken das, was ihnen vom Leben doch zugedacht wurde, auf neue Art zusammen. Das gilt vor allem für Vincent, der als einziger seine Lebensumstände weitgehend wandelt, ohne dass sich sein Charakter in gleichem Maße wandelt. Es ist mehr die Erkenntnis, so geht’s nicht weiter, als die innere Transformation, die ihn zu halbwegs neuen Ufern treibt. Halbwegs, weil er in einem vertrauten Muster und in seelischen Umgebung verbleibt, die ihm ebenfalls bekannt ist – seine romantisch-melancholische Sicht auf die Beziehung zu seiner scheidenden Ehefrau weicht keiner neuen Perspektive. Man kann eine Position zwischen hartem Realismus und purer Träumerei finden, und Yves Montand spielt seinen Vincent so vielschichtig, so variantenreich und wundervoll menschlich, dass man das genau spüren kann: Das Leben, wie es ist. Und vielleicht wird er nach ein paar Monaten oder Jahren Arbeit mit Holz, einem Grundstoff des Lebens, eine weitere Loslösung vollziehen.

François. Michel Piccoli spielt den Arzt, der sich im Lauf der Jahre mehr und mehr von seinen Idealen der Studienzeit entfernt hat und mit unbeteiligter Routine wohlhabende Menschen behandelt. Seine Frau betrügt ihn, das Verhältnis zwischen beiden ist ebenso abgekühlt wie seine Leidenschaft für irgendetwas.

Nur die Freundschaft mit den anderen lebt er und deswegen ist es nicht verwunderlich, dass seine kühle Fassade ein einziges Mal bricht – im Verlauf eines Streits zwischen den Freunden, in dem es ums Soziale geht, einer Auseinandersetzung, in welcher er die kapitalistische Position einnimmt.  Da rennt er nach draußen, kann der Konfrontation nicht standhalten und offenbart seinen inneren Konflikt. Paul der ihn provoziert hat, holt ihn zurück.

In Claude Sautets Universum, in dem eine Reihe erstklassiger Schauspieler in immer neue Konstellationen zueinander gestellt wird, hatte Michel Piccoli seine größte Rolle in „Les choses de la vie“, der kühler inszeniert und dramatischer entwickelt ist als „Vincent, François, Paul und die anderen), hier tritt er hinter den mächtigen Montand zurück und steht mit Paul in der zweiten Reihe.

Sein Spiel ist reduzierter und seine Figur hermetischer als die von Vincent, er steht für den typischen Bourgeois, wie ihn zum Beispiel Claude Chabrol so gerne mit großem satirischen Biss porträtiert hat. Wirtschaftlich ist er der erfolgreichste der drei Freunde, auch deshalb, weil er sich am weitesten von sich selbst entfernt hat. Er ist auch am Ende derjenige, von dem man annimmt, dass sein Leben aufgrund der Ereignisse, die der Film zeigt, die geringste Veränderung erfahren wird.

Paul. Wenn François der desillusioniert-realistisch-kühle Pol ist, dann ist Paul der künstlerische Gegenpol. Ein Schriftsteller ist nun einmal auch ein Träumer und ein Mensch, der aus der Imitation des Lebens, der Schaffung fiktionaler Anderer, durch das Beschreiben ihrer Gedanken und ihrer Handlungen, Honig saugt, und wenn dies nicht mehr gelingt; wenn Figuren blass und Handlungen eindimensional werden, wenn nichts mehr auszusagen ist, dann ist er am Ende, wenn er sich als Künstler versteht.

Bereits, als der Film beginnt, ist Paul an diesem Ende angekommen, erledigt nur noch lächerliche Auftragsarbeiten, die unter seinem Niveau sind. Aber er ringt um die Rückkehr ins wahre Schreiben und wie zur Belohnung hat ihm Sautet als einzigem der Freunde eine intakte Beziehung geschenkt. Auf diese Weise zeigt der Regisseur, welche Menschen ihm sympathisch sind – ohne damit gleichermaßen eine Aussage darüber zu treffen, welche die interessanteren für ihn sind.

An einer Stelle ätzt François über Pauls neues Buch und wie dieser nicht damit weiterkommt, ob er einen Resistance-Kämpfer nun auf zwei SS-Leute schießen lässt oder nicht. Paul steht in diesem Konflikt, François hat sich längst für die kalt handelnde Seite entschieden.

Ob Paul wieder schreiben wird, erfährt man nicht, aber es könnte gut sein, denn der Boxkampf des jungen Jean hat ihn doch sehr inspiriert.

Der Boxkampf. Boxkämpfe haben schon in vielen Filmen als Symbole hergehalten, zuletzt haben wir ein solches Symbol in „Die Millionenen eines Gehetzten“ gesehen, typischerweise ein Film, der in derselben Welt der existenziellen Fragen angesiedelt ist und aus der Schule der Nouvelle Vague kommt wie „Vincent, François, Paul und die anderen“. Die Rezension zu diesem Film von Jean-Pierre Melville wurde in der Rubrik „Filmfest“ noch nicht veröffentlicht.

Großartig spiegelt der Boxkampf  Jeans Entscheidung, sich im wörtlichen Sinn durchs Leben zu schlagen und dabei hat er unerwartet Erfolg. Er wird aber ziemlich ramponiert, blutet stark und entscheidet sich noch einmal: Es sein zu lassen und in einer anderen Stadt einen Job anzunehmen. Mehr als Jean stehen aber die drei oben genannten Freunde im Mittelpunkt. Alle wohnen selbstverständlich dem Kampf bei und ihre unterschiedlichen Reaktionen sind großes Kino.

Paul, der Schriftsteller, der Stoff für seine Bücher braucht, der über das Leben eher schreibt und es beobachtet, als sich hineinzustürzen, ist am aufgeregtesten, ist pessimistisch und schwenkt zur Euphorie, als sich Jeans Sieg abzeichnet. Bei ihm hat man den Eindruck, er geht zwar mit, sieht in dem Kampf das Leben an sich, aber eben eher wie einen Film, der vor ihm abläuft und nicht als Spiegel der eigenen Seele.

Ganz anders Vincent, dessen Gesicht sich jedes Mal verzerrt, wenn Jean einen Schlag abbekommt. Natürlich, er kennt Jean am besten, der Junge hat in seiner Firma gearbeitet, aber da ist dieses Mitfiebern, das in Ansätzen auch etwas Humoristisches hat (wie es in Yves Montands Spiel hier immer wieder aufblitzt und dafür sorgt, dass in alle Melancholie ein Hauch von Heiterkeit einschwebt).

François hingegen wirkt am ruhigsten und ist von Pauls lautstarker Aufregung genervt. Falls ihn der Boxkampf tatsächlich berührt, dann auf einer Ebene, die dem Zuschauer nur andeutungsweise gezeigt wird. Irgendwo tief im erkalteten Herzen rührt sich etwas, das mag man in die beinahe unbewegliche Miene des Mannes hineininterpretieren – aber es wird von den Eindrücken überdeckt, welche die übrigen Männer hinterlassen. Wäre Piccoli alleine im Raum, wie in „Der Kommissar und das Mädchen“ (1970), ebenfalls von Claude Sautet, käme sein besonders intelligentes und in feinen Nuancen angesiedeltes Spiel mehr zum Tragen. Er ist tatsächlich am meisten von allen ein Solist. 

Die Frauen. Ihre Charaktere werden eher angedeutet, nicht entwickelt, wie die männlichen. Aber man kann nicht alles haben und, das lehrt dieser Film selbst. Man sollte auch nicht alles haben wollen. Claude Sautet wusste das und hat im Titel schon dokumentiert, dass es eine Festlegung auf ein Geschlecht geben muss – in anderen seiner Filme ist dies anders. Zudem gebührt Sautet das Verdienst, einen Männerfilm gemacht zu haben, den Frauen gleichermaßen mögen, wenn man nach den IMDb-Uservoten geht. Vielleicht, weil sie ihre eigenen Männer in diesen manchmal jungenhaften, dann wieder melancholischen, materialistischen und träumerischen Typen mittleren Alters wiedererkennen, die so lebensecht wirken.

Die Frauen sind aber keine Spielbälle, sondern Mitspielerinnen, die Einfluss auf das Schicksal der Freunde nehmen und auch ihr eigenes in die Hand, es handelt sich also lediglich um eine Setzung von Prioritäten, nicht um die Darstellung eines partout partriarchalischen Szenarios, wenn vor allem die Freunde charakterisiert werden. Vor allem die Figur der Catherine zeigt, dass ein Mann wie Vincent mit seinem immer noch jugendlichen Charme und seiner Unbekümmertheit die tieferen Gefühle lange Zeit gar nicht versteht, die sie für ihn hegt. Ob dies am Ende der Fall ist? Tendenz: wieder eher nein. Er hat sich von materiellen Dingen getrennt, aber sein Bild von einer Frau, von seiner Frau, ist immer noch eher naiv. Deswegen meinten wir oben, wir sehen eher eine Loslösung von ihr als seinen Weg in der nächsten Zeit an als einen Wandel seiner Sicht auf sie, der ihr gerecht würde.

Das französische Kino der Zeit. In den 70ern hatte sich die Nouvelle Vague ausdifferenziert und etabliert, war weniger wild und es hatte sich ein Kosmos von Schauspielern und Regisseuren entwickelt, die sehr reife und heute noch kräftig und reichhaltig wirkende Filme zustande brachten. Die Sicherheit der Inszenierung ist beeindruckend, die Nähe zur Realität, die aber nicht dokumentarisch, sondern ganz und gar narrativ wirkt, das waren Stilmerkmale einer großen Zeit, die vergangen ist. Der französische Kunstfilm war damals per se Avantgarde, selbst in seiner eher konventionelleren Spielart, und technisch und strukturell ist „Vincent, François, Paul und die anderen“ tatsächlich eher konventionell.

Wenn man die französischen Filme, die ja auch Autorenfilme waren, mit den Pendants aus Deutschland vergleicht, zur selben Zeit entstanden, fällt auf, wie viel weiter man in Frankreich war; auch deswegen, weil die Entwicklung des Kinos keine Unterbrechungen kannte. Die Radikalität allerdings, die war schon im Schwinden begriffen und Sautet war auch nie ein feuriger Umstürzler wie etwa Jean-Luc Godard, bei dem sich die Kritiker bis heute nicht sicher sind, ob er wirklich Film konnte, ob seine wahnwitzigen Einfälle Genialität oder groben Dilettantismus im avantgardistischen Gewand verkörperten.

Die Figuren, mit denen wir uns heute noch identifizieren können, die haben wir eher Filmern wie Francois Truffaut und in einer umfassenderen Weise Claude Sautet zu verdanken, dessen Blick auf die Menschen ganz offensichtlich sehr klar, immer kritisch, aber nicht satirisch oder gar misanthropisch war. Das macht es uns leicht, uns auf die Figuren einzulassen, der langsamen, aber immer spannenden Entwicklung der Geschehnisse und dem Handeln der Personen zu folgen.

Mainstreamkino im heutigen Sinn sind diese Werke allerdings nicht. Dazu sind sie zu persönlich, zu ruhig und zu fein gestrickt und zu weit von dem eher an der Oberfläche bleibenden Standard entfernt, den nach wie vor Hollywood bestimmt, wenn es ums Zeigen von Gefühlen und Zwischemenschlichem im Kino geht.

Finale

„Vincent, François, Paul und die anderen“ gewinnt seine Tiefe nicht daraus, dass jeder einzelne Charakter bis in den letzten Seelenwinkel ausgeleuchtet wird, sondern aus der Beobachtung des Lebens von Männern in ihren mittleren Jahren, die im Matsch Fußball spielen, ihre Frauen betrügen, von ihnen betrogen werden, die sich hoffnungslose Affären gönnen, die ihr Leben ein wenig zu groß oder zu materialistisch aufgezogen haben, die als Künstler und Menschen immer an der Grenze zum endgültigen Scheitern stehen – diese Grenze aber nie überschreiten.

Sie sind mehr oder weniger sympathische Jedermänner, haben sie wirken individuell verschieden und jede Persönlichkeit, die Sautet zeigt, steht auch für etwas Typisches und Unvergängliches, was Menschen ausmacht. „Vincent, Francois, Paul und die anderen“ ist, anders als der zuletzt rezensierte, pessimistischere „Die Dinge des Lebens“ auch eine Hymne an das Leben. 

85/100

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke   

Regie Claude Sautet
Drehbuch Claude Sautet
Jean-Loup Dabadie
Claude Néron
Produktion Raymond Danon
Roland Girard
Musik Philippe Sarde
Kamera Jean Boffety
Schnitt Jacqueline Thiédot
 

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