Katja, die ungekrönte Kaiserin (D/F 1959) #Filmfest 16

Filmfest 16

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Ist „Katja, die ungekrönte Kaiserin“ der Link  zwischen der großen französischen Zeit von Romy Schneider, aus der wir zuletzt „Das Mädchen und der Kommissar“ rezensiert haben – und den Sissi-Filmen? Zeitlich liegt er dichter an ersteren und das Setting ist royalistisch. Bereits 1957 hatte Schneider einen Film gedreht, der in Paris spielt („Monpti“), aber erst 1960 eine kleine Rolle in einem französischen Film – „Nur die Sonne war Zeuge“. Doch erst Ende der 1960er wurde sie in Frankreich zum Star. Wir nutzen „Katja“, um  unsere Leser*innen jetzt aus den Beziehungsfilmen Frankreich mitzunehmen in eine andere Epoche und andere Länder. Curd Jürgens, der einzige männliche internationale deutsche Filmstar, ist dabei unsere Klammer. 

Ende einer kurzen Karriere

Wir meinen nicht Romy Schneider, deren Karriere fast 30 Jahre umspannte, obwohl sie schon mit 44 Jahren verstarb, sondern die der ungekrönten Kaiserin Katja.

Romy Schneider war schon auf dem Sprung nach Frankreich, aber verpflichtet, diesen Film noch zu machen, der darauf basiert, dass ihr Sissi-Image starke Nachwirkungen hatte. Gleichwohl ist es bereits eine französische Produktion. Allerdings muss man gar nicht genau hinschauen, um festzustellen, dass Robert Siodmak nicht Ernst Marischka ist (Regie) und Curd Jürgens nicht Karlheinz Böhm und Romy Schneider 1959 nicht mehr das mädchenhafte Prinzesschen von 1955. Sie hatte sich rasch verändert und gibt ihrer Figur beinahe mehr an Ausdruck, als das Vorbild vermutlich hatte. Die Prinzessin Dolgurika gab es genauso wie die spätere Kaiserin von Österreich-Ungarn, und die traurige Geschichte einer großen Liebe, die mit einem Attentat endet, ist nicht erfunden. 

Handlung (Wikipedia)

Der verheiratete Zar Alexander II. lernt bei der Besichtigung eines Mädcheninternats die aufsässige Prinzessin Katja Dolgoruki kennen und lieben. Er lädt sie auf den Hofball in seinem Winterpalais ein, wo er mit ihr die Eröffnung tanzt. Um dem Gerede am Hof zu entgehen, denn die Liebe zueinander ist kein Geheimnis mehr, schickt er seine Geliebte für eine lange Zeit nach Frankreich.

Bei der Pariser Weltausstellung 1869, bei der er von Napoleon III. empfangen wird, entgeht der Zar nur knapp einem Attentat. Katja wird Zeugin davon und sie und Alexander II. versprechen sich, sich nie mehr zu trennen. Er nimmt sie zurück nach St. Petersburg, wo sie zuerst als Hofdame seiner Frau und später an seiner Seite als morganatische Ehefrau lebt. Immer wieder kommt es zu Anschlägen auf das liebende Ehepaar. Der Zar versucht durch eine neue Verfassung, den Bürgern neue Rechte und Freiheiten zu bringen, doch bevor er diese verkünden kann, fällt er einem Attentat zum Opfer und stirbt. 

Rezension

Man hätte es voraussehen können. Dass Sissi-Fans diesen Film nicht lieben würden. Denn wo war das Happy-End? Wo die gemütliche Bergstimmung im ländlichen Bayern oder Österreich, wo der gütige Papa von Sissi und der von Franz Josef? Die Intrigen gab es auch, wie an jedem Hof, aber sie endeten nicht tödlich, und der Zuckerguss über allem war einfach himmlisch für die Zuschauer, die sich von der Pracht des Films und dem Reiz der Jungdarstellerin mitreißen ließen. Die Sissi-Serie gehört zu den Erweckungsfilmen nach dem Krieg, in denen sich der Wunsch nach einer besseren Welt und in dem sich alle Sehnsüchte dieser Welt austoben durften, so unrealistisch ihre Erfüllung im Sinne und in dem Maß wie in den Filmen auch war. 

Ernst Marischka hatte das Ganze zudem mit dem österreichischen Gespür für die Grenze zwischen Kitsch und Schmäh, Humor und Albernheit inszeniert, was die Kritiker nicht davon abhielt, Kitsch!  zu rufen. Doch aus mehr als 60 Jahren Abstand zum ersten Sissi-Film kann man auch sagen – es war, was es sein sollte und unter den Umständen der Zeit sein konnte. Ein großer Erfolg und heute auf eine Weise liebenswert, denn nicht nur die K.u.K.-Monarchie gibt es nicht mehr, wie schon zu Zeiten des Filmens von Sissis Schicksal, sondern auch die Zeit, in welcher der Film entstand, wirkt ziemlich weit weg.

Es gibt nichts Gefährliches mehr, kein Opium fürs Volk von heute, indem es mit eskapistischen Kinostücken auf Kurs gehalten wird. Es ist alles nur noch Geschichte. Filmgeschichte. Das trifft auf „Katja“ nicht in dem Maße zu, weil er in Maßen, aber deutlich sichtbar moderner und internationaler wirkt und eine andere Atmosphäre hat.

Robert Siodmak, der „Katia“, wie der Film im Original heißt, inszeniert hat, ging aus Deutschland in die USA und hatte sich seine Sporen im Thriller verdient, genau gesagt in der „Schwarzen Serie“ mit ihren oft labyrinthischen Handlungen und ihrem deterministischen Ansatz.

Wir meinen, diese Ausrichtung merkt man „Katja“ noch an. Der Film bewegt sich, wo erforderlich, in schnellen Sprüngen, die einzelnen Szenen sind aber präzise ausgeformt. Die junge Romy Schneider muss man nicht groß führen, damit man ihr alles glaubt, was ungeteilte Liebe bedeuten kann, aber wir hatten den Eindruck, unter der Oberfläche brodelte es wirklich schon.

Vor allem im Mädchenpensionat zeigen einige Einstellungen und Dialoge eine stolze und auch etwas überhebliche junge Frau, die keineswegs um die Gunst des Publikums buhlt. Die Szenen erinnern auch an „Mädchen in Uniform“, der ein Jahr zuvor entstanden war. Zur großen Liebenden wird die Gräfin Dolgoruki erst im Lauf von „Katja“.

Es ist alles logisch, was passiert. Und vorherbestimmt. Wie der Zar denkt, spiegelt dieses Schicksalhafte allerdings am wenigsten, denn er wirkt wie einer, der sich der Gefahr nicht bewusst ist, die er selbst herbeibeschwört, indem er, zumindest in filmischer Verdichtung, dieses uralte System Russlands im Expressgang modernisieren wollte. Gegenüber einem Revolutionär, den er in der Zelle besucht und der ein Attentat auf ihn verüben wollte und zum Zaren hasserfüllt sagt, er behandele die Russen wie Kinder, äußert der Zar: „Aber das sind sie ja, zur Selbstständigkeit (i. S. von Demokratie) muss man sie erst erziehen.“

Die Diskussion bis heute nicht beendet und Putinversteher rechtfertigen das mittlerweile halbdiktatorische heutige System damit, dass das im Grunde immer noch so ist und überhaupt das Land zu groß. Putin, der ausgebildete Geheimdienstler mit dem dramatisch guten Sinn fürs Machbare, hat’s verstanden. 

Der romantisch veranlagte Alexander II. in „Katja“ nicht, obwohl er dem Revolutionär gegenüber doch die Weisheit ausspricht, dass es Zeit braucht, um ein damals besonders rückständiges Riesenreich in die Moderne zu führen. Wie die Sache später gelaufen ist, wissen wir, und es hat leider auch unzählige Menschenleben gefordert. Die ja auch nichts wert sind, wie im Film die Revolutionäre äußern, die eindeutig als Typen nach der Art der späteren Bolschewiki, speziell der politischen Kommissare, gezeichnet wurden.

Allerdings ist der Film auch weitaus mehr geneigt, auf die Tränendrüse zu drücken als die Sissi-Filme, von der Krankheit der Kaiserin in Teil 3 abgesehen – weil er kurz, dramatisch, unaufhaltsam auf das gewaltsame Ende der Liebe zusteuert.

Dass es uns nicht so recht reingezogen hat, lag zum einen daran, dass wir immer wieder versucht haben, uns das reale Szenario hinter dem Film vorzustellen und mit Curd Jürgens als Alexander II nicht recht klar kamen. Er wirkt einfach zu germanisch. Auch wenn die Königs- und Kaiserhäuser alle miteinander verwandt waren (die Frau Alexanders II. war Deutsche, wie schon Katharina die Große), irgendwie ist er als Typ zwar sympathisch, weil er modern denkt und handelt, aber für das, was er nun einmal darstellt, wofür er ausgebildet wurde und auch angesichts seiner Lebenserfahrung etwas zu naiv im Amt und neben dem Amt.

Fazit

Zum Abschied nehmen von Sissi, bevor Romy Schneider in Frankreich eine zweite Karriere startete, ist „Katja“ nicht sehr geeignet, obwohl Kostüme und Ausleuchtung sie genauso glänzend präsentieren wie in den Sissi-Filmen. Sie wirkt erwachsener, das lässt sich nicht verleugnen.

Man hätte einen anderen Stoff nehmen müssen, um die Menschen zu erfreuen.

Wer lässt sich verführen von einem Film, in dem es beinahe ohne Pause Attentate und Attentatspläne gibt? Für einen politischen Film hingegen ist die bezogene Stellung zu unklar, sodass man den Eindruck hat, Alexander war der einige vernünftige Mensch in Russland, sowohl sein Hof als auch die Revolutionäre sind nur dazu da, aus Unverständnis ein junges Glück zu zerstören.

Die Fakten, der reale Hintergrund der Geschichte, sind aus dramaturgischen Gründen komprimiert und zum Teil auch verändert worden. Daher lernt der Zar Katja erst im Mädchenstift kennen, in Wirklichkeit hat er sie erziehen lassen, weil ihre Familie verarmt war, kannte sie schon als Kind. Hätte man das so dargestellt, hätte die Urgewalt der ersten Begegnung, die ein besonderer Moment im Liebesroman ist, manchmal sogar der Höhepunkt, nicht so herausgestellt werden können.

Das Zusammenfallen des  des Attentats mit dem Tag der geplanten Heirat mit Katja und dem Tag der Verfassungsproklamation, stimmt auch nicht. Aber es lässt sich natürlich auf diese Weise wirksam zeigen, dass die Konservativen und die Linken gleichermaßen dafür gesorgt haben, dass der menschenfreundliche Zar Russland eben nicht nach vorne bringen – und damit möglicherweise vor den Revolutionen des frühen 20. Jahrhunderts bewahren konnte. Eine politische Botschaft der menschenfreundlichen, das feudale System aber nie in Frage stellenden Handhabe steckt also schon darin. 1959 war die Zeit für mehr Differenzierung nicht gerade günstig.

Aber wir fanden „Katja, die ungekrönte Kaiserin“ nicht so schlecht wie z. B. Bosley Crowther in seiner zeitgenössischen Rezension in der New York Times, wir gehen auch etwas höher als der Durchschnitt der (wenigen) Nutzer in der IMDb, die den Film bisher bewertet haben (5,7/10) und werten mit  

64/100

Die Rezension entstand im Jahr 2014 und wird im Rahmen der Rubrik „Filmfest“ des neuen Wahlberliners mit Datum 30. Dezember 2018 erstmals veröffentlicht.

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Robert Siodmak
Drehbuch Charles Spaak
Produktion Michel Safra für Spéva-Films
Musik Joseph Kosma
Kamera Michel Kelber
Schnitt Luise Schuste

Romy Schneider: Katja Dolgoruki
Curd Jürgens: Zar Alexander II.
Pierre Blanchar: Koubaroff, Polizeiminister
Antoine Balpêtré: Kilbatchich, Revolutionär
Monique Melinand: Die Zarin
Françoise Brion: Sophie Perovski, Studentin
Margo Lion: Vorsteherin des Mädchenpensionats Smolny
Hans Unterkircher: General Paskiewitsch
Helene Lauterböck: erste Hofdame
Senta Berger: zweite Hofdame
Egon Jordan: Flügeladjutant des Zaren
Heinz Czeike: Der Zarewitsch
Michel Bouquet: Bibesco
Gabrielle Dorziat: Direktorin des Institutes Smolny

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