Alter Ego – Tatort 844 / #Crimetime #Tatort # #Dortmund #Faber #Bönisch #Dalay #Kossik #WDR #Alter #Ego

Crimetime 211 - Titelfoto © WDR, Willi Weber

Vorwort 2019

Anlässlich des 13. Faber-Tatorts „Zorn„, der morgen Premiere haben wird, stellen wir die Rezension von „Alter Ego“, dem ersten Film des aktuellen Dortmund-Teams vor. Sie wurde 2012 für den „ersten Wahlberliner“ geschrieben. Wir starten damit die neue Vorgehensweise, vorhandene Rezensionen in die aktuelle Reihe „Crimetime“ auch dann zu integrieren, wenn Filme nicht aktuell wiederholt werden – um weiterhin eine hohe Frequenz aufrecht erhalten zu können. Einige ältere Tatorte werden sehr häufig wiederholt, andere seltener. Eine Systematik ist dahinter nicht immer erkennbar – oder warum wurde ausgerechnet der Berliner Tatort „Ätzend“ innerhalb der sieben Monate, die der neue Wahlberliner nun besteht, mindestens vier Mal wiederholt? So herausragend ist er nun nicht. Viele als Highlights der Reihe geltende Filme hingegen wurden seit Jahren nicht mehr gezeigt.

Wir wollen aber alle geschriebenen Kritiken hier präsentieren – und dabei zunächst und im Wesentlichen nur die Optik und stilistische Kleinigkeiten an die heutige Gestaltung der Reihe anpassen und Fehler entfernen, die uns bei der Durchsicht ins Auge gesprungen sind.

Aufgrund der ausführlichen Rezension, die das damals neue Dortmunder Team besonders beleuchtet und durch dieses beigefügte Vorwort ist die Besprechung von „Alter Ego“ eine der umfangreichsten, die wir bisher für „Crimetime“ verfasst haben. Und sicher einer der  ersten Beiträge, in dem ein zentrales Thema des „neuen“ oder „zweiten“ Wahlberliners erwähnt wird: Die Gentrifizierung.

Et is, wie et is.

Frau, Mann, Mann, Mann, Frau, Frau … was soll’s. Die Welt ist ein Ort der Konfusion und einen Mord in einer solchen Welt kann man nur klären, wenn man sich als Mann in den Täter und als Frau in die Opfer versetzen kann, nicht etwa durch technische Mittel, denn jetzt hat man endlich den Dreh gefunden, die DNA-Analyse zu verhindern: Ein Desinfektionsmittel von chemisch recht komplexer Struktur, entsprechend der komplexen Struktur der Welt, der Morde, der Beziehungen und Motive.

In „Alter Ego“, der ziemlich vom alten Ego Peter Faber (Klaus Hartmann) als neuem Chef der Dortmunder Mordkommission beherrscht wird, muss man die vielen Botschaften, Texte und Subtexte und alles, was dieser Krimi transportiert, im Grunde einzeln abschichten, um die Qualität der Darstellung all dieser Aspekte einzeln bewerten zu können. Wir versuchen das nach Kräften in der -> Rezension.

Handlung

Dem Team der Dortmunder Mordkommission bleibt keine Zeit, den neuen Chef im Polizeipräsidium richtig zu begrüßen: Peter Faber und seine eigenwilligen Ermittlungsmethoden erleben die Kollegen direkt im Einsatz am Tatort. Der Student Kai Schiplok wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden, nackt und nur mit einem Tuch verhüllt. Erste Spuren deuten auf ein Eifersuchtsdrama hin. Das Mordopfer war bekannt für seinen lockeren Lebenswandel. Darunter hat sein Exfreund Lars Bremer offensichtlich gelitten.

Daniel Kossik muss sich derweil erst einmal an Fabers Ermittlungsmethoden gewöhnen: Wenig begeistert ist er, dass sein Chef ihn zu verdeckten Ermittlungen in eine Schwulenbar beordert, obwohl er doch eigentlich Tickets fürs Stadion hat. Hätte nicht die Kollegin Martina Bönisch den Chefposten übernehmen können? Sie wäre doch eigentlich dran gewesen. Ganz andere Sorgen beschäftigen Nora Dalay. Ob es wirklich eine gute Idee war, die letzte Nacht mit ihrem Kollegen Daniel zu verbringen? Zumal sie gemeinsam im beruflichen Umfeld des Mordopfers ermitteln. 

Die Spurensuche führt die Kommissare in ein Dortmunder High-Tech-Unternehmen, wo das Mordopfer zuletzt ein Praktikum gemacht hatte. Bei Firmenchef Dr. Hendrik Strehlsen und dessen Mitarbeiter Sebastian Lesniak hinterließ Schiplok einen bleibenden Eindruck. Da geschieht ein zweiter Mord. Wieder ist der Tote nur mit einem Tuch bedeckt.

Rezension

Wir schreiben erstmal über unsere ersten Eindrücke. Woher kommt es, dass uns Faber und sein Ding sofort an Steier in Frankfurt erinnert haben? Es ist das Düstere, das über allem liegt. Das Einsame und Verlorene, das Existenzialistische. Da ein wenig Alkohol, hier das eine oder andere Tablettchen, beides im Grunde gegen dieselbe Krankheit: Weltschmerz. Dann ist da ein Tick Köln drin, wie auch nicht, dieselbe Firma ist für die Produktion der neuen Dortmund-Tatorte zuständig wie in der Domstadt. Ein Neuer kommt und wird Chef, eine erfahrene Kraft geht ins  zweite Glied zurück. Hier, weil Hauptkommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) es so wollte, anders als seinerzeit bei Freddy Schenk, der den Ballauf nicht vor der Nase wollte. Das ist lange her und doch, hat sich so viel verändert?

Schwule Männer werden selbstverständlich nicht erstmalig in einem Tatort gezeigt, die erwähnte Kölner Schiene hat vor Kurzem mit „Altes Eisen“ ins Milieu gegriffen, aber sie ist hier nicht Teil, sondern Gesamtszenario. Jeder könnte schwul sein. Der junge Oberkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske). Sein Chef. Wie er da vom Täter einen Kuss, einen Todeskuss, wenn man so will, einfordert, das wirkt mehr als warm, das ist heiß. Die ganze Bionik ist irgendwie schwul. Humanoide Roboter haben was voll Schwules. Nur Lesben gibt es nicht, da ist das alter ego vor. Schade, keine Ausgewogenheit nach Kölner Art. Eine Menge Political Correctness ist trotzdem vorhanden. Zum Beispiel, dat et is, wie es is. Dazu mehr in der Rezension.

Am besten arbeitet man bei diesem Film wirklich alles der Reihe nach ab, was es zu schreiben gibt, sonst kommt man auf keinen grünen Zweig. Auch die Tatsache, dass es sich bei den immerhin vier Dortmund-Cops um ein neues Team handelt, das man sich erst erschließen muss und dass es so viele Aspekte und Schwingungen in diesem Film gibt, lassen diese Vorgehensweise angeraten erscheinen. Bei einer Tatortrezension via Wahlberliner ist das für uns neu, auf anderem Feld hat sich diese Art von Akribie bewährt.

Das Team

Gleich vier Cops, da kann man über ein zu schmales Ermittler-Tableau nicht klagen. Dafür gibt es (bisher) keine Staatsanwälte, Kriminaldirektoren, Familienmitglieder und weiteres Personal. Vom unumgänglichen Rechtsmediziner abgesehen, der in Dortmund Jonas Zander heißt (gespielt von Thomas Arnold) und mal Fliege trägt, eine kleine Reminiszenz an den berühmten Kollegen Karl-Friedrich Boerne.

Jörg Hartmann als Peter Faber ist der wuchtige Charakter, den es mal wieder braucht, an dem man sich reiben kann, dessen Worten, Blicken, dessen Mienenspiel und dessen Gesten man gespannt verfolgt. Dass er „Psycho“ ist, wie Jungkollege Kossik nicht so weit hergeholt konstatiert, das ist allerdings klar. Wie einige Figuren, die in den letzten Jahren von tatortproduzierenden Sendern erschaffen wurden, kann man nicht sagen, dass dieser Mann wirklich ohne Weiteres auf einer ganz normalen Polizeidienststelle vorstellbar ist und so ein richtig Glatter und jovialer oder sogar mit Manieren ausgestatteter Zeitgenosse ist. Immer wieder erinnert er uns an den vermutlichen Bruder im Geiste Klaus Steier (Joachim Król) aus Frankfurt. Selbst die Atmosphäre, die ihn umgibt, ist ähnlich. Da ist etwas Gebrochenes und doch ein großer Antrieb, da ist Einsamkeit und Dichte und Vieles, was uns noch verborgen bleiben muss, Things to come (maybe).

Faber kommt auch von woanders zurück, nämlich aus Lübeck wo er offenbar seine Frau verloren hat, dringt in seine Heimatstadt Dortmund ein, stellt sich auf Dächer, dass mancher glaubt, er wolle springen, fährt aber einen ollen Saab 900 und reiht sich damit in die Riege derer ein, die noch nicht ihre Kisten mit Erinnerungen ausgepackt haben, aber sich anhand ihrer Autos als Individualisten erster Klasse outen. Na gut, wenn es denn das Auto sein muss, dann ist es das Auto. Et is, wie et is, das lernen wir mehrfach, in diesem Film, einmal auch explizit.

Nicht explizit, aber erkennbar zum Beispiel anhand des Verhaltens von Martina Bönisch. Sie wollte den Führungsjob nicht, den Faber jetzt innehat. Man weiß auch gleich, warum. Das Telefon! Die Familie! Einen herbblonden Moment lang glaubt man, Charlotte Lindholm sei auch südwestwärts migriert. Doch man merkt schnell den Unterschied. Böhnisch ist unprätentiös, lässt Faber Chef sein und geht auf sein Method Acting in Sachen Täterpsyche ein. Er wühlt sich in die Bösen hinein, macht das Böse zu seinem alter ego, manchmal verschmilzt alles, am deutlichsten, wenn er eine widerspenstige Dose Ravioli kalt mit dem Messer aufsticht, wie ein Mörder mit dem Messer auf sein Opfer einsticht – Martine Bönisch aber fühlt sich in die Opfer und entwickelt eine Angstlust in der Gegenwart des täterlastigen Faber. Da haben sich schon zwei gefunden, die noch große Ermittlungsarbeit vollbringen können. Und die Bönisch wirkt manchmal mit ihrem subtilen Lächeln warm und verständig. Sie und nur sie sorgt für ein paar weniger unterkühlte Momente in diesem Film namens „alter ego“, den Titel haben wir oben zu deuten versucht.

Sehr praktisch, diese Veranlagung der beiden KHK, besonders, wenn man nicht nach heutigen Maßstäben konventionell ermitteln kann und gleich aus einem bis zwei Morden eine Serie herausliest – ansonsten sind Profiler nutzlos – weil ein schlauer Mensch es unmöglich macht, dass an den Opfer DNA-Spuren festgestellt werden können. Das ist der Clou für alle künftigen Tatorte. So schafft man es, die Technik doch auszutricksen, die in der Wirklichkeit für eine Mordaufklärungsquote nahe 100 % sorgt.

KHK Martina Bönisch klammert dieses Ermittlungsteam, indem sie Faber überhaupt mal was vom Team erzählt. Schon der Fußball bei der Deutschland-WM 2006 hieß „Teamgeist“, daran merkt man, der Teamgeist ist Zeitgeist und der Zeitgeist, ist nun auch im Tatort angekommen und wabert in vielen Schichten durch die Folge 844. Dass er den Fall nicht komplett zunebelt, ist der Tatsache zu verdanken, dass die Figuren ihn fraglich machen, besonders natürlich Faber. Und daran, dass der Fall an sich radikal einfach gestrickt ist.

So einfach, dass ihn mit etwas mehr Zeit (gefühlt wird hier alles binnen zwei Tagen ausermittelt) auch die Jungkommissare Daniel Kossik & Nora Dalay lösen würden, denn so viele Verdächtige, die wirklich infrage kommen, gibt es nicht. Normalerweise wäre ein halbwegs elaborierter Fall gar nicht zusätzlich in die Einführung der ganzen Figuren zu zwängen. Aber da es nunmal den Faber mit seinem phänomenalen Gespür für Mörder gibt, werden die Jungkollegen an den Rand gedrängt und der Fall wird en passant gelöst. Die taffe Migrantenhintergrundkarrieristen und der etwas einfache BVB-Anhänger sind Assistenten und es ist kaum zu begreifen, dass z. B. die Bönisch was dagegen hat, dass die beiden auch ein Paar sind. Eifersüchtig ist sie bestimmt nicht. Im Dienst soll das halt nicht sein mit der Erotik, schon wegen des Vieraugenprinzips, aber wäre es nicht so, dann hätte es diese prächtige Anfangszene nicht gegeben, in der sexuelle Höhepunkte mit Mordszenen so geschnitten werden, dass eine Frau nach dem Höhepunkt frappierende Ähnlichkeit mit einem Mann nach dem Exitus aufweist. Das ist over the top, aber die Tendenz zu immer mehr Wums in den Anfangszenen entspricht ja ebenfalls dem Zeitgeist.

Profil müssen die beiden Figuren erst noch gewinnen, die Frage Liebe oder Karriere, Zweikörperkontakt oder Vieraugenprinzip, wird auf Dauer nicht ausreichen, die beiden im Spiel zu halten. Man kann es natürlich auch positiv sehen, dass sie nicht in ihrem Alter schon so viele Marotten haben wie der vom Leben geschüttelte Faber, denn wo würde das hinführen, teammäßig, zeitgeistmäßig und tatorfallermittlungsmäßig? Da werden noch Eskapaden kommen und vielleicht noch mehr Protest von Kossik, dem Faber gleich mal ein Borussia-Heimspiel vergeigt hat, weil er ihn als vorgeblichen schwulen Partner im „Chelsea“ brauchte. Als die beiden dann dort waren, merkte man gleich, das war ein Egotrip von Faber, er hätte auch allein hingehen können. Dann hätte vielleicht er, nicht  Kossik, den Makler kennengelernt, der die Ermittlungen voranbringt. Wieso heißt diese Bar eigentlich „Chelsea“? Na, na? Na klar. Weil Chelsea Bayern im CL-Finale 2012 erlegt hat, und Bayern ist nunmal (neben Schalke, wie Faber weiß und womit er kokettiert) der Reizgegner der Dortmunder. Sowas von kreuz und quer gedacht, man kommt wirklich mit den vielen guten und weniger guten Subtexten nicht nach.

Gesellschaftliches

Wir machen auch gleich mit den Subtexten & Aspekten weiter. Herrliche Toleranzbotschaften: Eine kennen wir schon. Ein Faber ist im Tatort möglich, im realen Polizeidienst wäre er nicht nur der gezeigte Sonderling, sondern würde vermutlich nach kürzester Zeit so gemobbt, dass seine Dosis an Psychopharmaka ins Unermessliche steigen würde. Doch hier is et, wie et is. Das gilt für die erfahrene Kollegin, die Faber akzeptiert, das gilt in vielen Dingen. Es gilt, wenn es darum geht, religiöse Fanatiker als solche zu brandmarken, was Faber ganz offen tut – obwohl sie letztlich mit den Morden an den homosexuellen Männern nichts zu tun haben. Aber doch ist es Intoleranz, die eine Mitschuld an diesen Taten trägt. Da ist nämlich auch der alte Strehlsen, Vater des Täters, Übervater, Dominanzfigur, der seinem ca. 40jährigen Sohn noch eine klebt und das schwule Pack verabscheut.

Der Sohn geht offiziell in der Spur, führt eine erfolgreiche Firma, hat eine hübsche Frau, eine Tochter – und kann seine vorhandenen, homosexuellen Neigungen nicht ausleben. Das Unterdrückte äußert sich in Eifersucht, im Nichtumgehen können mit der libidinösen Einstellung jüngerer, experimentierfreudiger Männer und in missbrauchter Liebe, die in Hass umschlägt. Unterdrückung, die in Gewalt explodiert. Diese Botschaft ist nicht neu, aber sie kommt hier recht glaubwürdig und in den handelnden Charakteren nachvollziehbar daher. Der zweite Mord hingegen erschließt sich psychologisch nicht vollständig, da wirkt die Gewaltspirale deutlich überdreht. Der Makler aus der Szene wäre wohl das nächste Opfer geworden, hätte Faber nicht dieses verdammt gute Gespür. Woran man übrigens sehen kann, wie viel so ein Gespür gegenüber zeitraubender technischer Ermittlung wert ist, denn auch wenn wir oben schrieben, dass Jungkommissare irgendwann auch auf den richtigen Verdächtigen als Täter gekommen wären – bis dahin wäre wohl wieder jemand gewaltsam  zu Tode gebracht worden. Wenn nämlich ein solcher Typ wie der im Grunde smarte Strehlsen mal anfängt zu morden, gibt es kein Halten mehr. so suggeriert es der Film. Da ist eine Sicherung herausgesprungen und niemand wird das beheben können. Ob dieser Charakter allerdings glaubwürdig ist, mag dahingestellt bleiben.

Glaubwürdiger, wenn auch wie eine Figur aus anderer Zeit wirkt der Vater des zweiten Opfers, Thomas Bremer als Taubenzüchter und damit als Ruhr-Original. Seine Vögel fliegen in die Freiheit, in der jeder sein darf, wie er ist. Zum Beispiel ein Taubenzüchter, dessen Tiere Anspruch darauf haben, nicht vergiftet zu werden. Die Wirklichkeit sieht jemanden, der von der Gentrifizierung bedroht wird, wir kennen das aus Berlin, wo ganze Milieus, Kieze, Lebensmodelle weggentrifiziert werden, trotz Milieuschutz mancherorts. Genial ist, dass es nicht nur ist, wie es ist (der Spruch, unser heutiges Leitmotiv, stammt von dieser Nebenfigur). Männer und Frauen sind, wie sie sind, homo- oder heterosexuell. Der Taubenzüchter möchte sein Leben leben dürfen, als Sonderling, so, wie er ja auch nichts dagegen hat, dass die überall einträufelnden Yuppies so wenig sonderbar sind. So einheitlich. So austauschbar. Das sitzt. Weil es wahr ist. Die Normalen, die  Übernormalen und Überangepassten sind diejenigen, vor denen man Angst haben muss, nicht die sonderbaren Taubenzüchter und auch nicht die Kommissare mit einem Tick oder gleich mehreren. Obwohl, der Faber kann einen schon anfassen, in seiner Art. Der „Tatort“ ist die buntere, die schönere und reichhaltigere Wirklichkeit gegenüber der wirklichen Wirklichkeit, auch wenn er mal wieder sehr farbschwach abgelichtet wurde.

Dass das vielschichtige Werben für Toleranz in einer Form, nämlich in Bezug auf religiöse Fanatiker, die hier etwas plakativ als amerikanischen Vorbildern folgende christliche, homofeindliche Sekte gezeigt werden, jetzt gerade brandaktuell im wörtlichen Sinn ist, wo gerade zuvor in der ARD das Thema Beschneidung aus religiösen Gründen lief und überall wegen eines Schmähvideos gegen den Propheten Mohammed die Wogen hochgehen und die Meinungen auseinander, das konnte man wohl nicht ahnen, als der Film produziert wurde, es gibt seiner Botschaft aber zusätzliche Prägnanz und Relevanz.

Als Tatort und Fazit

Die Handlung ist weniger originell als die Verpackung der Botschaft und der Charakter Peter Faber, es geht in 90 Minuten eben nicht alles und es bleibt enorm viel Spielraum für die nächsten Folgen. Sie könnten mehr handlungsorientiert sein und gleichzeitig die Figuren weiterentwickeln. In Frankfurt, anhand des Duos Steier / Mey sehen wir gerade, wie zäh so ein Prozess sein  kann, aber es kann ja auch anders gehen. Wenn man das Ganze nicht zu episch sieht, sondern mal innerhalb weniger Folgen echte Bewegung der Charaktere und deren Situation zulässt, wie es ebenfalls der HR einst mit Sänger / Dellwo vorgemacht hat. Faber hat, wie Steier, ein sehr großes Potenzial dazu, aber der Wunsch ist drängend, dass dieses auch wirklich gehoben wird und nicht alles im Halbgaren endet, im Halbbeliebigen versandet.

Wir verstehen und akzeptieren, ganz der Botschaft des Films folgend, dass man uns erst einmal mit Faber spüren lassen wollte, ihn erspüren lassen wollte, aufnehmen sollten, wie er mit seinen Kollegen interagiert, wie die Atmosphäre der Stadt, der Dienststelle ist, wie die Welt sich verändert, was ja bekanntlich die einzige Konstante ist.  Dieses Motto wünschen wir nun aber auch den Dortmunder Tatorten, damit aus einem deutlichen Statement zu Anfang eine Dynamik entstehen kann, die zu hochwertigen Krimis, auch die Handlung betreffend, führt. „Alter Ego“ ist Letzteres noch nicht, dazu ist der Aufbau zu linear, der Ausgang zu vorhersehbar, die Abfolge von Handlungselementen zu konventionell. Das hat uns erstaunt, wie sich hier Progressives und ziemlich Konservatives zu einem ambivalenten Werk vermischt hat.

Die Dialoge haben zum Beispiel die heute übliche, leicht abgehackt wirkende Literarizität und suggerieren damit kühle Professionalität und Tempo, doch die Aktionen wirken eher gedehnt und die Dramaturgie ist flach gehalten, trotz der Tatsache, dass Faber am Ende entführt wird. Eine Marotte im Übrigen, die uns langsam nervt. Es ist doch wohl klar, dass die für eine lange Serie vorgesehene KHK-Hauptfigur nicht gleich am Ende seiner ersten Folge draufgehen darf und dieser Typ sollte das Gespür dafür haben, solche Situationen zu vermeiden, wenn er sich schon so gut mit der Täterpsyche auskennt.

Es ist, wie es ist. Wie beim Neustart anderer Teams in letzter Zeit fassen wir so zusammen: Interessanter Ansatz, viel Potenzial, aber Luft nach oben. Inklusive Welpenschutz für Neuteams, aber auch wegen der Botschaft: 7,5/10 für „Alter Ego“ und damit leicht über dem Durchschnitt aus bisher 166 Bewertungen.*

*Bezogen auf die ursprüngliche Tatort-Anthologie des „ersten Wahlberliners“ und deren Stand im September 2012.

© 2019, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Peter Faber = Jörg Hartmann
Martina Bönisch = Anna Schudt
Nora Dalay = Aylin Tezel
Daniel Kossik = Stefan Konarske
Jonas Zander = Thomas Arnold
Hauptkommissar Krüger = Robert Schupp
Hendrik Strehlsen = Michael Rotschopf
August Strehlsen = Joachim Bißmeier
Sebastian Lesniak = Ludwig Blochberger
Lars Bremer = Christoph Jöde
Thomas Bremer  = Uli Krohm
und andere

Musik: Stephan Massimo
Kamera: Clemens Messow
Buch: Jürgen Werner
Regie: Thomas Jauch

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