Lastrumer Mischung – Tatort 496 / Crimetime 224 // #Tatort #TatortHannover #NDR #Hannover #Lindholm #LastrumerMischung #Tatort496

Crimetime 224 - Titelfoto © NDR, Wolfgang Meier

Der erste Überfall auf ein ahnungsloses Dorf

So fing das alles an, mit Charlotte Lindholm und den Dörflern. Es war der Tatort 496 und nur 14 Tage vor dessen Ausstrahlung war mit Charlotte Sänger aus Frankfurt eine Art Gegenmodell mit demselben Vornamen in der Großstadt im ersten Einsatz gewesen.

Ständige Leser_innen von „Crimetime“ wissen, dass wir mit der Lindholm-Figur Probleme haben wie mit keiner anderen aus 22 Tatort-Teams und wir haben das ausführlich begründet.

Aber nicht in der Rezension zum ersten Lindholm-Tatort „Lastrumer Mischung“, die aus dem Jahr 2015 stammt und die wir erstmals veröffentlichen. Sie ist der Kritik zum neuesten Lindholm-Tatort „Das verschwundene Kind“ beigestellt und sicher ist es gut, dass man anhand unserer Meinung zum Tatort 496 sieht, dass wir vom Anfang her dachten, nachdem wir spätere Lindholm-Filme längst kannten, als wir den Fall, der nach einer Tee-Spezialität klingt, angeschaut haben. Mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung

Als Johann Knauf und die Philippinin Maria in der Dorfkirche in Lastrum heiraten, ist bis auf den Pfarrer, den Organisten und eine Freundin von Maria niemand anwesend. Einige Wochen später trifft Kriminalhauptkommissarin Charlotte Lindholm vom Landeskriminalamt Niedersachsen in dem kleinen Dorf nahe Vechta ein, um die Ermittlungen im Mordfall Johann Knauf aufzunehmen. In Knaufs Lieblingskeksen „Lastrumer Mischung“ befand sich Gift. Die Kommissarin sieht sich einer verschworenen Dorfgemeinschaft gegenüber, die ihr Urteil schon gefällt hat. Für sie ist Maria die Schuldige.

Im Gespräch mit Lindholm gibt sich die junge Philippinin eher verschlossen. Erst einmal wird die Bäckerei des Ehepaares Breitenfeld geschlossen, was besonders den Unmut von Heike Breitenfeld erregt. Nach und nach lernt die Kommissarin, die im Dorfgasthof abgestiegen ist, die Einwohner des Ortes kennen. So auch die Postbotin Roswitha Porith, mit der sich Charlotte sofort gut versteht. Roswitha erzählt, dass sie eine Cousine zweiten Grades von Johann war und sich nicht vorstellen könne, dass jemand aus dem Dorf ihm etwas angetan habe. Sie ist eine der wenigen, die auch über Maria nicht schlecht spricht. Die Kommissarin erfährt, dass es Streit zwischen dem Bauunternehmer Günter Pries und Knauf gegeben habe, bei dem es um eine eingestürzte Mauer ging, die schwarz hochgezogen worden war, was eine Geltendmachung von Ansprüchen verhinderte. Seitdem seien die beiden Männer sich spinnefeind gewesen.

Weiter zur Handlung: Wikipedia 

Rezension

Wenn man „Lastrumer Mischung“, wie wir, als eine der letzten Ergänzungen im beinahe vollständigen Lindholm-Portfolio anschaut, wirkt dieser Tatort sehr vertraut, denn er ist der Prototyp aller späteren Dorfkrimis, in denen die LKA-Hauptkommissarin aufs Platte fährt und dort die düstere Welt der Landeier  zumindest rechtlich wieder in Ordnung bringt, was stets für einige Verwüstung in den sozialen Geflechten ebenjener Landeier sorgt und  weite Teile Niedersachsens inzwischen traumatisiert hat. Und nicht nur Niedersachsens.

Wir haben uns gefragt, wie es kommen konnte, dass von diesem recht gelungenen Start aus die Lindholm-Tatorte immer überzogener wurden, was die Darstellung der Kommissarin selbst anging. Die vermutliche Antwort ist keine sehr freundliche: Je mehr Einfluss die Lindholm-Darstellerin Maria Furtwängler auf ihre Filme nehmen konnte, desto mehr hob die Filmfigur ab und schuf dadurch ein so eklantantes Ungleichgewicht zwischen ihr und jenen Dörflern, dass nicht nur die Spannung darunter litt, sondern auch das Empfinden eines jeden, der sich zu Recht dagegen wehrt, dass eine arrogante Amtsperson permanent übergriffig wird. Bei der Rezension zu „Schwarzes Herz“ war uns dann der Kragen geplatzt und wir haben uns grundsätzliche Gedanken über das Menschenbild gemacht, das die angeblich so moderne Frauenfigur Lindholm wirklich ausdrückt.

Wären alle Lindholm-Dorfkrimis so gewesen wie „Lastrumer Mischung“, wäre es wohl nicht zu diesem genervten Blankziehen gekommen. Denn hier gibt es stellenweise einen köstlichen Humor zu bewundern, hier wird gezeigt, dass man als Ermittlerin eine coole Socke sein kann, ohne dass man seine Überlegenheit permanent raushängen lassen muss – sondern nur ab und zu. Auch hier gibt es schon einige Übersteiger, wie etwa die Kombinationsgabe der Kommissarin beim Lesen von Flurkarten, in der sie ironische Komplimente gerne annimmt, auch hier darf die PC schon mal etwas plump sein, wie wenn Lindholm sinngemäß sagt, sie würde eine Täterin mit Migrationshintergrund laufen lassen, um nicht als Ausländerfeindin zu gelten – und so ist der Sinn des Bäckerei-Dialoges, der mit jenem Satz endet, tatsächlich zu verstehen. Aber die Mischung macht’s, und die ist hier noch in Ordnung. Das Lindholm-Schema, das beim allerersten Mal natürlich noch keines war, ist noch nicht zu einer Art Ikonografie erstarrt. Während die Haltung der Kommissarin mit der Zeit immer unnatürlicher wirkte, wurden die Plots immer mehr zu sichtbaren Wiederholungen. Das Ding mit einer Frau, die nicht ins Dorf passt, gab es in mindestens einem weiteren Lindholm-Tatort, wobei die Figuren dann schon wesentlich überzeichneter waren.

Aber schon bezüglich „Lastrumer Mischung“ ist die interessante Feststellung zulässig, dass die öffentlich-rechtlichen Sender, die in ihrem Lastenheft für Krimis unter anderem die Vermeidung von Klischees zulasten von Minderheiten stehen haben, ihre Landbevölkerung dermaßen klischeehaft behandeln, dass die Satire darin zwar Spaß macht, aber die Dummheit und Dumpfheit der Leute doch den einen oder anderen Widerwillen hervorruft, der nicht ihnen gilt, sondern der Art, wie sie durch den Kakao gezogen werden. Als wenn Städter immer weltbürgerlich gesinnt wären und nicht zu echt blöden Verbrechensplänen und –ausführungen fähig. Und schaut man sich die Alltagspolizei in Berlin an, nicht die Lindholm-gleichen Kriminal-Überflieger, hat man auch nicht das Gefühl, dass diese Typen nicht auf dem Dorf ebenso authentisch wirken würden. Aber gut, dieser Kontrast zwischen der LKA-Frau und den Bäuerlein da draußen, der wirkt einfach, und in „Lastrumer Mischung“ wird er zudem dadurch erträglich, dass es eine Art Verbrüderung gibt.

Charlotte freundet sich mit der Täterin an und ist dadurch mehr involviert als in späteren Krimis, wirkt mit diesem Von-Frau-zu-Frau-Ding, das ihr von der Postbotin mehr oder weniger aufgedrängt wird, dem sie sich aber nicht auf übermäßig distanzierte Weise entzieht, stimmig, ohne dass die Grundaussage abgeschwächt wird, nämlich, dass das Landleben die Seelen schädigt. Gerade die Figur der Roswitha, von Nina Hoger verkörpert, wirkt sehr authentisch, differenziert und gibt dem Zuschauer mehr als Frau Knauf, die eben ganz und gar Opfer eines Dorfmobs scheint, der aufgrund räumlicher Enge nicht als Flashmob organisiert werden musste, um bedrohlich zu wirken. Gleiches gilt für Martin Felsers Reise aufs Land, und am Ende darf er sogar eine Art Trostgeber für die vom Ergebnis ihrer Ermittlungen etwas angekratzte Charlotte sein und ist noch nicht so sehr der emotional vollständig ausgenutzte Idiot, der Charlotte ebenso hemmungs- wie hoffnungslos anschmachtet. Vor allem das „hoffnungslos“ ist im Lindholm-Starter noch nicht so klar. Sie manipuliert ihn bereits, aber das Ganze wirkt noch nicht wie ein böses Ritual zwischen Machtmensch und Masochist.

Manches ist ein wenig holprig, aber das passt ja zum Dorf mit seinen Äckern und menschlichen Schlaglöchern. Leider hat der Plot wohl in diesen Löchern auch Schlagseite bekommen. So schön die Atmosphäre gestaltet ist, so ansehnlich die Gestaltung des Films heute noch wirkt, wer kommt bitte auf die Idee, eine von Abschiebung bedrohte Clubdame von den Philippinen auf einen Typ anzusetzen, der partout seinen Grund und Boden nicht verkaufen will, damit sie ihn genau dazu bewegt und das auch tun muss, weil die Aussteller falscher Papier sie in der Hand haben? Der Verlauf, dass der einsame Mann und die von ihrem vorherigen Ehemann geschundene, nach Liebe in der Fremde suchende Frau sich tatsächlich näherkommen, heiraten und aufgrund der dadurch erfolgten Aufenthaltslegalisierung der Druck auf die Frau nicht mehr aufrecht zu erhalten ist, der ist ja weitaus wahrscheinlicher als das Funktionieren der verrückten Ursprungs-Idee. Nein, das ist ja gerade das Kennzeichen von Bauern, dass sie bauernschlau sind, und nicht abstruse Pläne aushecken, deren Wahrscheinlichkeit des Gelingens bei unter zehn Prozent angesiedelt ist, denn bei diesen Landleute ein Sinn sehr ausgeprägt ist, dann ist es der Sinn fürs Machbare. Das heißt nicht, dass sie keine dummen Fehler begehen, aber die liegen, wie auch bei den Heist-Movies, dann wohl mehr in Details der technischen Ausführung von Straftaten begründet, welche die Polizei auf die richtige Spur setzen, als bereits im Konzept angelegt. Und warum Roswitha die arme Maria (deren Darstellerin dem Namen nach zu urteilen keine Philippinen, sondern Vietnamesin ist) noch umbringen will, als eh alles zu spät und verloren ist, andererseits aber mit diesem Verbrechen auch nichts vertuscht werden könnte, verstehe wer will.

Fazit

„Lastrumer Mischung“ ist zwar etwas seltsam konstruiert, aber die Figuren, die Atmosphäre, die Ermittlerin und ihr Standing, das alles passt hier noch und bildet einen vielversprechenden Anfang in einem Jahr des großen Stühlerückens in den Tatort-Revieren.

Neben Lindholm und der erwähnten Charlotte Sänger gingen in Münster auch Thiel und Boerne an den Start, ebenso Klara Blum in Konstanz – die Konkurrenz unter den Neuen war also groß. Das Konzept Lindholm hat sich dabei als tragfähig und durchsetzungsstark erwiesen, zumindest, wenn man die hohen Einschaltquoten für die Blonde aus dem Norden zum Maßstab nimmt. Viele Fans der Reihe jedoch, die sich intensiv mit dem Thema „Tatort“ befassen, haben einen ähnlichen Eindruck wie wir: Das Konzept wurde mit „Lastrumer Mischung“ nicht erfunden, denn Ausflüge von Kommissaren mit städtischer Prägung aufs Land gab es schon lange vor der Lindholm-Etablierung, aber die Idee, eine selbstbewusste Frau auf die männlichen Landbewohner loszulassen, hatte noch einen besonnderen Drive  und stellte eine neue Variante des Stadt-Land-Kontrasts dar, den man dadurch besonders pointiert in Szene setzen konnte. Archaisch konnte auf diese Weise mit patriarchalisch gleichgesetzt werden, man sieht es, wenn Männer unter sich sind und lediglich Rang- und Bildungsunterschiede Stoff für witzige Schwarz-Weiß-Figurenmodellierung bieten.

Der mit „Lastrumer Mischung“ geschaffene Lindholm-Kosmos ist noch heute modern, weil sich gerade auf dem Land nicht so unglaublich viel verändert, aber er ist leider überdehnt worden und der Weg zurück zu den vielversprechenden Anfängen ist nicht so einfach.

7,5/10 

© 2019, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Roswitha Porith – Nina Hoger
Martin Felser – Ingo Naujoks
Axel Breitenfeld – Eckhard Preuß
Günter Pries – Uwe Rohde
Holger Funke – Sven Walser
Peter Rönnau – Michael Trischan
Maria Knauf – Minh-Khai Phan-Thi
u.a.

Drehbuch – Volkmar Nebe, T.U. Hemjeotmanns
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Joerg Widmer
Produktionsleitung – Rolf L. Freisler

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