1000 Beiträge in 240 Tagen – Interview mit dem Herausgeber

2019-08-29 1000 Beiträge WBDer „neue“ oder „zweite“ Wahlberliner ist nun seit 240 Tagen online und hat in dieser Zeit 1000 Beiträge veröffentlicht. Ziel erfüllt?

Bisher ja. Geplant waren mindestens drei pro Tag und ein Durchschnitt von vier. Ersteres haben wir allerdings in letzter Zeit auch mal gerissen, dadurch ist natürlich auch der Tagesdurchschnitt gesunken, weil wir nicht ohne Weiteres fünf oder zehn Beiträge bringen können, um Tage mit wenig Zeit oder wenig Motivation auszugleichen.

Wenig Motivation? Kann es sowas geben?

Es gibt Menschen, die sind sowas von intrinsisch motiviert, daran arbeiten wir permanent, aber neben diesem von innen her kommt es auch auf die Gleichmäßigkeit an. Wir haben nicht jeden Tag gleich viel Zeit und Kraft. Vor allem seit dem Einstieg in den Mietenwahnsinn spielt die Kraft auch eine große Rolle. Dieses Thema zehrt eine Menge Energie. Sicher, drei Filmrezensionen am Tag schreiben würde uns ebenso an die Grenze bringen. Aber auf eine andere Art. Erschöpfung ist nicht gleich Erschöpfung.

Aber es ist doch ein großer Erfolg, an 240 Tagen hintereinander immer publiziert zu haben. Wer kann schon 240 Arbeitstage am Stück vorweisen?

Aber ja. Die Gesamt-Wörterzahl liegt bei etwa 1,3 Millionen, das sind umgerechnet 30 Romane.

Das heißt aber nicht, dass wir lieber 30 Romane geschrieben hätten?

Man muss es ja auch können. Fifty-Fifty wäre das optimale Verhältnis, also umgerechnet zwei Romane pro Monat. Scherz, muss auch sein.

Aber es gibt nicht nur die reine Zahl an Beiträgen, sondern auch eine Entwicklung – die Leser_innenzahlen beispielsweise.

2019-08-30 In eigener Sache TendenzstatistikDie Tendenz ist okay. Was die Außenwahrnehmung angeht: Wenn man nicht die falschen Vergleiche zieht, etwa mit Journalisten, die an große Medien angebunden sind, mit Politikern, die öffentlich bekannt sind, mit Initiativen, die als Betroffene unseres oben genannten Hauptthemas anders wahrgenommen werden, bei denen die Solidarität eine wichtige Rolle spielt, ist die auch okay. Wir müssen uns mit jedem Beitrag neu einbringen. Wir haben die Entwicklung in einer einfachen Grafik abgebildet. Vor allem die Kontinuität in letzter Zeit ist erstaunlich.

Was läuft besonders gut?

„Crimetime“ liegt im Plan. „Crimetime“ und „Filmfest“ sollen zusammen einen Beitrag pro Tag zeigen – im Schnitt – und das schaffen sie sehr gut. Allein Crimetime kommt gerade auf 230, wobei es bereits einen auf – geplant – 16 Teile aufgeteilten Beitrag gibt, der nur eine Nummer hat, die Rezension zu „Babylon Berlin“. „Filmfest“ steht sozusagen in Reserve, um zwangsläufige Rückgänge bei „Crimtime“ auszugleichen, wenn wir in der Abarbeitung der Tatorte, die im Wesentlichen der Inhalt von „Crimetime“ sind, weiter vorrücken. Wir veröffentlichen bisher fast ausschließlich Rezensionen zur Reihe, wenn der entsprechende Film gezeigt wird. Insgesamt liegen „CT“ und „FF“ derzeit bei 246 Beiträgen.

Wo hakt es besonders?

Seit wir „Filmfest“ und „Crimetime“ einer Gesamtbetrachtung unterziehen, also beide Kategorien insgesamt einen Artikel pro Tag beisteuern sollen, ist „Filmfest“ keine Baustelle mehr. Wir haben diese große Reserve von über 1.600 hier noch nicht veröffentlichten Beiträgen, davon über 1.300 noch nie, und weitere 400 für „Crimetime“, die hier noch nicht gezeigt wurden.

Aber es hakt bei der Bearbeitung der politischen Themen. Wir sind zu langsam und leider auch zu fehlerhaft. Ersteres lässt sich kaum beheben, leider. Das wäre nur der Fall bei Originalreportagen, und selbst bei ihnen wären große Medien technisch im Vorteil, wenn sie vom betreffenden Ereignis ebenfalls berichten. Wir können einen Mehrwert bieten, indem wir einen eigenen Blickwinkel einbringen.

Faktenfehler?

Kommen auch vor, aber häufiger Tippfehler und Umstellungsfehler – Satz wurde geändert, aber versehentlich nicht komplett, sodass es bei der Grammatik hakt. Aktualitätszwänge lassen das „Liegenlassen“ nicht zu, das fast so gut ist wie ein Fremdlektorat bzw. die Redaktion seitens einer weiteren Person. Im Grunde braucht ein Beitrag drei Revisionen, bis fast alle Fehler raus sind, wenn diese Drübersichten von derselben Person vorgenommen werden, die außerdem den Beitrag verfasst hat.

Weiterhin dürfen diese Revisionen nicht innerhalb eines Tages erfolgen, sondern am besten im Abstand von jeweils einer Woche, dann fallen auch Stilfehler wie zu häufige Wortwiederholungen oder Füllwörter fast immer auf. So viel Zeit haben wir aber nie. Und es ist zu berücksichtigen, dass man bei den Texten anderer Autoren Fehler sofort sieht, die bei den eigenen nicht auffallen. So sind wir Menschen konstruiert. Wer jahrelang eine Schreibgruppe geleitet hat, kommt nicht umhin, dieses Phänomen kennenzulernen.

Aber man könnte doch nachträglich revidieren?

Tun wir immer dann, wenn wir merken, dass Beiträge besonders erfolgreich sind. Dann schauen wir regelmäßig drüber. Damit nicht zu viele Menschen zu viele Fehler sehen. Was aber aussteht, ist eine Routine-Überprüfung. So wenig perfektionistisch es klingen mag: Es gibt eine wichtigere Baustelle, die zuerst geschlossen werden muss. Das ist die Archivierung. Diese nimmt auch einige Arbeitszeit in Anspruch.

Die war doch immer sehr konsequent?

Wir sind mittlerweile dazu übergegangen, Beiträge und Quellen nicht mehr in allen Fällen sofort nach Verwendung offline zu archivieren – mit allen Risiken, die das beinhaltet. Wenn Quellen schnell wieder aus dem Netz genommen werden, weil wie brisant sind, und das gab es schon, saßen wir nachweismäßig auf dem Trockenen. Wenn wir konsequent sein wollten, müssten wir nicht nur alle verwendeten oder verlinkten Artikel offline dokumentieren, sondern auch jedes Social-Media-Posting, das wir in Beiträgen verlinken oder in sie einbauen. Während der Arbeit an den Artikeln, ab dem Nachmittag in der Regel, geht das gar nicht. Es muss extra laufen, nach 21 Uhr, wenn wir in der Regel nicht mehr publizieren, weil dann die Resonanz nachlässt.

Wie soll die Archivierung gesteuert werden?

Wir sind immer noch dabei, das Vorgängerblog fertig zu archivieren. Das sollte nun aber wirklich in den nächsten Tagen abgeschlossen werden, dann wird es vom Netz genommen. Im Folgenden beginnen wir mit der chronologischen Durchsicht aller Beiträge des neuen Wahlberliners und tragen sie zudem in die neue Excel-Gesamtübersicht ein, die es seit ein paar Wochen gibt. Vermutlich müssen dann auch Nummerierungen überarbeitet werden; wir zählen die Beiträge zu den einzelnen Kategorien durch, um jeden Beitrag schnell finden zu können. Das ist aber nur sinnvoll, wenn dessen Kategorie + Nummer innerhalb der Kategorie in einem Gesamtarchiv hinterlegt sind. Außerdem gibt es Unschärfen bei den Kategorien „Medienspiegel“ und „Social Media Hotspot“ – eine Nummer pro Beitrag oder eine pro verwendeter Quelle? Bisher ist diesbezüglich eine gewisse Launigkeit zu beobachten.

Wie auch bei diesem Beitrag, denn ob sich viele Leser für administrative Interna interessieren, ist fraglich.

Also wieder nach außen – das „große“ Vorgängerblog „Der Wahlberliner“, das von 2011 bis 2016 online war, kam auf etwa 1.500 publizierte Beiträge in sieben Jahren – jetzt sind es nach 240 Tagen genau 1.000. Dieser hier, am Tag 241, nachdem der „neue Wahlberliner“ online gegangen ist, trägt die Nummer 1.001. Das ist doch ein Grund zum Feiern.

Was bleibt, ist, dass der Aufbau einer Leserschaft heutzutage viel schwieriger ist als vor neun Jahren, die Social Media spielen eine andere Rolle und jenseits der oben genannten Vergleiche ärgert uns eine Sache schon – dass man mit zehn einzeiligen Tweets am Tag wesentlich mehr Menschen erreichen kann als mit zehn fundierten Beiträgen. Das fordert zur Medienkritik, wenn nicht zur Kulturkritik heraus. Außerdem müssen diese Tweets dann auch immer sehr pointiert sein und wir mögen’s manchmal lieber seriös und differenziert.

Warum nicht eine Kombination? Wir sind doch erfahren im Verschlagworten, oder?

Wir trauen uns sogar eine eigene Stimme zu, die man unter anderen heraushören kann. Zu Beginn unserer Tätigkeit für den neuen Wahlberliner war die Zahl unserer Tweets fast mit derjenigen unserer hiesigen Beiträge identisch. Heute werde wir aber auch 2.000 Tweets erreichen, das heißt, wir reagieren mittlerweile viel stärker auf andere.

Dadurch steigen die Zugriffszahlen beim Wahlberliner aber nicht automatisch, weil wir in diesen Social-Media-Postings in der Regel nicht auf eigene Beiträge verweisen, sondern auf Posts anderer. Darauf, wie viele Menschen unsere Beiträge lesen, kommt es uns jedoch immer noch mehr an als auf Impressionen und Reaktionen in den Social Media. Das bedeutet nicht, dass wir Retweets und Likes nicht schätzen. Aber man kann eben nur eines gleichzeitig machen: Konzentriert an einem Beitrag arbeiten oder in den Social Media unterwegs sein.

Das war auf Twitter gemünzt. Facebook?

Facebook läuft fast reaktionsfrei ab, obwohl wir es konsequent bespielen, also alle unsere Beiträge auf mindestens einem unserer drei Accounts veröffentlichen und die FB-Gruppe „Der Wahlberliner“ haben wir letztlich doch eingerichtet, trotz DSGVO-Bedenken. Hin und wieder kommt mal ein Kommentar von der einen oder anderen Freundin aus dem schreibenden Bereich. Lesezugriffe jedoch gibt es via FB immer noch fast so viele wie über die Twitter-Schiene, je nach Thema mit unterschiedlichen Anteilen. Offenbar werden unsere Beiträge in der Regel als so gut empfunden, dass man nichts daran aussetzen möchte.

Es ist also alles aufwendiger geworden.

Bezüglich der Zugriffswege hat sich viel verändert, beim Start des „ersten“ Wahlberliners kamen fast alle Leser_innen durch Suchmaschinen oder Abos des Blogs  auf unsere Beiträge, heute ist es nicht einmal mehr die Hälfte. Twitter hatten wir damals gar nicht eigenständig „bewirtschaftet“. Mittlerweile: Ohne Social Media geht nichts mehr. Mit Instagram & Co. tun wir uns allerdings schwer, weil wir nicht sehen, wie wir unsere Beiträge vernünftig in dieses Format packen können, zudem ist der Upload nervig, wenn man ihn vom Laptop aus vornimmt und dabei ein Mobil Device simulieren muss.

Was auch nervt sind die vielen Hashtags und Schlagworte, die wir verwenden. Da wir meist einen Beitrag zu einem Großthema kopieren, um den nächsten diesbezüglich schneller publizieren zu können, kommt es zu ellenlangen Titeln, besonders, wenn wir ein paar nicht passende Hashtags vom letzten Beitrag übersehen und sie weiterhin drin bleiben – und das direkte Adressieren mit dem „@“ ist eigentlich bei Followern Unsinn, die sehen unsere Beiträge ohnehin. Wenn man das zu routinemäßig macht, kann es auch dazu führen, dass diese Menschen genervt sind.

Was können wir vom Wahlberliner in nächster Zeit erwarten?

Und damit endlich zum Service. Genau. Wir haben zuletzt das Format der Tagessammler für den „Mietenwahnsinn“ getestet („Der tägliche Mietenspiegel“). Wir sind uns noch nicht schlüssig darüber, ob wir es beibehalten. Die Sammler werden zwar gut aufgenommen, doch einer von ihnen muss viele Leser_innen finden wie drei oder vier Einzelbeiträge, wenn Aufwand / Ertrag etwa gleich bleiben sollen – und das tun sie aktuell noch nicht.

Aus Marketinggründen müssten wir jetzt ein riesiges Projekt, das Ding an sich, ankündigen. Es gibt aber keines. Wir arbeiten an Detailverbesserungen und was uns beschäftigt, ist, dem Wahlberliner eine emotionale Komponente mitzugeben, indem wir abends ab und zu einen Song, ein Musikstück vorstellen, beispielsweise – und damit auch mehr von uns zeigen. Aber dann denken wir wieder an unseren wenig mainstreamigen Geschmack und bleiben zögerlich.

Die Konzentration auf ältere Filme bei „Filmfest“ ist auch nicht mainstreamig.

Das ist trotzdem etwas anderes, weil es dabei um Information geht, um ein Spezialgebiet, das in Deutschland wenig beackert wird, nicht um den Ausdruck persönlichen Geschmacks. Klar, wir suchen uns nicht gezielt Filme heraus, die wir schlecht finden, aber es geht doch mehr um einen Überblick.

Wann werden wir die 2000 erreicht haben?

Innerhalb der nächsten 300 Tage. Es werden viele interessante Artikel kommen. Versprochen. Und dieser wird keine Adressierung und keine Hashtags erhalten. Wie früher. Mal sehen, ob er trotzdem Zuspruch findet.

© 2019 Thomas Hocke für Der Wahlberliner

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