Gilda (USA 1946) #Filmfest 21

Filmfest 21

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

 Den mächtigen Orson Welles zu verlassen, ist nach „Die Lady von Shanghai“ (1947) nun doch geglückt, denn Orson Welles war zu der Zeit mit Rita Hayworth verheiratet, die ihren endgültigen Durchbruch ein Jahr zuvor mit der Titelrolle in „Gilda“ hatte. Sie war auch die femme fatale in Weiß und Schwarz in Welles‘ expressionistischem Film noir, aber „Gilda“ galt lange als der viel typischere Film dieses Sub- oder Quer-Genres zum Gangster- und Kriminalfilm. Aber ist er ein Film noir? Ist er ein guter Film?

Handlung (Wikipedia)

Der junge US-Amerikaner Johnny Farrell gewinnt beim Würfelspiel im Hafen von Buenos Aires durch Betrug eine größere Summe Geld. Als ihn daraufhin ein Dieb angreift, taucht ein mysteriöser wohlhabender Mann mit einem Messer auf, das aus seinem Gehstock hervorspringt, und rettet Johnny das Leben. Der Unbekannte stellt sich ihm als Ballin Mundson vor und rät ihm davon ab, seine Betrügereien in einem bestimmten Spielcasino fortzusetzen. Johnny ignoriert seinen Rat und taucht im Casino auf. Als er beim Black Jack des Falschspielens überführt wird, bringt man ihn zum Besitzer des Casinos, der sich als Ballin Mundson herausstellt. Johnny überredet Ballin, ihn einzustellen, und erweist sich schnell als zuverlässiger Vertrauensmann seines neuen Chefs. Beide haben ähnlich pessimistische Weltanschauungen, vor allem was Frauen betrifft, weshalb sich zwischen ihnen auch eine Männerfreundschaft entwickelt.

Als Ballin von einer Geschäftsreise überraschend als frischgebackener Ehemann zurückkehrt, ist Johnny erstaunt, die attraktive Gilda zu sehen, die ihm Ballin als seine Ehefrau vorstellt. Es handelt sich um dieselbe Frau, mit der Johnny einst eine leidenschaftliche Liebesbeziehung führte, deren Scheitern ihn veranlasste, nach Südamerika zu gehen. Sowohl er als auch Gilda bemühen sich, vor Ballin den Schein zu wahren, einander nicht zu kennen. Hinter der gespielten Gleichgültigkeit füreinander kochen jedoch die Gefühle der beiden schnell wieder hoch, besonders als Ballin Johnny damit beauftragt, auf Gilda aufzupassen. Aus altem Groll, aber auch aus Loyalität zu Ballin vermeidet Johnny in der Folge jedwede Intimität mit Gilda. Gekränkt durch seine Zurückweisung, genießt es Gilda, ihn mit anderen Männern eifersüchtig zu machen. Da Johnny von Gildas vermeintlicher Treulosigkeit gegenüber Ballin überzeugt ist, verwandeln sich seine ohnehin schon zwiespältigen Gefühle für sie zunehmend in Hass. Lediglich der Casinoangestellte Onkel Pio weiß die emotionsgeladene Situation zu durchschauen und als Außenstehender richtig zu deuten.

Ballin, der insgeheim mit einer zwielichtigen deutschen Organisation in ein internationales Kartell für Wolframschmuggel verwickelt ist, gerät derweil unter Druck. Der Regierungsbeamte Detective Maurice Obregon ist ihm und zwei deutschen Geschäftsmännern bereits auf der Spur und hält sich zu diesem Zweck häufig an den Spieltischen auf. Als sich die beiden Deutschen von Ballin um das Kartell betrogen sehen, tötet Ballin einen von ihnen und sieht sich gezwungen, zu fliehen. Er kehrt nach Hause zurück und findet Johnny und Gilda im Schlafzimmer vor, die sich nach einer erneuten feindseligen Auseinandersetzung küssend in den Armen liegen. Ballin verlässt umgehend das Haus und täuscht daraufhin mit einem Flugzeugabsturz seinen Selbstmord vor. Da er in seinem Testament festgelegt hat, dass Gilda sein Vermögen und mehrere Wolframpatente erben soll, beschließt Johnny, Gilda zur Frau zu nehmen. Nun, da sie den Mann heiraten wird, den sie wirklich liebt, blickt Gilda hoffnungsvoll in die gemeinsame Zukunft. Johnny kann ihr jedoch nicht ihre scheinbare Untreue verzeihen und will sie bestrafen, indem er sie wie in einem Käfig gefangen hält und sie weder besucht noch ausgehen lässt.

Als Gilda aus ihrer beklemmenden Lage keinen anderen Ausweg findet, flieht sie nach Montevideo. Dort tritt sie als gefeierte Tänzerin auf und lernt den Anwalt Thomas Langford kennen, der ihr helfen will, sich von Johnny scheiden zu lassen. Der Jurist ist jedoch ein Strohmann ihres Gatten, der sie direkt zu diesem zurückbringt. Wütend schlägt Gilda auf Johnny ein, um kurz darauf zu seinen Füßen um ihre Scheidung zu betteln. Da Johnny sich weiterhin nicht erweichen lässt, versucht Gilda, sich auf ihre eigene Weise an ihm zu rächen: Sie legt im Casino einen provozierenden Striptease hin, damit jeder sehen kann, was für eine schamlose Frau Johnny geheiratet zu haben glaubt. Johnny zieht sie empört von der Bühne und verpasst ihr eine Ohrfeige. Von seinem schlechten Gewissen geplagt, wird Johnny daraufhin von Detective Obregon aufgefunden, der ihn schließlich überzeugt, dass Gilda stets treu gewesen ist und ihm nur Theater vorgespielt hat.

Voller Demut kehrt Johnny zu Gilda zurück und bittet sie, ihm zu verzeihen. Beide sehen ein, wie gemein sie zueinander waren, aber dass sie dennoch zusammengehören. In diesem Augenblick erscheint der totgeglaubte Ballin und fordert seine Frau zurück. Mit einer geladenen Pistole bewegt er sich auf sie zu und droht, auch Gilda umzubringen. Onkel Pio gelingt es jedoch, Ballin im letzten Moment zu erstechen. Obregon, der sich aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen das Kartell immer noch im Casino aufhält, stößt kurz darauf zu ihnen. Trotz Johnnys ritterlichem Bestreben, die alleinige Schuld an Ballins Tod auf sich zu nehmen, entlässt Obregon ihn aus der Situation, da Ballin schon drei Monate zuvor Suizid begangen habe und es zudem Notwehr seitens Onkel Pio gewesen sei. Die erleichterte und glückliche Gilda fordert Johnny mit den Worten „Lass uns nach Hause fahren“ zum gemeinsamen Aufbruch auf.

Rezension

Geradezu merkwürdig, dass wir diesen Film in den bisher neun Jahren unserer Filmkritiken für den ersten Wahlberliner, für Rote Sonne 17 und den zweiten Wahlberliner noch nie angeschaut haben, aber doch das Gefühl hatten, wir kennen uns schon ganz gut aus. Vermutlich lag es an „Affäre in Trinidad“, der sechs Jahre später entstand und die Magie von „Gilda“ wiederaufleben lassen wollte.

Was ihm nicht ganz gelang, trotz derselben Hauptdarsteller, desselben Paares, das in „Gilda“ eine Hassliebe zelebrierte, wie man sie selten auf der Leinwand dargeboten bekommt. Im realen Leben eher, aber eben in einer Form, die sich auf 90 Minuten schwer verdichten und glaubwürdig darstellen lässt. Ist dieses Gefühl denn generell glaubwürdig? Ja. Ist es. Eben nicht derart komprimiert, aber mindestens so intensiv. Und die psychologischen Hintergründe, die sind in solchen Fällen immer sehr interessant. Sie müssten nicht so gestrickt sein wir auf eine sehr exploitative und die Psychoanalyse etwas auf Kreisliga-Nveau herunterbrechende Weise, wie es in „Gilda“ auf den ersten Blick den Anschein hat. Friktionen, Frustrationen, selbstzerstörerische Muster, die könnten andere sein, bei den Protagonisten eines Hassliebe-Melodrams. Wer behauptet, Hollywood-Gefühlsdarstellung sei kitschig, der soll mal sein Privatleben, so über die Jahre betrachtet, reflektieren.

Wer zu dem Ergebnis kommt, das sei alles Quatsch, der wird wohl ein ziemlich kalter Fisch sein. Derlei fasziniert die Menschen, die vor der Leinwand sitzen, nich, weil es so absurd ist, sondern weil es einen Extrakt ihrer eigenen Erfahrungen oder auch ihrer Sehnsüchte darstellt.

„Gilda“ ist unzweifelhaft der knalligste Film noir, den wir bisher gesehen haben. Und auch wieder nicht, denn in einem hat die Wikipedia unzweifelhaft Recht: „Im Stil eines Film noir“ ist noch kein Film noir. In Films noirs sind schon wesentlich talentiertere Menschen untergegangen als John Farrell, der das Glück hat, vom sympathischen, in seinen jungen Jahren recht knopfäugigen Glenn Ford dargestellt zu werden, sonst würde man ihn irgendwann nur noch nervig finden, weil er sich so dumm verhält. Fatalismus ist eine Sache, wie ihn zum Beispiel Robert Mitchum in „Out of the Past“ zeigt, Blindheit und mangelndes Bewusstsein für die Gefahr eine andere.

 Gilda hingegen betrachtet man als Zuschauer anfangs mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu und lernt dann immer mehr, sie zu schätzen. Das Ende ist es vor allem, das dafür sorgt, dass „Gilda“ kein Film noir ist. Ja, es gibt auch Werke ohne tragisches Ende, die noch als Noir durchgehen, da treffen dann aber andere Stilmerkmale mehr zu bzw. sind zentrale Ingredienzien in deutlicherer Ausformung vorhanden. Ein Kriminal-Melodram trifft es wohl am meisten, wenn man „Gilda“ genremäßig einordnen will – auch wenn die Bldgestaltung stellenweise noir ist, aber es wirkt auch etwas wie eine Fingerübung des berühmten Kamermanns Rudolph Maté, dass es zu Silhouetten und Low-Key-Szenen kommt. Meist wird alles grell ausgeleuchtet und das passt auch gut zum – sic! – exploitativen Vordergrund dieses Dramas.

Uns hat die Interpretation sehr gut gefallen, dass das gute Ende eben nicht inkonsequent ist, sondern wichtig. John Farrell hat sich in Gilda geirrt und der Kritiker, der geschrieben hat, das Verhältnis der beiden sei eine Allegorie auf die Stimmungslage zwischen den gerade aus dem Krieg heimkehrenden GIs und ihren Frauen, von denen die Soldaten nicht wissen können, ob sie während deren langer Abwesenheit treu waren, finden wir stimmig. Da wären wir nicht drauf gekommen und das wird auch daran liegen, dass, im Gegensatz zum erwähnten Hassliebe-Aspekt, wir nie in einer solchen Situation waren. Trotzdem ist da mehr.

Ursprünglich sollte Humphrey Bogart den Farrell spielen. Das wäre natürlich ein Knaller gewesen, wenn die Warner Brothers ihn dafür an Columbia ausgeliehen hätten, die Darstellungskunst hätte sicher nicht gelitten, aber gut, dass er’s nicht getan hat. Denn Bogart galt, obwohl er kein Schrank war, als vielen als der virilste Darsteller des klassischen Hollywood-Zeitalters und er wollte in „Gilda“ nicht mittun, weil dies, wie er sagte, ein Frauenfilm sei, alle nur noch auf Hayworth schauen und er neben ihr untergehen würde. Und wie Recht dieser intelligente Mann damit hatte.

Denn der Film heißt nicht umsonst wie die Heldin und sie dominiert ihn nicht nur optisch – das hätte Bogart aushalten können, der schon als Partner von Ingrid Bergmann und Lauren Bacall mit zwei sehr reizvollen Partnerinnen den Bildschirm geteilt hatte, ohne an den Rand gedrängt, durch sie marginalisiert zu werden. Sicher ist Hayworth, wie sie hier herausgestellt wird, etwas spektakulärer gewesen, die anderen waren keine Pin-Ups, aber das ist nicht der Punkt.

Bogart war es auch gewöhnt, zwielichtige Rollen zu spielen, er hatte ja als Gangsterdarsteller angefangen und sich dann zum ambivalenten Typ weiterentwickeln dürfen. Eigentlich sehr passend für die Rolle von Farrell. Aber das Unfertige, das ziemlich Begrenzte, das Glenn Ford dieser Rolle aufgrund seiner Jugend und der voneinander abgespaltenen Mischung aus Cleverness und Einfalt verleihen konnte, das hätte Bogart so im Jahr 1946 nicht mehr darstellen können – und dieses Zurückstehen kommt gut. Selten hatten wir einen Narrator, der zum Stil des Film noir nicht zwingend gehört, aber gerne genommen wird, den subjektiven Erzähler, der aus einer Figur heraus spricht, selten ist ein solcher Sprecher derartig limitiert und im Verlauf des Films verliert er zunehmend an Autorität, wie ein Kritiker es genannt hat. Weil man als Zuschauer eben immer mehr merkt, dass diese Stimme auf dem Holzweg ist, während die Bilder etwas anderes sagen. Wenn man so will, eine Bild-Text-Schere. Spätestens, als Farrell Gilda heiratet und sie dann einsperrt, ist man auch als Mann mit einem Hang zum Kontrollfetischismus nicht mehr auf seiner Seite und hat Mitleid mit Gilda.

Er hat auch nicht diese traurigschöne fatalistische Ausrichtung wie etwa der Narrator, den Robert Mitchum in „Out of the Past“ (1947) zusammen mit einem echten Antihelden darstellt. Wir sehen einen sadistisch angehauchten Burschen, der eine Frau so sein  lässt, wie er glaube, dass sie ist und das spielt sie nur, um seine Vorstellung von ihr zu nähren. Ob eine Frau das wirklich so tut, ist eine andere Frage. Wenn ein Verhältnis sich sadomasochistisch auflädt, vielleicht. Es gibt ja genug Anspielungen darauf in „Gilda“, von wegen Männerkostüm mit Peitsche etc., wie Gilda es auf dem Karnevalsfest trägt, das sie auch arrangiert hat, wie wir erfahren.

Sexuelle Anspielungen hingegen sind so hübsch gemacht, dass man geradezu bedauert, dass es heute keine Zensur mehr in dem Sinn gibt, wie der Hays Code sie Hollywood von 1934 bis Mitte der 1960er vorgegeben hat. Reißverschlüsse als Symbole für die Öffnung des Paradieses, mit dem besten Tänzer ist der beste Ficker gemeint und die entlarvende Bemerkung, dass der wohl etwas aus der Übung gekommen ist – alles für damalige Verhältnisse geradezu vulkanisches, schwüles Kino knapp unter der Schwelle zum Erotikfilm. Um diese ganzen Anspielungen gut zu gestalten und auch manchen banalen Quatsch philosophisch wirken zu lassen, müssen die Dialoge erstklassig sein. Und das sind sie. Wir haben stellenweise vor Vergnügen geklatscht. Es ist alles herrlich verklumpt und fast jeder Satz ist reif fürs Album der schwarzen, nicht unbedingt der romantischen Poesie. Das sorgt nicht gerade dafür, dass die ohnehin nicht sehr authentisch wirkende Atmopshäre des Films weniger artifiziell wirkt, im Gegenteil. Aber es ist Kino und so muss man es begreifen und es genießen, wenn dermaßen geschliffen Cooles mit drastischem Flachsinn kombiniert wird.

Natürlich haben wir uns angeschaut, wer das Drehbuch zu verantworten hatte und dachten – ach, Ben Hecht war dabei. Ja dann. Besonders die perfekt auf Rita Hayworths Typ zugeschnittenen Sätze stammten aber offensichtlich gar nicht von ihm, sondern von Produzentin Virginia von Upp, die zuvor schon mit Hayworth gearbeitet hatte und daher wusste, wie sie die Schauspielerin dialogseitig besonders gut zur Geltung bringen konnte. Auch das sorgt wohl dafür, dass Gilda so „superior“ wirkt, auf ihre Weise. Die Art, wie sie in der ersten Dreier-Clubszene die beiden Männer an ihrer Seite auf die Palme bringt, ist hinreißend. Dort macht die Kamera übrigens schon sehr klar, was Sache ist: Ballin Mundson wird in Dunkel und allein gezeigt, kalt und sich wohl der Situation bereits bewusst – und beim Gegenschnitt sieht man immer Farrell und Gilda dicht zusammen, obwohl sie einander angiften und sie dabei die Oberhand behält. Für die Person, die zwei andere gegeneinander ausspielen kann, ist es auch leichter, das spiegelt schon ganz gut die Realität.

Leider hat der Film ein Problem auf anderer Ebene. Das ist ist die extrem unterambitionierte Krimihandlung. Wenn die realistischer geworden wäre, wäre es zwar nicht einer der besten Noirs geworden, denn es ist ja kein Noir, aber sicher ein fantastisches, energetisches LoveCrime-Stück. Wer jetzt meint, die Macher hätten sich die unlogisch ausgeführte Involvierung der Deutschen aus Casablanca oder aus Hitchcocks „Berüchtigt“ abgeschaut, liegt in letzterem Fall falsch, denn „Berüchtigt“ kam erst nach „Gilda“ in die Kinos und im ersteren Fall ist die Situation eine ganz andere, nämlich im besetzten Nordafrika, wo sich die Nazis als Herrenmenschen aufführen. In „Gilda“ aber sind sie eigentlich die Betrogenen und versuchen, ohne jede Machtposition dafür zu haben und ohne mögliche Verwendung in Deutschland  alte Patente zurückzubekommen, die sie Ballin Mundson überlassen hatten – die Begründung dafür ist ebenso unsinnig wie dieser Rückeroberungsversuch zur Unzeit.

Man wollte halt einfach dieses seltsame Element da drin haben. Hätte man das Syndikat nur als Ansammlung von Gangstern dargestellt, sie sich im nordamerikanisch-südamerikanischen Setting bewegen, wäre das Ganze etwas konsistenter gewesen und man hätte nicht direkt auf die Weltherrschaft als Mundsons Ziel abheben müssen, die ein bisschen lächerlich wirkt. Wolfram! Dafür ist der Mann ja doch nicht ruchlos genug, wie man daran sieht, dass er sich so von Gilda abhängig macht. Da haben sich also einige verstrickt, während die moralische Linie von Nebenfiguren gezogen wird: Dem WC-Philosophen im Club und dem integeren Polizisten, der das Kartell auffliegen lassen will. Vor allem der kleine Clubdiener sorgt dafür, dass mal ein wenig heiße Luft abziehen kann und nicht alles so dampft vor Erotik und Wortgewalt. Dafür sei ihm gedankt.

Finale

Denn der Film ist schon sehr vergnüglich anzuschauen und Gildas bis heute unübertroffener Ansatz zum Strip im Club ist vielfach bewundert und analysiert worden. Der Torso, der durch das Ablegen der über den Ellbogen hinausreichenden Handschuhe wieder zu einer ganzen, befreiten Frau wird, die ihre Arme bewegen und gestikulieren kann und sogar den Handschuh kreisen lässt. Schade fast, dass eine Clubsängerin höchstens Schlangenbewegungen vollführen darf, wenn sie schon tanzt, aber ein Step, und das hätte die frühere Partnerin von Gene Kelly und Fred Astaire ja gut gekonnt, geht in einem solchen Setting nicht. Für uns ist „Gilda“ zwar nicht der beste Noir, weil er keiner ist, er ist schon gar nicht ein guter Krimi, aber einer der spektakulärsten Geschlechterkämpfe auf der Leinwand, die in den 1940ern inszeniert wurden – und nicht am Ende so reaktionär wie zum Beispiel „Die Frau, von der man spricht“ (1942), in dem die wesentlich mehr als Hayworth mit Emanzipation in Verbindung stehende Katharine Hepburn sich als Journalistin quasi rückwärts entwickelt, damit der von Spencer Tracy verkörperte Sportreporter beruhigt ist. Aber Dominanz durch sexuelle Anziehungskraft schlägt eben doch alles andere und wer meint, das sei heute nicht mehr so, hat nicht verstanden, warum dieser Stinkefinger-Feminismus intelligenten Frauen vor allem als Strategie dient, um die Machtverhältnisse mit hingebungsvoller Ausdauer und großer Kundigkeit im Framing zu verändern. 

74/100

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Charles Vidor
Drehbuch Marion Parsonnet,
Jo Eisinger,
Ben Hecht,
Virginia Van Upp
Produktion Virginia Van Upp
Musik Hugo Friedhofer
Kamera Rudolph Maté
Schnitt Charles Nelson
Besetzung

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