Kunstfehler – Tatort 628 / Crimetime 279 // #Tatort #Ritter #Stark #Berlin #RBB #Kunstfehler #Tatort628

Crimetime Vorschau - Titelfoto © RBB, Hardy Spitz

Ich hab noch einen Spoiler in Berlin

Wer gar nicht wissen will, wie die Handlung verläuft, der darf gar nicht erst anlesen. Aber da untenstehende ARD-Inhaltsbeschreibung auch bis zu diesem Punkt des Plots reicht, können wir’s auch gleich sagen: Was ist das für ein Tatort, in dem Katja Flint mittendrin an einem gezielten Kopfschuss verstirbt? Kann solch ein Krimi gut sein, dazu mit Ritter als ihrem Ex? Wer das wissen will, muss eben doch bis zur -> Rezension lesen.

Handlung

In ihrem neuesten Fall müssen die Berliner „Tatort“-Kommissare Till Ritter und Felix Stark die Hintergründe einer Attentatsreihe aufklären.

Christina Lehndorff hat Kommissar Ritter, ihren ehemaligen Freund, dringend um Hilfe gebeten: Erst wurde ein Anschlag auf das Auto ihrer Familie verübt und dann ihr Hund vergiftet. Schließlich wird Christina Lehndorff selbst Opfer eines Attentats.

Ritter, dessen alte Liebe zu Christina wieder auflebt, ermittelt gemeinsam mit Stark im Umfeld der Familie. Gibt es in Christinas Insolvenzfirma unzufriedene Kunden? Hat ihr Mann Dr. Lehndorff ärztliche Kunstfehler zu verantworten?

Richtig dramatisch wird der Fall, als schließlich auch noch Sophie, die 13-jährige Tochter des Ehepaars, verschwindet.

Rezension

Der Plot genau diesen Punkt zentriert. Es gibt nämlich dieses Mal nicht den Toten und keinen Tatort von Beginn an, wenn man von dem vergifteten Hund absieht. Die Handlung ist voller Ungereimtheiten und psychologisch auch nicht sehr stimmig, trotzdem schafft es Routinier Hartmut Griesmayr, daraus ein anständiges Melodram zu basteln. Das muss man ihm hoch anrechnen. Er führt Ritter und Stark recht gut und sie kommen schauspielerisch fast auf Gleich mit Katja Flint. Vor allem Ritter gefiel uns trotz des übliche Schemas gut. Weil er sie verloren hat, keine Sicherheit. Rache ist heute keine Blutwurst mehr, sondern irgendwie auch vegan, aber die beiden sind menschlich überzeugend – die Ermittlungsarbeit hingegen wird genau so getimt, dass der Film 90 Minuten dauern kann. Dieses Timing wird am Kriminaltechniker Lutz Weber aufgehängt, der immer genau dann etwas herausfindet, wenn es gebraucht wird. Klar, das ist bei vielen  Handlungen so, aber nicht immer wirkt es dermaßen schematisch.

Was stimmt vor allem nicht? Was uns sehr gewundert hat: Keiner der vielen findigen Tatortfundus-Nutzer hat einen groben Fehler gesehen, der uns sofort auffiel: Wie konnte der Werbemann, dessen Firma durch einen „Kunstfehler“ der Unternehmensberatung Lehndorff insolvent ging, an die Tatwaffe kommen und sie im Wagen des Arztes platzieren? Auto nicht abgeschlossen? In Deutschland nicht üblich, aber okay, kann mal. Nur hatte der Mann keine Verbindung zum wirklichen Täter, die beiden hauptsächlichen Verdächtigen wurden vollkommen unabhängig voneinander gestellt. Auch Quatsch: Dass jemand, der bei der Bundeswehr nur die Grundausbildung mitmacht und danach nicht ständig übt, auf so große Entfernung einen exakten Stirnschuss hinbekommt und auch eine solche Waffe besitzt. Das hätte man übrigens überprüfen müssen, ob die Verdächtigen legal eine Schusswaffe haben, findet aber nicht statt, stattdessen darf Lutz Weber ein bisschen Schwalben-Nostalgie betreiben. Zur Abwechslung etwas, das uns nicht aufgefallen war, wohl aber einem jener findigen Tatortfans, die wir erwähnt haben, Nutzername „Ticolino“: „(…) Gemäß der Krankenschwester wurde Lena Rückerts Geburtstag einen Tag vor ihrer Entlassung gefeiert, „und zwei Wochen später war sie tot“ (Ritter). Laut Grabstein ist sie jedoch nur einen Tag nach ihrem Geburtstag gestorben. (…)

Der Rachefeldzug des sensiblen Musikers ist ziemlich überspannt, aber weil die Schauspieler alle auf unspektakuläre Art gut auftreten, fällt das nicht so auf und ist natürlich auch Ansichtssache. Man sieht jemanden, wie er sich allgemein zeigt und traut ihm etwas so Dezidiertes nicht zu. Dabei sind auch Serienmörder oft sehr unauffällige Typen und wer weiß schon, was sich hinter sanften Stimmen, dicken Brillen und den schönen Künsten gewidmeten Biografien so alles verbirgt. Bei einer Erklärung gehen wir aber ganz sicher nicht mit, weil man es mit der Küchenpsychologie doch übertreiben kann: Musiker mag keine Vorhänge, weil seine Frau sich aus dem Fenster gestürzt hat und er sah nur noch die Vorhänge wehen … klar. Und woher weiß Stark das überhaupt und wieso wird ein Tatbestand so lächerlich aufgeplustert, der heute auf unendlich viele Wohnungen zutrifft und ganz sicher nicht mehr die Aufmerksamkeit eines Polizisten erregen wird?

Vielleicht hat der Drehbuchautor eine Fenster-ohne-Vorhänge-Phobie. Wir fragen uns auch manchmal, wie weit die Suche nach Aufmerksamkeit schon geht, angesichts von Neubauten, in denen ganze Wände aus Glas sind und nicht etwa irgendwo oben, mit freiem Blick über die Stadt, sondern in wenigen Metern Entfernung gegenüberliegend nochmal das Gleiche. Daraus könnte man einen psychologisch stimmigen Krimi entwickeln, der auch zu Berlin passen würde, wie es zu Ritters und Starks Zeiten überwiegend gezeigt wurde: ziemlich posh.

Da macht „Kunstfehler“ keine Ausnahme, es wird ausschließlich in hochwertigen Dekors gedreht – und in einer Klinik und einem kleinen Haus im Wald.

Trotzdem hat der Film uns berührt. Christina Lehndorffs Tod hat uns überrascht und schockiert, weil Zeit war, Sympathie für die Figur aufzubauen, insofern auch mal ein Bonus für eine Handlung, die von dem Muster abweicht, das 2006, als der Film entstand, schon ziemlich durchgängig war, vielleicht sogar mehr als heute. In diesem Fall hatten wir auch die Handlungsbeschreibung der ARD vorher nicht gelesen, die diesen Todesfalls noch einschließt. Danach war es das Schicksal des Mädchens Sophie, bei dem wir mitgehen konnten. Was sie alles innerhalb kurzer Zeit erleben musste, traumatisiert ein Kind in der Regel so stark, dass das künftige Leben dadurch negativ beeinflusst wird, daran mussten wir immer denken. Natürlich wird sie gerettet und am Ende dachten wir: Haben wir diesen Film nicht schon einmal gesehen? Dieses Szenario in der Hütte kam uns so bekannt vor. Wir franden in unserer Blogsphäre aber keine Rezension zu „Kunstfehler“, also müssten wir den Film vor Ende März 2011 schon einmal angeschaut haben und etwas blieb hängen, das Finale, die letzten Szenen.

Finale

Im einen oder anderen ihrer Fälle hatten Ritter und Stark uns als Duo genervt, was wiederum eher Ritter als Stark zu verdanken war, aber hier lassen sie sich nicht viel zuschulden kommen. Die Vernehmungen des kleinen Stark, wie er sie druckvoll führt, sind sogar ziemlich gut, er macht den bösen Cop. Da deutet sich schon ein Talent an, das in“Ohnmacht“ noch richtig zur Geltung kommen wird, auch wenn in diesem Film gerade nicht so viel Druck auf Verdächtige ausgeübt werden kann. Lediglich der Einstieg im Sportgeschäft („ausgetretene Füße“!) ist wieder arg typisch für den zum Großstadtcowboy stilisierten Till Ritter. Doch er raucht nicht mehr und trinkt keine rohen Eier aus dem Glas, unter diesen gegenüber den Jahr 2000 veränderten Umständen ergibt das Joggen mit der Ex etwas mehr als überhaupt keinen Sinn.

Natürlich wird an allen möglichen eher ungünstigen Punkten vorbeigelaufen, die aber unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen, weil Berlin tourismussteigerungsfähige Panoramen braucht. Wir haben immer mehr den Verdacht, während der Ritter-Stark-Zeit nahm die Stadtwerbung Einfluss auf die Auswahl der Schauplätze. Auch die frappierende Sauberkeit, welche Berlin in diesen Filmen zeigt, wirkt zuweilen, als sei sie CGI-mäßig eingerichtet worden. Schwamm drüber. Bei und mit Karow und Rubin geht es nun rauer zu. Aber das Visuelle war nicht unstimmig und korrespondiert mit der überdurchschnittlichen Musik, womit auch der Score des Films gemeint ist, nicht nur die Momente, in denen Klavier gespielt wird.

Das Drama hinter der Fassade der Familie Lehndorff kommt hingegen zu kurz, wird recht klischeehaft abgehandelt, daran kann auch eine Regie nicht viel ändern, die sich bemüht, das Zwei-Familien-Geflecht kenntlich zu machen, das eben nicht den Hintergrund für die Attacken auf die Villenbewohner bildet. Am Ende war es doch ein ärztlicher Kunstfehler. Wenn es denn einer war, das wird nie eindeutig.

Im Tatort 628 halten sich Stärken und Schwächen recht gut die Waage, sodass am Ende eine für unsere Verhältnisse durchschnittliche Bewertung steht.

7/10

Vorschau

Wer erinnert sich noch an die Herren ungleicher Körperlänge Ritter und Stark, die alle in Berlin anfallenden Mordfälle gelöst haben, über viele Jahre hinweg? Ritter fing ein paar Jahre früher an, Stark hörte etwas später auf. 2014. So lange ist das noch nicht her. Berlin  heute, das sind Karow und Rubin. Aber die Stadt hat sich ja auch verändert, das Raue der heutigen Filme passt gut zu ihr, finden wir mittlerweile.

Mit dem Tatort 628 „Kunstfehler“ haben wir heute nach einiger Zeit wieder die Chance, eine Vorschau zu schreiben, denn diesen Film haben wir noch nicht gesehen und er wird unser Bild von Ritter und Stark weiter komplettieren. Wie war’s denn so, vor 13 Jahren, als in Berlin vergleichsweise ruhig zuging? Die Stadt kommt ja in vielen Ritter-Stark-Filmen sehr posh rüber, auf Hochglanz gemacht, vermutlich, um dem Motto „Arm, aber sexy“ etwas entgegenzuhalten, das um die Zeit von Werbemanager Klaus Wowereit erfunden wurde: Reich und auch sexy ist die Devise.

Am Ende wurde das abgeschwächt, gerade darum sind einige der späten Ritter-Stark-Filme auch die besten, wie etwa „Gegen den Kopf“.  Die Berliner Tatorte, die Mitte der 2000er entstanden, konnten uns hingegen – bisher – überwiegend nicht so richtig begeistern. Ritters Rollenprofil und das neue Hochglanz-Berlin wurden zu einer ziemlich künstlichen Mischung verdichtet. Wir werden sehen, wie sich der Tatort 628 darin ausnimmt. Immerhin spielt Katja Flint darin mit. Das geht natürlich nur, wenn sie was mit Ritter hat oder hatte.

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Playlist 

Nocturnes Es Dur – Arvid Azzola
Phantom der Oper – Jörg Strodthoff

Besetzung und Stab 

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Christina Lehndorff – Katja Flint
Matthias Lehndorff – Helmut Zierl
Schwester Karin – Petra Nathan
Sophie Lehndorff – Hanna Schwamborn
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Lisa – Géraldin Raths
u. a.

Drehbuch – Pim Richter
Regie – Hartmut Griesmayr
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Musik – Joe Murabe

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