Alptraum – Tatort 359 / Crimetime 293 // #Tatort #NDR #Hamburg #Elsner #Sommer #Tatort359 #Alptraum #Albtraum

Crimetime 293 - Titelfoto © NDR

Der letzte Sommer

Es war nicht der letzte Einsatz von Kommissarin Lea Sommer, aber der zweite von zweien, die in die Tatort-Reihe eingegliedert wurden und in Hamburg spielen. Nun doch Alptraum mit „p“, wir haben auf die Variante umgestellt, die im Vorspann zu sehen ist. Dies ist der dritte Film aus den Reihen Tatort und Polizeiruf nacheinander, in dem psychopathologische Serientäter unterwegs sind, um Schrecken unter den Menschen zu verbreiten (Tatort 1092 „Das Nest“ aus 2019 und Polizeiruf 110 Fall 341 „Liebeswahn“ aus dem Jahr 2014). In einem der Filme geht es um Frauen, einmal um Männer, einmal um Geschlecht egal. Der Sommer-Krimi von 1997 ist der mit den Frauen als Opfer.

Ob und wie es sich auswirkt, dass wir einen Krimi mit dem gleichen Muster nach dem anderen rezensieren müssen und einiges mehr zu „Alptraum“ erläutern wir in der -> Rezension.

Handlung

Ein Sexualmörder versetzt Hamburg in Angst und Schrecken. Die Untersuchungen leitet Lea Sommer. Staatsanwalt Dr. Riesterer kann auf dem Nachhauseweg zufällig einen weiteren Mord an einer Blondine verhindern. Der Täter, der offenbar Leas private Telefonnummer herausgefunden hat, beginnt, die Kommissarin mit nächtlichen Anrufen zu terrorisieren.

Rezension

Spätestens, als das schwäbische bzw. alemannische Fastnachtsgedicht im Bodensee-Dialekt in Spiel kommt, wussten wir, dass wir den Film zumindest ausschnittsweise schon einmal gesehen haben. Entweder vor März 2011 oder danach und eben nur zum Teil und zufällig reingeschaut, denn eine Rezension von uns zu „Alptraum“ haben wir nicht gefunden. Aber dieser schräge Telefonterror ist uns noch so präsent gewesen, als wir „Alptraum“ jetzt angeschaut haben – kann das schon neun Jahr oder länger her sein, mit der haarigen Katze und der Furt. Der Spruch scheint, allerdings nicht in dieser Kombination, ziemlich bekannt zu sein, denn er steht hier bei den Fastnachtssprüchen ganz oben.

Ob aus dem Off-Setting der Bodensee-Tatort mit Klara Blum geboren wurde, wissen wir nicht, aber dass 1997 im Tatort ein Staatsanwalt, wenn auch im Dialekt, solche Sprüche aufsagte, wie wir sie hier hören, ist schon ziemlich krass. Heute würde man das eher mal so hinnehmen. Dass es zwei Mörder gibt und einer davon den anderen an einer Tat hindert – so tricky. Und das Motiv des Staatsanwalts, auf den wir ziemlich früh getippt haben, wird an Lächerlichkeit nur von der Schlussszene übertroffen, in der ein gestandener Mann eine an Peinlichkeit schwer zu überbietende Show abliefert, die selbstverständlich nicht mit dem Tod von Kommissarin Sommer endet. Und die Dialoge und die Figuren. Ein grandioses Scheitern. Und kein Wunder, dass Kommissarin Sommer in Hamburg nicht mehr weitermachte. Die damalige Hauptschiene mit Stoever und Brockmöller brachte auch nicht immer Spitzentatorte hervor, aber die beiden Cops übergingen die schwachen Plots mit ihrer unnachahmlichen Souveränität.

Kommissarin Sommer wird aber viel mehr mittendrin gezeigt, kennt alle drei Tatverdächtigen entweder schon lange oder lernt sie im Film auf privater Ebene kennen – nur die arme Sau, möchte man beinahe schreiben, die gar nicht so recht weiß, warum sie zwei Frauen umgebracht hat, die nicht. Die stammt nicht aus dem Akademiker-Milieu, in dem Staatsanwält_innen, Regisseure, Intendant_innen und Journalisten untereinander ausknobeln können, wer die schrägste und des Mordes fähige Type ist.

Drehbuchautor Bodo Kirchhoff ist Psychologe und das Psychologische spielt in „Alptraum“ wie in den beiden anderen den erwähnten Filmen eine besonders wichtige Rolle. Es geht jeweils um psychisch kranke Täter_innen. Aber die Art, wie solche Diagnosen für Tatorte oder Polizeirufe auf Effekt getrimmt und ausgeplündert werden, ist eben ein Teil der Fiktion. Man baut nicht spannende Plots auf realistischen psychischen Problemen auf, sondern lässt Menschen komplett freidrehen, auf eine Weise, die wirkt, als wolle die Wissenschaft sich nicht offenbaren, sondern verstecken, als sei es darum zu tun, das Publikum mit Freuden zu manipulieren, aber keineswegs zu instruieren. Diese Methode hat schon bei Hitchcock zu einem sensationell kultigen und einem in der heutigen Zeit immer mehr wertgeschätzten weiteren Psychothriller geführt („Vertigo“), der aber vergleichsweise subtil ist.

Trotzdem schade. Besonders bei einem Krimi aus dem Jahr 1997, als die Menschen vor dem Fernseher noch nicht ganz so zappelig waren wie heute. Dass die übersteigerten Figuren nicht ständig zum Lachen reizen, liegt an den guten Darsteller_innen. Die schaffen es irgendwie, das Psychodrama nicht zur Posse werden zu lassen, indem sie entweder über- oder unteragieren und dadurch ein Spannungsfeld schaffen, das aus dem Befremdlichen dessen resultiert, was wir sehen. Hannelore Elsner gibt die Lea Sommer sehr dezent, aber mit stärker betonter Weiblichkeit als die erwähnte Klara Blum, die ebenfalls immer recht zurückhaltend agiert hat. Cornelius Reusch wird von Christoph M. Ohrt fast karikiert und dadurch ist klar, dass dieser Mann nicht der Täter sein sollte. Den schwierigsten hat Walter Kreye als Dr. Risterer und die Rolle ist leider nicht nur so angelegt, dass der Schauspieler am Ende vor Scham eine rote Birne bekommt, als er den Psycho in einem höchst unglaubwürdigen Schlussakkord so richt raushängen lassen muss, sondern auch zu deutlich in Richtung Täterschaft.

Trotz des Privaten im Büro wirkt Suzanne von Borody als heißkalte Staatanwältin noch am realistischsten gezeichnet, ebenfalls recht plausibel sind Aufstellung und Dialoge von Regisseur Jens. Abzüglich des Verhältnisses zur neuen Intendantin. Sowas lässt sich kein Theatermacher von Rang gefallen, weil er nach solchen Ein- und Übergriffen ein Ensemble nicht mehr führen kann. Natürlich, der schnelle Tod der Frau Theaterchefin musste vorbereitet werden. Die Riesendemütigung als hinreichendes Motiv – aber wie bei den vorherigen Opfern, die ganz anders gestrickt waren? Zwei-Täter-Theorie. Diese kommt aber erst später ins Spiel.

Alle diese Filme, die wir hier brav abarbeiten, sind nicht unspannend – für uns allerdings mehr deshalb, weil wir immer wissen wollen, was als Nächstes wieder Verrücktes passiert, weniger, weil wir anfangen, mit potenziellen Opfern wie Lea Sommer zu zittern. Nägelkauen ist nicht, das wird auch schwieriger mit den Jahren, weil die Nägel immer härter werden. Wie auch das Fell. Nein, das ist natürlich Unsinn, es handelt sich auch nicht um das Haarige einer Katze oder einer Furt, aber so langsam überkommt uns doch das breite Grinsen, angesichts dessen, was wir in den letzten Tagen alles an Psychomumpitz gesehen haben.

Es ist alles etwas surreal geworden und vielleicht sind die Filme ja dichter an dem, was alles passiert, als unsere Wahrnehmung es erfassen kann und als unser Verstand es akzeptieren will. Wer in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, kommt unweigerlich auf den Trichter, dass viele Menschen ein schwer gestörtes Verhältnis zu eigentlich allem haben. Warum sollen darunter nicht ein paar Serienmörder sein? Meist finden die rituellen Hinrichtungen nur verbal statt, aber wo ist die Grenze und unter welchen Umständen kann sie verschoben oder aufgehoben werden?

Finale

Darauf bestehen wir aber: Es gibt Gründe dafür, dass Menschen besonders furchtbar sind. So wird man nicht geboren, wie es in „Das Nest“ suggeriert wird. Allerdings sollte die Erklärung für die Entwicklung des mörderischen Wesens nicht so hanebüchen sein wie in „Alptraum“ – angesichts dieser haarigen Herbeizitierung von Rudimenten einer fortgesetzten Kränkung des kindlichen Ichs, die zu schweren Deformationen der erwachsenen Seele führt, die natürlich jahrelang von niemandem auch nur annähernd erkannt wird, wäre es tatsächlich besser gewesen, man hätte gar nichts erklärt.

Aber wir sind eben doch im Jahr 1997, nicht in den 2010ern, also gibt es noch etwas wie ein Bemühen, das ja auch wieder anerkennenswert sein könnte. Sehr schwierig, unter lauter Fehlgriffen bei der Plotentwicklung einen davon als akzeptable Variante darzustellen. Das ist, als würde man unter mehreren ärztlichen Kunstfehlern einen vielleicht nicht ganz so häufig tödlichen präferieren und für ziemlich okay befinden, weil kunstgerechtes Behandeln von Patienten die Fähigkeiten der Ärzteschaft regelmäßig übersteigt. Dieses Mal war es ein Jurist. Die Juristen sind nach den Ärzten und Ärztinnen am häufigsten von schwerwiegenden psychischen Störungen betroffen.

6/10

© 2019 Der Wahlberliner,  Thomas Hocke

Vorschau

Nur zweimal war die am 21. April 2019 verstorbene Hannelore Elsner als Kommissarin in der Reihe „Tatort“ zu sehen. Am vergangenen Freitag strahlte der ARD-Hauptkanal den ersten dieser Filme aus: Gefährliche Übertragung.

Heute zieht der RBB mit „Alptraum“ nach. Beide Filme entstanden 1997 und bildeten für kurze Zeit eine zweite Hamburg-Schiene neben den „hauptamtlichen“ Ermittlern Stoever und Brockmöller. An dieser Aufstellung kann man sehen, welche Reputation Hannelore Elsner bei deutschen Fernsehmachern hatte, denn sie war ohnehin bereits in Frankfurt mit der eigenen Reihe „Die Kommissarin“ im Einsatz.

Die ARD zeigt ihre Infos zum Film auch unter dem Titel „Tatort: Die Kommissarin – Alptraum“, das hat sie beim ersten Hamburger Tatort von Lea Sommer nicht getan. Offenbar war man sich nicht ganz schlüssig, wie man Sommer in ihrer Hamburger Rolle richtig platzieren sollte. Als Sub-Reihe innerhalb des Tatorts? Wir belassen es beim Titel, wie er z. B. bei Tatort Fans angegeben ist. Ohne den Zusatz „Die Kommissarin“. Hingegen folgen wir der ARD bei der ursprünglichen Schreibweise „Albtraum“, die vom Duden empfohlen wird.

Da wir „Albtraum“ noch nicht gesehen haben, gibt es an dieser Stelle nur die Vorschau, eine Rezension wird in den nächsten Tagen folgen

TH

Besetzung und Stab

Lea Sommer – Hannelore Elsner
Hans Schilling – Helmut Berger
Dr. Risterer – Walter Kreye
Frau Jacobi – Suzanne von Borsody
Cornelius Reusch – Christoph M. Ohrt
Jens – Stephan Meyer
Walter – Rudolf Kowalski
Reinhard Krökel
Stefan Merki
Stephan Meyer-Kohlhoff
Andreas Friesay
Kali Son

Buch – Bodo Kirchhoff
Regie – Bodo Fürneisen

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