Der gute Weg – Tatort 1093 / Crimetime 297 / #Tatort #Berlin #TatortBerlin #Karow #Rubin #Tatort1093

Crimetime 297 - Titelfoto © RBB, Steffen Erhard

Über den Sinn des Polizeidienstes in einer dystopischen Welt

Dieser Film beginnt sehr schnell und flirrend, wie die meisten der neuen Berliner Tatorte und wird dann zum Psychodrama. Am Ende wird es eine Betrachtung darüber, ob der Polizeidienst und auch das Leben insgesamt Sinn ergeben. Wir zählen, als Karow und Rubin vor dem Haus von Stracke stehen, bereits vier sichere Todesfälle und wissen, gleich wird ein fünfter entdeckt werden. Und das ohne den Auftrieb, der in Hamburg, in Wien, bei Murot und bei anderen stattfindet, um rituelle Massenerschießungen zu inszenieren. In Berlin ist man weiter. Es passiert einfach so. Normal. Großstadt. Hat sich verändert, seit Stracke zur Polizei ging. Und noch einmal spielt er den Vater. Das ist groß. Wenigstens den Sohn der Kollegin Rubin will er vom falschen Weg, dem eines Streifenpolizisten abbringen, bevor er sich erschießen lässt. Ist es deprimierend oder besonders deprimierend und was sagen die Bullenhasser und die Clanies dazu? Wir machen uns ein paar Gedanken mehr in der -> Rezension.

Handlung

Nächtlicher Streifendienst in der Großstadt. „Ruhestörung“, ein Routineeinsatz im Kiez – aber ganz offensichtlich stechen die Streifenkollegen dabei in ein Drogennest. Ein mutmaßlicher Dealer eröffnet jäh das Feuer. Die junge Streifenpolizistin Sandra stirbt im Kugelhagel, ein zweiter Uniformierter, der kurz vor seiner Pensionierung stehende Harald Stracke, wird angeschossen,

Ein Dritter kommt mit dem Schrecken davon, weil er als einziger eine Schutzweste trägt: Tolja Rubin. Der Sohn der Kommissarin absolviert sein Praktikum im Streifendienst. Azubi Tolja verheddert sich schon bei der ersten Vernehmung in Widersprüche.

Was ist in dieser Nacht am Tatort wirklich geschehen? Ging es um Drogen – oder um viel mehr? Dann gibt es einen zweiten Toten und Zug um Zug kommen Nina Rubin und ihr Kollege Karow einer entsetzlichen Wahrheit auf die Spur.

Rezension

Wir haben gerade in den Tagesspiegel geschaut und uns gefragt, wie der Rezensent festgestellt haben will, dass Karow in der von uns gestern ebenfalls zitierten Fundus-Beliebtheitsliste besser steht als Rubin, obwohl er so ein Arschloch ist.

Die Ermittler_innen werden beim Fundus nur teamweise ausgewertet und das funktioniert nicht durch Noten für die einzelnen Ermittler_innen, vielmehr dient als Basis eine Zusammenschau der Bewertungen von deren Fällen. Dieses Schema ermöglicht es nicht, nach Personen innerhalb der Teams zu trennen. In der Liste ist nur eine Person aus einem Team gelistet, normalerweise der oder die „Leitende“. Beim Berlin-Tatort ist das Karow, Rubin wird nicht ausgewiesen. Wie in der Vorschau geradezu ahnungsvoll festgehalten: Man muss nicht alles verstehen, was in Berlin gemacht und geschrieben wird.

Man muss auch nicht einen so extremen Charakter haben wollen wie Karow oder in einem aufgewühlten Dauerzustand sein wollen wie Rubin. Alles das kann weg, man gewinnt in solchen lucida intervalla den Überblick und denkt über das Gesehene nach.

Stracke, der Polizist, der fertig hat, sagt, das ist nicht mehr unsere Stadt. Das könnten wir Mieter_innen auch gerade sagen. Er hat seine Stadt an die Dealer verloren, wir unsere ans Großkapital. Wir hätten also gute Gründe, uns gemeinsam fremd zu fühlen und wirklich, nach 90 Minuten Berlin-Tatort kann man sich fremd fühlen in Berlin, im eigenen Kiez, in der eigenen Wohnung und mit sich selbst. Aber sind wir deswegen im selben Boot? Vermutlich nicht, denn wir nehmen die Polizei eben nicht so wahr, wie sie uns im Tatort präsentiert wird. Wir haben nicht den Eindruck, dass ermittelt wird bis zum Umfallen, wir haben nicht das Gefühl, dass so viel reflektiert wird, aber wir schauen auch nicht dahinter, sondern gehen mehr und mehr in den Kampfmodus gegen den Ausverkauf und nehmen die Polizei als Helfer des Kapitals wahr. Sie fühlen sich fremd, wir fühlen uns bedroht, wir fühlen uns nicht geschützt, sie fühlen sich vermutlich nicht verstanden, wir haben kein Mitleid, sie oftmals keine Bedenken. Es ist alles so wie im Tatort. Es wird gar nicht so schlecht eingefangen, das Gefühl der Entfremdung, das in den letzten Ritter-Stark-Tatorten auch schon zu verspüren war.

Man darf aber auch nicht den Berlin-Tatort als Avantgarde hypen, weil er einen losen  Haufen von Abgeschiedenen in einer kalten Welt zeigt. So ist Berlin nämlich häufig gar nicht und wir müssen darum kämpfen, dass es nicht so wird. Vielerorts mag das schon so sein, aber im Grunde müssten uns Filme wie dieser anspornen, es nicht im Ganzen so weit kommen zu lassen. Dafür braucht es aber neben viel Zugewandtheit und Solidarität auch etwas Realitätssinn. Den vermissen wir bei manchen unserer Freunde, den haben sie aus ideologischen Gründen ebenso verdrängt wie der Polizist Stracke den Tod seines Sohnes verdrängt, wie Karow seinen Sexismus verdrängt, bis er ihn einholt, wie Rubin die Unmöglichkeit verdrängt, irgendwas zu steuern und einfach weitermacht.

Meta“ ist ein exzellenter Film, das fanden wir schon, als er noch nicht den Grimme-Preis erhalten hatte, aber er sticht bis jetzt auch sehr heraus. Wir sind ja noch nicht ganz durch damit, ob wir künftig genussvoll alle Drehbuchfehler ausschlachten, weil es sonst niemand mehr tut oder ob wir sagen, dass es niemand tut, muss einen Grund haben und wieso sind wir so old school und halten uns an Kriterien von übervorgestern wie Logik und psychologischer Stimmigkeit fest?

Wo doch das Psychologisieren eh Quatsch ist. Witzig, wir haben anhand des letztwöchigen Tatorts „Das Nest“ darüber philosophiert, über dessen Tendenz nämlich, das Böse einfach mal böse sein zu lassen und keine traumatisierten Täter zu präsentieren. Wir haben uns dagegen gewehrt, weil es bedeutet, dass manche Menschen schon abgrundtief schlecht geboren werden. Aber der Frau Svenja Flaßpöhler, die in der Tagesspiegel-Rezension erwähnt wird, wird’s gefallen haben, ebenso hätte es der von ihr nach Aussage des Herrn Ehrenberg in Bezug genommenen Hannah Arendt vielleicht gefallen. Ist das Böse banal, wie in „Das Nest“, oder ist in Wirklichkeit gar niemand richtig böse, wie in den meisten Tatorten, so auch in „Der gute Weg“?

Wir mögen es lieber, wenn es Gründe gibt fürs Verbrechen. Gründe, die man nachvollziehen kann. Wenn man davon nämlich Abstand nimmt, dann wird es wirklich grundteuflisch, dann darf es im Grunde gegenüber dem in Berlin grassierenden Bandenwesen nur noch „Zero Tolerance“ geben, womit sie in den 1980ern und 1990ern einige Viertel von New York wieder bewohnbar gemacht haben. Die Social Worker, die schon in „West Side Story“ nur mal kurz ironisch angesprochen werden, hatten versagt.

Aus ehrenwerten, aus Gründen der politischen Korrektheit wird genau diese Darstellungsweise jedoch in Berlin vermieden, während man in Dresden letzte Woche den Eindruck hatte, da sickert langsam die Unfassbarkeit des Sachsentums in den Tatort und der groteske Arzt steht möglicherweise für alle 25 Prozent potenziellen AfD-Wähler, die eben nicht aus biografisch-sozialen Gründen in die Irre gegangen sind, die man daher auch nicht soziotherapeutisch zurückholen kann ins demokratische Ich und du – das Wir gibt es ja nicht, wie wir oben festgestellt haben. In Berlin hingegen ist immer noch ein Hauch von Herkunft und von tragischer Verstrickung zu spüren. Mitten in der Kälte. Mitten in einer Stadt mit so vielen Menschen, die kein Gestern und kein Morgen zu haben scheinen.

Aber so ein Stracke ist eben auch ein altmodischer Typ. Er wohnt offenbar in Rudow. Die Rechtsmedizinerin hingegen kündigt, als sie sich diskriminiert fühlt. Wer so leicht dem Staatsdienst entweicht, der muss in diesen Zeiten schon ein sehr starkes Selbstbewusstsein haben. Viel Glück, aber bitte nicht einfach im nächten Tatort wieder im weißgekachelten Raum stehen, als sei nichts passiert. Karow muss schon mal einen Verlust spüren oder wir müssen wenigstens sehen, ob er fähig ist, einen Verlust zu spüren. Wo bliebe sonst das, was wir als Ersatz für fehlerfreie Drehbücher unbedingt fordern, nämlich Figuren, die eine Chance auf Weiterentwicklung kriegen?

Was hat dieses Mal nicht so recht gepasst? Der dickste Klops ist sicher, dass Rubin überhaupt in einem Fall ermitteln darf, in den ihr Sohn verstrickt ist. Das wir nicht mal mehr thematisiert. Vielleicht darf man das in Berlin auch, der Personalnotstand! Aber da haben wir noch was Schönes gefunden. Einen weiteren Beitrag vom Tagesspiegel, der sich mit Filmfehlern befasst – was nicht das Gleiche ist wie Drehbuchfehler, wir können nicht widerstehen und zitieren Mark Waschke alias Robert Karow: „Man kann es natürlich sehen wie Mark Waschke. „Fehler? Was soll das denn sein?“, regt sich der Schauspieler in einer Drehpause auf. „John Cassavetes ,The Killing of a Chinese Bookie‘ ist voll mit Fehlern. Ist das deshalb ein schlechter Film?“ Wer sich mit so was aufhält, meint Waschke, der gucke Filme falsch. So.“

So! Wir gucken Filme falsch. Das haben wir immer schon geahnt. Oder ist es falsch, das, was wir wahrnehmen, als falsch zu bezeichnen? Das wäre ja auch möglich, wenn diese Ansicht von einem Typ kommt, der einen Typ wie Karow spielen kann. Leider haben wir ausgerechnet den Chinese Bookie noch nicht gesehen und das ist ein Fail, das geben wir zu, nach immerhin 1.500 Filmrezensionen und der Bookie ist noch nicht dabei. John Cassavetes ist aber Autorenfilmer gewesen, wie wir wissen. Dessen Werke mit einer Routine-Produktion wie dem Tatort zu vergleichen, das zumindest ist typisch Karow, der Mann ist exzentrisch und damit ist vielleicht nicht alles, aber vieles gesagt.

„Polizisten beklagten deshalb häufig, dass TV-Krimis mit ihrer Arbeit nur wenig zu tun hätten. „Aber die echte Welt abzubilden, wäre eben auch viel langweiliger.“ Beim Drehbuchschreiben gelte deshalb „Effekt vor Logik!““ Das lesen wir weiter unten in dem instruktiven Tagesspiegel-Beitrag, der sich nur mit Filmfehlern befasst und auch erklärt, wie das mit dem Hosenbein von Karow war, das sich im Steifel verheddert hatte. Ah ja? Gut. Wir halten trotzdem dagegen. Es ist ein Zeichen schwacher Drehbücher, dass nicht beides miteinander geht. Filme wie „Chinatown“, deren Drehbücher als nahezu makellos gelten, sind alles andere als unspannend. Okay, sie sind auch Erwachsenenkino. Was Kinder spannend finden, ist wieder eine andere Sache. Und vom wem stammt „Chinatown“, der, anders als der Bookie, zu unseren 1.500 Gefangenen zählt? Von Roman Polanski. Der wird im Tagesspiegel-Beitrag auch zitiert:  „Kino sollte einen vergessen machen, dass man gerade in einem sitzt.“ Warum dieses Zitat auftaucht und dann gesagt wird, das funktioniere leider nicht so richtig, wenn in „Sissi“ im Jahr 1853 Autos im Bild herumstehen, weist uns darauf hin, dass man es mit den Fehlern nicht übertreiben sollte, wenn es visuelle Fehler sind. Gerade die werden in der IMDb in der Rubrik „Goofs“ hingebungsvoll gesammelt. Alle anderen Fehler ebenso.

Warum gerade dieser Exkurs bei „Der gute Weg“? So viele Continuity-Fehler und dergleichen haben wir dort gar nicht gesehen, wobei wir zugeben müssen: Obwohl wir sehr visuell sind – hat man uns mal gesagt – sehen wir diese Form von Fehlern nicht so gut wie andere das offensichtlich tun, sondern eher, wenn es mit der Handlung hapert, dafür sind wir wohl auch mehr ausgebildet oder durch Routine fitter. Ach ja, der Exkurs. Nach ca. 700 Rezensionen über Filme der Reihe und neuerdings auch Polizeirufe und weitere 1.500 für Kinofilme, von denen etwa die Hälfte auch Krimis sind, die man nach ähnlichen Kriterien bewerten kann, suchen wir in der Tat nach einem guten Weg. Bleiben wir bei der eher technischen Betrachtung, kombiniert mit Gedanken über die sozialen und politischen Aussagen in einem Film oder gehen wir mit dem Berlin-Tatort ins Meta und nehmen den auktorialen Blick dessen ein, der alles weiß, alles versteht und sagt, so sind die Tage, die Abende und der Wein.

Wenn wir sagen, nee, besser doch (noch) nicht, und es dann zur Logik kommt, ist allerdings ein Problem nicht von der Hand zu weisen: Logik und psychologische Stimmigkeit gehen nicht immer zusammen, obwohl in Psychologie ja auch das Wort Logik steckt. Wirklich? Nehmen wir an, wir entdecken in einem Drehbuch einen groben Logikfehler, beseitigen ihn, dann sagt uns aber jemand. Das mag ja nun vom Ablauf irgendwie stimmen, aber welcher Mensch verhält sich so bescheuert? Wir verweisen dann auf uns oder fangen an, den Geschworenen Nr. 8 nachzuahmen und behaupten: Es ist doch immerhin möglich. Im aktuellen Berlin-Tatort ist man genau den umgekehrten Weg gegangen: Am Ende passt es, dass Stracke den Yakut umbringt, auf der Motivebene, aber bitte, klar hätte die Spusi das auch festgestellt. Es war kein Distanzmord, sondern eine ziemliche Sudelei, weil der Polizist den kleinen V-Mann-Dealer ja noch auf den Müll bringen musste.

Eine ganz besondere blöde Fehlermasche hat man sich extra aus Bremen geholt. Nachdem Lürsen und Stedefreund nun Schluss gemacht haben, musste irgendwo der Preis für den schlechtesten Ton hinwandern. Wir haben es manchmal mit den Augen, besonder, wenn wir lange am Bildschirm sitzen oder davor, aber nicht mit den Ohren. Nicht mehr, seit mit Kopfhörern hören, jetzt sogar mit welchen, die speziell auf das Tatort-Genuschel ausgerichtet sind und alles rausholen, was geht, damit man doch versteht. Hat nicht immer geklappt. Zweimal  mussten wir zurückspulen und es wurde nicht besser. Leute, muss das wirklich sein? Wir verzeihen doch eh schon fast alles, aber wir müssen immer wieder unsere eigenen Grenzen überschreiten, um nicht doch mal böse zu werden. Allerdings: Es ist eigentlich nicht der Ton, anders als in Bremen. Es ist das Genuschel, das die Darsteller sich zeitweilig abhalten. Und das ist ein Regiefehler, denn die meisten von denen spielen auch am Theater und können es eindeutig besser. Komisch, dass ausgerechnet auf dem Gebiet der verwahrlosenden Alltagssprache der Realismus geradezu überbordet. Wa?

Finale

Wir googeln jetzt nicht, ob es den Flamingo Ringo im Berliner Zoo wirklich gibt und ob er sogar die Giraffen überragt. Giraffen gibt es im Zoo (und auch im Tierpark) wirklich. Sie sind schon auch Exoten, aber sind sie exotischer als die Berliner Polizisten, die offenbar,  zumindest bei Karow scheint das so zu sein, Verbindungen in gewisse Kreise haben. Das Dingsbums von einer Wohnung über der Stadt, das Karow mit seinen Beamtenbzügen trotz Mietenwahnsinns offenbar preislich stemmen kann, macht ihn mindestens elitär. Wie auch das nackt Recherchieren. Das hätte es bei Stark nie gegeben und bei Ritter aus guten Gründen auch nicht. Ach ja, die Bewertung! Sommerlich angezogene

7/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorshau: Welcher Weg ist ein guter, für den Berlin-Tatort?

Wir würden nach neun Berlin-Tatorten mit dem Duo Rubin / Karow nicht von einer Krise sprechen wollen, zumal mit „Meta“ ein ungewöhnlich guter Film dabei ist, der erst im letzten Premiere feierte. Aber lesen Sie bitte diese Charakterbeschreibung, welche der RBB vermutlich für die beiden Ermittler angelegt hat. Vielleicht ist das, was dort steht, nicht ganz falsch, aber auf uns wirkt es nicht sehr griffig. Mag sein, dass wir auch deswegen Schwierigkeiten haben, uns auf die aktuellen Berliner einzustellen, weil in letzter Zeit so viele Tatort-Teams gewechselt haben, weil es so viele gibt und weil wir uns im März entschlossen haben, auch die Reihe Polizeiruf 110 zu besprechen. Dadurch fehlt vielleicht die maximale Bereitschaft, uns auf diese beiden schwierigen Typen einzulassen, die in Berlin herumfuhrwerken oder wie immer man ihre Ermittlungsmethoden am besten beschreiben soll.

Eigentlich sind sie ja meist Getriebene, nicht Akteure. Es gab Zeiten, da hatte man den Eindruck, die Ermittler waren zwar vordergründig genervt, wenn mal wieder eine Tötung vorlag, aber in Wirklichkeit warteten sie  nur darauf, ihre ganze Routine und ihr umfängliches Können zu zeigen, zum Beispiel den berühmten richtigen Riecher.

Bei Rubin und Karow hat man es nach vielen Versuchen endlich hinbekommen, sie nicht wie – wenn auch durch ein negatives Ereignis in Betrieb versetzte – Akteure wirken zu lassen, sondern wie Getriebene, und zwar ständig. Bei Karow verstärkt sich dieser Eindruck durch seine schwierige Vergangenheit, bei Rubin durch die niemals lösbaren Familienprobleme. Klar, das ist alles Absicht, so ein Dickicht ist die Welt, es ist Quatsch, noch den Überblick behalten zu wollen. Dass die beiden überhaupt ein Verbrechen aufklären können, wundert uns immer wieder, beweist andererseits, dass man nicht zu elitär an die Personalauswahl herangehen muss. Auch Menschen, die mächtig unsortiert wirken, haben ihre Fähigkeiten und spielen sie erst dann aus, wenn der Ermittlungskarren so richtig im Dreck festsitzt, denn dann ist es genau wie in ihrem Leben: Man wühlt und wühlt und irgendwann stellt man fest, dass man doch noch an die Oberfläche gekommen ist. Keine Frage, eine glänzende Berlin-Allegorie, diese beiden.

Die Frage ist aber berechtigt, was die Zuschauer, vor allem diejenigen außerhalb der Hauptstadt mit ihrem flirrenden Wesen, davon halten. Wir sind so frei und kopieren hier die aktuelle Ermittler-Rangliste des Tator-Fundus:

1 Lannert 7.10851
2 Borowski 6.91723
3 Batic 6.82787
4 Ballauf 6.79777
5 Murot 6.75612
6 Faber 6.74206
7 Thiel 6.71814
8 Eisner 6.65969
9 Voss 6.56823
10 Lindholm 6.45640
11 Lürsen 6.38329
12 Karow 6.23213
13 Falke 6.19140
14 Odenthal 6.12753
15 Berg 6.10167
16 Flückiger 6.02568
17 Brix 5.76873
18 Lessing 5.72722
19 Stellbrink 5.66778
20 Berlinger 5.09767
21 Tschiller 4.90453

Damit dokumentieren wir diesen Stand, der sich immer wieder verändern wird. Rang 12 von 21 für das Hauptstadt-Team, nach immerhin neun Filmen, das ist nicht gerade der Hit. Und es ist schwieriger, nach oben zu kommen, als zurückzufallen, von dieser Position aus, vor allem, wenn Falke noch ein wenig zulegt – und wir glauben, das werden er und seine Partnerin Grosz noch tun, die auf uns wesentlich griffiger und besser „in die Spur gebracht“ wirken, ihr Rollenprofil betreffend. Inga Lürsen und Nils Stedefreund, die vor Karow und Rubin platziert sind, werden zwar aus der Liste der aktuellen Ermittler_innen fallen, aber wenn das neue Bremen-Team 2020 einen guten Einstand hat, ist nach vorne alles dicht – der Abstand zu Lindholm auf Rang 11 ist schon  ziemlich groß und lässt sich normalerweise nicht mit einem oder zwei Filmen aufholen.

Das heißt, die Berliner steckten nach neun Filmen bereits in der unteren Hälfte der Beliebtheitsskala fest. Wir müssen nun nicht darüber referieren, wer noch alles dahinter liegt, nämlich die besonders umstrittenen Figuren, aber wir erwarten von der Hauptstadt endlich mal irgendetwas, wo sie vorne ist, außer bei der reinen Größe. Am Ende ihrer Dienstzeit hatten Stark und Ritter, die Vogänger, es mit einigen guten Filmen wie „Gegen den Kopf“ geschafft sich im oberen Drittel festzusetzen. Keine Frage, dass es sehr schwierig für Rubin und Karow wird, dorthin zu kommen. Aber wir können uns auch irren. Am letzten Wochenende wurde ein Dresden-Tatort („Das Nest“) dermaßen gut bewertet, dass wir trotz der Erfahrung aus über 600 Rezensionen für die Reihe und der damit verbundenen jahrelangen Beobachtung der Fundus-Nutzer ziemlich überrascht wurden. Warum soll also nicht das Team Berlin plötzlich abgehen wie Schmidts Katze? Oder wenigstens wie die Maus, die vor Schmidts Katze abhaut?

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Nina Rubin – Meret Becker
Hauptkommissar Robert Karow – Mark Waschke
Kommissaranwärterin Anna Feil – Carolyn Genzkow
Tolja Rubin, Ninas Sohn und Polizeipraktikant – Jonas Hämmerle
Gerichtsmedizinerin Nasrin Reza – Maryam Zaree
Polizeihauptmeister Harald Stracke – Peter Trabner
seine Ehefrau Verena Stracke – Nina Vorbrodt
Polizeimeisterin Sandra Ehlers – Anna Herrmann
Polizeihauptkommissar Uwe Petrofski – Rainer Reiners
Kriminaltechniker Knut Jansen – Daniel Krauss
LKA-Drogenfahnder Decker – Christian Ehrich
Psychologin Inka Bartsch – Renate Regel
Yakut Yavas – Rauand Taleb
Yakuts Onkel Chafik – Tamer Yigit
u.a.

Drehbuch – Christoph Darnstädt
Regie – Christian von Castelberg
Kamera – Björn Knechtel
Szenenbild – Jörg Baumgarten
Schnitt – Dagmar Lichius
Ton – Ludwig Bestehorn
Musik – Eckart Gadow

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