Was ist Sozialismus? (Ludger Eversmann, Telepolis) #Sozialismus #Sozialdemokratie #Sozialstaat #Produktionsmittel #KarlMarx #Konsum #Marx #Vergesellschaftung

Es hilft nichts – trotz eines großen Staus bei aktuellen Themen des Mietenwahnsinns müssen wir uns immer wieder auch ums Grundsätzliche kümmern. Das haben wir uns auferlegt, um unser Wissen zu verbessern und unsere Positionen weiterentwickeln zu können und wir meinen, es ist auch für unsere Leser_innen interessant. Wovon reden wir überhaupt, wenn wir zum Beispiel propagieren, dass die Großimmobilienbesitzer enteignet und ihre Bestände vergesellschaftet werden sollen? Wie ist das einzuordnen? Was ist der Sozialismus, von dem neuerdings wieder so viel geredet wird?

Wir setzen wieder ein paar eigene Gedanken hinzu.

Zuletzt hatten wir uns die Arbeitszeitverkürzung als Modul des ökologischen Umbaus angeschaut, jetzt wollen wir ein wenig Grundlagendarstellung  zum Sozialismus weiterreichen. Ludger Eversmann hat vor einigen Tagen einen nach unserer Ansicht sehr guten Beitrag dazu in „Telepolis“ geschrieben, der zielsicher von weiteren und engeren Definitionen auf unsere heutige Situation von dort, auf das, was kommen muss, um uns auf diesem Planeten zu erhalten zugreift. Seine Position ist beschreibend und steht über den Ideologien oder Strömungen. Einige bemerkenswerte Aspekte des Artikels greifen wir kurz heraus:

  • Wenn wir in dieser Publikation den Begriff Sozialismus verwenden, dann selbstverständlich in seiner engeren Definition, nicht im Sinne eines sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates, wie ihn die SPD für ein paar Jahre versucht hat und wie er in nordeuropäischen Staaten noch etwas ausgepräger ist als sonstwo. Sozialismus in engerer Definition kommt nicht ohne Vergesellschaftung aus.
  • Das Stichwort Gemeinwohlökonomie fällt, das in Deutschland eine Art Markenname ist, getragen von einem Verband der Gemeinwohlunternehmer_innen. Wir haben uns damit ein wenig befasst und sehen klare Vorteile gegenüber der jetzigen Wirtschaftsweise, aber handelt es sich wirklich um eine solidarische Wirtschaftsform oder wollen Unternehmer_innen lediglich vermeiden, dass über tatsächliche Partizipation der Werktätigen nachgedacht und stattdessen alles grün und ein wenig mitbestimmungsseitig gelabelt wird? Wie ist es zu bewerten, dass für Subventionen lobbyiert wird, weil sich die GWÖ in der Konkurrenzsituation mit klassischen Unternehmen aufgrund ihrer höheren Kosten nicht durchsetzen kann? Ist der Markenwert also nicht hoch genug, um Menschen zu höheren Ausgaben für damit versehene Produkte zu bewegen? Und ist bei wenig kapitalintensiven Dienstleistungen und kleinen Produktionsbetrieben eine unternehmerische Führung anstatt der Arbeit im Kollektiv überhaupt notwendig?
  • Womit wir schon beim Kern wären, nämlich dem Prozess, den wir derzeit beobachten: Die Chance, dass sich immer mehr Menschen mit dem Ungleichheit, Ausbeutung, ökologische Zerstörung fördernden Finanzkapitalismus unserer Tage unwohl fühlen, entfremdet, aushäusig, könnte genutzt werden, um sozialistisch voranzuschreiten, ohne dabei gewisse menschliche Grunddispositionen, die der im Kapitalismus erzogene Mensche nun einmal hat, negieren zu müssen. Wenn eine Mehrheit der Meinung ist, dass bestimmte nicht beliebig vermehrbare Güter der kapitalistischen Vewertung und damit der Profitmaximierung entzogen werden müssen, dann ist das die beste gesellschaftliche Entwicklung seit der Zeit der Arbeiterbewegung, die um grundsätzliche Rechte kämpfte. Den einst hohen Organisationsgrad der Arbeitenden werden wir nicht wieder herstellen können, also muss beim Eigentum an den Produktionsmitteln angesetzt werden, um mehr Gerechtigkeit herzustellen.
  • Werden Arbeitende nicht zu ihren eigenen Kapitalisten, wenn man ihnen die Produktionsmittel in die Hände gibt? Wir mussten so schmunzeln, als wir kürzlich lasen, wie eine Mieterinitiative sich innerhalb kürzester Zeit von Aktivisten gegen die Miethaie zur Verteidigerin des Status Quo gegen die Mietpreisbremse in bestimmten Bereichen wandelte, als sie sich zu (prozentual geringen) Miteignern ihres Hauses per Genossenschaft umdefiniert hatte. Genau das ist die Tücke an allen systemaffinen Modellen. Aber so sind Menschen und das muss man berücksichtigen, wenn man einen Systemwandel erreichen will. Der Realsozialismus, den es mal gab und von dem manche vielleicht nicht zu Unrecht behaupten, dies sei gar kein Sozialismus gewesen, hatte keinen Zugang zu den Motiven, die dafür sorgen, dass sich alles immer weiterbewegt.
  • Die Trennung von Gütern, deren Herstellung man sozialisieren kann (Grunversorgung, Daseinsvorsorge) und hoch individuellen Konsumartikeln finden wir sehr interessant und richtig, so haben wir das bisher auch nicht definiert, wenn wir gesagt haben, die Kollektivierung ist vermutlich nicht für die Erzeugung aller Produkte geeignet. Aber wenn man genau hinschaut, ist dies nicht stichhaltig: Eine ressourcenschonende Produktion on Demand ist auch unter gemeinschaftlicher und nicht gewinnorientierter Führung eines Betriebes möglich. Es sei denn, man geht davon aus, dass die Motivation, sich für Kunden maximal anzustrengen und immer zu innovieren, darin begründet ist, dass diese Servicementalität berechtigterweise zu überproportionaler Ansammlung von Vermögen bei der eigenen Person führt, das angelegt werden muss, wofür wiederum Möglichkeiten vorhanden sein müssen – und damit zum Status Kapitalist_in.
  • Die Anforderungen an ein individualisierte Konsumgüter produzierendes Kollektiv werden allerdings etwas überspannt und man tut dem Konsumkapitalismus damit zu viel Ehre an. Wir haben trotz der On-Time-Supply-Chain und anderen Beschleunigungen weder die Wahl, alles genau zum gewünschten Zeitpunkt zu erhalten, noch alles genau nach Wunsch. Auch Daimler-Benz kann es sich heute nicht mehr leisten, Kunden sieben Jahre lang auf ein neues Auto warten zu lassen, aber sie bauen kein einziges Fahrzeug, das ökologischen Anforderungen unserer Zeit gerecht wird. Wenn wirklich bei Mercedes mal ein reines E-Auto aufs Band gelegt wird, dann ist es so massig, dass allein der Ressourcenverbrauch bei der Produktion alle möglichen positiven Effekte des Zero-Emission-Alltagsbetriebs zunichte macht. Das ist Verhöhnung der Kundenwünsche, wie wir sie in der Stadt üblicherweise haben oder haben sollten, wenn wir einigermaßen sortiert sind. Falls wir überhaupt noch aufs Auto setzen, aber dieser Beitrag handelt nicht davon, dass es keinen ökologisch neutralen Individualverkehr gibt. Was wir damit vielmehr sagen möchten: Solche an den Erfordernissen der Zeit vorbei entwickelten E-SUVs sind kein Beweis für die Überlegenheit des Kapitalis in privater Hand bei  hochentwickelten Konsumprodukten, unter denen der Fahrzeugbau ohnehin aufgrund seines extremen Verbrauchs von Rohstoffen eine Sonderstellung einnimmt.
  • Den erwähnten Paul Mason haben wir vor einiger Zeit in einem Forum gehört und einen Vorteil haben Menschen, die vom Journalistischen kommen: Sie können alles sehr griffig darstellen. Nach seiner Ansicht werden in den nächsten Jahrzehnten die Hälfte aller Arbeitsplätze durch Automatisierung verloren gehen und eben nicht, wie bisher, durch andere Jobs weitgehend ersetzt werden können. Das ist jetzt auch schon nicht so, die durchschnittliche Arbeitsstundenzahl pro Erwerbstätiger Person nimmt trotz steigendem BIP seit längerer Zeit ab. Ohne es so zu definieren, haben wir durch immer mehr Teilzeitjobs eine  Arbeitszeitverkürzung. Der Endzustand wäre der, mit dem Marx hier zitiert wird: Wir sind ganz selbstbestimmt darin, was wir wann tun wollen, denn Machines will do the whole Work. Das sollten wir im sozialen Bereich freilich nicht zulassen und Arbeit in diesem Bereich durch bessere Bezahlung attraktiv machen.
  • Aber wer glaubt schon, dass die Privatisierung von Gesundheitsdienstleistungen, die voraussetzt, dass Patienten zu Gewinnbringern werden, auch nur irgendwen gesünder macht? Sie macht nur einige wenige Menschen reicher. Die Privatisierung in diesem Bereich belegt klar, dass der Kapitalismus pervertiert wird und dass er sich in Schwierigkeiten befindet, neue Vewertungsfelder aufzutun.
  • Wir befassen uns besonders mit der kapitalistischen Verwertung von Wohnraum. Es ist für uns eindeutig, dass Menschen heutzutage Sozialismus nicht sagen oder denken, weil sie grundsätzlich unzufrieden mit allem sind oder anderen nichts gönnen, sondern weil sie immer klarer sehen, dass der Kapitalismus sich selbst und damit auch unser Leben zerstört. Was hier geschieht, sehen wir nicht, weil es virtuell abläuft, aber wir spüren es jeden Tag, wenn in unseren Städten von einem gewissenlosen und zudem panischen kapitalistischen Mob Verdrängung organisiert wird.
  • Das steht nicht im Artikel, aber China ist schuld. Wäre dieses Riesenland nicht immer noch im Aufstieg begriffen, wäre die hiesige Warenwirtschaft ebenfalls längst an ihre Grenzen gestoßen, weil die meisten anderen großen Märkte gesättigt sind und neue nicht jeden jedes Jahr hinzustoßen.
  • Deswegen wird auch so verzweifelt an der Erschließung Afrikas als letztem großen Reservoir von Konsumenten, nach kapitalistischer Logik sinnvollerweise nicht etwa von Produzenten, gearbeitet, alternativ holt man Menschen von dort als Konsumenten zu uns. Auch diese von der EU durch unfaire Handelsabkommen, durch China mit der Sicherung von noch und noch mehr Rohstoffen gegen Infrastrukturinvestitionen vorangetriebene Prozess ist ein klarer Ausdruck dessen, wie der Kapitalismus die Wurzeln von uns allen angreift, indem er alles begräbt, was wir an kollektiven Ressourcen nutzbar machen könnten, um zu den Ursprüngen und zur inneren Balance zu finden. Wir sehen in jenem Teil der Welt noch viel mehr kollektive Strukturen als hierzulande, aber deren Vernichtung wird nun betrieben. Mit der Hebung dieser letzten Reserven fürs Konsumentenheer kann man das Zusammenbrechen des Kapitalismus noch ein paar Jahre hinauszögern, aber der Preis dafür ist nicht zu tragen, weder ökologisch und humanistisch gesehen.
  • Sozialismus würde die weltweite Arbeitsteilung vermutlich stark einschränken und damit viel Ressourcenverschwendung vermeiden. Die Konsequenz wäre aber nicht, wie es retrospektive Studien, die von Interessen gelenkt sind, gerne in Form von Aufstiegsstorys suggerieren, dass die Werkbänke der Welt wieder bettelarm würden, denn die Technik, die sie arbeitet haben, ist ja weiterhin vorhanden. Vielmehr käme es dann dazu, dass jeder etwas mehr als jetzt nach seinem Maß lebt und nicht die Kosten für seinen riesigen ökologischen Fußabdruck anderen überhäuft, wie es auch viele nur auf den ersten Blick Umweltbewusste hierzulande gerne tun. Das weltweite Vermögen würde freilich schrumpfen, es ist ohnehin durch Effekte wie die Immobilienblase nach oben getrieben worden, es ist virtuell erzeugt und suggeriert einen weltweiten Wohlstand, den es in Wirklichkeit nur für eine kleine Minderheit gibt.
  • Am Ende des Beitrags macht Eversmann den sechsten Kondratjeff-Zyklus auf (üblicherweise Kondratjew geschrieben), indem er denen viel – sinnstiftende – Arbeit verspricht, die den ökosozialistischen Umbau oganisieren. Wir melden uns schon mal zum Dienst, um diesen Aufschwung nicht zu verpassen. Einen siebten Zyklus wird es nämlich nicht mehr geben, so jedenfalls sieht es der Autor des empfohlenen Beitrags.

Kommentar 2XX

EBA 24

Kritisch schauen und immer wieder Beiträge außerhalb des Mainstreams und vor allem jenseits unserer aktuellen Zentralthemen lesen, über die wir selbst schreiben – das ist eine Aufgabe, die der Wahlberliner sich gestellt hat. 

Wir empfehlen. Manchmal kommentieren wir die Empfehlungen auch oder versuchen, die darin geäußerten Gedanken weiterzuführen. Unsere bisherigen Beiträge der Serie „Jeden Tag ein Blick nach draußen“: 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s