Fieber im Blut (Splendor in the Grass, USA 1961) #Filmfest 29

Filmfest 29
2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

Nachdem wir kürzlich festgestellt hatten, dass uns von Marlon Brando mehr Filme fehlen, als wir dachten, hätten wir dennoch auf einer breiten Spur mit ihm weitermachen können, zumal sich in diesem Frühjahr sein 95. Geburtstag jährte.

Zum Beispiel mit „Die Faust im Nacken“ („On The Waterfront“), dann wären Regisseur und Hauptdarsteller dieselben gewesen wie in „Viva Zapata“ aus dem Jahr 1952. Wir haben uns aber dafür entschieden, beim Regisseur zu bleiben und zu schauen, was Elia Kazan neun Jahre später gemacht hat. Er drehte mit Natalie Wood das Initiationsdrama „Splendor in the Grass“.

Elia Kazan, der vom New Yorker Theater kam, hat in vielen seiner Filme Schauspieler zu Leistungen geführt, die der Start für große Karrieren waren (u. a. Marlon Brando, James Dean, Carroll Baker, Karl Malden). In „Splendor in the Grass“ spielt der junge Warren Beatty die männliche Hauptrolle. Dessen Durchbruch erfolgte jedoch erst mit der männlichen Hauptrolle in „Bonnie und Clyde“ sechs Jahre später. Für Natalie Wood war ihre Rolle als Deanie die letzte vor ihrer Verkörperung der Maria im Welterfolg „West Side Story“.

Es wäre sicher angezeigt, nun auch etwas darüber zu schreiben, wie begabt und gleichzeitig umstritten Elia Kazan seit dem McCarthyismus der frühen 1950er war, aber das behalten wir uns für die Rezension eines Films vor, den man in einem engeren Zusammenhang mit Kazans Beteiligung an der Kommunistenjagd in Hollywood betrachten kann, sowohl zeitlich als auch inhaltlich.

Handlung ( Wikipedia)

Der Film beginnt 1928 in einer Kleinstadt in Kansas und zeichnet das prüde und widersprüchliche bürgerliche Sittenbild im amerikanischen Mittleren Westen der damaligen Zeit auf. Wilma Dean „Deanie“ Loomis wächst wohlbehütet, aber in einfachen Verhältnissen auf. Der Teenager verliebt sich in Bud Stamper, den Sohn der reichsten Familie der Stadt. Deanies Mutter ist vor allem um die Jungfräulichkeit ihrer Tochter besorgt, während Buds Vater Ace sich eher eine Schwiegertochter aus besseren Kreisen wünscht. Er rät Bud, dass er sich für seine sexuelle Befriedigung andere Mädchen suchen solle, mit denen er keine ernsthafte Beziehung eingehen müsse. Gleichzeitig ist Bud der Hoffnungsträger seines Vaters als dessen Nachfolger in der Firma. Bud soll ein Studium in Yale beginnen und anschließend ins Geschäft des Vaters eintreten. Für Ace Stamper hat dies eine existenzielle Bedeutung, da er bereits von Buds älterer Schwester Ginny, einem Flapper-Mädchen, maßlos enttäuscht wurde. Ginny wechselt ständig ihre Partner, trinkt, raucht und hatte schon eine Abtreibung.

Trotz des steigenden Drucks von Buds Vater bleiben Deanie und Bud zunächst ein Liebespaar. Bud will Deanie, zu der er sich immer stärker sexuell hingezogen fühlt, sogar heiraten. Sein Vater sorgt jedoch dafür, dass die Heiratspläne bis zu Buds geplantem College-Abschluss verschoben werden. Die jungen Menschen zerbrechen schließlich an dem Zwiespalt der Forderungen ihrer Familien und ihren eigenen starken Gefühlen zueinander. Bud bricht zusammen und beginnt nach einem Krankenhausaufenthalt eine oberflächliche Beziehung zu Juanita, einer recht freizügigen Schulkollegin von Deanie. Hier beginnt die Schlüsselszene, die auch den Bezug zum englischen Filmtitel enthält, Splendor in the Grass, der Ode Intimations of Immortality From Recollections of Early Childhood von William Wordsworth. Als Deanie das Gedicht hört, das sehr an ihre zerbrochene Liebesbeziehung erinnert, kann sie die Situation nicht mehr ertragen, stürzt weinend aus ihrer Schulklasse, die sie fortan nicht mehr besucht, und verfällt in Depressionen. In einer Szene mit ihrer Mutter im Badezimmer, in übermäßig heißem Wasser, kommt Deanies tiefe Verzweiflung darüber zum Vorschein, dass sie Bud nicht mehr sehen kann. In ihrem Zimmer schneidet sie sich ihre langen Haare ab und nimmt sich die leichtlebige Lebensweise von Ginny zum Vorbild, um Bud zurückzugewinnen. (…)

Das Gras zuhause ist auch grün

Wir wussten das mal, es war uns entfallen – und als wir jetzt lasen, dass Warren Beatty der jüngere Bruder von Shirley MacLaine ist, waren wir doch wieder überrascht. Die Talente beider sind unverkennbar, doch ihre Unterschiedlichkeit in Optik und Stil ebenfalls. Jedenfalls war sie schon ein Star, als er 1961, mit 23 Jahren, einen 17-19jährigen Teenager in „Fieber im Blut“ den Teenager Bud aus gutem Haus spielt. An seiner Seite, gleichaltrig, die grazile Natalie Wood als sensible Deanie. Es heißt, damit die beiden in Teenagerrollen glaubwürdiger sind, hat man ihre Mitschüler ebenfalls mit über 20jährigen Schauspielern besetzt. Guter Trick, aber in „Sie wissen nicht, was sie tun“, in dem Natalie Wood noch ein echtes Teenie war, griff man nicht zu diesem Mittel, um James Dean, damals ebenfalls 23 Jahre alt, besser in seine schulische Umgebung zu integrieren. Hätte man vielleicht besser getan, dann hätte er vielleicht mehr so ein gewollt kindisch-rebellischer Outlaw sein müssen. Spaß! Zur Hälfte.

Gar keine Frage, dass Beatty auch einen gewissen Dean-Appeal hat, aber er beweist auch, dass man mit einer im Grunde schwachen Figur zu Ruhm kommen kann. Während Dean immer etwas über die Stränge geschlagen hat, auch und besonders mit seinen Figuren in nur drei Spielfilmen, ist Beattys Bud viel angepasster. Ganz zu Anfang des Films hat man den Eindruck, er spiele ein wenig Dean nach, aber vielleicht wollte Elia Kazan, der Regisseur, das auch so, weil er sich und die Zuschauer natürlich gerne an den großen Erfolgsfilm „Jenseits von Eden“ erinnern wollte, den er mit Dean gemacht hat.

Die Figuren in diesen Filmen übers erwachsen werden, die Elia Kazan mit jungen Männern gemacht hat, die das Potenzial zu Superstars hatten (1951 und 1954 auch mit Marlon Brando in „Endstation Sehnsucht“ und „Die Faust im Nacken“), sind nicht die einfachen Typen, mit denen man sich allzu gerne identifizieren möchte – aber es gib ja in all diesen Filmen (auch in „Endstation“) noch die Frauen. Diese empathischen, verständnisvollen, wunderbaren Frauen, die man demgemäß uneingeschränkt bewundern darf – Kim Hunter, Eva Marie Saint, Julie Harris. Doch Natalie Wood hat schon 1955 mit Dean (nicht unter der Regie von Kazan, sondern von Nicholas Ray) das aufrührerische Mindset auf die Leinwand bringen dürfen, freilich in bürgerlich korsettierter Form. Und 1961 war es endlich so weit, dass ein solcher Film über junge Leute, die es schon ganz schön schwer mit der Liebe haben, eine gut gezeichnete, differenzierte Frauenfigur haben konnte. Man war in etwa auf dem halben Weg zu späteren Teenagerfilmen, die allerdings nicht mehr die dramatische Wucht klassischen Hollywoodkinos aufwiesen, selbst, wenn sie ausnahmsweise ernst gemeint waren.

Im Prinzip fügt sich „Fieber im Blut“ hervorragend ins Kino der späten 1950er und frühen 1960er ein, als das Melodram seinen Höhepunkt erlebte. Dieser Mangel an Humor und Distanz, an ironischer Brechung, den gab es später nie wieder. Was auch darauf hindeutet, dass der Zynismus unserer Zeit dieses ganz dichte Herangehen an Figuren wie Deanie nicht mehr zulässt. Und Elia Kazan hat eine tolle Begabung, das immer am Rand zum Kitsch entlang auf der sicheren Seite zu halten, sodass Schauspieler und Inszenierung auch heute noch überzeugen (die IMDb-Nutzer geben dem Film durchschnittlich 7,8/10, genauso viel wie Natalie Woods Arbeit mit James Dean, „Denn sie wissen nicht, was sie tun“). Sicher übertreibt der Film einerseits ein wenig, andererseits spricht er Probleme an, die nicht etwa nur auf das Jahr 1928 beschränkt sind, in dem der Film beginnt. Sexuelle Belange mussten noch umschrieben werden, sind aber sehr präsent. Der Hays Code war offiziell noch in Kraft, sodass bis auf ein einziges Mal kein Kraftausdruck zu hören ist („Arsch“) und kein sexueller Wortschatz verwendet wird, aber es geht genau darum. Wie können junge Menschen in einer repressiven und teilweise einfältigen Umgebung ihre Gefühle ausleben?

Ja, klar wirkt das heute altmodisch, wo alle so aufgeklärt sind. Oder? Aufgeklärt sind Deanie und Bud ja auch, sie wissen, wovon sie reden, aber die Moral rät zur Enthaltsamkeit, außerdem gibt es noch die Standesunterschiede. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er sich nicht klar für die Darstellung eines Problems entscheidet, sondern versucht, mit zwei Bällen zu spielen, von denen jeder für sich schwer genug zu beherrschen ist. Es mag Elia Kazan und seinem Drehbuchautor, dem Dramatiker William Inge, aber nicht mehr ausgereicht haben, eines jener Gesellschafts(melo)dramen zu zeigen, die schon in den 1950ern sehr in Mode waren, etwa ein etwas kleiner formatiertes „Giganten“, eine Art Öl-und-Boden-Revival, das für das produzierende Studio Warner Brothers dann schon beinahe ein Remake gewesen wäre. Was in diesen Film allerdings nicht hineinpasst, ist der Börsencrash von 1929. Er tut dramaturgisch nichts zur Sache, denn Deanies Eltern verkaufen ihre Aktien ja rechtzeitig, um ihr den langfristigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik zu ermöglichen, und ob sich Buds Vater während einer New York-Tour aus finanziellen Gründen umbringt, wissen wir nicht genau. Er sagt doch nicht zu Unrecht, es geht auch irgendwann wieder bergauf mit den Aktien (es dauerte nach 1929 allerdings sehr lang, bis der Dow Jones wieder den Vorkrisenstand erreichte), und er hat doch die Ölquellen, die weiter sprudeln werden.

Jedenfalls hatten wir uns, als wir „1928“ als Jahr der Handlung lasen, mehr Einfluss der einsetzenden Great Depression auf die Handlung erwartet. Auch dass Bud am Ende des Films mit einer einfachen Frau auf einer alten Ranch, die der Familie gehört, lebt, lässt nicht eindeutig erkennen, ob die elterliche Firma futsch ist, oder ob er Farmer aus Leidenschaft geworden ist, was an der Universität schon sein Wunsch war. Bezüglich der Verknüpfung von Wirtschaft, Standesdünkel, wie ihn Buds Vater gegenüber Deanies Eltern hat, obwohl doch alle in dieser Stadt Ölboom-Profiteure und Kleinaktionäre, also nicht wirklich arm sind. Sicher wird ein wenig über den Materialismus reflektiert und wie zum Beispiel Buds Vater alles nur in Geld bemisst (im kleinbürgerlichen Milieu ist Deanies Mutter ihm nicht unähnlich). Bezüglich der Implementierung von Faktoren wie der Korruption durch Geld ist der Film unklar und die Handlung schlingert dadurch unnötig, anstatt sich ganz auf das Jugendlichen-Liebesdrama zu konzentrieren, das so viel Kraft in sich hat.

Und das hat es wirklich. „Splendor in the Grass“ heißt der Film im Original, und der deutsche Verleihtitel verballhornt im Grunde dessen Anliegen, denn „Fieber im Blut“ weist eher darauf hin, dass die Jungs, aber auch Deanie, sich nicht etwa natürlicher Gefühle erwehren müssen, die sich nicht ausleben können, sondern als seien diese Gefühle Ausdruck eines besonders hitzigen Temperaments.

Bei der eher zurückhaltenden Deanie sind sie das sicher nicht, und auch Bud ist kein Aufreißer. Einerseits ist der deutsche Titel wieder einmal der Rabulistik der hiesigen Verleihfirmen geschuldet, denen der Aufmacher nicht reißerisch genug sein konnte, andererseits klingt „Pracht im Gras“ ein wenig seltsam, wenn man beim Wortlaut bleibt. Natürlich ist das allegorisch gemeint, und wir meinen, eine Änderung des deutschen Titels, wie er vielen amerikanischen Filmen im Lauf der Jahre zuteil wurde, wäre angebracht. Im Original wird eine Zeile aus Splendor in the Grass, der Ode Intimations of Immortality From Recollections of Early Childhood von William Wordsworth, verwendet. Ein Gedicht aus dem Bereich der englischen Romantik, das natürlich auch die Liebe zu einer romantischen Reinheit verklärt. Es handelt davon, dass von den hohen Idealen der Jugend am Ende die Erinnerung bleibt, die man mitnimmt und aus der man Kraft schöpft, wie Deanie es in der vielleicht mitreißendsten Szene des Films vor ihrer Klasse interpretiert – und dann weinend hinausstürzt.

Demgemäß ist das Ende des Films die Erkenntnis, dass diese große Jugendliebe den Umständen nicht standhalten konnte. Bud hat sich, seinem im Grunde einfachen Naturell gemäß, für eine Kellnerin entschieden, Deanie immerhin für einen Arzt, den sie im Sanatorium kennen gelernt hat und der, wie Bud, nicht mit den hohen Ansprüchen seiner Eltern umgehen konnte, was ihn in Depressionen gestürzt hat. An der Stelle blicken wir ein wenig zur Seite und wagen den Satz, dass diejenigen Glück haben, die schon in der Jugend so deutlich an ihre Grenzen gestoßen sind, dass sie bereits zur Neudefinition ihres Selbst gezwungen waren und ihrem Leben rechtzeitig eine Wendung geben konnten, das, wie der Psychiater zu Deanie sagt, „Eltern nur noch als Menschen mit Stärken und Schwächen“ sichtbar macht, und eben nicht als Eltern, und demgemäß den Umgang mit ihnen fortan erleichtert.

Das ist etwas vereinfacht und wirkt sehr abgeklärt, aber wir sehen ja nicht viel von der jahrelangen Behandlung, die Deanie in der Klinik erfährt und die der Film auch sehr ernst nimmt, denn immerhin verdankt sie diesem Aufenthalt ein seelisches Gleichgewicht, das mit einer Konfrontation getestet wird, die ihr Arzt ihr rät: Sie soll Bud wiedersehen, um sich ihrer Gefühle sicher zu sein, die Stabilität, das auszuhalten, hat sie, dessen scheint der Behandler sicher. In jenen idealistischen Jahren zu Beginn der 1960er waren Scherze über die Psychiatrie nicht mehr so häufig anzutreffen wie in der Frühzeit des Kinos oder ab den 1970ern. Damals trug Woody Allen viel dazu beit, Neurosen und andere Probleme zu bagatellisieren, indem er alles, was die Großstadtbewohner sich an Eskapaden leisteten und dann mit ihren Seelenklempnern verhackstückten, auf sehr gekonnte und amüsante Art ins Lächerliche zog.

Finale

Nach dem Zweiten Weltkrieg und besonders, seit Mitte der 1950er neue Musikrichtungen und Idole aufkamen, hatte sich der amerikanische Film sehr für den Zustand von Menschen zwischen Kindheit und erwachsen sein interessiert, mal mit mehr, mal mit weniger Tiefgang, und Kazans Werk gehört gewiss zu den erfolgreichen Anstrengungen, auch wenn der Film nicht frei von Schwächen ist. Man hat das Gefühl, dass er es ernst meint mit seinen jungen Figuren, ohne dabei konventionelle dramaturgische Effekte zu vernachlässigen. Das Ende ist nicht unproblematisch vor allem für Menschen, denen immer beigebracht wird, ihre Träume zu leben, anstatt das Leben zu träumen.

Die meisten können aber von Glück sagen, wenn sie nicht so groß geträumt haben, dass das Leben es nicht zulässt, dass diese Träume wahr werden können. Demgemäß ist der Film ehrlich einerseits – und hat doch die gerade für amerikanische Verhältnisse tückische Botschaft, dass das Glück bescheiden sein kann, wo doch in der amerikanischen Realität alle nur hinter dem Geld herrennen. Auf emotionaler Ebene hingegen wirkt es wahrhaftiger, denn wer von uns hat schon später seine große Jugendliebe geehelicht, wenn die Lebenswege aus irgendeinem Grund auseinander liefen und sich nicht alles in einer kleinen Dorfwelt abspielte, in der das allzu Stetige und naturgemäß Begrenzte einen bedrohlichen Schatten auf die Romantik der frühen Jahre wirft und einige Frage an die dann erwachsenen Menschen stellt, zum Beispiel die, warumm sie nie einmal ausgebrochen sind und ihren Horizont erweitert haben. 

74/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Elia Kazan
Drehbuch William Inge
Produktion Elia Kazan
Musik Dave Amram
Kamera Boris Kaufman
Schnitt Gene Milford
Besetzung

 

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