Giganten (Giant, USA 1956) #Filmfest 32

Filmfest 32 

Wie versprochen, kommen wir nach der Biografie „James Dean – Ein Leben auf der Überholspur“ aus dem Jahr 2001 zu dritten Film mit dem echten Dean, dem Epos „Giganten“ aus dem Jahr 1956.

Der Film sticht noch heute heraus als einer der gelungensten Großfilme zieht sich über 30 Jahre im Leben einer amerikanischen Filmie und weiterer Bewohner ihrer Ranch und einiger Nachbarn. Wie „Vom Winde verweht“ der Nationalfilm der Südstaaten ist, trifft das auf „Giganten“ für Texas zu.

Wir haben diesen Film im Laufe vieler Jahre mehrmals angeschaut, bis im Jahr 2017 eine Co-Rezension zustande kam und er hat mit den Jahren nichts von seiner Kraft verloren. Das können wir nicht von allen Kinostücken sagen, die unser Interesse am Medium begründet und gefördert haben.

 Eines der gigantischsten Epen

Der texanische Rancher Bick Benedict besucht eine Farm in Maryland, um ein Rennpferd zu kaufen. Dort trifft er die Tochter des Pferdestallbesitzers und verliebt sich in sie. Umgehend findet die Hochzeit statt und zusammen kehren Benedict und seine junge Frau zu dessen Ranch zurück. Die Geschichte der Familie, die sie gründen und die Rivalität mit dem Cowboy und späteren Öltycoon Jett Rink entwickelt sich über zwei Generationen hinweg.

Anni und Tom über „Giganten“

Anni: Das ist schon ein gigantischer Film. Wie alt warst du, als du ihn zum ersten Mal gesehen hast?

Tom: Das muss schon in Farbe gewesen sein. Spaß. Ziemlich jung jedenfalls.

Anni: Und jetzt sag, hast du nicht davon geträumt, dass sie in eurem Garten eine Ölquelle finden? Nur eine klitzekleine, die eine Million im Monat einbringt? Komm, gibt’s zu.

Tom: Das hätte manches einfacher gemacht.

Anni: Sicher? Bei Jett Rink hat es das nicht, der ist doch im Grunde eine arme Sau. Genau wie James Dean, der ihn spielen musste. Am Schluss erkennt man ihn wirklich nicht wieder. In seinen anderen Filmen hat er sich jedenfalls nicht so schrecklich selbst demontieren müssen.

Tom: Mit seiner gealterten Figur war er auch nicht glücklich, heißt es. Wie er da in der Bar sitzt und man sein Gesicht kaum sieht, vermutlich, damit es nicht doch zu jung wirkt. Aber ich bin für jeden Film froh, in dem er nicht so überagiert wie in „… denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Trotzdem schade natürlich, dass es nicht mehr als die drei gibt.

Anni: Der dritte, chronologisch der erste, ist „Jenseits von Eden“. Eindeutig sein bester.

Tom: Absolut.

Anni: Aber „Giganten“ ist eben nicht in nur ein Dean-Film. Interessant, dass er so wenig Gage bekommen hat, nur 20.000 Dollar. Rock Hudson bekam 100.000 und Elizabeth Taylor war damals  schon der Topstar mit 175.000 Dollar.

Tom: Die 100.000 für Hudson waren eher wenig, 1956 war er noch nicht der Komödienstar an der Seite von Doris Day, auch wenn er sich schon einen Namen als Schauspieler in den Dramen von Douglas Sirk gemacht hatte. Das Salär für Taylor für eine so große Rolle finde ich für damalige Verhältnisse eher normal, deren Gagen hoben erst ein paar Jahre später so ab, dass sie für ihre Arbeit in „Cleopatra“ (1963) die erste Schauspielerin war, die mehr als eine Million Dollar für einen Film bekam.   

Anni: Ja, selbst in dieser Besprechung geht es ums Geld, wie im Film selbst. 1956 schon im Milliardenbereich zu agieren, ist irre. Und das fängt ja noch früher an, in den 1920ern. Die Leute hatten wirklich nichts weiter zu tun, als irgendwann billigst Land zu erwerben und zu warten, dass das Öl kommt. Nur der brave Rinderzüchter Benedict wiedersetzt sich – bis der Krieg kommt und das Land so viel Öl braucht, dass auch sein Besitz buchstäblich angezapft werden muss. Wenn das nicht ein Symbol für den dreckigen Kapitalismus ist.

Tom: Edna Ferber, die 1952 den Roman veröffentlicht hat, wird es auch so verstanden haben. Ihre Werke sind immer gesellschaftskritisch gewesen und ich wundere mich schon, dass so viel davon in den Film übergegangen ist, der vier Jahre später entstand.

Anni: Da gibt es die Emanzipationsstory von Leslie und das Rassismus-Thema zwischen Texanern und Mexikanern wurde sicher nie vorher in einem Film so ausführlich behandelt. Und natürlich die Story der Rivalen. Von denen jeder eine Melodie hat. Die Musik von Dimitri Tiomkin ist grandios, wie immer. Absolut passend zu epochalen Filmen wie diesem. Was muss das für ein Jahrzehnt gewesen sein, in dem das alles so selbstverständlich wirkte.

Tom: Auch damals war es für die meisten Leute nicht selbstverständlich, und ich finde nicht, dass der Film exakt den amerikanischen Traum spiegelt. Für Jett Rink ist er eher ein Alptraum, so reich und so einsam und so kaputt in einer Person, das muss man erst einmal realisieren. Die Benedicts wirken allerdings sehr intakt, daher hat der Film auch nicht dieses maximale Drama wie etwa die Sirk-Werke, in denen Hudson mitgespielt hat und die viel intimer sind. Aber das sind eben auch nicht solche Epen gewesen. Nun ja, die nächste Generation will ihr eigenes Ding machen, das wird auch gezeigt. Der eine will Arzt werden, der andere Kleinfarmer, nix Ölgiganten.

Anni: Ein Film muss wohl schon so lang sein, fast dreieinhalb Stunden, um so viel zu erzählen. Aber ich finde, das macht er gut. Nicht überragend, aber gut. Und alles schön symbolisch. Und politisch korrekt, damals schon. Wenn auch hier die Afroamerikaner wieder nur als Bedienstete vorkommen. Und die Mexikaner sich nicht, wie Jett Rink, selbst aus dem Schlamassel helfen können. Dabei hat er bloß ein riesengroßes Ego und säuft schon als junger Mann wie ein Loch. Nicht nur ein normaler Mexikaner kann das nicht nachbilden, zumal nicht jeder so ein Stück Land geschenkt bekommt, auf dem ausgerechnet die tollste Ölquelle westlich des Mississippi sprudelt. Trotzdem wird der Film am Ende zu einer interessanten Mischung aus persönlichem Duell und Rassedrama. Für 1956 respektabel, finde ich. Und wenn man sieht, wie heute in den USA über die hispanische Bevölkerung geredet wird,  sogar von Seiten der Politik – da ist man nicht nur nicht vorangekommen, sondern rückwärts gegangen. Wie das ganze Land, offensichtlich.

Tom: Ich finde es auch faszinierend, welch eine Kraft diese alten Filme ausstrahlen. Wir sehen ja keine faschistischen Figuren, wie in heutigen Superhelden-Filmen, sondern ganz normale Menschen, die aber von einem großen Land geradezu gezwungen werden, groß zu denken und zu handeln. Menschen mit allen möglichen Fehlern. Ich finde die Figuren sehr gelungen, aber das haben Filme, die nach guten Büchern entstanden sind und in denen die Charaktere so viel Raum bekommen, auch meistens für sich. Schnell und intensiv ist der Film eigentlich nicht, und es passiert nicht einmal eine große Katastrophe, nur das Leben, wie es mehr oder weniger ist. Und doch ist es interessant und ich meine, es wäre nicht viel weniger interessant, wenn das alles irgendwo im Mittelstand geschehen wäre. Na ja, beinahe so interessant. Da hätte man dann wohl doch einen schlimmen Todesfall bringen müssen und eine schwere Prüfung.

Anni: Den Todesfall von Luz gab es ja, aber nicht die schwere Prüfung. Ich fand es schade, dass der Film nicht noch länger ging. Man hätte in den 1980ern eine Fortsetzung drehen müssen, damals war ja auch wieder so eine Zeit für große Filme. Nur mit Rock Hudson als echtem Opa wäre das leider nicht mehr gegangen, wegen seinem AIDS und seinem Tod 1985. Obwohl es also diese Katastrophe nicht gab, fand ich viele Szenen berührend und natürlich hab ich mich gekringelt, als Leslie die Herrenrunde mit Lendenschurz ausstatten wollte. Wenigstens in der Sache ist man in den USA und andrswo doch weitergekommen. Und hoffentlich geht nicht auch die Gleichberechtigung wieder unter, wenn die Zeiten noch schlechter werden.

Tom: Oh nein, wir haben erkannt, wie sehr wir euch gerade in schlechten Zeiten brauchen. Es ist ja eher so, dass bei großem Wohlstand, der nicht hart erarbeitet werden muss, Frauen keine gleichwertige Funktion ausüben, weil eben einfach alles da ist. Es sei denn, sie sind die Erbinnen, das ist natürlich was anderes. Aber deine Leslie ist das Herz des Ganzen und als emanzipierte Frau von der Ostküste den anderen um Generationen voraus. Das zeichnet sich schon ab, als sie über Texas liest und die Geschichte erfrischend neutral wiedergibt. Vermutlich hat John Wayne deswegen auch drei Jahre später „The Alamo“ gemacht, um mal darzustellen, wofür echte konservative Männer in dieser Sache stehen.

Anni: Diesen ebenfalls sehr langen Western haben wir ja neulich auch angeschaut. Nee, da gefällt mir „Giganten“ von der Tendenz weitaus besser. Auch wenn er von den zehn Oscars, für die er nominiert war, nur einen einzigen bekommen hat. Für die beste Regie, immerhin. Aber das war wohl ein etwas seltsames Jahr, in dem ein Abenteuerfilm wie „In 80 Tagen um die Welt“ bester Film werden konnte.

Tom: Da hätte es viele bessere Filme gegeben, die nicht einmal nominiert waren, aber ich gehe nicht mit denen überein, die sagen, es war ein schwaches Filmjahr in den USA. Ich finde die Fülle und die konzeptionelle Stärke der Filme aus dieser Zeit nach wie vor beeindruckend, dagegen wirkt das heutige Kino so klein.

Anni: Man kann unendlich viele Filme übereinander projezieren und doch ist noch Platz in der ersten Reihe des Kinos. Klar. Aber die Kraft, die es braucht, um endlich wichtige Themen anzusprechen, die war damals vorhanden, und in den folgenden Jahren kamen ja noch deutlicher kritische Filme und richtige Sozialdramen in die Kinos. Eigentlich gab es in den USA immer gute Filme, so ist das ja nicht. Wir gehen zu sehr von der Infantilisierung des Kinos seit Spielberg und Lucas aus und von diesen sinnlosen Materialschlachten im heutigen Mainstream-Kino, die nicht einmal echt sind. Welchen Film hättest du denn als besten des Jahres 1956 gesehen?

Tom: Von den ausländischen Filmen abgesehen – den Oscar für den besten fremdsprachigen Film bekam ja „La Strada“ von Fellini, obwohl der Film damals schon drei Jahre alt war, also von den Kunstfilmen aus Europa abgesehen … sicher nicht „Die Zehn Gebote“, der auch im Rennen war. Das ist einer der seltsamsten Großfilme, die ich je gesehen habe. „The Searchers“ von John Ford war nicht einmal nominiert, den vielleicht. Oder „Lust for Life“, das Van Gogh-Porträt mit Kirk Douglas in der Rolle des Malers. Für Freund Gauguin hat Antohny Quinn den Nebenrollen-Oscar bekommen, aber Douglas war nicht einmal nominiert …

Anni: Doch, Douglas war nominiert, wie auch Rock Hudson für „Giganten“ – seine einzige Nominierung ever, übrigens,  aber alle verloren gegen Yul Brynner in „Der König und ich“, und den Film kenne ich leider noch nicht und kann nicht sagen, ob es die richtige Entscheidung war. Wieso haben eigentlich die Benedict-Kinder alle blonde Haare, obwohl Mama und Papa jeweils brünett oder gar schwarzhaarig sind?

Tom: Vielleicht, weil es so im Roman steht. Hätte Grace Kelly die Leslie gespielt, man hat ihr die Rolle ja angetragen, wäre es auch hingekommen.

Anni: Da war sie aber schon Fürstin von Monaco oder dran, es zu werden, und wollte nicht mehr filmen. Ich glaube, sie hat in den Jahren 1955, 1956 mehr Rollen abgelehnt, als die meisten anderen je bekommen haben. Nur, um sich für so einen Zwergstaat von einer Steueroase aufzusparen. Übel ist das. Aber des Menschen Wille, wenn er die Wahl hat, nicht? Und haben wir die nicht doch alle, die Wahl?

Tom: Nein.

Anni: Gut so. Ich bin erleichtert. Denn wenn du hinguckst, ist das nicht einmal in einer Americana wie „Giganten“ so, die ein wenig ehrlich ist als einige sehr klischeehafte Filme. Alles Gute und aller Reichtum sind vererbt. Sei es das Land mit den Bodenschätzen drin und den Rindern drauf oder der geistige Reichtum von Leslie. Sie ist, was sie ist, weil sie aus einer progressiven, verständnisvollen, guten Familie kommt, in der sie gefördert wurde und viele Freiheiten hatte. Und dies alles haben viele eben nicht. Und wenn jemand reich wird einfach so, dann kommt ein Jett Rink heraus, der Macht und Geld mit Glück verwechselt. Ich gebe 9/10.

Tom: 8,5/10.

88/100

© 2019, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


Regie George Stevens
Drehbuch Fred Guiol,
Ivan Moffat
Produktion Henry Ginsberg,
George Stevens
Warner Bros.
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera William C. Mellor
Schnitt William Hornbeck,
Philip W. Anderson (Schnittassistent)
Fred Bohanan (Schnittassistent)
Besetzung

 


 

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