Das Inserat – Polizeiruf 110 Fall 27 / Crimetime 463 / #Inserat #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #BMW #Dixi #Fiat #PolskiFiat

Crimetime 463- Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Fünf Tulpen und ein alter BMW

„Das Inserat“ „(…) war die 27. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Lutz Subras ermittelten in ihrem 11. Fall. Der Film galt jahrelang als verschollen, wurde jedoch 2010 wiederentdeckt.[3] Die erste Ausstrahlung nach Auffindung des Filmnegativs erfolgte am 7. Dezember 2010.“

Eine Begründung, warum man das Negativ hätte verschwinden lassen sollen, steht nicht dabei, vielleicht gibt es keine. Wir haben im Film selbst auch keine entdeckt – es sei denn, das Gieren nach einem (kleinen) Oldtimer galt als so dekadent, dass man es für grundfalsch hielt, den Mann, der gerne einen hätte, nicht als Täter zu installieren und deshalb das ganze Werk aus dem Verkehr zog. Warum wir auf solch eine Idee kommen und mehr steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

In einer Autoreparaturwerkstatt hört Buchhalterin Juliane eines Abends Geräusche aus dem Kassenraum. Sie sieht nach und wird von einem vermummten Mann überwältigt. Der Mann kann fliehen. Im Safe fehlen 10.000 Mark. Oberleutnant Jürgen Hübner und Leutnant Lutz Subras übernehmen die Ermittlungen. Zunächst wird Julianes Freund Marko Buchholz verdächtigt. Er war bereits gegen 22 Uhr am Betrieb angekommen um Juliane abzuholen, war jedoch erst eine halbe Stunde später bei ihr. Er gibt an, in der Zwischenzeit noch Reparaturarbeiten an einem Auto vorgenommen zu haben, weil er zu früh da war. Der Verdacht gegen Marko erhärtet sich, als in seiner Garage der Wagen seiner Kundin Frau Müller-Dommisch gefunden wird, der deutliche Unfallspuren aufweist. Marko war mit dem Wagen dem Freund seiner Mutter, Eddi Alscher, hinterhergefahren, der als Angestellter der Kundenannahme im gleichen Betrieb wie Marko arbeitet. Er vermutete, dass Eddi sich mit anderen Frauen treffen wollte. Bei der Verfolgungsjagd durch den Wald kam es zum Unfall. Die Reparatur würde rund 8000 Mark kosten, doch ist Marko gewillt, das Auto aus eigener Tasche zu reparieren.

Auch Eddi Alscher selbst steht unter Verdacht. Kfz-Mechaniker Richard Pauli sagt aus, dass er Eddi am Tatabend am Betrieb gesehen habe. Er habe ihn noch angesprochen, doch habe Eddi auf seinen Zuruf nicht reagiert. Eddi wiederum behauptet, den ganzen Abend mit seiner Freundin Beate Buchholz, der Mutter von Marko, vor dem Fernseher gesessen zu haben. Erst später gibt er zu, zwischendurch kurz Zigaretten gekauft zu haben. Er habe auch Richard Pauli gesehen, allerdings mit einer Frau. Daher habe er auch nicht auf Richards Zuruf gehört, weil er dachte, beide wollten allein sein.

Von Herrn Ratzek erfährt Jürgen Hübner, dass Eddi ihn um Geld prellen will. Er habe einst Eddi in der Werkstatt gefragt, ob er ihm einen BMW Dixi organisieren könnte, und Eddi habe ihm dies zugesagt. Ratzek zahlte ihm einen Vorschuss von 6800 Mark für den Wagen, den Eddi jedoch nie lieferte. Angeblich hatte es sich der Verkäufer des Wagens anders überlegt. Inzwischen drängt Ratzek auf sein Geld und hat Eddi eine Frist von drei Tagen für die Rückzahlung eingeräumt. Eddi versucht, sich bei Beate Geld zu leihen, doch lehnt sie eine auf Schulden gebaute Beziehung ab. Eddi lässt die von Ratzek gesetzte Frist verstreichen. Erst ein Trick führt die Ermittler auf die richtige Spur. Jürgen Hübner lässt einen Mitarbeiter der Mordkommission seinen BMW Dixi per Inserat verkaufen. Eddi, der händeringend einen solchen Wagen zum Verkauf an Ratzek sucht, erwirbt den Wagen – mit dem gestohlenen Geld aus dem Kassenraum seines Betriebes, wie sich über die Seriennummern auf den Scheinen feststellen lässt. Eddi wird als Täter verhaftet.

Rezension

Der feuerrote BMW Dixi selbst wurde nicht entwendet, im Gegenteil, die Polizei hat ihn als Köder verwendet. Aber Sammeln von privatem Besitz, die Idee, irgendetwas Exklusives für sich zu besitzen, anstatt es der Öffentlichkeit zum Angucken zur Verfügung zu stellen, war in der DDR, wenn man die Polizeirufe als ideologischen Maßstab nimmt, nicht besonders gelitten und hat beispielsweise Uhrensammler (in „Reklamierte Rosen„) nicht nur in Schwierigkeiten gebracht, sie wurden auch als schwierige Typen gezeigt. Ebenso die Sammler alter Skulpturen, vorzugsweise von Tilman Riemenschneider, in „Eine Madonna zuviel„.

Autos waren sowieso eine heikle Angelegenheit – noch mehr in der Realität vermutlich als im Film, weil es so schwer war, in der DDR an einen Neuwagen heranzukommen, wo zumindest der Trabant als ganz normaler Gebrauchsgegenstand behandelt wird und suggeriert wird, dass sogar ein Wartburg recht häufig von recht normalen Bürger*innen gefahren wird. Das war aber in den 1970ern bei einem Kaufpreis von fast 30.000 Mark und Gehältern von ca. 500-600 Mark im Durchschnitt kaum möglich. Zum Vergleich: Ein Mercedes W 123 begann preislich im Jahr 1977 in der BRD bei ca. 18.000 DM.

Die dargestellte Werkstatt aber führt in erster Linie die Reparatur von Polski-Fiats durch, diese kosteten 1973 zwischen 22.000 und 23.500 Mark, waren also ebenfalls nur für gehobene Einkommensklassen erschwinglich. Wir erfahren nicht, was Menschen wie Ratzek beruflich machen, ein schickes Haus und eine recht auffallend modisch dargestellte Frau hat er jedenfalls.

„Das Inserat“ beginnt ungewöhnlich spannend: Eine Frau allein in einem großen Betrieb, spätabends immer noch arbeitend, ein Geräusch, sie geht ihm nach, ihr Schritt hallt durch die Räume und sie findet den Ort, wo das Geräusch herkommt. Als der Typ mit der weißen Kapuze sie von hinten anfällt, passierte es uns zum ersten Mal, dass wir uns in einem Polizeiruf aus der DDR-Zeit richtiggehend erschrocken haben. Man rechnet mit sowas in diesen Filmen nicht bzw. es kommt hier so exzeptionell und so abrupt, dass man nicht damit rechnet.

Leider bleibt es nicht so thrillig, der Film wird zu einem ganz normalen Whodunit und der Täter hat nicht einmal besonders viel geklaut – 10.000 Mark. Wäre dieser Polizeiruf einer der ersten, die wir angeschaut haben, hätten wir gedacht, das sei fast normal, weil bei unseren ersten Exkursionen die Summen, um die es ging, oft um 20.000 Mark lagen, aber dann stießen wir auf Fälle mit sechsstelligen Schäden und in einem, in dem eine komplette Tankstellenbrigade Schmu machte, kam es gar zu einem Millionenverlust („Fehlrechnung„).

„Das Inserat“ hat einen eigenwilligen Stil und einen eigenartigen Reiz. Das liegt an Figuren wie Pauli, dem Typ, der die Tulpen klaut und ansonsten ein Philosoph ist. Man muss bei seinen Sprüchen bzw. Zitaten genau hinhören, um sie auf die Situation in der Werkstatt beziehen zu können. Auch Charaktere wie der Täter, der Stiefsohn und die Mutter sind von beachtlicher Intensität. Abgesehen von der Nationalität, weil sie akzentfrei Deutsch spricht, hat uns nicht überrascht, dass sie von einer ehemaligen Schönheitskönigin gespielt wird. Aber es ist ohnehin eine Stärke der Polizeirufe, dass sie gute Figuren entwickeln können, obwohl sie im ersten Jahrzehnt oft nur die Länge von einer Stunde oder etwas darüber hatten.

Der Unterschied zu den Tatorten ist die Plotkonstruktion: Die Ermittler kommen oft erst spät ins Spiel, weil die Entwicklung des Verbrechens gezeigt wird, oder, wie in „Das Inserat“, sind sie Mitspieler, aber dominieren nicht und die Erzählperspektive wechselt zwischen ihnen und den Episodenfiguren. Der Zuschauer weiß beim 27. Polizeiruf nicht mehr als Hübner und Subras, die hier als Duo ermitteln. Zweipersonen-Teams, wie wir sie auch aus der frühen Tartortzeit kennen, mit deutlich erkennbarem Rangunterschied. Doch der Zuschauer sieht die Verdächtigen und ihr Umfeld ohne Beisein der Polizeisten recht häufig und kann dadurch seine Fantasie schweifen lassen. Wer hat das beste Motiv in Kombination mit der am besten geeigneten Persönlichkeit oder überwiegt eines das andere? Das ist hier nicht so leicht zu ermitteln, aber am Ende ist es der Mann mit den guten Manieren, der die Reparaturannahme macht.

Als ausgedrückt wird, dass er so servil ist und gut mit Leuten kann, seine Art, mit dem Stiefsohn reden zu wollen, belegt es, hatten wir schon das Gefühl, der muss es sein. Dem liegt eine ziemlich schwierige Erkenntnis zugrunde: Wer „höflich“ war, galt in der DDR offenbar als suspekt. Der Arbeiter arbeitet nicht nur, sondern verhält sich auch so ruppig, wie es hier wieder die Werktstattler tun – und es wird ganz offen hemmungslos spekuliert und bewertet und vieles davon ist nach heutigen Maßstäben stark übergriffig. Respekt vor einer Art Schutzzone des Individuums sehen wir in Polizeirufen der ersten Jahre eher nicht, eine gewisse Niedertracht im Alltag ist immer zu verspüren und es ist durchaus möglich, dass die Filmer damit einen Subtext eingebaut haben: Es wirkt, als bilde man ab, was gewisse Kader ganz gut finden, nämlich, dass jeder jeden ausguckt und verdächtigt, bis auf einige sehr souverän wirkende, besonnene Typen. Vielleicht folgen wir dieser Linie auch deshalb, weil die wenigen, die sich nicht am Kesseltreiben beteiligen oder dazu raten, vorsichtig mit Verdächtigungen zu sein, oft als die Sympathischsten eines solchen Kollektivs dargestellt werden. Sie sind aber immer in der Minderzahl.

Die Rezension wurde am 6. Juli 2019 entworfen und wird erst ca. 3 Monate später veröffentlicht. Inzwischen haben wir viele weitere Polizeirufe aus der DDR-Epoche gesehen und der obige Eindruck hat sich bestätigt.

Wir kürzen nach dem Einschub vom Oktober den nächsten Absatz. Es gibt natürlich auch landsmannschaftliche und milieubedingte Unterschiede im Umgang miteinander und die Arbeitswelt wird in Tatorten zwar etwas dezenter, aber ebenfalls mit kritischen Untertönen dargestellt.

Auch in diesem Werkstattfilm wird vom Personal irgendeine Vorschrift wieder mal nicht so genau ausgelegt und Oberleutnant Hübner darf den Satz sagen, der für uns langsam zu einem Klassiker avanciert: „Dafür wird sich (…) verantworten müssen.“ So gut wie alle Diebstähle in Unternehmen sind nur möglich, weil geschlampt wird. Falls diese Häufung auch nur annähernd die Wirklichkeit abbildet, sagt sie einiges über die Arbeitsmoral aus. Anwesenheit und seinen Stiefel machen und ein paar bequeme Umgehungen einrichten ist wichtiger als an der Perfektion basteln und den Job wirklich lieben.

Ein besonderer Aktivist ist aber meistens dabei, hier der junge Buchholz – der ist ziemlich nervig und in seiner Art alles andere als angenehm, aber ein Typ, der sogar nachts in den Betrieb kommt, um das Quietschen an einem Auto zu beseitigen. Das ist fast so wie beim Wahlberliner, der gegen Mitternacht aus Spaß am Schreiben dasitzt und noch diese Rezension fertigt. Im einen wie im anderen Fall kann der Mensch unmöglich ein Delinquent sein.

Finale

Die ungewöhnliche Anfangsspannung kann „Das Inserat“ nicht halten und die Interaktion von Menschen ist überwiegend nicht sehr erfreulich dargestellt, aber die Charaktere sind interessant, der Film ist, anders als viele Polizeirufe, die mit besonderen Zeitstrukturen auch einen gewissen künstlerischen Anspruch dokumentieren, komplett chronologisch gefilmt.

Zwar in Farbe, was damals noch nicht durchgängig der Fall war, aber würden wir ihn dennoch eher zu den „einfachen“ Polizeirufen rechnen, nicht zu den etwas mehr auf Prestige ausgerichteten Produktionen, die zudem etwas mehr Spieldauer aufweisen. Ideologisch überwiegend korrekt, aber wieso wird uns in mancherlei Hinsicht mulmig, wenn wir das Verhalten von Menschen am Arbeitsplatz beobachten, wie es in den Polizeirufen dargestellt wird? Mit Juliane gibt es aber eine positive Ausnahme. Sie ist nett und sehr fleißig. Leider geht diese Figur im Verlauf des Films unter und taucht nur mal kurz zum Luft holen wieder auf.

Anhand der Familie Buchholz wird hingegen wieder einmal dargestellt, dass es selten Familien gibt, die auf erstverheirateten Paaren gründen. Patchworkfamilien sind die Normalität, obwohl dieser Begriff erst viel später aufkam. Einen Aspekt haben wir ausgelassen: Wie es ist, wenn ein Partner beim anderen Schulden macht. Wir meinen, es hängt vom konkreten Fall und den konkreten handelnden Personen ab, ob man eher in den Vordergrund stellt, das eine Fehlentwicklung provoziert oder in solcher Hilfe einen Akt von partnerschaftlicher Solidarität sieht. So, wie die Dinge in „Das Inserat“ liegen, finden wir es verständlich, dass Frau Buchholz sich nicht ausnutzen lassen will.

7/10

 Regie Heinz Seibert
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Hans Reichel
Musik Hannes Zerbe
Kamera Tilmann Dähn
Schnitt Renate Müller

Jürgen Frohriep: Oberleutnant Jürgen Hübner
Alfred Rücker: Leutnant Lutz Subras
Alicja Bobrowska: Beate Buchholz
Heinz Behrens: Eduard „Eddi“ Alscher
Helga Sasse: Juliane Steiner
Bodo Krämer: Marko Buchholz
Irene Fischer: Conny Ratzek
Hans Knötzsch: „Mucki“ Ratzek
Axel Triebel: Opa Wilhelm
Fred Mahr: Meister Schneebusch
Fritz Marquardt: Richard Pauli, Kfz-Mechaniker
Ernst-Georg Schwill: Peter Hempel, Kfz-Mechaniker
Thomas Lück: Knut Schulze, Kfz-Mechaniker
Jörg Knochée: Wolfgang „Wolle“ Stibinger
Manja Göring: Verkäuferin im Warenhaus
Yvonne Jadwiga: Verkäuferin im Warenhaus
Karl-Heinz Kaiser: Kriminaltechniker
Ingeborg Krabbe: Frau Müller-Dommisch, Sängerin
Hans Krebs: VP-Meister
Richard Schrader: Mann mit Geldscheinen

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