Schmutzarbeit – Tatort 216 #Crimetime 493 #Tatort #Hamburg #Stoever #Brockmöller #NDR #Schmutz #Arbeit

Crimetime 493 - Titelfoto © NDR

Fluchtpunkt Paris

 Wie war das Wiedersehen mit Paul und Peter? Gefühlt ist es eine Ewigkeit her, dass ich den letzten Tatort mit ihnen gesehen habe. Das kommt daher, weil der NDR vor einiger Zeit mitten in der Traditionspflege abgebrochen hat und andere Sender jetzt das bringen müssen, was man beim Heimatsender der Hamburger Kommissare offenbar nicht für wert erachtet hat, in der großen Retrospektive, die etwa 2012-2014 lief, gesendet zu werden. Aber natürlich war das Wiedersehen ein Fest, und jeder Film dient der Vervollständigung des Bildes. Welche Ergänzungen zu sehen sind, steht in der -> Rezension. 

Handlung

Ein skrupelloser Mann muss eine gefährliche Zeugin loswerden und hat gleichzeitig den Auftrag, für den „Profi“ eine Waffe zu besorgen. Sein Pech ist nur, dass die Polizei unvermutet früh ins Spiel kommt. Kriminalhauptkommissar Stoever erhält einen anonymen Anruf: „Ein Killer ist in der Stadt, das Opfer nimmt an einer wissenschaftlichen Tagung der Alfred-Bergmann-Stifung teil.“ Mehr weiß die Anruferin nicht, oder mehr will sie nicht sagen.

„Eine Spinnerin“, meint Stoevers Kollege Brockmöller und wendet sich wieder der Routine-Arbeit zu: Ein „banaler Alltagsmord“ erfordert seine volle Aufmerksamkeit. Aber dann staunt Brockmöller nicht schlecht, als alles darauf hindeutet, dass sein Mordfall und die mysteriöse Killer-Story miteinander zu tun haben.

Am Ende gelingt der Hamburger Kripo ein großer Schlag – ein Waffenhändlernest kann ausgehoben werden. Und dennoch hat Stoever keinen Grund, zufrieden zu sein: Eine große Liebe ist zerstört, nicht ohne seine Schuld.

Rezension

Wir sehen hier zum Beispiel Stoever schon mit seinem Brocki, aber der hat noch keinen Oberlippenbart, daher wirkt dieser Tatort noch beinahe „unvollständig“. Ob in ihm die Idee geboren wurde, dass die beiden Kommissare Musik machen? Manfred Krug kann jedenfalls ganz gut singen, so viel steht fest, falls hier seine eigene Stimme verwendet wurde – immerhin hat er in seiner Anfangszeit sogar in einem Musical die Hauptrolle gespielt. Aber es geht noch nicht um Jazz, sondern um Klassik auf der Dienststelle.

Auf dieser Dienststelle entsprechen die Verhörmethoden ebenfalls nicht ganz den Vorschriften. Heute kommt es auch ab und zu vor, dass Polizisten handgreiflich werden, aber nur, weil man sie so unglaublich provoziert – in „Schmutzarbeit“ wirkt es eher so, als ob Stoever, dem man das noch eher zutraut, aber sogar Brockmöller sich eines verstockten Verdächtigen ein wenig mehr als erlaubt annehmen, weil er einfach nichts verraten will. Witzig der Moment, in dem sich eine Dialogpassage komplett wiederholt. Zunächst dachte ich an einen Filmfehler, war es selbstverständlich nicht, der Ton ist ja auch beim zweiten Durchlauf aggressiver – auf diese Weise werden Verhöre als alle Beteiligten unsagbar nervende Endlosschleife herausgestellt, das fand ich gut gemacht.

Die Idee, dass ein Killer sich absetzen kann in sein Heimatland, ist ebenfalls gut und für die damalige Zeit ungewöhnlich. Zumal, wo er doch so schrullig dargestellt wird. Immer schlecht gelaunt, wie man wohl sein muss, wenn man sich einen solchen Beruf aussucht. Die Person wirkt surreal, was nicht zuletzt durch das Programm im Hotel-TV hervorgerufen wird. Der Killer schaut sich überall, wo er eincheckt, „Fluchtpunkt San Francisco“ an, einen der harten Thriller um desillusionierte Helden, die in den frühen 1970ern aufkamen und alte Werte infrage stellten.

Eine hervorragende Charakterisierung für den Typ und eine ironische Brechung sicher auch, denn der Mann wirkt wie eben wie der „natural born Killer“. Das einzige, was ihn aufregen kann, ist, dass seine Geschäftspartner unprofessionell und die Umstände seines Auftrages beschissen sind und dass ihm immer wieder irgendetwas in die Quere kommt – bis er beschließt, sich nicht mehr auf andere zu verlassen, sondern das Opfer zu sich ins Hotel zu bestellen. Nachdem er die Tat ausgeführt hat, wirkt er endlich zufrieden. Nicht so sehr, weil er getötet hat, sondern, weil er seinen Job gut erledigen konnte.

Das Waffenhändlermilieu allerdings wird eher angedeutet als ausgeleuchtet. Leider ist das für viele Tatorte, die sich damit befassen, typisch. Es wird mehr oder weniger kolportagehaft dargestellt, wie der Tod illegal exportiert wird, anstatt, dass man tatsächlich in die Strukturen einsteigt. Aber man kann  nicht über das Niveau oder die Tiefe hinausgehen, die man informationsseitig hat. Deswegen wird eine Wissenschaftler-Tagung organisiert, und einer der Wissenschaftler ist den Waffenschmugglern im Weg.

Obwohl er ja Atom- bzw. Day-After-Experte ist und die Schmuggler nicht mit Atomwaffen handeln. Der Hintergrund und die Zusammenhänge sind relativ wirr und man nutzt die Überlänge von 110 Minuten bei diesem Tatort nicht, um mehr Logik und Nachvollziehbarkeit reinzubringen. Das gilt auch für den Part des Professor-Bruders, den Piloten und das Verhältnis der beiden zueinander, insbesondere, warum der Professor anscheinend so umfassend über das Tun seines Bruders, nämlich das Durch-die-Welt-Fliegen von Handfeuerwaffen, instruiert ist. Natürlich, die „Lebensversicherung“. Sowas kann man aber besser organisieren, indem man ein Dokument bei einer Stelle hinterlegt, die nicht so einfach auszuschalten ist wie ein einzelner Mitwisser.

Warum Leute, die sonst einen Killer verwenden, den Piloten so abstürzen lassen, dass ein Restrisiko des Überlebens besteht, das sich dann auch verwirklicht, wird ebenso wenig klar wie die Handlungsweise der Stiftungsleiterin, als sie sich selbst auf den Weg macht, um den Professor zu retten, anstatt Kommissar Stoever anzurufen.

Er macht sich später zwar nicht ganz unberechtigte Vorwürfe, weil er die Sache mit dem geplanten Mord an einem der Atomwissenschaftler nicht konsequent genug verfolgt hat, aber er hätte den Mord wohl verhindern können, wenn man umgehend einen Streifenwagen zum Hotel geschickt hätte, der sowieso in der Nähe herumfährt. So jedenfalls legt es der Zeitablauf nah. Weiterhin bleibt offen, warum die Überwachung eines Verdächtigen wieder mal so dilettantisch ausgeführt wird. Hätte sie aber den Mord verhindert, wäre sie besser ausgeführt worden? Vermutlich nicht. Auch das „Ausgangsdelikt“ ist schon ziemlich Hardcore, was die Dummheit des Mörders und (Ex-) Freundes der Toten angeht. Dass die Polizei mit der Aufklärung so langsam vorankommt, wirkt unrealistisch, weil die KT seine Fingerabdrücke in der Wohnung hätte feststellen müssen. Und dass man den Titel „Schmutzarbeit“ an einem verschmutzten Marktplatz symbolisch festmacht, nachdem die Drecksarbeit des Kills ja getan ist, wirkt ein wenig übertrieben auf „Das war nun auch noch zu erwähnen“ getrimmt.

Wenn man die aktuellen Tatort-Plots kritisiert, weil sie so viele Löcher und Ungereimtheiten aufweisen, muss man immer mal wieder zugeben, dass früher auch nicht alles besser war und dass auch die Figuren Stoever und Brockmöller dieses Mal nicht so recht konsistent wirken. Zwischen sehr entschlossen, über die Kompetenzen hinaus zu ermitteln und übergriffig zu werden bis eher lasch und schnodderig sind alle Varianten eines möglichen, aber nicht sehr wahrscheinlichen und nicht korrekten Verhaltens im Dienst zu sehen.  

Allerdings hat der Film auch Stärken. Vor allem Manfred Krug zieht jedes Ding durch, egal, ob es schlüssig wirkt oder nicht, seine Präsenz ist auch heute noch beeindruckend. Charles Brauer als sein stillerer Co-Kommissar Brockmöller ist hingegen noch nicht so deutlich als der Sozialdenker positioniert. Vermutlich kam diese Festlegung zusammen mit dem Schnurrbart ins Spiel. Die Episodenrollen sind im Ganzen sehr gut besetzt. Irm Herrmann, die Fassbinder-Ikone, als überspannte und der Polizei und dem Drehbuch durch einen Tipp aus der Klemme helfende Ehefrau des Mannes, der die Waffen auf ihrem Boot transportiert und seine Geliebte schon zu Beginn des Films erschießt, wodurch leider Angelika Bartsch nur einen Kurzauftritt hat – Lou Castel als Killer, Diana Körner als Stiftungs-Geschäftsführerin geben dem Krimi Atmosphäre, Dietrich Mattausch als Professor kommt nicht so  zur Geltung, weil die Rolle es nicht hergibt. Meyer Zwo wird von Lutz Reichert wieder einmal wunderbar verkörpert, und da Stoever und Brockmöller in diesem Tatort nicht sehr humorvoll rüberkommen, muss er für den „Comic Relief“ sorgen.

Finale

Obwohl die Handlung an vielen Stellen hakt, habe ich den Film nicht als zu lang empfunden. Die Frage bleibt im Raum, weshalb 110 Minuten nicht ausreichten, um alle Handlungselemente schlüssig wirken zu lassen. Spannend war „Schmutzarbeit“ deshalb, weil er eine Thriller-Wohdunit-Minus-Konstruktion aufweist: Hier der Killer, der den wichtigeren Mord noch nicht begangen hat, dort die Polizisten, die ihn vielleicht (ver-) hindern könnten. Hier der schon begangene Mord, dessen Täter noch nicht feststeht, man ahnt es aber deutlich. Dass es am Ende nicht klappt, ist ziemlich modern, ich hatte allein aufgrund der Entstehungszeit des Films getippt, dass der Professor überleben wird und dass die Kommissare den Mörder fassen, bevor er wegfliegen kann.

Den Klassiker, dass die Linienmaschine noch auf dem Rollfeld gestoppt wird, den hatte ich mit hoher Wahrscheinlichkeit erwartet. Trotzdem lustig, wie der Mörder nach der Tat an Bord plötzlich so aufgeräumt wirkt. Weil er doch froh ist, die Sache hinter sich zu haben und wieder ins sonnigere Paris zu kommen. Die Bewertung richtet sich eher an der Idee und den Figuren aus als an der Perfektion der Handlungsgestaltung.

7/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Wie heißt es unhanseatisch?

Da kommt doch mal wieder ein Stoever-Brockmöller-Tatort zur Ausstrahlung, den wir noch nicht kennen und was müssen wir feststellen? Selbst das Wort Drecksarbeit wird hanseatisch hochgezogen und heißt jetzt „Schmutzarbeit“. Die Fans, die das Leben der Plattform Tatort-Fundus bestimmen, sehen diesen Fall als ziemlich mittelgut an, er steht derzeit auf Rang 579 von 1107 (04.11.2019) und fiel gestern einen Platz zurück, weil der neue Thiel-Boerne-Tatort „Lakritz“ gut ankam und im Moment auf Rang 110 liegt. Wir empfehlen diese gestrige Neuerscheinung zum Anschauen, es ist der beste Münster-Tatort seit langer Zeit. 

Die Münsteraner sind noch im Dienst stehende Legenden, Stoever und Brockmöller sind schon 2001 in Rente gegangen, Manfred Krug ist bereits verstorben. 2002 startete Münster und kommt jetzt auf 36 Filme, Stoever und Brockmöller erreichten in einem ähnlich langen Zeitraum 41 Fälle (mit der Einschränkung, dass die ersten noch ohne den Mann mit Schnauzer und Schiebermütze gelöst wurden). Den Schnauzer trägt Brocki allerdings in seinen ersten Einsätzen noch gar nicht, auch nicht in diesem aus dem Mauerfalljahr 1989. 

Diesen Bezug zu Münster nehmen wir vor allem aus aktuellen Gründen vor, aber auch, weil er ganz gut passt – Stoever und Brockmöller waren in ihrer Zeit und nach dem Abgang von Horst Schimanski wohl das humorvollste, aufgeräumteste Tatort-Team, mit dem man sich wohlfühlen konnte, egal, wie böse die Verbrechen waren, welche die beiden aufzuklären hatten. Eine ähnliche Aufstellung gibt es heute tatsächlich nur noch bei der humorigen Schiene des WDR, die allerdings weniger auf Statement angelegt ist als auf Zeigen und Satire drüber machen:

Sozilakritik eher indirekt, durch die herzhafte Darstellung der Münsteraner Elite, als durch knackige Aussagen, wie Stoever sie immer wieder zur politischen Lage abgegeben hat. 

In diesem Film, so heißt es,  irren die Kommissare auch mal und zerstören eine große Liebe und für die Bearbeitung von Waffenhandel-Fällen hat Horst Schimanski offenbar eine Unterlizenz nach Hamburg vergeben.

Auch wenn jeder Tatort, den wir noch nicht gesehen haben, es erschwert, dem Befehl der Telekom nachzukommen und unseren Media-Receiver bis zum 30.11.2019 zu leeren, da sich der Bestand auf der Festplatte nicht auf das neue Gerät übertragen lässt, das unvermutet bereits am vergangenen Freitag eingetroffen ist, freuen wir uns auf die beiden Hamburger und einen Fall, der zwar im internen Ranking nur auf Platz 27 von 41 liegt (Stand wiederum der 4.11.2019) und werden in den nächsten Tagen darüber schreiben, wie denn Peter und Paul das mit der Dr… Schmutzarbeit hinbekommen haben.

Besetzung und Stab

Kommissar Stoever – Manfred Krug
Kommissar Brockmöller – Charles Brauer
Doris Eucken – Diana Körner
Jorek – Lou Castel
Hilde Simmath – Irm Herrmann
Professor Thorning – Dietrich Mattausch
Horst Simmath – Wolf-Dietrich Sprenger
Raupach – Diether Krebs
Meyer Zwo – Lutz Reichert
Ulf Thorning – Burghart Klaußner

Drehbuch – Ulrich Kressin
Regie – Werner Masten
Kamera – Klaus Eichhammer
Szenenbild – Jürgen Kötter

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