Der Rächer (D / DK 1960) #Filmfest 63 #EdgarWallace

Filmfest 63 A Special Edgar Wallace (2)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftWer will was von wem woraus, ist die schwierige Frage – und wieviele Äbte gibt es? 

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Zwei junge Frauen finden in einem Straßengraben einen abgeschlagenen Kopf. Dieser gehört dem Mitarbeiter eines der britischen Sicherheitsdienste und so wird der Detective Brixan auf den Mörder angesetzt. Bald stellt sich heraus, dass es keinen politischen Hintergrund gibt, sondern um eine Mordserie, die eine bereits zweistellige Opferzahl gefordert hat. Die Spur führt zu einem Filmteam, wo Brixan sich in eine junge Darstellerin verliebt, auf die auch ein ebenso grober wie exzentrischer Schlossherr, das den Filmern als Kulisse dient ein Auge geworfen hat. Er käme durchaus infrage, der Rächer zu sein. Besonders, da er einen bärenstarken und stark behaarten Diener hat, der ihm als Werkzeug dienen könnte.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners siehe die Kritik zu „Der Frosch mit der Maske“.

Der Rächer ist ein deutscher Kriminalfilm, der 1960 unter der Regie von Karl Anton entstanden ist. Bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans (Originaltitel: The Avenger) von Edgar Wallace handelt es sich um den dritten deutschsprachigen Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Es ist der einzige Film der Reihe, den die Berliner Produktionsfirma Kurt-Ulrich-Film herstellte. Die Uraufführung des Schwarzweißfilms fand am 5. August 1960 im Turmpalast in Frankfurt am Main statt. „Der Rächer“ ist der elfte Edgar-Wallace-Film, den wir für den Wahlberliner rezensieren (1). 

Vorgeschichte (wie die folgenden Infotexte: Wikipedia)

Nach dem Start der Edgar-Wallace-Reihe durch Rialto Film und Constantin Film mit Der Frosch mit der Maske (1959) und Der rote Kreis (1960) sicherten sich die beiden Firmen bei Penelope Wallace sämtliche noch verfügbaren Filmrechte an den Kriminalromanen von Edgar Wallace. Zu diesem Zeitpunkt waren die Rechte an zwei Romanen bereits verkauft, Der Rächer an Kurt Ulrich und Die gelbe Schlange an Artur Brauner.

Vorproduktion und Drehbuch

1960 ahnte kaum jemand, wie lange der Erfolg der Wallace-Filme anhalten würde. Während Brauner mit seiner Verfilmung Der Fluch der gelben Schlange mehr als zwei Jahre abwartete, auch um sich auch mit dem Constantin-Filmverleih zu arrangieren, reagierte Kurt Ulrich weniger geduldig. Die Vorbereitungen zu Der Rächer liefen auf Hochtouren, um die Produktion noch vor der Uraufführung des dritten Rialto-Wallace-Films Die Bande des Schreckens in die Kinos zu bringen. Der Europa-Filmverleih, der den „Rächer“ in der Bundesrepublik vermarkten sollte, setzte große Hoffnungen in das Projekt und erwartete fünf Millionen Besucher in 3000 Lichtspielhäusern.[2]

Die Romanvorlage The Avenger war 1926 als englische Originalausgabe erschienen. Bereits ein Jahr später wurde die deutsche Erstübersetzung unter dem Titel Der Rächer im Wilhelm Goldmann Verlag veröffentlicht. Ab 1955 war das Werk als Goldmanns Taschen-Krimi Band 60 erhältlich.[3] Um die etwas schwerfällige Geschichte aufzuwerten, engagierte man mit Gustav Kampendonk und Rudolf Katscher gleich zwei erfahrene Drehbuchautoren. Während sich Kampendonk vor allem durch zahlreiche Filmkomödien einen Namen gemacht hatte, war Katscher sowohl mit dem Genre des Kriminalfilms als auch mit dem Handlungsort bestens vertraut. So hatte er bereits am Drehbuch des 1931 gedrehten Edgar-Wallace-Films Der Zinker mitgewirkt. Nachdem er 1935 nach London emigriert war, arbeitete er unter dem Namen Rudolf Carter unter anderem für die BBC. Als Regisseur verpflichtete man den in Prag geborenen, bereits seit der Stummfilmzeit tätigen Karl Anton. Der Rächer war seine letzte Arbeit als Filmregisseur.

Besetzung

Großes Gespür bewies Produzent Kurt Ulrich bei der Wahl der Schauspieler. Mit Heinz Drache, Klaus Kinski und Siegfried Schürenberg engagierte er drei Darsteller, die in den Wallace-Filmen der Rialto Film noch zu wahren Stars der Reihe avancieren sollten. Auch Ingrid van Bergen, Rainer Brandt, Friedrich Schoenfelder, Maria Litto, Franz-Otto Krüger, Rainer Penkert und Albert Bessler waren noch in weiteren Wallace-Adaptionen zu sehen. Benno Sterzenbach, Ina Duscha, Ludwig Linkmann und Al Hoosman ergänzten das Ensemble.

Produktion

Die Dreharbeiten fanden vom 31. Mai bis 20. Juni 1960 statt. Die Außenaufnahmen entstanden, abgesehen von einigen Archivaufnahmen aus London, in West-Berlin. So filmte man am Jagdschloss Glienicke die Szenen vor dem Schloss von Sir Gregory Penn. Als Kulisse für das Schloss Longvale diente im Film das zum ehemaligen Rittergut Groß-Glienicke gehörige Spandauer Tor mit Nachbargebäude im Ortsteil Kladow. Die Aufnahmen in den unterirdischen Stollen entstanden in der Spandauer Zitadelle. Die Innenaufnahmen drehte man im ARRI-Filmatelier in München. Die Filmbauten stammten von Willi A. Herrmann und Kurt Stallmach. Für die Kostüme war Trude Ulrich verantwortlich. Die Herstellungsleitung übernahm Heinz Willeg.

Alternative Handlungsbeschreibung der Wikipedia

Zwei Frauen finden an einem Bahnviadukt bei der englischen Stadt Esher den Kopf eines Mannes. Bei dem Enthaupteten handelte es sich um Francis Elmer, einen Beamten des Foreign Office. Da der Mord politische Motive haben könnte, beauftragt Geheimdienstchef Major Staines den fähigen Sicherheitsbeamten Michael Brixan mit gesonderten Nachforschungen. Wie Brixan erfährt, war Elmer bereits das zwölfte Opfer des sogenannten „Rächers“, der sich in Begleitschreiben als „Wohltäter“ bezeichnet. Bei allen Ermordeten handelte es sich um Kriminelle oder Verdächtige, die durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft sind.

Die Spur führt Brixan nach Winchester, wo Francis Elmer zuletzt von dessen Nichte, der Filmkomparsin Ruth Sanders, gesehen wurde. In der Nähe der Stadt, vor der Kulisse des Schlosses von Henry Longvale, finden gerade Dreharbeiten zu einem Film statt. Brixan gibt sich zunächst als Journalist aus, um von Ruth mehr über den Verbleib ihres Onkels zu erfahren. Die Frau bringt ihn zu einem Zeitungsstand, wo Elmer vor seiner Ermordung einen Brief empfangen und sich für eine Annonce des „Wohltäters“ interessiert hat. Zurück am Drehort erfährt Ruth von Regisseur Jack Jackson, dass sie anstelle der eitlen Schauspielerin Stella Mendozza die Hauptrolle des Films übernehmen soll. Durch Zufall entdeckt Brixan die Seite eines Filmmanuskripts, die mit derselben Schreibmaschine getippt wurde wie die Begleitschreiben des „Rächers“. Der zwielichtige Dramaturg Lorenz Voss will nichts über deren Herkunft wissen.

Am nächsten Tag werden die Dreharbeiten bei dem benachbarten Schloss Griff Tower fortgesetzt. Dessen Besitzer, der grobschlächtige Sir Gregory Penn, ist Forscher und Sammler von Waffen aus aller Welt. Bei einer Schlossbesichtigung macht Brixan auch Bekanntschaft mit dem hünenhaften Diener Bhag, einem Eingeborenen, der Sir Gregory treu ergeben ist und ihm aufs Wort gehorcht. Der Schlossbesitzer will Ruth zum Abendessen einladen, was diese jedoch ablehnt. In der Nacht versucht Bhag in Ruths Hotelzimmer einzudringen. Brixan kann ihn im letzten Moment davon abhalten. Der findige Ermittler kommt dahinter, dass der Voss im Auftrag von Sir Gregory das Fenster von Ruths Zimmer markiert hat, um sie von Bhag entführen zu lassen.

Die Schauspielerin Stella Mendozza erscheint tags darauf im Hotel, um ihre Rolle wiederzubekommen. Regisseur Jackson aber bleibt hart und entlässt auch den zweifelhaften Voss. Dieser behauptet gegenüber Stella und ihrem Kollegen Reggie Conolly, bald über genügend Geld für eine eigene Filmproduktion zu verfügen. Unterdessen geben Voss’ Unterlagen Brixan einige Rätsel auf, da eine Zeile im Notizbuch über die eingegangenen Filmmanuskripte geschwärzt wurde. Nachdem Brixan auf einer Filmaufnahme entdeckt hat, dass Sir Gregory im Schloss eine Frau gefangen hält, gelingt es ihm in der Nacht, dort einzudringen. Dabei wird er von Bhag entdeckt, der durch das Eingreifen eines Unbekannten an der Verfolgung Brixans gehindert wird.

Am folgenden Morgen findet man bei Leatherhead den Kopf des dreizehnten Opfers des „Rächers“, Lorenz Voss. Da er in dem beigefügten Zettel als Verräter bezeichnet wird, geht Brixan davon aus, dass Voss längst wusste, wer der Mörder ist. Als Brixan den angeblich ahnungslosen Sir Gregory mit einem Durchsuchungsbefehl überrascht, ist die gefangene Frau verschwunden. Tatsächlich konnte die junge Malaiin mithilfe ihres Bruders, der Bhag an der Verfolgung von Brixan gehindert hatte, aus dem Schloss fliehen. Während die beiden bei der Polizei in Sicherheit sind, taucht Stella Mendozza bei Sir Gregory auf. Dieser verspricht der eifersüchtigen Schauspielerin, dass er noch am Abend Ruth Sanders zu sich holen werde.

Am Abend erhält Brixan einen Laborbericht über die geschwärzte Zeile in Voss’ Notizheft. Obwohl daraus eindeutig hervorgeht, um wen es sich bei dem „Rächer“ handelt, wollen die Ermittler warten, bis sie den skrupellosen Verbrecher stellen können. Zur gleichen Zeit wird Ruth unter dem Vorwand einer plötzlich angesetzten Regiesitzung von Sir Gregory auf dessen Schloss entführt. Stella Mendozza, die sich ebenfalls dort aufhält, vertraut Ruth ihren Revolver an. Damit kann sich Ruth dem aufdringlichen Sir Gregory entziehen und aus dem Schloss entkommen. Auf der Flucht stürzt sie in einen der zahlreichen unterirdischen Stollen, die sich in dieser Gegend befinden. Als Michael Brixan von der Entführung erfährt, eilt er sofort zu Sir Gregory. Dort trifft er auf Stella Mendozza, die berichtet, dass Sir Gregory zu Henry Longvale gegangen sei. Brixan weiß längst, dass Longvale ein eifriger Verehrer seines Ahnen Charles Henri Longvale, dem einstigen Erbscharfrichter von Frankreich, ist. Unter wahnhaftem Zwang hat Henry Longvale als „Rächer“ das Erbe seines Vorfahren fortgesetzt. Durch einen Trick gelingt es Longvale, neben Sir Gregory auch Brixan und Ruth in seine Gewalt zu bringen. Im letzten Moment greift der vermeintlich gefährliche Bhag ein. Der „Rächer“ stirbt schließlich auf seiner eigenen Guillotine. 

Rezension

Der dritte Film der Edgar Wallace-Reihe aus den 1960er Jahren ist ein Sonderfall – nicht bezüglich seiner zeitlichen Entstehung oder der Besucherzahlen, die mit 2.500.000 im Mittelfeld der früheren Wallace-Filme bis ca. 1965 rangieren, sondern, wie die Angaben aus der Wikipedia belegen, bezüglich der Produktion.

Innerhalb der Wallace-Reihe ist „Der Rächer“ ungewöhnlich gefilmt, als Krimi hingegen viel konventioneller als die meisten anderen Adaptionen. Man kann sogar sagen, er kommt dem Schema eines klassischen Rätselkrimis am nächsten von allen Wallace-Filmen, die wir bisher gesehen haben. Und gäbe es nicht diese unangenehmen, abgeschlagenen Köpfe, hätte er kaum etwas Gruseliges. Dann hätte er allerdings auch keinen Rächer, dessen Motive und Handlungsweisen innerhalb des manchmal psychologischerseits absonderlichen Wallace-Universum gut nachvollziehbar sind, auch wenn das auslösende Moment der Tatenserie kurios wirkt.

Wir haben also einen ältlichen, kleinen Schlossherrn, der so sehr unter dem Eindruck seines Urgroßvaters, des Scharfrichters von Paris, steht, dass er dessen Werk privatim fortführt und alle möglichen Verbrecher, die dem Gesetz, der Justiz, dem Vollzug durch die Maschen geschlüpft sind, guillotiniert. Das erste Problem wird bereits durch seinen Konkurrenten als möglicher Rächer deutlich, den Nachbar-Schlossherrn Sir Gregory Penn mit seiner Waffensammlung und dem unheimlichen, mächtigen Diener. Mit diesem bespricht nämlich Michal Brixan die Möglichkeiten, Männer so mächtig zu enthaupten, mit einem Schlag, wie im Film gezeigt wird und weshalb, schon dies ist nicht sehr logisch, eine Frau als Täterin ausgeschlossen wird. In Wahrheit wäre eine Frau wohl vor allem aus psychologischen Gründen kaum eine solche Verbrechenserie zuzurechnen. Ritualmorde sind nun einmal Männersache. Es gibt zwar Mehrfachmörderinnen, aber die haben immer versucht, ihre Taten so gut wie möglich zu verbergen. Natürlich tun dies auch die meisten Männer, aber es gibt wirklich diese psychopathischen Ausnahmefälle, in denen Kapitalverbrechen der Welt bewusst mitgeteilt werden, wenn auch in dem Glauben, die Polizei habe keine Chance, den Täter zu enttarnen.

Wir erfahren hier, dass die Guillotine des Rätsels Lösung ist, das Tatwerkzeug betreffend. Wir sind auch nicht so spitzfindig, der Kriminaltechnik abzuverlangen, dass sie dieses Instrument etwa von einem Samurai-Schwert als Tatwaffe unterscheiden können sollte. Nur: Wie hat der kleine, unscheinbare Mann all die Opfer in sein Verlies gebracht, um sie dort mit diesem stehenden Instrument zu enthaupten? Darüber schweigt sich der Film konsequent aus.

Die Zahl der Morde ist nicht sehr hoch und passt zu diesem unspektakulären Film, der wenige Wochen nach seinem Start von „Die Bande des Schreckens“ Konkurrenz bekam, dem vierten Werk der Reihe und dem dritten der deutsch-dänischen Rialto, die bis auf wenige Ausnahmen wie „Der Rächer“ für alle Edgar Wallace-Film verantwortlich zeichnete. Das Unspektakuläre zeigt sich sowohl in der vergleichsweise ruhigen Szenenfolge wie in der Bildgestaltung, die noch ganz im Stil der 1950er gehalten ist und bis auf wenige Szenen weit entfernt vom Expressionismus-Revival, das die Wallace-Filme zunehmend auszeichnet. Nur die Momente, in denen der Diener Bhag auftaucht, werden mit starken Kontrasten gefilmt und man sieht Schatten an der Wand.

Dieses Wesen, das sich Sir Gregory von seinen Reiseabenteuern mitgebracht hat, ist ein gutmütiges Monster, dennoch hat man das unangenehme Gefühl, dass auf eine primitive Art mit unseren Ängsten vor dem Primitiven und Wilden gespielt wird, denn der Diener ist bis beinahe zum Ende des Films das bedrohlichste Wesen, das in diesem Film zu sehen ist. Wenn man von dieser zweifelhaften Auf- und Einstellung absieht, gibt es zu den Figuren jedoch überwiegend Positives zu berichten.

Nicht etwa, dass „Der Rächer“ eine Charakterstudie wäre, die auftretenden Personen sind ähnlich holzschnittartig gezeichnet wie mehr oder weniger in allen Edgar Wallace-Filmen, aber sie sind auch prägnant. Heinz Drache als Brixan wirkt viel präsenter und steuert sein Vorgehen weitaus deutlicher dem Ziel entgegen, als es in den späteren Wallaces die Polizisten zumeist tun, die mit wesentlich mehr unberechenbaren Einflüssen zu kämpfen haben und zudem die Show von Privatdetektiven und Butlern gestohlen bekommen. Für Drache war es der erste Auftritt in einem Edgar Wallace-Film und er wurde dann zu einem der wichtigsten Schauspieler bei den Rialto-Wallace-Produktionen. Noch bemerkenswerter, wenn auch nur in einer vergleichsweise kleinen Rolle zu sehen, ist Klaus Kinski in seinem Wallace-Debüt. Dieser kleine, schmächtige Typ mit dem irren Blick und einer Stimme, die das Blut gerade deshalb gefrieren lässt, weil sie so dünn und monoton klingt, so frei von jeder Empathie, ist wohl die Entdeckung von „Der Rächer“. Sein enttäuschter Künstlertyp und zwielichtiger Diener unlauterer Absichten ist bereits ein deutlicher Hinweis auf das, was man mit ihm alles anstellen kann, wenn es darum geht, einen hinterhältigen Schauder beim Zuschauer auszulösen.

Zumindest muss das damals so gewesen sein, als Kinskis Darstellungen schräger Vögel noch nicht mit dem inflationären Wort Kult zu belegen waren.

Heute finden wir ihn amüsant, aber 1960 muss er sensationell gewirkt haben. Ein Typ, wie es ihn nach dem Zweiten Weltkrieg im an prägnanten männlichen Schauspielern armen deutschen Kino zuvor nicht gegeben hatte. Erst in den 1960ern wuchs bezeichnenderweise eine neue Generation von Fieslingen heran, die auch im Fernsehen zu vertrauten Gesichtern wurden, stellvertretend sei Horst Frank genannt. Auch im reicheren deutschen Film der einsetzenden Tonfilmzeit wäre Kinski ein besonderer Typ gewesen, vergleichbar nur mit Peter Lorre, der nach seiner epochalen Darstellung des Mörders „M“ in die USA ging und dort Rollen spielte, die ganz gut auf das hinausliefen, was Kinski hier darbietet, freilich mit einer Unterwerfungsattitüde, die Kinski immer fremd war.

Die übrigen Darstellung sind meist solide, dabei funktioniert auch das Frauenpaar ganz gut, mit Ingrid van Bergen als blonder Zicke und Ina Duscha als etwas mehr seelenhafter Brünetter, die das Herz des Geheimdienst-Beamten Brixan erobert und das typische Mädchen in Gefahr ist, das beinahe alle Wallace-Filme kennen, während es auch beinahe immer eine femme fatale gibt. Diese, manchmal sind es sogar zwei, eine älter, eine jünger, werden allerdings im Verlauf der Reihe wesentlich schwärzer gezeichnet als die am Ende doch gutmütige Miss Mendozza (Bergen), die nur eifersüchtig auf die andere ist, die ihr eine Rolle beim Film weggeschnappt hat. Ob es ein Verdienst ist oder Männerängste so bedient, dass es der Gleichberechtigung eher hinderlich ist, dass die Wallace-Filme erstmalig in Deutschland richtig böse Frauen gezeigt haben, untersuchen wir nicht gerade an einem Werk, das nicht als Beispiel dienen kann, aber es ist auffällig, dass es hier noch keine dezidiert verbrecherische weibliche Person gibt.

Eine weitere Erwähnung verdient Siegfried Schürenberg, der später den Scotland Yard-Dienststellenleiter Sir John spielte und ebenfalls durch „Der Rächer“ für die Wallace-Filme entdeckt wurde. Hier ist er ebenfalls als Vorgesetzter des Einsatz-Kriminalers zu sehen, nur eben im Geheimdienst und noch nicht so humorig wie später in Highlights der Reihe („Der Hexer“, „Neues vom Hexer“). Man ahnt aber schon, dass er eine komödiantische Ader hat, die blitzt auch dann und wann durch. Einen Sidekick zum Lachen gibt es allerdings in „Der Rächer“ nicht, weil der Film sich dazu noch etwas zu ernst nimmt. Ausgerechnet Komödienregisseur Karl Anton hat es sich verkniffen, die Leute angesichts des rüden Verbrechens zum Lachen zu animieren. Diese schrille Kombination, die Geburt des Heiter-Makaberen im deutschen Kino, war den Rialto-Filmen vorbehalten, die unter der Regie von Dr. Harald Reinl, Alfred Vohrer, Jürgen Roland und anderen entstanden. Von heute aus betrachtet reizen die seltsamen und urig als Frösche oder Mönche maskierten Verbrecher, die es in diesen Filmen gibt, ja auch dazu, sie nicht zu ernst zu nehmen, so viele Leute sie auch um die Ecke bringen. Das Verdienst, das komische Potenzial in diesen Typen entdeckt zu haben und es mit einer wirklich komischen Figur erst ans Licht zu bringen, ist sicher eine der größten Leistungen dieser Filmreihe.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • Karl Anton wird interessanterweise in der sonst vollständigen Wiedergabe der Regisseure nicht erwähnt, aber wenn man Josef von Bákys „Die seltsame Gräfin“ als konservatives Werk bezeichnet, dann trifft das sicher noch mehr auf Karl Antons „Der Rächer“ zu. Es fehlt die Exzentrik eines Vohrer oder die Grandezza, die Reinl durchaus auch in Wallace-Filmen unterzubringen wusste, es fehlt ein persönlicher Stil, der innerhalb der Reihe einen eigenen Akzent setzen würde. Wenn man so will, ist Karl Antons Regiestil ein Hineinwirken des klassischen 50er Jahre-Krimis in die Sujets der neuen Reihe.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Wir haben bereits erwähnt, dass „Der Rächer“ sowohl für Heinz Drache wie Klaus Kinski wie Siegfried Schürenberg der Start in die Wallace-Karriere und bei Kinski sogar der Start in eine bemerkenswerte Karriere waren. Der einzige, den man wirklich vermisst, ist Eddi Arent, der in mehr als der Hälfte aller Wallace-Filme unverwechselbar unecht-hochnäsige zugewandten Briten-Touch, meist als Butler, aber auch in anderen Rollen, etabliert hat.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Auch wenn der Rächer nur mit altmodischer Bekleidung aus der Lebenszeit seines offenbar sehr prägenden Großvaters „maskiert“ ist, stimmt hier die Einordnung ins Schema, auch wenn der Titel nicht auf eine Maskierung hinweist, sondern eben nur darauf, dass es einen Mann auf Rachefeldzug gibt.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • In diesem Fall sagt der Titel schon alles, spannend bleibt nur, wer rächt und aus welchem Motiv heraus. Dass es sich hier um eine Abstraktion handelt und die Rache nicht auf Schandtaten fußt, die man dem Rächer selbst oder nahestehenden Personen vor längerer Zeit angetan hat, ist in der Wirklichkeit eine eher seltene Konstruktion, aber aufgrund unserer Arbeit für die TatortAnthologie des Wahlberliners wissen wir, dass diese Karte gerne gespielt wird, weil das von der persönlichen Biografie losgelöste Motiv für eine Mordserie so schön gruselig wirkt, so unendlich unberechenbar und verschroben.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • London kommt hier nur in Archivaufnahmen vor, die übrigen Locations sind bei den Produktionsdaten genannt.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. Dieser Satz wurde in einigen Fällen von Regisseur Alfred Vohrer
    • Dieses Schema hält, soweit es zum relevanten Zeitpunkt schon existiert, auch der Film der Ulrich-Produktion ein: Zunächst fährt die altmodische Limousine durch den Nebel und aus ihr wird ein Paket geworfen, dasjenige, das die beiden jungen Frauen auffinden und öffnen – womit der erste Knalleffekt gesetzt ist. Erst dann kommt der Titel in der für die Serie typischen, wie mit einem dicken Pinsel hastig an eine Wand gemalten Buchstaben. Farbe, Schüsse und andere Gimmicks gibt es hier noch nicht.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Die Musik von Peter Sandloff ist deshalb so bemerkenswert, weil sie sich kaum bemerkbar macht und nicht die effektvolle Untermalung bietet, die etwa Peter Thomas‘ Kompositionen auszeichnen, welche viel zur Stimmung der Wallace-Filme beitragen. Wie die visuelle Gestaltung ist auch die  Musik hier eher zurückhaltend und es gab sogar Momente, in denen wir das geschätzt haben, weil es in dem exzentrischen Panoptikum der Wallace-Filme auch mal schön ist, Erinnerungen an den typischen Stil von Filmen an der Schwelle zu den 1960ern reflektiernen und denken zu können: Manchmal muss nicht alles so hip sein.

Fazit

Wer sich für die Wallace-Filme aus dem Deutschland der 1960er interessiert, die mit „Der Frosch mit der Maske“ 1959 begann, der sollte auch „Der Rächer“ anschauen – eben, weil er anders ist als die meisten anderen Produktionen und auch von einer anderen Firma stammt als die weit überwiegende Zahl der erfolgreichsten Filmreihe, die Deutschland hervorgebracht hat. Schauspielerisch fällt der Film gegenüber den Rialto-Werken nicht ab, visuell und die Effekte betreffend ist er allerdings am meisten der Tradition verpflichtet und verzichtet daher auf Dinge, die dem Team nicht bekannt sein konnten, weil sie erst mit der Zeit prägend wurden: Die stilistischen Besonderheiten und die Neigung zur Exploitation, welche die besonders „kultigen“ Wallace-Filme auszeichnen.

Neben „Der Frosch mit der Maske“ hat dieser Film von allen, die wir bisher gesehen haben, die meiste Patina angesetzt – auch bedingt durch das relativ unruhige, unrestauriert wirkende Bild, das besonders in Low-Key-Szenen nicht die Kontraststärke und Klarheit bietet, wie wir es aus den besten unter den Wallace-Filmen kennen.

Wir bewerten „Der Rächer“ zwar am unteren Rand unserer bisherigen Rezensionen von Filmen der Reihe, aber nicht schlechter als zuletzt „Das Rätsel der roten Orchidee“ (aufgrund der chronologischen Vorstellung der Filme im Rahmen der Wallace-Exhibition 2020 noch nicht veröffentlicht).  

66/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Karl Anton
Drehbuch Gustav Kampendonk,
Rudolf Carter
Produktion Kurt Ulrich
Musik Peter Sandloff
Kamera Willi Sohm
Schnitt Walter von Bonhorst
Besetzung

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