Die seltsame Gräfin (D 1961) #Filmfest 74 #EdgarWallace

Filmfest 74 A "Edgar Wallace Special" (7)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVom Stummfilm zur Ufa zu Wallace

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Noch bevor Margaret Reedle eine neue Stellung als Sekretärin bei der Gräfin Leonora Moron antritt, bekommt sie unheimliche Drohanrufe von einem Unbekannten, kurz darauf geschehen bereits zwei Mordanschläge, denen sie nur knapp durch die Hilfe des geheimnisvollen Mike Dorn entkommt, aber durch den Antritt der neuen Stellung in ländlicher Umgebung erhofft sie sich ein Ende der rätselhaften Ereignisse, doch beim letzten Auftrag für ihren alten Arbeitgeber, den Rechtsanwalt Shaddle, macht Margaret eine erstaunliche Entdeckung: Die Gefangene Mary Pinder ist ihre Mutter und nun wird die Sache immer verwirrter.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners siehe „Der Frosch mit der Maske“.

„Die seltsame Gräfin“ ist der neunte von 38 Nachkriegsfilmen über Stoffe des britischen Kriminalschriftstellers Edgar Wallace, die mit deutschen Schauspielern und deutschem Stab, die Sttreifen sind mehrheitlich als Produktionen der dänischen Rialto-Film (Preben Philipsen) entstanden und in der Hauptsache Deutschland oder Dänemark gefilmt und mit deutschen Schauspielern besetzt.

Produktionsdaten / Trivia (Wikipedia)

  • Der einzige Film, den der frühere Ufa-Regisseur Josef von Báky zur Edgar Wallace-Reihe beisteuerte, gehört zu den mittelmäßig erfolgreichen an der Kinokasse und erreichte 2,6 Millionen Kinobesucher,
  • den Rekord hält „Das Gasthaus an der Themse“ aus 1962 mit 3,6 Millionen Eintrittzahlern vor „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ aus 1961 mit 3,5 Millionen,
  • Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The Strange Countess) wurde wurde vom 28. August bis 29. September 1961 unter der Regie von Josef von Báky und nach dessen Erkrankung zeitweise von Jürgen Roland in West-Berlin und Schleswig-Holstein Die Uraufführung des Films fand am 8. November 1961 im Capitol in Trier statt (1) (2).
  • Curt Hanno Gutbrod hatte bereits drei Drehbuchversionen geschrieben, bevor der erfahrene Autor Robert A. Stemmle dessen Arbeit übernahm und die endgültige Drehbuchfassung schrieb.
  • Für die Rolle der Margaret Reddle war zunächst Marianne Koch Schließlich entschied man sich für Brigitte Grothum, die noch in weiteren zwei Filmen der Serie mitwirken sollte. Joachim Fuchsberger übernahm bereits zum fünften Mal die männliche Hauptrolle in einem Edgar-Wallace-Film.
  • Bei der FSK, die den Film ohne Schnittauflagen ab 16 Jahren freigab, war der Film mit zwei unterschiedlichen Längenangaben registriert. In der Originalfassung folgen am Ende des Films, nach der Einstellung mit der Giftnadel, noch einige weitere Szenen und ein kurzer Dialog. Diese Fassung wurde wahrscheinlich nie im Kino gezeigt, da man den Film noch vor der Premiere gekürzt hat, die FSK aber erst später darüber informierte. Auf DVD wurde der Film mit einer der fehlenden Szenen ergänzt.

Komplette Handlung (Wikipedia)

Die junge Sekretärin Margaret Reedle möchte eine Stelle auf dem Schloss der Gräfin Eleanora Moron annehmen. Eines Abends erhält sie mysteriöse Drohanrufe eines Unbekannten, der ihr mit dem Tod droht. Margaret und ihre Freundin Lizzy ignorieren diese jedoch. Kurze Zeit später wird Margaret fast von einer herunterstürzenden Schubkarre bei einer Baustelle getroffen. Nur mit Hilfe des geheimnisvollen Mike Dorn kann sie sich retten.

Gleichzeitig soll die Mörderin Mary Pinder aus dem Gefängnis entlassen werden. Vor Jahren soll sie ihren Mann vergiftet haben. Die Todesstrafe ist aufgrund ihrer Schwangerschaft in eine Haftstrafe umgewandelt worden. Margaret soll im Auftrag ihres Arbeitgebers, dem Rechtsanwalt Shaddle, Mary Pinder eine Vollmacht für ihre Entlassung unterschreiben lassen. Bei der Fahrt entkommt sie wieder nur knapp mit Hilfe von Mike Dorn einem Anschlag. Auch die Drohanrufe gehen weiter. In der Nacht bricht Dorn in ihr Zimmer ein, um eine vergiftete Pralinenschachtel zu entwenden.

Mike Dorn entpuppt sich als Inspector von Scotland Yard, der von Shaddle beauftragt worden ist, Margaret zu überwachen. Inzwischen tritt Margaret ihre Stelle bei Gräfin Moron an, die eine Hilfsorganisation für entlassene Sträflinge betreibt. Währenddessen erhält Margarets Freundin Lizzy einen weiteren Drohanruf. Lizzy trifft sich mit dem geheimnisvollen Unbekannten und wird dabei fast von ihm erwürgt. Die völlig verzweifelte Margaret findet unterdessen heraus, dass Mary Pinder ihre leibliche Mutter ist. Zu ihrer Freude jedoch möchte ihre jetzige, undurchsichtige Arbeitgeberin ihre Mutter als Hausdame einstellen. Doch auch das Schloss und seine eigenartigen Bewohner bieten keinen angemessenen Schutz vor den mysteriösen Ereignissen. So stirbt der Butler Adams, der eigentlich ein Kriminalbeamter von Dorn ist, aufgrund eines Stromschlags. Um einen völligen Nervenzusammenbruch zu vermeiden, zieht die Gräfin den Arzt Dr. Tappat zu Margarets Wohl hinzu. Doch Margaret bittet sie, entlassen zu werden. Die Gräfin begründet ihren Unmut über eine Entlassung Margarets jedoch mit ihrer Angst vor ihrer Familie und Umgebenden, weshalb sie sie bittet, zu bleiben.

Dorn findet derweil heraus, dass Selwyn, der Sohn der Gräfin, der Erbe des Besitzes ist. Eigentlich wäre der rechtmäßige Erbe der Bruder der Gräfin gewesen. Dieser gilt jedoch als vor etwa zwanzig Jahren verschwunden. Nach Margarets kurzer Festnahme durch Dorn gelangt sie in das Sanatorium von Dr. Tappat, in das auch ihre Mutter gebracht worden ist. Hier trifft sie auch den wahnsinnigen Stuart Bresset, der sie auf Dr. Tappats Anweisung mit seinen Anrufen bedroht hat. Chesney Praye, ein Freund der Gräfin, bietet ihr an, sie freizulassen, wenn sie ihn heiratet. Nachdem Dorn sich selbst aus den Fängen der Verbrecher im Sanatorium befreit hat, stellt er Praye, der jedoch von Dr. Tappat erschossen wird. Dorn und Mary verfolgen Tappat ins Schloss.

Im Schloss wird Mary Pinder mittlerweile von Gräfin Moron empfangen. Mary hat vor zwanzig Jahren heimlich den Bruder der Gräfin geheiratet. Diesen soll sie ermordet haben, obwohl eigentlich die Gräfin für seinen Tod verantwortlich ist, um das Erbe zu erhalten, während Mary unschuldig im Gefängnis sitzt. Nun bietet ihr die Gräfin eine Rente und ein Leben in Südamerika an, damit sie von der Bildfläche verschwindet. Mary, sicher über die Schuld der Gräfin, schlägt dieses Angebot allerdings aus. Auch Margaret, folglich die Tochter des Grafen, sollte durch die Komplizen der Gräfin ausgeschaltet werden. Im Schloss angekommen, versucht Dorn, Tappat zu überwältigen, bis Selwyn Tappat erschießt. Sich über ihre Taten klar werdend, begeht die Gräfin mit derselben Giftnadel, mit der sie auch ihren Bruder ermordet hat, Selbstmord.

Rezension

Josef von Báky hat nur diesen einen Edgar Wallace-Film gedreht, und dieser weicht in einigen Punkten von anderen ab – wobei man sagen muss, je mehr man sich mit der Serie beschäftigt, desto mehr Abweichungen erkennt man zwischen den Filmen und desto weniger einheitlich wirkt der berühmte „Edgar Wallac-Stil“, der die Serie zur erfolgreichsten der deutschen Kinogeschichte machte.

Von Bákys Beitrag zum Werk ist deutlich zurückhaltender als zum Beispiel die Filme, die auf das Konto von Harald Reinl und insbesondere auf das von Alfred Vohrer gehen, dafür hat er eine innerhalb der Serie kaum überbotene Düsterkeit. Der Humor von Eddie Arent wird mehr in die Handlung eingebunden und sprüht nicht so wie sonst, im Grunde ist er nur zuständig für den einen oder anderen verbalen Running Gag. Joachim Fuchsberger spielt einen zunächst mysteriösen Mann, steht nicht sofort deutlich erkennbar auf der Seite der Guten, was zur Atmosphäre der Verunsicherung beiträgt, die uns durch das Schicksal der jungen Margaret Reedle vermittelt wird.

Auf Schlössern spielen fast alle Wallace-Filme irgendwann im Verlauf der Handlung und das Anwesen der Morons ist nicht unheimlicher als ähnliche Gemäuer in anderen Filmen (3). Es ist ein anderer Ort, der diesem Film seine Aura verleiht – das Irrenhaus des Dr. Tappat (Rudolf Fernau in seinem einzigen Wallace-Film). Hier bietet es sich an, wirklich von einem solchen zu sprechen und sich nicht politisch korrekterer heutiger Begriffe wie Psychiatrie oder psychotherapeutische Einrichtung zu bedienen, denn die armen Menschen, wie sie an einer Stelle zu Recht genannt werden, sind nicht zwecks Betreuung und Gesundung dort, sondern werden weggesperrt, um aus dem Weg zu sein, damit man sich ihres Hab und Gut bemächtigen kann. Ein Verfahren, das in diesem Film noch amoralischer wirkt als ein simpler Mordanschlag, von denen es ebenfalls vier oder fünf gibt – auf Margaret Reedle.

Viele Szenen sind im Vergleich vor allem zu späteren Wallace-Filmen in Low-Key gefilmt und die Schatten überwiegen besonders in den Klinikszenen. Hinzu kommn die kargen Räume, die nicht von ungefähr wie Geängniszellen wirken. Wenige Menschen mit psychischen Störungen und viele Verschleppte vegetieren in dieser Anstalt und am Ende, als die Polizei der Betreiberbande schon auf der Spur ist, werden alle zusammen in einen Kellerverschlag gesperrt, der an die Arrestzellen in amerikanischen Westernstädten erinnert.

Die Atmosphäre der Bedrohung wird dadurch gesteigert, dass nicht irgendwer bei Miss Reedle anruft, um sie auf ihr baldiges Ende hinzuweisen, sondern dass Klaus Kinski in der Telefonzelle steht. Und das macht einen Unterschied. Er spielt einen Insassen der erwähnten Anstalt, der im Auftrag von deren Leiter Dr. Tappat, Menschen nachstellt und sie gegebenenfalls umbringt. Dieser wirklich irre und doch bedauernswerte Mann erinnert ganz sehr an Cesare, das zum Morden abgerichtete Faktotum des Dr. Caligari aus dem berühmten und stilbildenden Film von 1920 „Das Cabinet des Dr. Caligari“.

Der Filmstil ist anders, 40 Jahre später, aber der Missbrauch eines abhängigen, hier psychisch kranken Menschen zum Begehen von Verbrechen ist so drastisch, dass Ausführungsmängel und Defizite in der psychologischen Feinzeichnung nicht nur der Irrenhaus-Insassen und des dortigen Führungspersonals in den Hintergrund teeten.

Beinahe könnte man denken, der Film habe ein humanistisches Anliegen, doch wenn, dann wäre es eines, wie von Báky es in seinen Filmen mehrfach vorgeführt hat und diente dem Zweck, ohne das große Tamtam anderer Wallace-Regisseure sehr wohl spekulativ zu sein. In einer auf Unterhaltung und Effekt getrimmten Mischung aus Horror- und Kriminalfilm kann die Tiefendeutung nicht allzu weit gehen. Zwar zählt von Bákys Wallace-Produktion nicht zu den besonders erratischen, aber der Plot bedient natürlich dasselbe Muster wie die anderen: Crime, begangen von ungewöhnlichen Menschen in ungewöhnlich verzwickten Konstellationen und Abläufen.

Dabei erfüllt „Die seltsame Gräfin“ eine wichtige Voraussetzung nicht, um ein guter Wallace zu sein. Es gibt keinen verkleideten oder über lange Zeit unsichtbaren Verbrecher. Man ahnt schnell, dass Lady Moron etwas zu verbergen hat.

Dass dieses Werk konventioneller im Stil daherkommt als andere der Serie, lässt es ernster erscheinen, die Schauspieler tun ihr Bestes, um diesem Ernst zu entsprechen oder eben doch etwas überzuagieren, aber nicht so gewaltig wie gewohnt. Am meisten chargiert dieses Mal nicht Eddie Arent aus Leidenschaft und Freude an seiner Amtstracht als Diener, zumal er keiner ist, sondern den Sohn der seltsamen Gräfin darstellt – sondern die Gräfin in Person von Lil Dagover. Deren Gegenspielerin ist Marianne Hoppe und viel Zeit wird Miss Reedel (Brigitte Grothum) und ihrer Freundin Lizzy Smith (Edith Hancke) gewidmet. Wenn man so will, ist „Die seltsame Gräfin“ nicht nur wegen des Titels ein Frauenfilm unter den Wallace-Adaptionen. Sie sind seltsam wie Lady Moron oder zart und verletzlich, aber auch entschlossen, wie Margaret,  sie sind auch stark im Nehmen,  wie Mary Pinter, die als Mörderin zu Unrecht verurteilte Frau, die sich als deren Mutter herausstellt und wie Lizzy, die treue Kameradin, die absichtlich in den Park geht, um den Mann zu stellen, der ihre Freundin in Angst und Schrecken versetzt.

In vieler Hinsicht hat von Bákys Film im Geschlechterbild mehr Modernität vorzuweisen als die meisten anderen Werke der Serie und die differenzierteren Figuren. Dass es nicht das Hauptanliegen der Serie war, Figuren realistisch und vielgestaltig zu zeigen, hat er, der Altmeister des Ufa-Films ein wenig negiert.

Auch wenn die Stellung des Ex-Chefs von Margaet Reedle, des Anwalts Shaddle, bis zum Schluss nicht eindeutig definiert wird und der Eindruck, mit dem Mann stimmt etwas nicht, dadurch Nahrung erhält, dass er von Fritz Rasp dargestellt wird, im Gegensatz zur der einen oder anderen zeitgenössischen Kritik fanden wir die Handlung nicht konfus und nicht verwirrend kompliziert. Weniger jedenfalls als in „Der grüne Bogenschütze“, den wir zuletzt rezensiert haben und der an einer doppelten Verbrecherfigur „krankt“, was es in der Tat ausschließt, dass der Fall nach normalen Maßstäben logisch zu entschlüsseln ist.

Generell sind die Wallace-Filme verzwickte Whodunnits, die aber, und das haben sie vielen anderen, wesentlich höher eingeschätzten Filmen voraus, auf Buchvorlagen basieren, die zwar in der Thematik und Ausformung mit einem in der Regel maskierten Großverbrecher speziell sind, ein Wallace-Subgenre bilden und vom klassischen britischen Kriminalroman dadurch abweichen, die aber logisch durchentwickelt sind. Wenn man es genau betrachtet, ist das so schwierig auch nicht, denn der maskierte Mann ist frei von Einbindungen und Camouflage, von Lügen und Kompromissen, die ein Verbrecher zu beachten hat, dessen Fassade zu jeder Uhrzeit die eines Biedermannes ist.

Dass sich am Ende die Gräfin als Treiberin hinter dem Geschehen herausstellt, ist durchaus nicht überraschend, dadurch unterscheidet sich der Film von einigen anderen der Serie, in denen derjenige, an den man am wenigsten gedacht hätte, sich als der große Unbekannte herausstellt. Die Gräfin ist sogar beinahe ein Howcatchem, denn dass mit ihr und ihren seltsamen Freunden etwas im Argen liegt, spürt man schnell.

Wirkt der Film hingegen britischer als diejenigen, die wir bisher rezensiert haben? Immerhin könnte der Anspruch eines Regisseurs, der offenbar einen gewissen Anspruch über den Krimireißer hinaus hatte, doch sein, mehr Britishness und damit mehr originale als wallace-typische Atmosphäre reinzubringen. Das ist leider nicht der Fall, die Gräfin Moron ist eher die Karikatur einer britischen Lady in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, denn als solche vorstellbar. Die Charaktere sind auch in diesem Film eher der deutschen Theatertradition verpflichtet als dem angelsächsischen Understatement, auch wenn der Film nicht die Spitze des Wallace-Excitements darstellt.

Wären die Wallace-Filme nach den britischen Miss Marple-Verfilmungen entstanden oder gar nach dem Einsetzen der Bond-Welle, hätte man dann den Ehrgeiz gehabt, diesen sehr erfolgreichen Produkten nachzueifern? Vielleicht wären sie gar nicht erst entstanden – vor allem nicht die prägendsten Werke der Serie, die auch etwas Bond für Arme sind.

Über den Vorwurf vor allem zeitgenössischer Kritiker, die Wallace-Serie sei NS-lastige Propaganda, haben wir uns in der Rezension zu „Der Frosch mit der Maske“ schon geäußert. Wir greifen noch einmal auf „Dr. Caligari“ zurück, weil es in „Die seltsame Gräfin“ ein ähnliches Gespann gibt wie im Meilenstein-Film von Robert Wiene. Während in Letzterem durch eine Rahmenhandlung letztlich die Autorität positiv dargestellt wird (was wohl ursprünglich nicht vorgesehen war) und der Film sogar berühmte Bücher wie „von Caligari bis Hitler“ des Filmkritikers Siegfried Kracauer hervorbrachte. denen das Weltbild des damaligen Kinos diskutiert wurde, bleibt die Macht in „Die seltsame Gräfin“ negativ und die Mordbuben werden von beherzten Normalmenschen zur Strecke gebracht, nicht aus dem System der Autorität heraus. Das wird auch dadurch belegt, dass Joachim Fuchsberger zunächst die Attitüde eines Privatmanns annimmt und Margaret hilft, nicht aber als Polizist und mit dessen Autorität auftritt, was er ja tun könnte. Bei Regisseur von Báky kann man außerdem durch dessen eigene Filmografie etwas zur NS-Lastigkeit aussagen, denn er hat während des Dritten Reiches schon gefilmt (bis 1936 als Regieassistent, ab demselben Jahr als Regisseur). 1943 betraute ihn die Ufa mit ihrem Großprojekt zum 25jährigen Jubiläum, dem Fantasy-Spektakel „Münchhausen“. Der Film ist nicht nur sehr gelungen und bis heute ein Schaustück, sondern weist auch subversive Tendenzen auf – die zwar mehr dem Drehbuch von Erich Kästner als der Regie zu verdanken sein dürften, die aber von der Regie nicht marginalisiert wurden. Von Báky gehörte nicht zur Riege der NS-Regisseure, die durch Propagandafilme belastet waren und konnte nach Kriegsende sofort wieder filmen.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: (…) Nicht viel weniger Einfluss auf die Serie (als Alfred Vohrer mit seinem eher ekstatischen und effektvollen Stil, A. d. Verf.) hatte Harald Reinl, zu dessen fünf Edgar-Wallace-Filmen das erste Werk zur Reihe Der Frosch mit der Maske sowie die Höhepunkte Die Bande des Schreckens und Der unheimliche Mönch zählen. Typische Merkmale der Filme des einstigen Heimat- und Bergfilm-Regisseurs sind stimmungsvolle Außenaufnahmen mit langen Kamerafahrten und -schwenks. Stilmittel, die Reinl vor allem auch in den durch ihn geprägten Karl-May-Filmen angewendet hat. (…) Josef von Báky (ein Film) griff bei der Inszenierung auf seine langjährige Erfahrung als UFA-Regisseur zurück und schuf einen kommerziell erfolgreichen, von Kritikern jedoch oft als antiquiert bezeichneten Wallace-Film.
    • In der Tat ist von Bákys Stil nicht die Avantgarde innerhalb der Wallace-Reihe, dafür widmet er sich seinen Figuren, insbesondere den weiblichen, mit mehr Hingabe als die meisten anderen Filmer im Dienst der Rialto-Serie und schafft durch die klaustrophobische Irrenanstalt mit den dort wie in veritablen Kerkern internierten Menschen ein Gefühl von Bedrohung und wahrer Verwerflichkeit des Verbrechens, das nicht durch Humor innerhalb einer Szene gebrochen wird. Hätte man aber z. B. Klaus Kinski noch erratischer agieren lassen, wäre der Effekt ein anderer und die relative Geschlossenheit des Werkes dahin.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Lil Dagover hat als junge Frau schon im zitierten Expressionismus-Hauptwerk „Das Cabinet des Dr. Caligari“ mitgespielt, da schließt sich beinahe ein Kreis, wenn sie in einem Film nicht mehr eine positive Figur darstellt, sondern eine alternde, ätherisch-bösartige Frau, die sich des Verbrechens bedient, um ihre Stellung zu sichern. Mit ihr und Marianne Hoppe, die in „Die seltsame Gräfin“ ihren einzigen Auftritt im Wallace-Imperium hatte, von dem kein wesentlicher deutscher Schauspieler von Rang verschont blieb (Ausnahme: Heinz Rühmann und einige der jüngeren, aufstrebenden männlichen Darsteller), spielt neben der Gräfin gut und es ist schön, diese beiden großen Damen der Ufa- oder sogar Stummfilmzeit zu sehen. Sie werden aber nicht nostalgisch inszeniert, sondern sind Gegnerinnen und starke Persönlichkeiten. In der Akte Pinder findet Margaret Reedle Fotos der jungen Mary Pinder – es sind Ufa-Werbefotos von Marianne Hoppe aus der Zeit, als sie eine der größten Darstellerinnen des deutschen Films war und großartige Leistungen in „Der Schritt vom Wege“ (als Effi Briest) oder in „Romanze in Moll“ zeigen konnte. Von der Aura jener Tage ist sie in „Die seltsame Gräfin“ recht weit entfernt, aber sie spielt ja auch eine andere Rolle – die einer zwanzig Jahre zu Unrecht eingesperrten Frau mittleren Alters.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • „Die seltsame Gräfin“ ist insofern eine Ausnahme, als die Figur offen zutage tritt. Und da man in den Wallace-Filmen keine Titelhelden kennt, sondern nur Titel-Bösewichte, die allerdings eine besondere Form von Heldenstatus erreichen können, weil man sie für ihre fantasievolle und gleichermaßen ruchlose Vorgehensweise bewundert, trägt neben der Figur an sich bereits der Titel dazu bei, dass der Film nicht sehr überraschend endet.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Lady Moron ist ein Mensch, der ausschließlich von Habgier angetrieben wird, vor allem Familienmitglieder sind davon aufs Ärgste betroffen, werden durch Intrigen hinter Gitter gebracht oder sollen mithilfe der erwähnten Anstalt, ihrer Betreiber und ihrer Insassen zu Tode gebracht werden.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Das Schloss im Film ist dasselbe wie in „Der grüne Bogenschütze“, Lady Moron und Abel Bellamy teilen sich also eine Behausung, was durch unterschiedliche Innendekors, die in beiden Filmen verwendet werden, geschickt verdeckt wird. Dass dieses Schloss Ahrensburg irgendwie unenglisch wirkt, teilt es mit vielen anderen Lokalitäten, die in Edgar Wallace-Filmen Verwendung finden.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Diese Merkmale haben sich schrittweise entwickelt. Von Bákys Beitrag zur Serie kennt einzig die Methode, erst die Handlung beginnen zu lassen und dann den Vorspann zu bringen, der auch schon mit laufenden Bildern hinterlegt ist – die Bedrohung findet bereits vor der Einführung statt, insofern gibt es im Ansatz einen der später typischen Aufhänger, aber alles andere kennt der Film noch nicht, obwohl es teilweise schon zuvor verwirklicht worden war (das Verbrechen vor dem Vorspann u. a. in „Der grüne Bogenschütze“, den wir zuletzt rezensiert haben). Auch hier bleibt von Báky sich also treu und geht inszenierungsseitig nicht einen Schritt weiter als seine Vorgänger, sondern eher einen halben zurück.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Wir hätten nicht gedacht, dass die Musik von „Die seltsame Gräfin“ erstmalig von Peter Thomas stammt, der zu den prägenden Küntlern der Serie wurde. Dass wir ihn nicht hinter dem Score vermuteten, liegt an den romantisch-lyrischen Teilen der Musik, die zwar gut zu von Bákys Stil passen, der die klassische Zuordnung von Kompositionen nach ihrem Temperament und ihrer musikalischen Stimmung zu den passenden Szenen als die richtige Methode empfunden haben dürfte, einen Film durch Noten zu illustrieren – genau deswegen aber sind sie nicht auffällig. Vielmehr passt sich die Musik dem Film an. Sie verfremdet nicht und schiebt sich selten in den Vordergrund. Das ist vier Jahre später in „Der unheimliche Mönch“, über den wir als ersten Film der Serie geschrieben haben, anders.

Finale

Gewiss ist „Die seltsame Gräfin“ nicht Regisseur Josef von Báky bester Film, dafür der letzte – Jürgen Roland musste ihn fertigdrehen bzw. bestimmte Szenen übernehmen, da von Báky während des Drehs erkrankte. Er verstarb fünf Jahre später und hinterließ und den besten Münchhausen bis heute, aber kein Meilenstein-Werk innerhalb der Wallace-Serie.

Interessant ist, auf welch unterschiedliche Weise sich die Regisseure dann doch der Verfilmung dieser Krimis angenähert haben. Roland kam vom Journalismus, Dr. Reinl vom Heimat- und Bergfilm, Alfred Vohrer vom Rundfunk und der Synchronisation, von Báky hatte im Ufa-Imperium sein Handwerk gelernt. Sie kamen aus Hamburg, aus Österreich, aus Stuttgart, aus Ungarn – der deutsche Film war damals durchaus noch international geprägt, dies vielleicht mehr, als durch die europäischen Gemeinschaftsprojekte unserer Zeit. Und bei jedem dieser Spielleiter, wie die Regisseure während der NS-Zeit hießen, kann man der regionalen Mentalität nachspüren, die sie geprägt hat und natürlich der Biografie und auf welche Weise sie zum Spielfilm gekommen sind.

Qualitativ stellen wir „Die seltsame Gräfin“ zwischen die beiden ersten Filme, die wir für die Reihe rezensiert haben ( „Der Frosch mit der Maske“ und „Der unheimliche Mönch“) und den zuletzt beschriebenen „Der grüne Bogenschütze“

Er ist ein Schauspielerfilm und ein Film, in dem das weibliche Element stärker ist als in den meisten anderen der Serie. Er wirkt vergleichsweise seriös und daher weniger kultig als die Spitzenprodukte aus der Vohrer- oder Reinl-Schule, die mehr auf Effekte setzen. Das führt aber auch dazu, dass man ihn eher mit „normalen“ Filmen außerhalb der Serie vergleicht als die anderen, die deutlicher in ihrem eigenen Universum leben. Im Vergleich zu Kriminaldramen großer Regisseure ist „Die seltsame Gräfin“ aber gewiss kein herausragendes Werk.

67/100


© 2020, 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Wenn man diesen Film hinzurechnet, hat Jürgen Roland also nicht letztmalig in „Der grüne Bogenschütze“, sondern bei „Die seltsame Gräfin“ Regie geführt.
  2. Die Verwendung von Archivmaterial, das oftmals bildtechnisch schwächer war als die eigens für den Film gedrehten Szenen, hat Methode, zumindest, wenn es um London geht, und sparte Geld ein (lediglich in wenigen Filmen wie „Der Frosch mit der Maske“ reiste tatsächlich ein Filmteam nach London.
  3. Es ist das gleiche Schloss Ahrensburg in Schleswig-Holsein, das schon in „Der grüne Bogenschütze“ als Behausung des Abel Bellamy (Gert Fröbe) diente, der mindestens ebenso seltsam wie die Gräfin ist.
Regie Josef von Báky
(Ottokar Runze, Jürgen Roland)
Drehbuch Robert A. Stemmle
Curt Hanno Gutbrod
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Peter Thomas
Kamera Richard Angst
Schnitt Hermann Ludwig
Besetzung

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