Schwarzer Advent – Tatort 400 #Crimetime 529 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #Advent #schwarz

Crimetime 529 - Titelfoto © BR, Robert Mayer

Fassadenfamilie

Der 400. Tatort sollte gewiss etwas Besonderes werden und steht auf Platz 16 der Rangliste des Tatort-Fundus, bei mittlerweile mehr als 1100 Fällen. Hält der Film, was diese Platzierung verspricht? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Vorweihnachtszeit: Rainer Wenisch bietet seiner Ex-Frau Kirstin Geld, wenn sie bereit ist, für ein Wochenende mit den beiden Kindern zu ihm zurückzukehren. Wenisch will seinem Vater, der nach vielen Jahren aus Chile zu Besuch kommt, um jeden Preis eine heile Familie vorspielen. Doch Kirstin möchte nichts mehr mit ihrem Ex-Mann zu tun haben. Im Affekt tötet Wenisch Kirstin.

Ohne sich weiter damit aufzuhalten, daß er einen Mord begangen hat, verfolgt Rainer Wenisch seinen einsamen Plan. Er holt seinen zwölfjährigen Sohn Leo aus der Schule und seine kleine Tochter Natascha aus dem Kindergarten ab und erzählt den Kindern, ihre Mutter sei auf einer Dienstreise in Rom. Um seine Vorstellung von einer perfekten Familie zu inszenieren, engagiert er schließlich sogar eine Prostituierte, die für dieses Wochenende die Mutterrolle spielen soll. Wenisch will den Mann beeindrucken, der sich nach Jahren wieder zu Besuch angekündigt hat und den er voll Furcht erwartet: seinen Vater.

Den beiden Münchner Hauptkommissaren Franz Leitmayr und Ivo Batic wird bald klar, daß sie es bei Kirstins Mörder mit einem unberechenbaren Menschen zu tun haben. Im Zuge ihrer Ermittlungen kristallisiert sich das Täterprofil eines äußerst labilen, verzweifelten Mannes heraus, der zu allem fähig ist. Es besteht die Gefahr, daß es zu einem „erweiterten Selbstmord“ kommt. Und Fälle, in denen Eltern ihre Kinder mit in den Tod genommen haben, sind in letzter Zeit häufiger aktenkundig geworden. Bei der fieberhaften Suche nach dem möglichen Aufenthaltsort der drei zählt jede Sekunde.

Eine winzige Spur, Wenisch und die Kinder zu finden, ergibt sich bei einem Eishockeyspiel im ausverkauften Stadion. Doch der präzise vorbereitete Polizeieinsatz führt zu einer Tragödie und stürzt die Kommissare in einen schweren Konflikt. Die Katastrophe scheint unabwendbar.  

Rezension

Und doch ist er nach „Nie wieder frei sein“, „Der oide Depp“ und „Ein mörderisches Märchen“ (WB-Rezension vorhanden, noch nicht wiederveröffentlicht) nur auf Platz 4 unter den Münchener Fällen. Daran sieht man, welch eine Stellung das immer noch aktuelle Bayern-Team in der Tatort-Welt hat. Oder: Welches Renommee deren Fälle genießen. Wenn man so will, haben wir jetzt die Top Four der Münchener also komplett. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich „Schwarzer Advent“, der jetzt in der Tat zur Adventszeit wiederholt wird, zu den Toptatorten insgesamt zählen möchte.

Was spricht dagegen? Dafür spricht zunächst die allgemein gelobte Darstellung von Christian Berkel als durch einen nie gelösten Vater-Sohn-Konflikt schwer traumatisierter Mensch. Dagegen spricht, dass ich von dem Film echte Kopfschmerzen bekam, und das ist nicht nur bei Tatorten relativ selten, es passiert mir auch bei Spielfilmen aller Art so gut wie nie.

Das deutet auf einen inneren Konflikt hin? In der Tat möchte ich den Film etwas persönlicher kommentieren. Ja, der Sohn ist hervorragend gespielt, dessen Kinder sind übrigens für ihr Alter auch recht gut. Drei Generationen, die epische Leidensgeschichte einer Familie, zusammengefasst in einem Kriminalfall über 90 Minuten. Der Thrill ist groß, aber auch das Bedrückende, siehe Kopfschmerzen. Die Plotlöcher fallen in einem so straighten Drehbuch besonders auf und im Gegensatz zu heutigen, sozusagen postfaktischen Tatorten sind sie höher zu bewerten. Aber wie hoch? Und wie habe ich die Beteiligten von ihrer Psychologie her empfunden?

Wir haben zunächst Folgendes vor uns, was wir gerne in den Film interpretieren dürfen, ohne dass es erwähnt wird. Der Vater ist in der Nazizeit groß geworden, vermutlich in der HJ gewesen, ein unbarmherziger Mensch, der diese harte Schule und den Krieg nie ablegen konnte. Wenn man in seiner eigenen Geschichte weiter zurückgeht: Seine Eltern sind vermutlich so erzogen worden, wie es in „Das weiße Band“ gezeigt wird, in dem das Thema, wie es ein Volk zu den Nazis bringen konnte, ziemlich – sic! – düster ausgebreitet wird.

Die Generation  Krieg zeichnet also die Nachkriegsgeneration der 1950er, der Rainer Wenisch angehört. Der Vater ist so dominant, dass der Sohn a.) im Leben nicht richtig besteht, weil er kein Selbstwertgefühl entwickelt. Deswegen ist er auch Versicherungsvertreter auf einfacher Stufe und leiht sich den Status seines Vorgesetzten, um den wegen des mütterlichen Begräbnisses heimkehrenden Vater doch noch zu beeindrucken; b.) kann der Sohn mit seinen Emotionen nicht umgehen, ist hoch sensibel einerseits, andererseits unberechenbar und hochgradig unausgeglichen. Er gehört selbst noch einer Generation an, die sich ihren Dämonen nicht stellt, etwa durch eine konsequente Therapie. Das war wohl denen vorbehalten, die noch einmal zehn, zwanzig Jahre später aufwuchsen und merkten, dass ihr Verhalten nicht mehr in die Zeit passt, sie sozial ausschließt. Was nicht bedeutet, dass es nicht auch heute Familien wie die Wehnischs gibt und kollusive Verhältnisse, dass nicht in prekarisierten Milieus solche Verhältnisse sogar wieder zunehmen, weil die persönliche Kapazität der Menschen dort immer mehr abnimmt.

Das Verhalten Rainer Wehnischs ist unter diesen Umständen von einer leider zwingenden Realitätsnähe – zumindest, soweit es sich innerhalb kleinerer geschlossener Räume abspielt. Im Eisstadion konnte ich nicht anders als lachen. Ich muss mich dafür bei den Lesern entschuldigen, aber da kam zu viel zusammen. Sicher war es auch ein befreites Auflachen angesichts der insgesamt missratenen Inszenierung der Situation. Mag auch sein, dass Fanschal und Mütze für mich okay sind. Aber ich stamme aus einer Gegend, in der das Wort Karneval odr Fasching oder Fastnacht kein Fremdwort ist und mir war es immer schon zuwider, mir etwas ins Gesicht zu schmieren , während ich die üblichen Klamotten eigentlich ganz gerne getragen habe. Vielleicht in ich eitler als diese beängstigende Mischung aus Aggressivität und Unterwürfigkeit namens Rainer Wehnisch, der ständig zwischen Übergriffen und Entschuldigungen für diese Übergriffe pendelt, sich anbiedert und dann doch wieder gewalttätig wird. Oft bei denselben Personen, besonder bei seinem Sohn.

Und den bringt er tatsächlich während eines Eishockeyspiels unbemerkt um, während unten an der Bande die Polizisten herumhüpfen, die da schon wissen müssten, dass Wehnisch sie kennt – zumindest trifft das auf Batic zu. Okay, man könnte sagen, Batic musste beim ersten Mal, als er bei der Villa es höheren Versicherungsvertreters Einlass begehrte, davon ausgehen, dass niemand zuhause war, aber trotzdem ist dieses offene Auftreten, das unabhängig von der Person, die so handelt, Aufmerksamkeit bei Wehnisch erregen muss, unprofessionell. Und am Ende dann die Sache, nochmal als Taxifahrer zu erscheinen.  Das ist aber eine andere Szene.

Im Grunde ist es klasse gemacht, wie die Farbe, die Maske, die Contenance oder was immer von Wehnisch abblättert, als er der Prostituierten Yvette aus seiner Kindheit erzählt, der vollkommen ungeeigneten Person ein Schlüsselerlebnis beichtet. Das ist schön dämonisch und spielt auf eine beeindruckend mehrschichtige Weise auf deutsche Sagen, auf den deutschen Film und damit auf das deutsche Wesen an, das seine teuflischen Seiten nicht in den Griff bekommt und doch auf eine Weise nichts dafür kann, weil es ja über so lange Zeit hinweg ein Trauma nach dem anderen, eines folgend aus dem anderen, erlebt hat. Manipulativ und gequält in sich gefangen, ein bisschen von Adolf, ein bisschen mehr von „M“, nie pragmatisch und immer gefährdet. Oder würde ein pragmatischer Mensch eine solche Aktion wie den Stadionbesuch durchziehen? Oder überhaupt diese hoffnungslose Inszenierung, mit welcher er eine heile Familie vorgaukeln will? Schon die kleine Tochter passt überhaupt nicht in dieses Szenario, weil sie sich garantiert irgendwann verplappern würde, und der Sohn ist, wie wir im Stadion sehen, auch kein sicherer Kandidat. Welch ein Desaster.

Ob ein erweiterter Selbstmord auf Raten realistisch ist, darüber kann man sich auch Gedanken machen. Normalerweise entspringt alles einer einzigen auslösenden Situation, einem riesigen Kurzschluss, wenn jemand Suizid begeht und dabei seine Familie mit in den Tod reißt. Der Täter hat keine Möglichkeit, zwischendurch zur Besinnung zu kommen. Stimmt das immer? Gab es nicht Fälle, in denen solche erweiterten Selbsttötungen von langer Hand geplant wurden?  Aufgrund zunehmender Ausweglosigkeit der Gesamtlage, gerade bei Scheidungsfällen, Sorgerechtsentzug, Demütigungen und resultierender Verzweiflung?

Finale

„Schwarzer Advent“ ist ein Fall, der aufs Ganze geht und sich auf die Glaubwürdigkeit der psychologischen Darstellung und des Spiels der Darsteller, besonders auf das von Christian Berkel stellt. Der Handlungsverlauf und einzelne Elemente können nicht mit dieser Darstellung Schritt halten. Ein guter Tatort, aber nach meiner Ansicht nicht so überragend , wie seine Position in der Fundus-Rangliste ihn gegenwärtig ausweist.

8/10

© 2019, 2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Kommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Rainer Wenisch – Christian Berkel
Yvette – Julia Richter
Leo Gruber – André Kaminski
Rudolf Wenisch – Hans-Michael Rehberg
u.a.

Drehbuch – Christian Limmer
Regie – Jobst Oetzmann
Kamera – Peter Döttling
Musik – Dieter Schleip

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