Borowski und das Haus am Meer – Tatort 1112 #Crimetime 528 #Tatort #Kiel #Borowski #Sahin #NDR #Haus #Meer #Borowski

Crimetime 528 - Titelfoto © NDR, Sandra Hoever

Wie soll das enden?

Wenn der Titel der Vorschau noch mit einem Ausrufezeichen schloss und der Titel der Rezension nicht um ein Fragezeichen umhinkommt, worauf lässt das schließen? Jedenfalls drauf, dass Fragen zu stellen sind. Grundlegende Fragen. Zum Beispiel: Was ist ein Dreigenerationenkonflikt mit Ping-Pong-Effekt? Wie kommen Indianer nach Dänemark? Und darf man sie überhaupt so nennen, wenn doch amerikanische Ureinwohner gemeint sind? Keine Bange, wir gehen in der -> Rezension nicht nur diesen Fragen nach.

Handlung

In einem Küstenwald nahe Kiel läuft den Kommissaren Klaus Borowski und Mila Sahin wie aus dem Nichts der achtjährige Simon vors Auto. Verwirrt berichtet der Junge, dass sein Großvater tot im Wald läge, dass er von einem Hund angefallen und von einem Indianer beschützt worden sei. Borowski sucht eilig den Wald ab, findet aber nichts. Stattdessen fällt ihm ein Segelschiff auf, das in der Bucht ankert.

Als die Kommissare Simon zu seinen Eltern Johann und Nadja Flemming zurückbringen, bestätigt sich, dass Großvater Heinrich verschwunden ist. Er litt an Alzheimer und lief häufig desorientiert einfach los. Bevor Johann und Nadja Flemming ihn deshalb bei sich aufgenommen haben, hatte Heinrich in Dänemark in einer alternativen Kommune auf dem Segelschiff gelebt. Noch am Morgen seines Verschwindens hatte seine dänische Lebenspartnerin Inga damit gedroht, ihn notfalls gewaltsam zurückzuholen.

Am nächsten Tag wird Heinrichs Leiche auf am Strand gefunden – auf rätselhafte Weise neben einem halbverwesten Hundekadaver begraben. Das Schiff ist spurlos verschwunden. Wer hat Heinrich umgebracht? Borowski ist sich sicher: Simon hat den Täter gesehen.

Rezension

Der Indianer ist kein echter amerikanischer Ureinwohner, wenn wir den Film richtig verstanden haben, sonder ein Junge aus der Gegend mit einem Handycap, der in der Arche „erzogen“ wird. Die Arche ist eine Schule, aber wohl auch ein  Heim, das der Reformpädagoge Heinrich Flemming die Regie führte, als er noch nicht dement war, unverbrüchlich unterstützt und geliebt von Ina, der Frau, die auf ein Segelschiff gezogen ist, das selbstverständlich auch „Arken“, also Arche heißt, ebenso das Beiboot. Es hat sich ja bei uns zuletzt ein bisschen eingebürgert, dass wir die Rezension an Tweets entlang schreiben.

Ob der Nicht-Indianer nun ein befremdliches Element war, wollen wir gar nicht näher untersuchen. Jedenfalls ein Opfer von Opa Heinrichs Methoden, die plötzlich gar nicht mehr so sanft erscheinen, schließlich hat er den Jungen einst so verprügelt, dass dieser das Gehör verlor. Deswegen legte er ihm den Gehörknochen eines Fischs in die gefalteten Hände, nachdem der alte Mann das Zeitliche gesegnet hatte. Wir meinen, der „Indianer“ stand für die Unterdrückten und Diskriminierten auch der Zwischenepoche, in der die Antiautoritären ebenso autoritär und fanatisch waren wie zuvor deren Eltern, die Nazis. 

Und damit zu den wirklichen Problemen. Dieser Dreigenerationenkonflikt: Urgroßvater NS-Offizier, Großvater antiautoritärer Fanatiker, Vater Priester – alles von dem armen Jungen mit den üblen NS-Verbrecher-Genen aus betrachtet, also eigentlich ein Viergenerationenkonflikt, der ist auf eine Weise sehr wahr. Die Deutschen finden keine Mitte, seit ca. 100 Jahren. Auslöser dafür war sicher das Verlusttrauma des Ersten Weltkriegs, aber es pendelt sich so schwer aus. Es zieht kein Realismus ein. Trotzdem hat uns die Darstellung des Reformpädagogen als übrgriffiger Sexist geärgert. Klar sind die Anspielungen auf die Haltung einiger Grüner in den frühen 1980ern, aber wie z. B. Mila Sahin mit ihrem konservativen Migrationshintergrund unwidersprochen so redet als ob jeder, der nicht diese Haltung hat, quasi nicht ganz richtig ist, das war hart. Auch Borowski schlägt sich mehr und mehr auf die mehr oder weniger reaktionäre Seite, beide gemeinsam mit dem Regisseur und Drehbuchautor. 

Es geht uns auch nicht selten auf die Nerven, dass in Deutschland Problemlösungen oft nicht möglich sind, weil ideologische Borniertheit ein Zusammenfinden und mehr Gemeinsinn verhindern, aber grundsätzlich ist es für uns nach wie vor richtig, Kinder frei und vor allem gewaltfrei zu erziehen. In ihnen ist schon genug natürliche Gewalt, die muss man nicht mit neoliberaler Edukation fördern. In dem Film wird ein vollkommen abstruses Bild von Reformpädagogik als alltägliches Survival-Camp, als Ausbund von Gewalt und außerdem als Nährboden für sexuelle Übergriffe dargestellt, die zudem auch noch ideologisch begründet werden. Dafür hat der böse Heinrich extra ein dickes Manifest geschrieben. Die meisten sexuellen Übergriffe passieren aber in ganz anderen, bedrückenden, unfreien Milieus und in dysfunktionalen Familien, in denen Menschen kein natürliches Verhältnis zu ihrer Sexualität entwickeln können. 

Wir verstehen durchaus den Spin, dass der Sohn des autoritären Freipädagogen dann Pfarrer wurde und auf seine Weise auch wieder recht extrem ist. Und hätte man die 68er-Generation nicht so krude rübergebracht, wäre ja die Botschaft futsch gewesen, die da lautet: Es kommt keine Ruhe rein. Vielleicht mit dem netten Jungen, der nun doch weiter in seiner Familie erzogen wird, da sich herausgestellt hat, der Pfarrer hat nur eine fahrlässige Körperverletzung an seinem Vater begangen und die Todesfolge nicht gesetzt. 

Und damit zu etwas, das uns ebenfalls keinen Spaß gemacht hat. Es handelt sich um die Dialoge. Das Hölzerne ist sicher auf eine Weise Programm – aber wirklich während des gesamten Films hindurch? Vor allem hat der Autor hinter dem Regisseur ganz wenig mit dem Dienstverhältnis Borowski-Sahin anzufangen gewusst, Milberg spielt das freilich routiniert herunter, aber Almila Bagriacik wirkt stellenweise unsicher, wie sie ihre Rolle interpretieren soll und kann vor allem das Physische, das man ihr in den beiden ersten Tatorten mit Borowski doch so bewusst mitgegeben hat, nicht in Szene setzen. Stattdessen wirkt sie, als hätte sie ihre eigenen Fanatismus-Dämonen, als es um Eier geht. Es gibt Menschen, die essen keine Eier, alles gut. Aber schon vom Angucken Brechreiz? Borowski: Aber nicht aufs Autodach! Welch eine Idee. Das sind keine guten Aussichten fürs Auspendeln in der nächsten Generation, gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund. 

So der Pfarrer zu seiner Frau. Das ist sehr tricky. Ausgangssituation: Der Pfarrer flüchtet sich in das Verhältnis der „reinen“ Liebe zu Gott, angesichts des Verhaltens seines eigenen Vaters, der ihn nie kennenlernen wollte, als dass er tätige Hilfe für andere Menschen leisten oder wenigstens respektieren kann – es ist ein Bild, das hier einfach mal gesetzt wird. Dass der Pfarrer im Anschluss versucht, seine Frau sexuell zu nötigen oder gar zu vergewaltigen, man sieht also die Dämonen at Work, gibt dieser Aussage zwar einen Dreh, aber es bleibt etwas Abwertendes hängen und das ist nicht zu entschuldigen. Zum Ausgleich darf die Frau, die Nachtdienst hat, problemlos den Dienst unterbrechen, wenn es um ihren Jungen geht. So unterbesetzt scheint’s doch nicht zuzugehen, in den Kliniken. Aber irgendwie passt das zur Darstellung der Pflege.

Wir müssten anhand anderer Arbeiten von Niki Stein nochmal verifzieren, welches Verhältnis er zu Lehrberufen oder Psycholog*innen hat, aber hier werden nicht nur die Pädagogen der 1970er, sondern anhand der neuen Polizeipsychologin auch Letztere ziemlich negativ dargestellt. Da will der arme Borowski den Zeugen Simon, der offenbar traumatisiert ist oder zumindest in einer aktuell kritischen Situation, doch nur ganz normal befragen, wie er das bei einem widerspenstigen erwachsenen Tatverdächtigen auch tun würde – und schon kommt die Neue daher und gebärdet sich wie eine Kinderschutz-Furie. Das wäre Frieda Jung nicht passiert. 

Finale

Ob der Film ein guter Krimi war und spannend, haben wir noch gar nicht angerissen – beides, sagen wir mal, geht so. Es gab Momente, in denen wir die Aufzeichnung am liebsten mit erhöhter Geschwindigkeit abgespult hätten, aber dann ist ja leider der Ton weg und wäre er da nicht, würde man das Gesagte nicht verstehen. Am besten geeignet: Die Szenen mit dem „Indianer.“ Der spricht kein einziges Wort. Dafür gab es schön Szenen mit Schafen und Schäferhund. Wir haben später beim Versuch, nach diesen schlimmen Konflikten, die wir gesehen haben, einzuschlafen, versucht, diese wollwarmen Weidetiere exakt zu visualisieren, versuchten es insgesamt dreimal – aber jeweils beim dritten Schaf stiegen wir aus und blieben noch etwas wach, um über Familienaufstellungen nachzudenken. Der Film zeigt zweifelsohne einen Hintergrund, über den man wirklich nachdenken kann, besonders im Zusammenhang mit den Metamorphosen deutscher Befindlichkeit.

Aber manches ist zu plakativ und es fehlt der Schliff, der einem Film vor allem durch – sic! – geschliffene Dialoge vermittelt werden kann. Die Handlung ist nicht überragend glaubwürdig, aber auch nicht so kompliziert, wie einige Zuschauer sie empfunden haben – was nicht bedeuten soll, dass wir uns für kognitiv überlege halten. In diesem Fall war es eben, ganz individuell, nicht so schwierig für uns, zu folgen. Vielleicht kam das daher, dass wir auf der Zeitachse gewandert sind, parallel zum Verlauf des Films. Wohin soll das alles führen? Wie soll es enden? Mit dem Ende der Gen-Weitergabe? Mit dem Schluassakkord für Borowski? Ach nein, noch nicht. Auch wenn es zuletzt keine herausragenden Kiel-Krimis mehr gab.

Ach ja, ein Nachtrag, gerade auf Twitter gesehen – ohne Bezug zum gestrigen Tatort:

6,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Wieder nach Norden!

„Was haben ein kauziger Kieler Tatort-Kommissar, ein dänischer Indianer und ein geheimnisvolles Segelboot gemeinsam? – Sie spielen eine entscheidende Rolle im neusten TV-Krimi „Borowski und das Haus am Meer“, Tatort-Episode 1112“, leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung zu „Borowski und das Haus am Meer ein“ und kommt zu einem gemischten Fazit über den neuen Krimi aus Kiel. 

Die HNA schreibt abschließend: „Der Generationskonflikt, der sich in dieser ländlichen Ostsee-Szenerie entfaltet, ist zumindest ungewöhnlich angelegt und durchaus glaubwürdig. Es geht um Fanatismus, Schuld und deutsche Geschichte.“

STERN:  „Spöttischer, leiser Humor und auch mal eine Prise Sarkasmus des inzwischen gut eingespielten Ermittler-Duos Borowski/Sahin lockern die ernste Thematik immer wieder auf. Zum Ende des Films sagt Kommissar Borowski: «Wissen Sie, was das Schreckliche an meinem Beruf ist? Dass jeder Mörder glaubt, etwas Besonderes zu sein.»“

Auch der STERN hebt den offenbar ungewöhnlich angelegten Generationenkonflikt heraus. Und es muss Meer sein. Nachdem es „Borowski und das Meer“ und „Borowski und das Land zwischen den Meeren“ schon gibt, steht dieses Mal ein Haus am Meer. Vielleicht nächstes Mal ein warmwolliges Schaf auf der Dünenwiese zwischen den Meeren?

Drehbuch und Regie des 1112. Tatorts stammen von Niki Stein (auch die Nr. 1111 kam vom NDR). In der Regel kann man Stein als Autorenfilmer einen Tatort anvertrauen. Wir hoffen auf einen schönen Nordkrimi, schließlich spielt er teilweise wieder einmal in Dänemark – offenbar muss jede der Ermittlungspartnerinnen von Borowski mindestens einmal dorthin mit, dieses Mal also Mila Sahin. Wir werden uns den Film anschauen und unsere Eindrücke niederschreiben.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Mila Sahin – Almila Bagriacik
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Gerichtsmedizinerin Dr. Kroll – Anja Antonowicz
Pfarrer Johann Flemming – Martin Lindow
seine Ehefrau Nadja Flemming – Tatiana Nekrasov
der Sohn Simon Flemming – Anton Peltier
Johanns Vater Heinrich Flemming, Mitgründer der Schule „Arken“ – Reiner Schöne
Johanss Mutter Gudrun Flemming – Marie Anne Fliegel
die Dänin Inga Andersen, Mitgründerin der Schule „Arken“ – Jannie Faurschou
ihre Tochter Senta Andersen – Iben Dorner
der „Indianer“ Erik Larsen – Thomas Chaanhing
Kinderpsychologin Karen Matthiesen – Ute Hannig
deutscher Polizist – Marius Borghoff
dänische Polizistin – Mille Maria Dalsgaard
dänische Polizistin – Sema Liese
Lehrerin Frau Ruthe – Anja Taschenberg
u.a. 

Drehbuch – Niki Stein
Regie – Niki Stein
Kamera – Arthur W. Ahrweiler 
Musik – Jacki Engelken

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