Die Lüge, die wir Zukunft nennen – Polizeiruf 110 Fall 381 – #Crimetime 534 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #München #Eyckhoff #BR #Lüge #Zukunft

Crimetime 534 - Titeltfoto © BR / maze pictures, Hendrik Heiden

Es war einmal eine Ermittlungseinheit

Es ist vielleicht etwas blöd, dass wir ausgerechnet am Vorweihnachtsabend dazu bekommen sind, uns den Film endlich anzuschauen und es ist nur die kürzere Version geworden, die um 20:15 Uhr ausgestrahlt wurde. Wir haben aber eine Vorstellung davon, welche Szenen man in der um ca. 4-5 Minuten längeren „Erwachsenenausgabe“ verlängert hat. Es sollten jedenfalls keine gewesen sein, die für das Verständnis des Films wichtig sind, denn dieses ist ohnehin nicht so leicht herzustellen und man sollte es auch den Zuschauer*innen gönnen, die schon in der Primetime dabei sind. Es wird sicher mal eine Wiederholung als Spätvorstellung geben, vielleicht ergänzen wir dann diese Rezension noch einmal. Was es zur „Normalversion“ zu schreiben gibt, steht hingegen schon jetzt in ebenjener -> Rezension.

Handlung

Das Team von Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff soll ein Unternehmen überwachen, das im Verdacht steht, illegalen Insiderhandel an der Börse zu betreiben. Doch die Versuchung, aus dem Abgehörten selbst Profit zu schlagen, ist zu groß für Eyckhoffs Kollegen. Zuerst scheint der Gewinn enorm, aber bevor die Polizisten ihre Aktien gewinnbringend abstoßen können, wird der Handel ausgesetzt. Es besteht die Gefahr, dass sie ihr gesamtes Geld verloren haben, zudem schöpft die Börsenaufsichtsbehörde Verdacht.

Im Rahmen einer internen Ermittlung soll ausgerechnet Eyckhoff gegen die Kollegen ermitteln. Was mit einem moralischen Dilemma für die Oberkommissarin beginnt, spitzt sich bald zu einem gefährlichen Spiel auf Leben und Tod zu. Die Gruppe droht zu zerreißen und die Polizisten könnten weit mehr verlieren als nur ihr Geld oder ihre Freundschaft.

Rezension

Dominik Graf kann auch mal das Format dekonstruieren – einen ähnlich lautenden Satz haben wir noch im Kopf, ein Kritiker hat ihn geschrieben. Dominik Graf hat hier das Polizeiruf-Tatort-Schema dekonstruiert. Wenn wir uns darauf vereinbaren können, also, was wir an Chaos und Zerstörung sehen, für Absicht halten, über den Sinn in der Sinnlosigkeit nachdenken wollen und nicht fordern wollen, dass sowas nicht geht im deutschen Premium-Krimi, dann können wir uns gut über „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ unterhalten, ansonsten ist klar, dass wir zu verschiedenen Ergebnissen kommen werden. Korrektur: Wir müssen nie zur selben Bewertung kommen, denn man kann sich zu dieser Dekonstruktion unterschiedlich stellen, auch wenn man sie als Ansatz des Regisseurs akzeptiert und sie außerdem gelungen finden oder nicht.

Allein das Spiel der Darsteller ist uns diesen Film wert gewesen und wir sind mitgegangen bei dem Irrsinn, der sich zeigt, als eine Ermittlungsabteilung zerbröselt und einer der Ermittler sogar zu Tode kommt. Erschossen von einem Kollegen. Das ist die Team-Apokalypse. Beinahe jedenfalls, es sind ja noch einige übrig, die am Ende weitermachen dürfen, weil es einen Deal gibt. Einen hochinteressanten, für uns nicht so unrealistischen Deal, der sogar den Ermittler von der Börsenaufsicht nochmal privilegiert. Der hat sich nämlich auch kaufen lassen, von der Tochter des Chefs, in dessen Firma die Insider-Deals laufen.

Eine Weihnachtsbesprechung hätten wir lieber von einem Film gemacht, der nicht so eine Untergangsstimmung verbreitet und in dem die Zukunft nur noch eine Lüge ist. Aber was wir jeden Tag aufgrund unserer Ausrichtung aufs Wirtschaftspolitische und speziell aufs Wohnen und Bauen in Berlin sehen, lässt gar keinen anderen Schluss zu, als dass dieses System zutiefst krank ist und so, wie es ist, nicht mehr lange weiterlaufen kann. Deswegen lässt Dominik Graf die Protagonistin Elisabeth Eyckhoff ja auch Anklage gegenüber dem Ankläger führen, der außerdem aus persönlichen Gründen Rache an der Firma nehmen will, die mit Aktien spekuliert – und dabei gehen unversehens auch einige Polizist*innen ins Netz, die sich an der Spekulation beteiligt haben. Viele Existenzen würden vernichtet, als Kollateralschäden eines Rachefeldzugs.

Außerdem lässt man eine Person aus dem Team nicht gegen das eigene Team ermitteln, das ist Quatsch. Aber es war als Konstruktion wohl notwendig, damit diese Dichte, damit hin- und hergerissen sein glaubhaft wird. Und das ist es, weil Verena Altenberger und die anderen eine tolle Ensembleleistung zeigen. Das große Drama kommt sowieso immer mehr in Mode, aber hier ist man schon besonders weit gegangen und hat die Grenzen ziemlich ausgelotet. Alle sind kurz vor dem Durchdrehen, nicht erst seit ein paar Tagen, sondern wegen grundsätzlicher Unstimmigkeiten in ihrer Lebenslage, wegen nicht erfüllter Träume, wegen des Zwangs, irgendwie mithalten zu müssen oder sich über Wasser halten zu müssen, während ganz oben die „0,05 Prozent“, wie Eyckhoff sie nennt, die ganze Zeit nichts tun als mit Kapital daddeln.

Für uns ist „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, der richtige Film zur richtigen Zeit gewesen, das geben wir gerne zu, weil wir jeden Tag sehen, wie sich alles immer mehr zuspitzt und die Menschen immer aggressiver und intoleranter werden, auch die Toleranten übrigens. Der Grund ist: Wir wissen alle, dass sich etwas ändern muss und wir sind sauer auf uns selbst, weil wir nicht die Kraft haben, es mit aller gebotenen Entschlossenheit zu tun und nicht die Durchdringung, die  Zusammehänge zu verstehen, denen unsere Existenz unterliegt. Nicht nur Defätismus, sondern auch die Gefahr, das Falsche zu tun, egal, was es ist, spielen dabei eine Rolle.

Das Team Eyckhoff beispielsweise, versucht sich durch eigentlich verbotenen, aber systemaffinen Insiderhandel zu retten und zieht sie mit hinein, indem es Geld für sie sammelt, davon weiß sie aber gar nichts. Das ist lieb, aber auch verrückt und wir merken, wie es ist, wenn Menschen, die keine kapitalistischen Casinospieler sind, so gut wie immer verlieren. Vielleicht nicht, wenn sie im Lotto gewinnen, aber auch dabei verliert rein statistisch der Durchschnitt aller Teilnehmenden. Jeder weiß, dass Teile der Lottoeinnahmen nicht an die Spieler zurückfließen, trotzdem machen unzählige Menschen mit. Genauso sieht es aus, wenn Amateure sich an der Börse umtun, möglicherweise noch von Profis schlecht beraten, die sich selbst ebenfalls überschätzen. Wer nun denkt, wer sowas schreibt, hat vielleicht konkrete Fallbeispiele vor Augen, der liegt nicht ganz falsch. Das bedeutet aber auch: Das Problem liegt in der Mentalität der Menschen begründet und die müsste sich ändern, wenn es zu einem humaneren Wirtschaftssystem kommen soll.

Die Wunden, die hier ausführlich gezeigt werden und vermutlich in der Langversion noch mehr in den Vordergrund rücken, sind die Wunden, die wir einander zufügen oder uns selbst, weil wir nicht verstehen, was wichtig und richtig ist.

Finale

Einer der großen Pluspunkte von „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ ist sicher, dass der Film, ohne etwas zu beschönigen oder wirtschaftliche Überambitioniertheit nicht klar genug als Ursache großer Fails und sogar tödlicher Handlungsverläufe zu benennen, um Sympathie für seine Figuren wirbt. Eyckhoff ist ohnehin eine der  sympathischsten Polizistinnen in allen Tatort- und Polizeiruf-Schienen, sie hat man offenbar schon für ein Jahrzehnt aufgestellt, in dem Empathie und Zugewandtheit noch sehr wichtig werden sollten. Die 2020er werden entweder menschlicher oder wir haben’s endgültig vergeigt. Aber auch die Frauen und Männer aus dem Team sind in ihrer Unvollkommenheit und Gefährdetheit so gezeichnet, dass sie spannend wirken und nicht ausrechenbar, so, wie Menschen tatsächlich immer mal wieder sind. Wären sie das nicht, und nur dann, wenn nicht, würden übrigens idealisierte Marktmodelle tatsächlich funktionieren, die immer noch viele Anhänger haben, weil sie schön simpel und krude sind.

In „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, versagt der Markt. Klar, hätte man 41 anstatt 42 Euro pro Aktie als Stop-Win gesetzt, klar, dann wäre nix passiert. Hätte, hätte … man weiß, wie’s weitergeht. Die Gier funktioniert nur dann für wenige, wenn die Allgemeinheit die Kosten der Krisen trägt, die durch sie immer wieder verursacht werden. In dem Fall geht es nochmal gut. Die Aktie, um die es geht, wird wieder für den Handel freigegeben, aber: Sie liegt erst einmal viel niedriger, vermutlich unter dem Einstandspreis. Wir wollen jetzt nicht darüber schreiben, warum das mit einem so großen Versatz nach unten nach Wiederaufnahme normalerweise nicht läuft, aber als Lehrstück dafür, dass nichts von nichts kommt und das schnell verdiente Geld meist nur für diejenigen möglich ist, die schon viel Geld haben, taugt die Darstellung dieses Vorgangs. Und nein, nebenbei short gehen, um sich abzusichern, ist für Amateure keine Alternative, auch wenn Profis solche Tipps aus ziemlich durchsichtigen Gründen gerne unter die Leute bringen.

Warum bekommen wir übrigens keine richtige Finanztransaktionssteuer? Ach ja. Man muss sich nicht immer über die Politik freuen. Wir freuen uns aber auf den nächsten München-Polizeiruf mit Bessie Eyckhoff & Co.

8/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Bitte in ganzen Sätzen und mit allen Szenen

Ein Merkmal der München-Polizeirufe mit der neuen Ermittlerin Elisabeth Eyckhoff scheinen die Überschriften in kompletten, einfachen Gliedersätzen zu werden. Dieses Mal ist es ein Wort weniger als bei „Der Ort, von dem die Wolken kommen“, dem Starter der Von-Meuffels-Nachfolgerin. Der Auftakt war sehr vielversprechend und wir freuen uns sehr auf den nächsten Sonntagabend. Wie bei neuen Teams üblich – das trifft auch auf die Parallelreihe Tatort zu – werden die beiden ersten Produktionen einer Crew kurz hintereinander gezeigt, damit sich die Zuschauer gut eingewöhnen können. Deshalb erhält nun Eyckhoff nund die Fallnummern 380 und 381 in der Liste der Polizeirufe.

Der Film wird von Regisseur Dominik Graf verantwortet. der oft mit Drehbuchautor Günter Schüttler zusammenarbeit – so auch bei „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“. Einen schlechten oder auch nur mäßigen Film haben von diesem Team hatten wir bisher noch nicht zu vermerken, „Der scharlachrote Engel“ (Rezension noch nicht veröffentlicht) oder „Cassandras Warnung„, beides München-Polizeirufe, zählen für uns zu den 8+x-Punkte-Filmen der Reihe. Mit diesen und ähnlich hochwertigen Produktionen liegt die Isar-Schiene nicht nur unter den aktuellen Polizeirufen für uns vorne, gefolgt von Rostock, sondern stellt auch unter Einbeziehung der Tatorte eine Ausnahmeerscheinung dar. Es ist wohl kein Geheimnis mehr, dass Top-Regisseure und -autoren gerne mit dem Bayerischen Rundfunk arbeiten und besonders gerne schreiben und inszenieren sie Polizeirufe.

In ihrem zweiten Fall „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ muss die bayerische Polizeioberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) gegen ihre eigenen Kollegen ermitteln. Die konnten der Verlockung des schnellen Euros nicht widerstehen: Der Polizeiruf 110 aus München dreht sich um Themen wie Moral, Loyalität und Freundschaft, schreibt die Redaktion von Tatort Fans und bewertet den Film sehr positiv bzw. überwiegend positiv. Eine weitere positive Vorab-Kritik:

Der „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ ist reizvoll, weil Dominik Graf seine Funktion als filmästhetisches und filmkritisches Gewissen der Nation hier mehr denn je erfüllt. Mit seiner radikalen Filmsprache verweist er nicht nur darauf, wie gleichförmig – bei aller Vielschichtigkeit der Geschichten – das filmische Erzählen in den letzten Jahren geworden ist. Die Unterschiede von Handschriften erschöpfen sich in der Gestaltung des Looks. Auch die HD-Technik hat mit zu dieser Vereinheitlichung der Bildsprache beigetragen. Graf hingegen raut die glatte Oberfläche seit jeher auf. (Tittelbach-TV)

Eine Besonderheit ist die Aufgliederung in zwei Versionen. Vor längerer Zeit gab es einmal einen Tatort, der zu späterer Stunde Premiere hatte, nicht zur üblichen Zeit ab 20:15 Uhr,weil er FSK 16, nicht FSK 12 war. Um das Schema nicht durcheinanderzubringen, hat man bei „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“, der offenbar ebenfalls viele explizite Gewaltszenen enthält, zwei Versionen erstellt. Uns setzt das in einen Zwiespalt, weil wir nun wohl beide Versionen anschauen müssen, um vergleichen zu können – und noch keinen Plan haben, wann wir rezensieren werden. Vermutlich erst nach der Sichtung der zweiten Version, sonst müssten wir auch  zwei Crimetime-Nummern vergeben oder mit einem kleinen „a“ hinter der Nummer arbeiten.

Jedenfalls wächst der Aufwand dadurch um einiges und wir hoffen, diese Idee macht keine Schule. Fairerweise müssen wir hinzufügen: Wir sind immer noch bei der Sichtung von Alt-Polizeirufen und haben dadurch eine stark erhöhte Frequenz zu bewältigen, durch die „Megathek“ der ARD, über die wir mittlerweile verfügen, sind nun weitere ältere Tatorte und Polizeirufe hinzugekommen, die wir noch nicht gesehen haben. Allerdings fehlen auch dort noch komplette Jahrgänge und wir warten folgen dem MDR, der sich gerade in die 1980er vorarbeitet, der gegenwärtig den Jahrgang 1979 wiederholt, während der RBB sich unweigerlich dem Ende der DDR nähert, gerade sind Filme aus dem Jahr 1988 dran.

Polizeioberkommissarin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff – Verena Altenberger
Polizeioberkommissar Wolfgang „Wolfi“ Maurer – Andreas Bittl
Wolfi, 12 Jahre – Jakob Hippert
seine Ehefrau – Ursula Gottwald
Sohn Teddy „T. Rex“ Maurer – Niklas Kearny
IT-Spezialist Roman Blöchl – Robert Sigl
Polizist und Callboy Tobias „Bäm-Bäm“ Rast jr. – Dimitri Abold
Polizistin Meryem Chouaki – Berivan Kaya
Frührentner Heinz „Calli” Callum – Sascha Maaz
Callums Ehefrau – Catalina Navarro Kirner
Mitarbeiter der Börsenaufsicht (BaFin) Lukas Posse – Wolf Danny Homann
Firmenchef Reiko Fastnacht – Michael Zittel
seine Ehefrau Arlena Fastnacht – Emma Jane
Ärztin Dr. Gisela Bianchi – Gisela Hahn
Vitus Hochleitner, Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität – Christian Baumann
LKA-Beamtin Antje Nowakowski, Polizeidirektorin d. Zentralstelle f. interne Ermittlungen – Silke Heise
u.a.

Drehbuch – Günter Schütter
Regie – Dominik Graf
Kamera – Martin Farkas
Szenenbild – Claus Jürgen Pfeiffer
Schnitt – Claudia Wolscht
Ton – Michael Vetter
Musik – Sven Rossenbach, Florian van Volxem

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