Das Rätsel der roten Orchidee (D 1962) #Filmfest 76 #EdgarWallace

Filmfest 76 A "Special Edgar Wallace" (8)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftRivalen auf der schiefen Bahn

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: In Chicago bekriegen sich zwei Banden und ein gewisser Connor segnet das Zeitliche. Der Chef des gegnerischen  Mobs wird ausgewiesen und beschließt, in London seine Geschäfte weiterzuführen. Bald bekommen vermögende Männer und Frauen Angebote für den persönlichen Schutz, der zwischen 8.000 und 20.000 Pfund Sterling kosten soll. Connors Nummer zwei, ein gewisser schöner Steve, hat sich ebenfalls auf den Weg nach London gemacht und bald stellt sich heraus, dass die Schutz-Drohbriefe auf zwei verschiedene Aussteller deuten. Scotland Yard ermittelt und auch Butler Parker ist nicht untätig.

Zur besonderen Gestaltung der Edgar Wallace-Rezensionen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners siehe die Kritik zu „Der Frosch mit der Maske“.

Das Rätsel der roten Orchidee  ist ein Kriminalfilm des Regisseurs Helmuth Ashley und der zehnte deutsche Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des Romans „Gangster in London“ (Originaltitel: When the Gangs Came to London) von Edgar Wallace wurde von Rialto Film produziert und vom 15. Dezember 1961 bis 15. Januar 1962 in Hamburg und London gedreht. Der Film lief ab dem 1. März 1962 in den deutschen Kinos. Die Rezension ist die zehnte für die Edgar-Wallace-Reihe innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners (1).

Produktionsdaten, Trivia, Handlung, Stab ,Besetzung Auflösung (Wikipedia)

  • Ursprünglich wollte die Rialto Film Ende 1961 mit den Dreharbeiten des Films „Die Tür mit den sieben Schlössern“ beginnen. Da das Drehbuch aber noch überarbeitet werden musste, griff man auf das bereits fertige, von Trygve Larsen verfasste und von Piet ter Ulen überarbeitete Drehbuch „Gangster in London“ zurück. In Anlehnung an den erfolgreichen Edgar-Wallace-Film „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ erhielt der Film schließlich den Titel „Das Rätsel der roten Orchidee“.
  • Der Österreicher Helmuth Ashley, in den 1950er Jahren einer der profiliertesten Kameramänner des deutschsprachigen Films, führte bei diesem Film zum dritten Mal Regie. Seinen ehemaligen Assistenten Franz X. Lederle engagierte er wie so oft als Kameramann.
  • Die Außenaufnahmen des Films entstanden in Hamburg. Die Innenaufnahmen drehte man im Realfilm-Studio in Hamburg-Wandsbek. Die Hafenaufnahmen zu Beginn des Films entstanden am Steubenhöft in Cuxhaven.
  • Die Schauspieler Adrian Hoven, Marisa Mell, Eric Pohlmann, Pinkas Braun, Eddi Arent und Klaus Kinski waren eigentlich für das Projekt „Die Tür mit den 7 Schlössern“ vorgesehen. Durch ihre Mitwirkung in diesem Film waren die bereits abgeschlossenen Verträge erfüllt.
  • Für die Rolle des FBI-Ermittlers Captain Allerman engagierte man Christopher Lee. Wie in „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ ist der britische Schauspieler hier mit seiner eigenen, nicht synchronisierten Stimme zu hören.
  • Fritz Rasp, der bereits in den 1930er Jahren in zwei und nach dem Zweiten Weltkrieg in insgesamt fünf Edgar-Wallace-Verfilmungen zu sehen war, nahm mit diesem Film Abschied von der Reihe.
  • Für die Titelmusik des Films verjazzte Komponist Peter Thomas den berühmten Glockenschlag von Westminster.
  • Nach der Kürzung der beiden Szenen, in denen Babyface (Edgar Wenzel) und Kerkie Minelli (Eric Pohlmann) ermordet werden, gab die FSK den Film ab 12 Jahren frei. Die heute auf DVD erhältliche Originalfassung ist ab 12 Jahren freigegeben.
  • Obwohl die Kritik ausnahmsweise wohlwollende Worte für eine Wallace-Verfilmung übrig hatte, verbuchte dieser Film die bis dahin niedrigsten Besucherzahlen der Filmreihe.
  • Die von uns gesehene Version hat wieder den farbigen Originalvorspann und dürfte insgesamt wieder weitgehend dem Original entsprechen.

Alternative Handlungsbeschreibung der Wikipedia

Zwei rivalisierende internationale Gangsterbanden terrorisieren die Reichen Londons. Das „Patronat für Reiche Bürger“ garantiert den Schutz der Bürger nur, wenn sie einer Schutzgeldaufforderung per Drohbrief nachkommen. Wer der Aufforderung nicht nachkommt oder gar die Polizei verständigt, wird ermordet. Schon nach kurzer Zeit wird der erste Millionär ermordet. Auch Elias Tanner, ein wohlhabender Bürger, wird erpresst. Seine Sekretärin Lilian Ranger findet dies heraus und verständigt die Polizei. Kurze Zeit später wird Tanner ermordet.

Inspektor Weston und sein Kollege Chefinspektor Tetley sind für den Fall zuständig. Weston vermutet, dass es sich hierbei um amerikanische Gangstermethoden handelt. Deshalb bittet er FBI-Captain Allerman nach London zu kommen. Weston und Allerman finden heraus, das Butler Parker merkwürdigerweise bei jedem Opfer bis zu dessen gewaltsamen Tod angestellt war. Jedes Opfer hatte auch ein Konto bei der gleichen Bank.

 Rezension

Zuletzt hatten wir „Der schwarze Abt“ rezensiert, der bereits am Beginn des Niedergangs der Edgar-Wallace-Reihe steht – zumindest die Zuschauerzahlen betreffend. Obwohl „Das Rätsel der roten Orchidee“ nur ein Jahr zuvor entstand, war die Situation damals noch anders – der Erfolg der Reihe insgesamt war noch nicht zu ermessen, aber erste Höhepunkte wie „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ bereits in den Kinos erschienen. Und weil dieser Film so erfolgreich war, hat man den Titel „Das Rätsel der roten Orchidee“ diesem Film nachgebildet, anstatt den des Buches „When The Gangs Came to London“ zu verwenden. Ob das besser oder schlechter war, lässt sich nicht sagen, jedenfalls war „Das Rätsel der roten Orchidee“ beinahe ein Flop, mit nur 1.500.000 Zuschauern der bis dahin am geringsten besuchte Krimi der ab 1959 laufenden Reihe.

Der Film entstand als einziger der Reihe unter der Regie von Helmuth Ashley, einem ehemaligen Kameramann österreichischer Herkunft und mit teilweise englischer Abstammung väterlicherseits, der 1919 geboren wurde und einer der letzten lebenden Filmschaffenden seiner Generation ist.

Die Wikipedia macht die Aussage, dass er bewusst eingesetzt wurde, um den bisherigen Stil der Wallace-Filme zu brechen oder wenigstens einen eigenen Akzent einzubringen. Nach dem Anschauen wagen wir zu bezweifeln, dass man mehr als eine kleine Variation insbesondere zu den von Alfred Vohrer inszenierten Produktionen erkennen kann. Vielleicht hat dieser als gering empfundene Unterschied auch damit zu tun, dass „Das Rätsel der roten Orchidee“ so knallig wirkt, und das ist ja ganz Vohrers Stil. Ob es aber wirklich der Stil ist oder die Tatsache, dass hier gefühlt alle zwei Minuten jemand ums Leben kommt, ist nicht genau auszumachen. Jedenfalls ist dies einer der atemlosesten Wallace-Filme, der von Mord zu Mord – sollen wir schreiben: stolpert?

Unter anderem auf Grund unserer Arbeit für die „TatortAnthologie“ mit derzeit beinahe 350 veröffentlichten Rezensionen haben wir uns daran gewöhnt, auch komplizierte, unnötig verworrene und absurde Plots einigermaßen zu erfassen, aber das Problem dieses Wallace-Films ist, dass selbst die interne Logik der Gewalteskalation halb und halb satirisch wirkt, aber nicht ganz. Dass sie halb und halb spannend ist, aber nicht ganz. Der Thrill ist deutlich geringer ausgeprägt als in vielen anderen Filmen der Reihe, obwohl so viel geschieht. Oder weil so viel geschieht. Vielleicht gibt es im Buch ebenso viele Morde, aber dann hätte man aus Gründen der Verdichtung den einen oder anderen weglassen dürfen, wenn man es schon nicht schafft, eine dramaturgische Konzeption umzusetzen, die über das schlichte Hintereinander-weg-Filmen von Situationen hinausgeht.

Glücklicherweise klammert der running Gag mit dem „Butler des Todes“, natürlich dargestellt von Eddi Arent, der außerdem nach drei nunmehr toten Dienstherren die zusätzliche verbale Wiederholung einbringt: „Jetzt weiß ich, wie es funktioniert“, das Geschehen auf der Seite der gefährdeten Reichen. Der Butler stellt es als Empfehlung dar, dass er nunmehr glaubt, weitere Arbeitgeber beschützen zu können, weil er die Methoden der Verbrecher augespäht hat, die mit Drohbriefen anfangen und dann die Kühe, die sie melken wollen, umbringen.

Und genau dieses Vorgehen, neben dem seltsamen Ablauf des Bandenkrieges, dessen retardierendes Moment die Einigungssitzungen der beiden Organisationen sind, ist es, was diesen Film so nervig wirken lässt. Wir sind gewöhnt daran, dass jemand aus Rache oder um an Geld zu kommen, alle einst an einem Verbrechen Beteiligten oder alle anderen Erbschaftsanwärter oder Erben umbringt, aber dass zwei Gangsterorganisationen die Kühe, die sie melken wollen, entweder kurz nach der ersten Milchabgabe oder sogar schon vorher umbringen und dabei ein riesiges Aufsehen erregen, ist eine der auch nach der Krimi-Logik der englischen Whodunit-Schriftsteller unglaubwürdigsten Konstellationen, die wir bisher in einem Edgar-Wallace-Film gesehen haben. Dafür kann die Regie nichts und das Drehbuch musste ja auch dem Roman folgen, aber wir verstehen durchaus, warum gerade dieser Film beim Publikum nicht gut ankam.

Dass Scotland Yard, obwohl durch einen FBI-Mann verstärkt, von der Mordwelle überrollt wird und erst am Ende ein wenig zur Lösung beitragen kann, kennen wir auch aus anderen Wallace-Filmen und nicht nur aus diesen, denn die britische Krimilandschaft wimmelt von gewitzten Privatleuten und dummen Polizisten.

Nette Ideen hat der Film auch, und gerade da erinnert er an die Vohrer-Werke: Die Treffen der beiden Organisationen sind ein wenig nach Mafia- und Mafia-Komödienvorbildern stilisiert und es kommt im Grunde nicht darauf an, was dabei herauskommt, sondern wie es gemacht ist. Und dass der Mafioso Minelli mit einem dezent intonierten „Muss i denn zum Städtele hinaus“ aus den USA verabschiedet wird, ist der Eingabe von Peter Thomas zu verdanken, der die Musik für „Das Rätsel der roten Orchidee“ geschrieben hat und der im Verlauf weitere bekannte Songs in den Score integriert – am auffälligsten „Auld Lang Syne“, wenn die Mobstergruppen einander treffen, und auch das ist natürlich eine Anspielung auf US-Vorbilder. Die Idee mit dem ausgewiesenen Gangster wirkt, als habe Lucky Luciano Pate gestanden, obwohl zumindest der zugehörige Film erst nach den Wallace-Adaptionen entstand, das Buch aber sollte vor dem Realvorgang aus den 1940ern entstanden sein.

Dass der Film wie ein echter Wallace-Krimi wirkt, ist nicht nur der doch sehr der Reihe verpflichteten Regie, sondern eben auch der Musik des einflussreichen Peter Thomas zu verdanken, der hier allerdings nicht ganz so experimentell vorgeht wie in einigen anderen seiner Arbeiten für das Dauerprojekt, zu dem er die meisten Filmmusiken von allen beteiligten Komponisten beisteuerte.

Die Besetzung mit Eddi Arent, Klaus Kinski und Fritz Rasp, der hier letztmalig in der Wallace-Reihe auftritt, trägt ebenfalls dazu bei, dass man sich zuhause fühlt – gewöhnungsbedürftig ist allerdings das Polizistenduo Weston, verkörpert von Adrian Hoven und Cpt,. Allerman, der von Christopher Lee und damit von einem echten Star verkörpert wird. Wenn man ehrlich ist, tragen beide nicht so viel zum Flair des Films bei wie die vorhin erwähnten Dauergäste Kinski und Arent und wir sind eben doch ein wenig irritiert, dass weder Blacky Fuchsberger noch Heinz Drache auftauchen, wie auch immer man zu deren Interpretationen britischer Polizisen oder Privatdetektive steht.

Innerhalb der Reihe fällt die Schauspielerei aber auch nicht ab, sondern ist solider Durchschnitt – das Problem ist mehr die Handlung, zu der auch das seltsame Hin und Her mit dem Testament des Elias Thanner (Fritz Rasp) gehört und die Tatsache, dass die roten Orchideen einen passenderweise gleich gefärbten Herring darstellen.

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Regie: Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • Akos von Rathony und Helmuth Ashley (jeweils ein Film) wurden hingegen mit der Inszenierung von Wallace-Filmen beauftragt, um innerhalb der Serie neue Akzente zu setzen und mit dem eigentlichen Stil der Serie bewusst zu brechen..
    • Wir schrieben bereits in der Rezension, dass wir den Stilbruch nicht identifizieren konnten, aber es versteht sich von selbst, dass es kleine Abweichungen zwischen den Männern auf dem Regiesessel gab. Ganz so viele Ideen und Gags wie viele Vohrer-Filme, die vor kleinen oder größeren skurrilen Einfällen geradeso strotzen, gibt es hier nicht, aber auch bei Vohrer sind diesbezüglich Unterschiede festzuhalten. Ob dieser den Plot besser in den Griff bekommen hätte? Es liegt nicht fern, dies anzunehmen, denn sein besonders pointierter Stil lebt davon, die Wirkung des einzelnen Ereignisses nicht in der Vielzahl der Begebenheiten verpuffen zu lassen, wie es hier leider immer wieder der Fall ist. Die Szenen selbst sind vielleicht etwas trockener und weniger effektvoll gestaltet, aber man könnte sie auch als mit mehr Understatement inszeniert ansehen. Immerhin hatte Regisseur Helmut Ashley britische Ahnen und sollte deshalb den Geist des Landes gut einfangen können, der grobe Effekte so cool zu inszenieren weiß.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme) und Hubert von Meyerinck (vier Filme) (…).
    • Neben den erwähnten Kinski, Arent, Rasp, den wir natürlich auch aus anderen Krimis kennen und der daher so vertraut wirkt, sind auch viele Einmal-Wallace-Darsteller in diesem Film tätig, der insgesamt eine besonders umfangreiche Besetzung aufweist.
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Diesem Schema entspricht „Das Rätsel der roten Orchidee“ nicht, der Titel klingt nach einem idyllisch-abgründigen Rätselkrimi à la Agatha Christie, aber da diese Abweichung zu den reißerischen, auf die Verbrecherperson bezogenen Titeln ja bei „Das Geheimnis der gelben Narzissen“ gut funktioniert und das Publikum nicht abgeschreckt hatte, lässt sich nachvollziehen, dass man mit „Das Rätsel der roten Orchidee“ wieder diesen Weg gehen wollte, alles hinter einer floralen Assoziation zu verbergen und damit auch Erwartungen zu negieren. Dass sich gerade hinter der Orchidee als einem Symbol für Liebe und Lust eine wilde Mobsterpistole verbirgt und ein Plot, in dem die Romanze, die es in den Wallace-Filmen ja auch meistens gibt, mehr zurücktritt als sonst, hat durchaus eine ironische Note.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Eine der wichtigsten Abweichungen vom Schema stellt sicher die Tatsache dar, dass es hier eben keinen maskierten, dominanten Einzelverbrecher gibt, ja, dass dieser Film auch kein Whodunit ist, sondern im Grunde eine Thrillerstruktur hat. Es geht nicht darum, zu ermitteln, wer sich hinter den Verbrechen verbirgt, sondern nur um das Wann und Wie der Durchsetzung der Ordnung. Dass die Bandenmitglieder sich gegenseitig niederstrecken und damit der Polizei die Arbeit mehr erleichtern, als dieses es verdient hat, mag ein (weiterer) Grund sein, warum dieser Film nicht so geliebt wurde. Es fehlt die Fokussierung auf eine einzelne Figur, die dem Publikum als Projektionsfläche für alle möglichen Ängste und anderen Gefühle dienen kann, solange nicht bekannt ist, wer hinter dem geheimnisvollen Wesen steckt, das man sogar bewundern lernt. Die Orchideen an sich haben ja kein Geheimnis, auch wenn das einzige Geheimnis des nach ihnen benannten Films eine Verbindung aufzeigt: Der Neffe ist es, der hinter fast allem steckt. Der Amazonasforscher, der eine Frau mit ebenjenen Orchideen beschenkt und von dem man lange nicht weiß, aber schon früh ahnt, dass er mit dem Sumpf des Verbrechens etwas zu tun hat.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Bemerkenswert ist, dass tatsächlich (auch) in London gedreht wurde, man kann auch sagen, es ist kurios. Denn in den Straßenszenen treten keine Schauspieler auf, sodass das Drehen on Location ebenso luxuriös wie unnötig wirkt. Dass einige Orginalgebäude zu sehen sind, vor denen dann doch Darsteller aus Autos aussteigen, ist nur von mäßiger Wichtigkeit, ebenso wie ein rechtsgelenkter Mercedes, dem aber ein linksgelenktes englisches Automobil gegenübersteht.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. Dieser Satz wurde in einigen Fällen von Regisseur Alfred Vohrer
    • Die Szenen in Chicago sind vor dem Vorspann zu sehen, aber die übrigen Elemente der Eingangsgestaltung, die hier angesprochen werden, sind in „Das Rätsel der roten Orchidee“ noch nicht zu sehen. Zumindest in der von uns angesehenen Kopie war der Vorspann komplett in Schwarz-Weiß gehalten.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Peter Thomas hat dem Film eine passende Musik gegeben, die sowohl vom Einbau bekannter Melodien lebt als auch von einer für die frühen Wallace-Filme insgesamt typischen und in der damaligen Zeit stilprägenden, fetzigen Arrangements, aber Thomas war auch sehr variabel und hat hier nicht ganz so exzentrisch komponiert wie in einigen seiner Zusammenarbeiten mit Alfred Vohrer.

Fazit

Aus Zeitgründen haben wir uns hier ein wenig kürzer gefasst als bei den ersten acht zu Wallace-Verfilmungen geschriebenen Rezensionen, es liegt aber auch daran, dass der Film nicht zu den markantesten der Reihe gehört, wenn man vom Bodycount absieht. Die Bewertung können wir direkt vom letzten zuvor angeschauten Wallace-Film „Der schwarze Abt“ übernehmen, den wir insgesamt etwa gleich einschätzen.

Spaß gemacht hat’s auch dieses Mal wieder und kurzweilig war’s, auch wenn wir irgendwann die Idee aufgaben, die Handlung nach ihrer Logik zu bewerten. Das ist bei „Das Rätsel der roten Orchidee“ nicht möglich. Hingegen hat das Werk etwas von Exploitation, eben weil so lakonisch ein Unschuldiger oder Schuldiger nach dem anderen sein Lebenslicht aushaucht. Wenn man diesen Stil mit den Produktionen anderen Länder, auch der USA, vergleicht, die in jener Zeit entstanden, muss man feststellen, dass die Deutschen ihre jüngere Vergangenheit, in der Einzelschicksale nicht viel zählten, in diesem Film der Wallace-Reihe besonders deutlich reflektiert haben – ob bewusst oder nicht, spielt keine Rolle. Dass dabei die Charakterzeichnung auf der Strecke bleiben musste, wenn man von den Stereotypen absieht, die leicht mit Charaktern verwechselt werden, wie Eddi Arent oder Klaus Kinski sie darstellen, liegt auf der Hand. In gewisser Weise waren diese Filme sogar Pioniere: Der heutige Actionfilm, in dem es ständig rumst und kracht und die Menschen sterben wie die Fliegen, wurde in den Wallace-Adaptionen schon ein wenig vorweggenommen, auch wenn die Materialschlacht sich aus vertändlichen Gründen der Kostenbegrenzung nicht so entfalten durfte wie in Hollywood-Großproduktionen.

66/100 

© 2020, 2019 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Die bisher im „Special Edgar Wallace“ veröffentlichten Beiträge:

Begleitartikel „Special Edgar Wallace“ (Update)
FFA 61 Der Frosch mit der Maske
FFA 63 Der Rächer
FFA 65 Der grüne Bogenschütze  
FFA 67 Die toten Augen von London 
FFA 70 Der rote Kreis
FFA 72 Das Geheimnis der gelben Narzissen 
FFA 74 Die seltsame Gräfin
FFA 76 Das Rätsel der roten Orchidee (diese Rezension)

Regie Helmuth Ashley
Drehbuch Trygve Larsen
unter Mitarbeit von Piet ter Ulen
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Peter Thomas
Kamera Franz X. Lederle
Schnitt Herbert Taschner
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s