Das Gasthaus an der Themse (D 1962) #Filmfest 80 #EdgarWallace

Filmfest 80 A "Special Edgar Wallace" (10)

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schriftVorwort 2019 / 2020

Mit der Veröffentlichung der Kritik zu „Das Gasthaus an der Themse“ erreichen wir die Zahl von zehn Artikeln im Rahmen des „Special Edgar Wallace“ und gleichzeitig einen Peak der Reihe. „Das Gasthaus an der Themse“ machte das Dutzend der Produktionen seit dem Start mit „Der Frosch mit der Maske“ voll, war mit 3,6 Millionen Zuschauern im Kino die erfolgreichste aller Edgar-Wallace-Verfilmungen und ist noch heute einer der bekanntesten, übertroffen allenfalls von „Der Hexer“, der im Folgejahr entstand, allerdings nicht mehr ganz so viele Zuschauer in die Lichtspielhäuser locken konnte. Wenn um die wichtigen Festtage herum einige Wallace-Krimis wiederholt werden, fehlt „Das Gasthaus an der Themse“ nie.  Gemäß seiner herausragenden Stellung in der Reihe haben wir dieser

Ab dieser Veröffentlichung werden wir die Abfolge von Edgar-Wallace-Rezensionen und anderen Filmkritiken, das seit dem Start der Werkschau 1:1 betrug, auf 1:2 reduzieren – unter anderem, weil wir noch zwei Filme aus den ersten Jahren der Reihe nachrezensieren müssen: „Die Bande des Schreckens“ (1960), den wir erst jetzt via „Videoload“ angeschaut haben, weil er selten gezeigt wird, und „Der Fälscher von London“ (1961), dessen Rezension aufgrund eines Fehlers bei der Abspeicherung nicht vollständig erhalten ist – auch diesen Film müssen wir uns noch einmal anschauen.

Eins, zwei, eins zwei, große Pfeilerei

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Mit einer Harpune ermordet ein Unbekannter, sinnigerweise „Der Hai“ genannt, in London offenbar wahllos Menschen und es stellt sich heraus, dass er deshalb immer wieder entkommen kann, weil er nicht Straßen oder oberirdische Verkehrsmittel nutzt, sondern durch die Kanäle in Richtung Themse flüchtet. Dort steht auch ein Gasthaus namens „Mekka“, in dem einige Menschen wohnen, die mit dem „Hai“ in Verbindung stehen.

Zum besonderen Layout der Rezensionen für Filme der Edgar Wallace-Reihe lesen Sie bitte unseren Beitrag zu „Der Frosch mit der Maske“.

  • Das Gasthaus an der Themse ist ein Kriminalfilm und der zwölfte deutsche Edgar-Wallace-Film der Nachkriegszeit. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Edgar Wallace (Originaltitel: The India Rubber Men) wurde von Rialto Film produziert. Der Film wurde vom 6. Juni bis 11. Juli 1962 in Hamburg unter der Regie von Alfred Vohrer gedreht. Uraufführung war am 28. September 1962 im UFA-Pavillon in Berlin. Mit etwa 3.600.000 Kinobesuchern bei der Erstaufführung gilt dieser Film als erfolgreichster der Edgar-Wallace-Reihe.
  • Zum letzten Mal verfasste Egon Eis unter seinem Pseudonym Trygve Larsen ein Drehbuch für einen Edgar-Wallace-Film. Es war bereits Ende 1961 fertiggestellt, wurde jedoch von Harald G. Petersson und Gerhard F. Hummel unter dessen Pseudonym Piet ter Ulen noch einmal überarbeitet. Eis schrieb auch noch Drehbücher zu „Das indische Tuch“ und Treatments zu „Der Zinker“ und „Der Hexer“; bei der Umsetzung dieser Edgar-Wallace-Filme fanden seine Ideen jedoch kaum Verwendung.
  • Noch vor dem Kinostart des Vorgängers „Die Tür mit den sieben Schlössern“ begannen die Dreharbeiten zu diesem Film, bei dem abermals Alfred Vohrer die Regie übernahm.
  • Die Außenaufnahmen drehte man in Hamburg; unter anderem im Holzhafen, wobei die (nicht mehr existierenden) vier Schornsteine des Kraftwerks Tiefstack zu sehen sind. Die London-Aufnahmen stammten aus dem Archiv. Die Innenaufnahmen entstanden, zum letzten Mal für einen Edgar-Wallace-Film, im Realfilm-Studio in Hamburg-Wandsbek. Rialto Film stellte dort 1964 noch den Film „Wartezimmer zum Jenseits“ her, ebenfalls unter der Regie von Alfred Vohrer. Die Schluss-Szene mit Barnaby und dem Tretboot wurde auf dem Reiherstieg (großer Hafenkanal) vor der Hamburger Rethe-Hubbrücke gedreht, die 2015 durch einen Neubau ersetzt wird.
  • Neben einigen in der Wallace-Reihe bereits etablierten Darstellern übernahmen Heinz Engelmann und Richard Münch wichtige Gastrollen. Star des Films war jedoch Elisabeth Flickenschildt, der Filmkomponist Martin Böttcher für die Rolle der zwielichtigen Barbesitzerin Nelly Oaks außerdem das Chanson „Besonders in der Nacht“ (Text: Ute Kuntze-Just) auf den Leib schrieb.
  • Im Vorspann des Films war zum ersten Mal der berühmte Satz „Hallo! Hier spricht Edgar Wallace“ zu hören, zunächst jedoch ohne die später davor ertönenden Schüsse.
  • Der Film wurde von der FSK nach Kürzung einer Szene ab 16 Jahren freigegeben. Die gekürzte Szene wird in den Unterlagen der FSK wie folgt beschrieben: Bei der Verhaftung von Mr. Lane (Jan Hendriks) antwortet Sir John (Siegfried Schürenberg) nach der Äußerung „Ich glaube, wir haben ihn“ mit dem Satz: „Was heißt ‚Ich glaube‘? – Wir sind doch hier nicht in der Kirche.“ 1991 folgte die Freigabe ab 12 Jahren. Der Film wurde im Fernsehen später in einer stark gekürzten Fassung ausgestrahlt. Auch der im Original farbige Vorspann wurde lediglich in Schwarzweiß wiedergegeben. Inzwischen wurde der Film in der originalen Kinofassung auf DVD veröffentlicht.
  • Der Name der mit Klaus Kinski besetzten Rolle des „Gregor Gubanow“ ist eine Anspielung auf den Geburtsnamen des Produzenten Horst Wendlandt, der als Horst Otto Grigori Gubanov geboren wurde.
  • Der Film enthält ein paar kleine Schnitzer und Auffälligkeiten. In der Anfangssequenz rudert ein Matrose (falsch herum im Boot sitzend) unter einem Steg hindurch, und ohne die Ruder zu bewegen macht das Boot plötzlich einen Satz nach vorne. Dann wird der Matrose vom Pfeil getroffen. / In einer anderen Szene trainiert Eddi Arent alias Barnaby auf einem Steg an der Themse für den Ruderwettkampf „Oxford – Cambridge“. Im Vordergrund läuft ein Tonbandgerät, aus dem die anspornenden Worte „Und eins … und eins … und eins …“ ertönen. Jetzt kommt Joachim Fuchsberger alias Inspektor Wade, der Barnaby befragen möchte, ins Spiel. In der folgenden Einstellung sieht man die beiden im Gespräch und hört im Hintergrund immer noch „Und eins … und eins … und eins … „; die Spulen des im Bild sichtbaren Tonbandgeräts drehen sich jedoch nicht mehr. / Die Anwaltskanzlei heißt im Film „Latter, Knight, Zeeland and Brother“, im Roman jedoch „Latter, Knight, Zeeland and Bruder“. / Barnabys Ruderboot heißt „ESTE“; die Este ist ein Nebenfluss der Elbe. / Längsseits der „Siegel von Troja“ liegt das kleine Tankschiff „Esso Blankenese“; Blankenese ist ein Stadtteil von Hamburg. / Der Polizist „Frank“ wird englisch, am Schluss aber auch deutsch gerufen. / Der „Hai“ bedroht den Kapitän mit seiner Harpune und verlangt mit verstellter Stimme „Gehn Sie zurück zur Wand“. Dieser Satz wurde offensichtlich auch nach vorn an die Stelle des Films kopiert, wo Inspector Wade in seinem Dienstzimmer vom „Hai“ überrumpelt wird; in dieser Szene ergibt „zurück zur Wand“ allerdings keinen Sinn. / In der Schlussszene mit Barnaby und seinem Tretboot ist im Hintergrund die Hamburger Rethe-Hubbrücke zu erkennen; Barnaby strampelt auf dem Hafenkanal „Reiherstieg“.

Handlung mit Auflösung (+ vorangehende Infos: Wikipedia)

 Ein harmloser Whiskyschmuggler wird tot auf seinem Boot gefunden, ermordet mit einer Harpune – dem Markenzeichen des mörderischen „Hai“. Scotland Yard steht vor einem Rätsel. Bereits seit längerer Zeit verbreitet ein Verbrecher, der nach seinen Taten stets im Taucheranzug und mit einem Unterwasserschlitten durch die Londoner Kanalisation und die Themse entkommt, Angst und Schrecken.

Inspektor Wade von der Flusspolizei in Greenwich hat endlich eine vielversprechende Fährte: das „Mekka“, eine ominöse Hafenkneipe unweit des Tatorts. Die verschlagene Besitzerin Nelly Oaks und ihr undurchsichtiger Dauergast, der russische Gewürzhändler Gregor Gubanow, haben von dem Mord angeblich nichts mitbekommen. Nur Mrs. Oaks‘ hübsche Pflegetochter Leila Smith scheint etwas zu wissen. Auf der Themse begegnet Wade kurz darauf dem Sportruderer Barnaby, der mit dem „Hai“ in der Mordnacht sogar zusammengestoßen war.

Der zwielichtige Kapitän Brown lädt Leila zum Dinner in das noble „Lancaster“ ein. Inspektor Wade warnt sie – als Oberkellner verkleidet – , da Brown und Mrs. Oaks mit ihr üble Pläne schmieden. Wade entwendet dem Kapitän beim Servieren geschickt ein Armband aus Platin, an dem sich ein wappenähnlicher Anhänger befindet.

Der „Hai“ überrascht Wade in seinem Dienstzimmer bei der Flusspolizei, nimmt ihm das Armband wieder ab und verschwindet blitzschnell in der Themse. Wade hatte den Anhänger jedoch skizziert, und Barnaby erkennt darauf das „Siegel von Troja“. Als sich Wade auf einem Polizeiboot einem Frachtschiff dieses Namens nähert, wird auf ihn geschossen. Wade stellt sich tot. Im „Mekka“ aber wird schon sein Ende gefeiert. Nur Leila ist zutiefst erschüttert.

Wade vermutet einen Zusammenhang der Mordserie mit einem Großbrand, der 1945 das Schloss der reichen Familie Pattison vernichtete. Lediglich die Tochter, die jetzt kurz vor der Volljährigkeit steht, hatte das Feuer überlebt. Der freundliche Polizeiarzt Dr. Collins hilft Wade bei seinen Ermittlungen. Wade berichtet ihm, dass Leila auf der Stirn eine Brandnarbe hat.

Die verwirrte Anna Smith, Stammgast im „Mekka“, will der Polizei ein Geständnis machen und wird zum nächsten Opfer des „Hai“. Auch der Einbrecher und Hehler Roger Lane wird vom Harpunenpfeil getroffen. Wade hatte ihn gerade bei einem Tresoraufbruch überrascht und abführen lassen. Schließlich stirbt auch Gubanow: der „Hai“ erwischt ihn unter der „Siegel von Troja“. Es stellt sich heraus, dass der angebliche Gewürzhändler in Wirklichkeit „der beste Mann“ von Scotland Yard war.

Wade entdeckt, dass die ahnungslose Leila Smith tatsächlich die Tochter der Pattisons und damit eine Millionenerbin ist. Die Polizei durchsucht die „Siegel von Troja“. Kapitän Brown flüchtet zu Nelly Oaks, doch sie weigert sich, ihm zu helfen. Auch Brown fällt dem „Hai“ zum Opfer. Der „Hai“ entführt Leila, doch Wade nimmt die Verfolgung auf und kann sie befreien. Wade schießt dabei auf den „Hai“ und entgeht selbst den Pfeilen der Harpune nur knapp.

Schließlich findet sich Wade beim Polizeiarzt Dr. Collins ein und schildert seinen Verdacht gegen Barnaby. Dann aber überführt er den Arzt als den „Hai“. Collins, bereits von einer Kugel verletzt, nimmt sich mit einer Giftkapsel das Leben.

Schluss: Sir John, der Chef von Scotland Yard, steht auf einem Bootsanleger und jubelt den Teilnehmern der Regatta Oxford – Cambridge zu. Wade und Leila interessieren sich aber nur noch füreinander… Und der gute Barnaby kommt mit einem Tretboot vorbei.

Rezension

Der erfolgreichste Film der Reihe gemäß Publikumszuspruch an der Kinokasse ist selbstverständlich recht gut dokumentiert und es erklärt sich beim Anschauen rasch, warum er heute so beliebt unter Anhängern des Wallace-Kultes ist: Es gibt schlicht alles, was einen Wallace-Film der deutschen Serie aus den Jahren 1959-72 ausmacht. Viele bekannte Schauspieler, die damals aufpassen mussten, dass sie nicht ähnlich mit der Reihe konnotiert wurden wie Sean Connery mit seiner Rolle als James Bond; besonders trifft dies auf Eddi Arent und Klaus Kinski zu, von denen ersterer für die typischen komischen Momente sorgen, die in den Wallace-Filmen von Regisseur Alfred Vohrer unumgänglich sind und einen guten Teil ihres Reizes ausmachen, Kinski aber stellt sich hingegen als Undercover-Polizist von Scotland Yard heraus, stirbt aber leider trotzdem, der Wechsel auf die gute Seite bringt eben nicht immer ein längeres Erdendasein mit sich. Die Musik des Films stammt von Martin Böttcher, den man eher als Hauskomponisten der Karl May-Filme kennt – und sie ist um einiges melodischer und traditioneller als das, was Peter Thomas dann im Verein mit Alfred Vohrer an effektvoller Untermalung weiterer Wallace-Filme zuwege brachte, um die Filme erheblich gruseliger wirken zu lassen, als sie rein bildgestalterisch, Nebel und expressionistische Ausleuchtungen hin oder her, waren. Einige Schauereffekte, manche davon passend, manche weniger, hat aber auch Martin Böttcher in „Das Gasthaus an der Themse“ schon eingebracht, sicher angeregt vom Regisseur. Außerdem hat er „In der Nacht“ komponiert und es Elisabeth Flickenschildt singen oder mit einer wirklich gruseligen Stimme hauchen lassen, und sowas konnte eben nicht jeder Filmkomponist.

Die Handlung betreffend gibt es bessere, oder, sagen wir, stringentere Filme aus der Reihe, zum Beispiel „Das indische Tuch“, den wir nicht nur deshalb mögen, weil er der allererste Wallace war, den wir gesehen haben. Er ist mit seiner famosen Bildsprache, seiner – ja, künstlerischen – Einheitlichkeit und dem klassischen, Agatha-Christie-mäßig angelegten Plot auch logischer als diejenigen unter den Wallaces, die nicht so schön konzentriert an einem Schauplatz angesiedelt sind und bei denen der Täter nur aus einem kleinen, geschlossenen und zufällig gerade durch ein Naturereignis von der Umwelt abgeschnittenen Täterkreis kommen kann. Wir lieben nun einmal Plots, die fehlerfrei konstruiert sind, und darüber kann man bei „Das Gasthaus an der Themse“ ein wenig ins Grübeln kommen. Sicher liegt das auch daran, dass man das Buch geändert hat und zusätzliche Figuren eingeführt (Gubanov, der den Geburts-Familiennamen des Produzenten Horst Wendland trägt und schon deshalb kein Schurke sein konnte, nur, wer von den Kinogängern wusste schon, dass Wendland mit einem russischen Nachnamen auf die Welt gekommen war), aber auch den Polizeiarzt Dr. Collins, der außerdem noch eine reguläre Praxis hat und als Chirurg zu arbeiten scheint.

Der Froschmann mit der Harpune ist als Verbrecher recht kapabal, sein Auftritt sorgt für hinreichend Spannung; er wirkt nicht so schrullig und auch ein wenig komisch wie der Frosch mit der Maske und nicht so ketzerisch-verrucht wie die vielen Mönche oder Äbte, die sich durch Edgar Wallace-Filme morden. Außerdem ist er nicht nur Mörder, sondern auch Diamantenschmuggler, was es schwierig macht, seine Motivation herauszufinden: Schießt er nur Menschen ab, die ihm in die Quere kommen oder illoyal sind oder steckt noch ein altes Geheimnis hinter seinem tun, wie die häufige Erwähnung einer Familie Pattinson und eines Schlossbrandes, ausgerechnet im Jahr 1945, vermuten lässt? Immerhin bringt uns das Pattinson-Schicksal einer jungen Frau näher, die in Nelly Oaks Gasthaus als Nichte untergebracht ist und innerlich ziemlich unbeschadet tagein, tagaus in dieser wüsten Spelunke bedient, in der sogar farbige Mädels wilde Tänze aufführen – der Gipfel an Verruchtheit, den man sich damals wohl in Deutschland vorstellen könnte.

Oder ist der Gipfel doch die unheimliche, alternde, vollkommen verdorbene Mrs. Oaks, passenderweise von der Nazi-Sympathisantin Elisabeth Flickenschildt verkörpert? Die hatte uns schon im erwähnten „Indischen Tuch“ sehr beeindruckt, mit ihrer dämonischen Art. Der Film ist voller eindringlicher Figuren, aber sie schießt nach unserer Ansicht den Vogel ab und wird glücklicherweise nicht ihrerseits vom Hai aufgespießt. Das wäre zu banal gewesen. Zu ihrer exzellent ins Bild gesetzten Hafenkneipe mit ihrem gleichermaßen vulgären wie lebhaften Publikum gibt es eine tolle Analyse im Wallace-Fanforum zur Filmreihe, die zu zitieren wir uns aber nicht wörtlich erlauben, wie etwa die Wikipedia, die immer mehr in Konkurrenz zu Filmkritikern tritt, weil sie in den letzten Jahren immer mehr nicht nur die Fakten und ein paar Kritikermeinungen-Auszüge, sondern die kompletten Interpretationslinien zu Filmen preisgibt. In diesem Forenbeitrag wird toll beobachtet, wie sich die Kneipe im Verlauf der Handlung entwickelt: Anfangs hat die mächtige Chefin alles im Griff, kommandiert herum, die Gäste werden von ihr teilweise sogar manipuliert, ebenso wie natürlich Big Willy und Leila, die Nichte. Im Verlauf, als sie immer mehr die Kontrolle verliert und ihre Angst vor dem Hai sich mehr und mehr steigert, werden die Gäste immer wilder, tanzen sogar auf den Tischen, wenn Mrs. Oaks abwesend ist, und, das fügen wir hinzu, Big Willy vergisst, eine Falltür hinter der Theke, die zum Keller führt, zu schließen und sie herrscht ihn an, dies zu tun, weil man da ohne Weiteres durchfallen könnte. Sehr schön symbolisch. Aber sie fällt eben nicht hindurch, weil Willi die Klappe schließt. Dieser allerdings wird vom Hai ebenso zur Strecke gebracht wie viele andere Figuren, die auf irgendeine Art dem Mann im Neoprenanzug nicht genehm sind.

Brigitte Grothum gibt die junge Nichte sehr natürlich und wirkt gerade durch ihre Unbeschadetheit in dieser Umgebung anziehend, mit dem Milieu und der bösen Tante und dem süßen Mädel spielt die Regie herrlich das Heilige-und/oder-Hure-Schema aus, das bekanntlich in den Köpfen der Männer herumgeistert, seit die christliche Religion selbst diejenigen unter uns, die sich nicht für religiös halten, unweigerlich und frühkindlich in Besitz genommen hat. Möglich, dass dieses Schema aber gar nicht auf eine einzige Religion, sondern auf unsere Atavismen zurückzuführen ist und nur in verschiedenen Religionen unterschiedlich ausgeformt wurde, die immer wieder versuchen, die Frauen durch Diskriminierung zu bändigen.

Dieses Schema lebt in „Das Gasthaus an der Themse“ auch durch den Wasserpolizei-Ermittler Joachim Fuchsberger, alias Inspektor Wade. Wir haben zu Fuchsbergers Stil bzw. Spiel unsere Meinung in einigen Rezensionen geäußert, hier beschränken wir uns auf die Beobachtung, dass er zwar sehr hartnäckig ist, aber auch wieder sehr zackig und auf eine echt unangenehme Weise deutsch – und das wird interessanterweise dieses Mal nicht in seinem Verhältnis etwa zu Eddi Arent deutlich, den er normalerweise gerne unterbuttert (doch, einmal, als er ihn quasi für irre erlärt, mit seiner großen fachlichen Kompetenz), sondern gegenüber Leila, die er ja beschützen will. Um klar zu machen, wie ernst es ihm damit ist, haut er sie im Keller erst einmal gegen eine Regalwand, dass alles scheppert, was dort herumsteht. Genau so baut man Vertrauen zu jungen Mädchen auf, das könnten ethnische Machos in Berlin  nicht besser. Wir können uns kaum vorstellen, dass Regisseur Vohrer dieses überspitzte Agieren nicht aufgefallen ist, aber genau in diesem manchmal unpassenden Ton liegt überraschenderweise auch eine Stärke: Die Atmosphäre in den Wallace-Filmen lebt von einer Aggressivität, die man an manchen Punkten nicht voraussehen kann. Und natürlich nährt diese Beobachtung den Verdacht, dass die Filme einen NS-Einschlag haben und für einen Zuschauerkreis gedacht waren, der a.) in bekanntermaßen rohen Zeiten aufgewachsen war und b.) nicht zur feinsinnigen Bildungselite gehörte. Letzteres ist bei dem Unterhaltungskino-Modus, in dem die Wallace-Filme geschaltet sind, allerdings selbstverständlich. Da, wo Joachim Fuchsberger auftritt, fällt das aber seltsamerweise am meisten auf, weil er ja auch als Talkmaster später so eine Art guter Onkel wurde, mit sehr konservativen Ansichten wohlgemerkt, die allerdings wieder gut zu seiner Spielweise in den Wallace-Filmen passen. Da ist man froh, dass ein wirklich eindrucksvoller Typ und eine staatliche Autorität wie der Scotland Yard-Offizier Sir John von Siegfried Schürenberg gespielt wird, der sich auf eine so urkomische Weise zurücknimmt und ironisiert, dass man auch den versierten Synchronsprecher heraushört, der ganz unterschiedlichen Charakteren seine wohltönende Stimme verliehen hat.

Doch was ist mit dem Hai? Den Faden zu ihm haben wir nach dem ersten Absatz der Rezension bewusst liegen gelassen, um nicht zu früh über die Auflösung zu unterrichten. Es ist tatsächlich der Weißkittel. Der Arzt. Ja, ja. Man soll’s nicht für möglich halten, und es gibt viele Stimmen, die angesichts dieser Auflösung davon sprechen, dass der Zuschauer mehr oder weniger verarscht worden sei, weil nicht auf diesen Mann hingedeutet habe. Aufgrund unseres gemischten Herkommens aus der Liwi und dem Fiction Writing forumlieren wir es so: Der Vertrag mit dem  Zuschauer, der bei einem Whodunit zu Beginn eingegangen wird und der besagt, dass ein Verdächtiger nicht erst zum Schluss präsentiert werden darf, weil das Publikum ihn auf diese Weise unmöglich im Stil des Miträtstelns aufdecken oder auf ihn tippen kann, der sei gebrochen oder gar nicht erst geschlossen worden, in „Das Gasthaus an der Themse“. Im Roman, wir haben es bereits erwähnt, gibt es diesen Arzt auch nicht. Aber stimmt das so eindeutig? Wir meinen, nein. Wir sind sogar echt früh auf ihn gestoßen. Zum einen, weil die anderen Figuren alle so schrecklich verdächtig sind und wir zudem davon ausgingen, dass es Barnaby (Eddi Arent), den Inspektor Wade (Fuchsberger) tatsächlich mal im Visier hat, nicht sein kann. Der wurde 1965 erstmalig als Negativfigur besetzt (in „Der unheimliche Mönch“) und das war natürlich ein Knalleffekt, welcher der Filmreihe neue Impulse geben sollte, dieser Film gehört überhaupt zu den effektvollsten der Reihe).

Doch, es gibt Hinweise, versteckte und weniger versteckte. So etwa den Dialog, in dem Wade den Collins fragt, wann er bei seinem anstrengenden Berufsleben denn schlafe, und dieser antwortet, das frage er sich auch, wobei wir das gesamte Berufsspektrum des Mannes zu dem Zeitpunkt natürlich nicht kennen, sondern nur erste Vermutungen anstellen dürfen. Weiterhin hat man sich in den Wallace-Filmen erstmalig ein Deutschland getraut, die heiligen Weißkittel als mögliche Bösewichte auftreten zu lassen (wenn man von den expressionistischen Meisterwerken früherer Kinoepochen absieht). In „Die Tür mit den sieben Schlössern“, der direkt vor „Das Gasthaus an der Themse“ entstanden war, ist nämlich auch ein Arzt der Mann mit dem Tick. Gespielt aber nicht von Richard Münch, wie hier, sondern von Pinkas Braun, doch sehr, sehr ähnlich in der Anmutung und Optik. Sogar einige der Sessel aus dessen Psychiater-Praxis hat man, sehr ökonomisch, dem Polizeiarzt dann auch gleich ins Büro gestellt. Oder haben sie eine andere Farbe, wir erinnern das nicht mehr genau, des Design ist jedenfalls gleich und galt mit seiner Mischung aus Chromelementen und abgestepptem schwarzem Leder als topmodern, in den frühen 1960ern. Und was sagt uns modernes Design in Filmen, die so auf ein Publikum zugeschneidert sind, das weit davon entfernt ist, sich derlei geschmacklich und geldbeutelmäßig zu erlauben? Richtig, wer sowas rumstehen hat, mit dem stimmt etwas nicht. Was man bei dem Polizeiarzt leider rausnehmen musste, weil es in seiner einfach gehaltenen Praxis zu schräg gewirkt hätte: die moderne Kunst, die im deutschen Nachriegsfilm ein weiterer Hinweis darauf ist, dass der Besitzer ein schlechter Mensch sein muss oder einen Schaden hat. Auch das sind natürlich Dinge, die uns heute sagen, wie dicht man damals noch an der NS-Ideologie war. Allerdings unterscheidet sich dies alles kaum von der traditionellen Abneigung gegen Hochkultur und alles Extravagante, die immer wieder im US-Kino zum Ausdruck kommt.

Es gibt aber noch einen viel klareren Hinweis. In einem Film, der mit so vielen Elementen dealt wie „Das Gasthaus an der Themse“ kann man schon einmal Hinweise übersehen, aber warum hat Inspektor Wade dem Herrn Brown, der über die „Siegel von Troja“ herrscht, das Armband mit dem Siegel von Troja abgenommen? Genau. Damit er Herrn Dr. Collins gegenübersitzen kann und nicht bemerkt, dass dieser untertassengroße Manschettenknöpfe mit genau jenem Siegel trägt. Wir haben uns gekringelt, als wir das gesehen haben. Von wegen es gab keine Hinweise auf den Täter. Wade hat sie aber nicht bemerkt, und das kann sogar begründet werden. Wir sehen die beiden von der Seite, während Wade vor dem Doktor sitzt und aus seiner Perspektive vielleicht gar nicht wahrgenommen hat, dass dieser solch außergewöhnlich gestaltete Hemdärmelschließer sein Eigen nennt. Also, dieses Mal nix für ungut, Blacky, aber einem Zuschauer, der vor einer großen Kinoleinwand sitzt, dürfte dieser witzige und typisch Vohrer-mäßige Hint auffallen. Für den ausstrahlenden Sender Sat1 Gold bekommen wir HD erst nächste Woche, wir haben aber trotzdem bemerkt, was Sache ist.

Bleibt jedoch der unklare Hintergrund dieser Täterfigur. Okay, dem Arzt reichen seine Einnahmen aus dem Beruflichen nicht, wegen der teuren Sessel undsoweiter betätigt er sich zusätzlich als Schmuggler und nimmt damit den Leuten aus dem „Mekka“ bei genauerer Betrachtung viel von ihrer Existenzberechtigung. Wer weiß, vielleicht ist es ja auch einer von den vielen Geldwäsche-Gastronomiebetrieben, wie wir sie auch aus unserer Wahlstadt kennen und bei denen es nicht wirklich darauf ankommt, ob sie gut besucht sind oder wie hoch der legale Umsatz ist, damit ihnen ein langes Dasein beschieden ist. Nein, das Gasthaus macht schon sein eigenes Geschäft, wobei auch die Chefin selbst immer nach mehr schielt, wie wir erfahren. Geldgier also ist mal wieder im Spiel, wie meist in den Wallace-Filmen, und macht einen großen Teil des auf den ersten Blick sehr kurzen sozialen Kommentars aus. Aber da ist doch noch diese Pattinson-Sache. Wir erfahren, dass Dr. Collins in den Wirren anno 45, als Jungmediziner, falsche Testate ausgestellt hat, Mädchen mit falscher Identität versehen, wobei die Spur von einem der beiden sich im Film dadurch komplett verliert, das andere, Leila, aber sich als Erbin eines großen Vermögens herausstellt. Collins kennt die wahren Gegebenheiten, und die einzig denkbare Idee zu einem zusätzlichen Motiv ist, dass er Leila unterkannt und bei Nelly Oaks geparkt unter seiner Obhut wissen will, bis sie volljährig ist, um an Leilas Vermögen heranzukommen. Da macht ihm der Brown natürlich einen Strich durch die Rechnung, als dieser sich anschickt, die viel jüngere Leila ehelichen zu wollen (sie ist 18, das Volljährigkeitsalter lag in Deutschland aber bis zum Jahr 1974 bei 21 Jahren). Nur, was weiß Mrs. Oaks davon, sie kennt ja nicht einmal den Hai persönlich? Und, nebenbei, wusste Wade, dass Gubanov Polizist ist? Nein, wohl nicht, obwohl Wade sich an einer Stelle selbst fälschlicherweise als Mitarbeiter von Scotland Yard ausgibt, wohl aus alter Gewohnheit. Schwamm drüber. Aber Dr. Collins muss irgendein Interesse in diese Richtung haben, anders kann man sich seine Gesamtdisposition nicht zusammenreimen.

Die Version des Films, die wir gesehen haben, enthält wieder den farbigen beschrifteten Vorspann, der im Fernsehen eine Zeitlang nicht zu sehen war, erstmalig auch das „Hier spricht Edgar Wallace“, von Alfred Vohrer höchstpersönlich beigesteuert, aber sie war nur 88, nicht die ursprünglichen 92 Minuten lang. Was also wurde neben Sir Johns launiger Bemerkung, die dokumentiert ist („Wir glauben, wir haben den Täter!“ – „Sie glauben? Glauben können Sie in der Kirche!“), noch entfernt? Etwa Sätze, Szenen, die zur Auflösung beitragen? Das wäre ja höchst dümmlich, aber genau so ist die Zensur manchmal gestrickt. Die verdruckste Erklärung über anno 45 jedenfalls, die hätte man wirklich, gerne augenzwinkernd, etwas ausführlicher gestalten können, und die Zuschauer wären zumindest hinsichtlich Dr. Collins‘ Motiven zufrieden gewesen. Wer sich so wild durch die Gegend harpuniert und dann mit einem Unterwasserschlitten in vorweggenommener James Bond Manier abhaut („Man lebt nur zweimal“, 1966), der muss doch einen anständigen Grund dafür haben!

Typische Merkmale von Edgar Wallace-Filmen gemäß Wikipedia (kursiv) und unsere Anmerkungen zum jeweiligen Film:

  • Kein Regisseur hat den Stil der Edgar-Wallace-Filme mehr beeinflusst als Alfred Vohrer. Der erfahrene Synchronregisseur inszenierte 14 Filme der Serie, darunter Klassiker wie Die toten Augen von London, Das Gasthaus an der Themse und Der Hexer. Die leicht übertriebene Schauspielführung und die pointierte Schnitt- und Zoomtechnik sind für praktisch alle Film- und Fernseharbeiten Vohrers typisch.
    • „Das Gasthaus“ war erst der dritte von diesen 14 Filmen und auch Vohrer hat seinen Stil im Verlauf weiterentwickelt bis hin zur Selbstironie. Wie Gubanov-Kinski durchs Guckloch im Keller guckt, die Beleuchtung jeder Kontur seines Gesichts genüsslich zum Vorschein bringt und wie die Mundwinkel zucken, das ist typisch Vohrer und lenkt natürlich davon ab, dass der Typ dieses Mal zu den Guten gehört. Aber es gibt unter den späteren Vohrer-Filmen welche, die exzentrischer ausgestaltet sind, vielleicht auch unter dem Einfluss der einsetzenden Italo-Western-Welle, deren Spitzenprodukte ebenfalls sehr zoomlastig sind und auf Ultragroßaufnahmen im Kontrast zu Total-Totalen setzen. Aber die verräucherte Atmosphäre in der Kneipe und der Nebel im Hafen lassen diesen Film zu einem der waberndsten unter den Wallaces werden, herrlich aber kontrastiert zu der beinahe Straßenfilm-Stimmung, als Leila die Wäsche aufhängt oder der klaren grafischen Anordnung der Bildelemente, in denen Barnaby auf seinem Rudertrainer sitzt.
    • Kleine Gags wie das Erscheinen von Wade im Spiegel Serviertabletts, das von Leila gerade frisch poliert wird (da taucht er endgültig symbolisch in ihrem Leben als Kellnerin auf, obwohl oder weil gerade dieser Besuch ihn ermittlungstechnisch kaum voranbringt), lassen zwar keine durchgängige optische Konzeption, wohl aber Sinn fürs Detail und auch Humor erkennen. Natürlich gibt es keine unnötigen Pausen, ist der Film hinreichend spannend, obwohl man ziemlich darin umherirrt, bis man eine Idee vom Täter hat – dieses nicht sehr angenehme Gefühl, ständig mittendrin zu sein und die Situation nie zu erfassen und kontrollieren zu können, ist in anderen Filmen der Reihe nicht so ausgeprägt. Dafür gibt es neben den erwähnten optischen Gags noch diese knuffigen, für einen europäischen Fluss ziemlich untypischen Fische, die da angeblich in der Themse herumpaddeln und mit ihrer neugierigen Gemütlichkeit so einen herrlichen Kontrast zum nach getanem Mordwerk mit seinem Wasserschlitten herumjagenden Hai darstellen. Der Film bietet viel zum Schmunzeln, wobei der Regisseur sicher gedacht hat: Irgendwas davon wird beim Zuschauer hängen bleiben, ob bewusst oder unbewusst – wie die vielen anderen Manipulationen, denen wir hier schon im Lauf der Rezension nachgegangen sind.
  • Darsteller: Die Besetzung mit bewährten Schauspielern in ähnlichen Rollen war typisch für die Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zu den meist reifen und besonnenen Ermittlern zählten Joachim Fuchsberger (13 Filme), Heinz Drache (acht Filme), Siegfried Lowitz (vier Filme), Harald Leipnitz (drei Filme) oder Klausjürgen Wussow (zwei Filme). In den weiblichen Hauptrollen waren meist attraktive, junge Schauspielerinnen wie Karin Dor (fünf Filme), Brigitte Grothum (drei Filme) (…) zu sehen. (…) Komische Rollen übernahmen Eddi Arent (23 Filme), Siegfried Schürenberg (16 Filme)  (…).
    • Joachim Fuchsberger und Eddie Arent sind ein kongeniales Gespann und prägen die Atmosphäre, schrieben wir in der ersten Rezension zur Reihe („Der Frosch mit der Maske“). Das tun sie hier dank der sehr starken anderen Figuren nicht ganz so deutlich, aber die obige, exemplarische Aufzählung macht darüber hinaus deutlich, dass in „Das Gasthaus an der Themse“ viele der Schauspieler mit den meisten Wallace-Einsätzen zu sehen waren, als Fußballmannschaft kämen sie auf weit über Wallace-Einsätze. Viele davon fanden allerdings erst nach diesem Film statt, sodass die heutige Verknüpfung der Reihe mit bestimmten Gesichtern drei Jahre nach deren Start noch nicht so ausgeprägt war. Oder vielleicht gerade, weil einige von Beginn an dabei waren (Fuchsberger, Arent) und später nicht mehr mitwirkten?
  • Titel: Die Filmtitel, die meist den Romantiteln entsprachen, sollten beim Publikum eindeutige Assoziationen mit dem Genre des Edgar-Wallace-Films hervorrufen. So verbarg sich hinter vielen Titeln ein eindeutiger Hinweis auf den Hauptverbrecher des Films (Der grüne Bogenschütze, Der Zinker, Der Mönch mit der Peitschea.).
    • Auf den ersten Blick klingt „Das Gasthaus an der Themse“ weniger spektakulär, aber aufgepasst: Eine Hafenkneipe zieht immer, das wusste schon Helmut Käutner, als er Hans Albers in die Große Freiheit Nr. 7 stellte und auf dem Schifferklavier spielen ließ. Auch die Ober- und Unterwasseraufnahmen in „Das Gasthaus“ sind bekanntlich im Hamburger Hafen entstanden.
  • Handlung: Die Handlungselemente der Edgar-Wallace-Filme waren ähnlich angelegt. So drehte sich das Geschehen vordergründig um einen meist fantasievoll maskierten Hauptverbrecher. Im Gegensatz zum Psychothriller war hierbei das Entlarven des bis zum Finale unbekannten Verbrechers entscheidend (Whodunit). Die Motive der Verbrecherfiguren waren meist Habgier, Rache, Erbschleicherei sowie Mädchen- und Drogenhandel.
    • Habgier ist dasjenige Motiv, das hier die Hauptrolle spielt, egal, ob es um Geld oder um die Beherrschung von Menschen geht.
  • Handlungsorte: Der (hauptsächliche, A. d. Verf.) Handlungsort war, wie in den Romanvorlagen, fast immer London und Umgebung, wobei sich die Akteure vorwiegend in alten Schlössern, Herrenhäusern oder Villen bewegten. Auch verruchte Nachtlokale, düstere Blindenheime, Irrenanstalten und finstere Kellergewölbe waren beliebte Haupt- und Nebenschauplätze der Handlung. In späteren Filmen kamen Mädchenheime und -pensionate hinzu. Die tatsächlichen Drehorte befanden sich aufgrund geringerer Produktionskosten jedoch selten in Großbritannien sondern in Deutschland. So dienten vor allem Straßen in Berlin und Hamburg. (…) Als Kulisse für London-Szenen. Für die nötige Authentizität in den Filmen sorgten oft allein Archivaufnahmen Londons, die man in die Filme einfügte.
    • Das Gasthaus an der Themse ist eine so tolle Kulisse, da bräuchte es kaum weitere, aber die Innenräume sind dieses Mal insgesamt auch weniger spektakulär als in vielen anderen Wallace-Filmen, was sicher auch mit der Abwesenheit von Herrensitzen zu tun hat. Dafür ist die Hafenszenerie zwar nicht in London angesiedelt, aber der Hamburger Hafen ist eine Super Location und der Baustil an der Waterkant, speziell die Hafenarchitektur, und der in England weisen genug Ähnlichkeiten auf, dass man das echte London nicht so richtig vermisst.
  • Vorspann: Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen. Um der Serie einen noch höheren Wiedererkennungswert zu verleihen, wurde der Vorspann der Wallace-Filme ab 1962 mit aus dem Off erklingenden Schüssen und dem Satz „Hallo, hier spricht Edgar Wallace“ eröffnet. (…)
    • Die Schüsse, von denen jeder mit einem Fleck auf dem Bildschirm endet und darin ein Buchstabe des Namens „Edgar Wallace“ zweizeilig auftaucht, die gibt es hier noch nicht, aber – siehe oben – bereits den Spruch, der besagt, wer spricht.
  • Musik: Besonders prägnant gerieten auch die Soundtracks der Filme, vor allem die oft reißerische und eingängige Titelmusik. Die Musik von insgesamt 18 Filmen der Serie stammt von Peter Thomas, der mit seinen phantasiereichen Arrangements und modernen Aufnahmetechniken der markanteste und dominanteste Komponist der Serie war. Während die Soundtracks von Martin Böttcher (fünf Filme), Willy Mattes (zwei Filme) oder Peter Sandloff (ein Film) eher aus zeitlosem Orchestersound mit Easy-Listening-Charakter bestanden, griffen Heinz Funk (drei Filme) und Oskar Sala (ein Film) auch auf neue Techniken der elektronischen Musik und experimentelle Kompositionen zurück.
    • Über die Musik haben wir uns in der Hauptrezension geäußert, Martin Böttcher hat also das Easy Listening hier zwar nicht aufgegeben, aber immer mal wieder durch geradezu stilbildende Einsprengsel aus schröcklichen Geräuschen unterbrochen.

Finale

An unsere Favoriten „Das indische Tuch“, „Der Hexer“ und einige andere reicht „Das Gasthaus an der Themse“ nicht ganz heran, die obige Auswahl verdeutlich aber, wie die Wallace-Reihe doch eine recht große Varianz zulässt, sogar, wenn Filme vom selben Regisseur inszeniert wurden. Auf jeden Fall hat „Das Gasthaus“ seinen eigenen Auftritt, macht den Film unterscheidbar und wichtig für die Reihe, wenn man sie im Ganzen und in ihrer Entwicklung verstehen will.

Es versteht sich von selbst, dass der Erfolg dieses 12. Films ausgewertet und Elemente in künftige Wallace-Adaptionen übertragen wurden. Das gilt nicht nur für den Vorspann, der sich im Folgenden noch einmal weiterentwickelt hat, sondern für die Art, wie Spannung und Humor austariert werden, welche Schauspieler man einsetzt, wie die Optik und die Atmosphäre zu gestalten sind – allerdings auch dafür, dass man erkannt haben dürfte, dass Logik nicht so wichtig ist wie die Effekte und natürlich – die Spannung. Dass eine gnadenlos gute Konstruktion für zusätzlichen Applaus beim Publikum sorgen könnte, das bleibt allerdings eine Erkenntnis, die wir mehr als fünfzig Jahre überdauert hat, denn wir sind das Publikum!

71/100

 © 2020, 2019 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Trygve Larsen,
Harald G. Petersson,
unter Mitarbeit von Piet ter Ulen
Produktion Horst Wendlandt,
Preben Philipsen
Musik Martin Böttcher
Kamera Karl Löb
Schnitt Carl Otto Bartning
Besetzung

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