One Way Ticket – Tatort 1114 #Crimetime 536 #Tatort #München #Batic #Leitmayr #BR #Ticket #Way #One

Crimetime 536 - Titelfoto BR / Roxy Film GmbH, Marco Nagel

Ohne Zuverdienst geht’s nimmer

In Vorabkritiken war unter anderem zu lesen, der 1114. Tatort sei überfrachtet und die Regie verlasse sich zu sehr auf die Schauspieler. Letzteres stimmt auf jeden Fall, in diesem Film wird zu viel erzählt und zu wenig gezeigt – und wie ist es mit dem Zuviel? Darüber und über mehr zu „One Way Ticket“ äußeren wir uns in der -> Rezension.

Handlung

Die Münchner Hauptkommissare Batic und Leitmayr müssen in einem ungewöhnlichen Fall gleich in mehrfacher Hinsicht zeitliche und räumliche Grenzen überschreiten. Der angesehene Entwicklungsexperte einer NGO, die von Bayern aus Hilfsprojekte für Afrika organisiert, wird mit einem längst vergessen geglaubten Gift ermordet. Hinweise auf mögliche Täter oder ein Motiv sind zunächst rar.

Das Opfer hat allerdings kurz vor seinem Tod die eigene Ermordung angekündigt. In der Wohnung des Mannes finden sich Spuren einer peniblen Durchsuchung – und eine junge Frau aus Kenia war offenbar in seinen letzten Minuten bei ihm. Doch als der Wagen, mit dem die beiden ins Krankenhaus unterwegs waren, verunfallte, ließ sie ihn allein zurück und verschwand.

Batic und Leitmayr stoßen auf Spuren, die zu einem global operierenden Schmugglerkartell in Ostafrika führen, das ältere Menschen deutscher Herkunft als Geld- und Drogenkuriere einsetzt: unauffällige Rentnerinnen und Rentner, die bis dato nie straffällig wurden. Einer aus dieser Gruppe wird mit einem Koffer voller Geld am Flughafen in Kenia verhaftet und sitzt nun in Nairobis härtestem Gefängnis, wo er aufgrund seines Insiderwissens um sein Leben fürchten muss.

Die übrigen Rentnerinnen und Rentner in München schweigen beharrlich. Sie alle sind nur die kleinen Fische im großen Geschäft – und die bayerischen Ermittler müssen zu unorthodoxen Methoden greifen, um den großen Fisch zu fangen. Nach und nach verbinden sich die Hinweise und Indizien zu einem Bild, in dessen Zentrum alte DDR-Gespenster aus dem Ministerium für Staatssicherheit sichtbar werden.

Rezension

„One Way Ticket“ ist nicht der erste Tatort, der ziemlich viele Aspekte in 90 Minuten unterbringt. Das wäre auch nicht so schlimm, wenn man sich mehr aufs Visuelle verlassen hätte, darin geben wir den Kritikern recht, die eine zu statische Inszenierung bemängeln. Die Dialoglastigkeit ist sehr augenfällig. Wir haben natürlich nicht mitgezählt, aber die Nr. 1114 dürfte einer der wortreichsten Tatorte der letzten Jahre gewesen sein. Nichts gegen viele Worte in einem guten Theaterstück, was soll man darin sonst tun als sprechen? Aber die Krimihandlung tritt hinter gleich mehreren Themenkreisen sozialer und politischer Natur zurück – so sehr, dass nicht einmal eine stimmige Auflösung gezeigt wird.

Der Mord an dem jungen Harbig, mit dem in die Geschichte eingestiegen wird, nach den ersten luszenten Kenia-Bildern, erschließt sich uns nicht. Die einzigen, die ihn hätten auf diese exklusive Art vergiften können, wären die eigenen Leute gewesen, sprich, sein Großvater und seine Kamarilla von alten Stasi-Kameraden. Nur – warum? Er hat doch im System funktioniert. Doch nicht etwa, weil er eine Freundin aus Afrika hatte? Zumindest deutet darauf nichts hin. Welche Rolle diese junge Frau einnimmt, wird ebenfalls nicht klar – lediglich, dass sie als Lockvogel für den Rentener Endler dient, scheint einigermaßen sicher. Auch ihre „Beseitigung“ erscheint nicht schlüssig. Es sei denn, man hätte sie auf den jungen Harbig angesetzt und es ging etwas schief, weil sie einen Unfall verursacht hat. Nur – siehe oben – warum?

Gerade wenn man ein paar alte Stasi-Offiziere als Täter installiert, sollte die angeblich rücksichtslos-zwingende Logik, die Geheimdienstler beherrschen, sich auch in ihrem Handeln manifestieren. Hier wird aber eher gemunkelt und behauptet als gezeigt, dass deren System stimmig ist.

Es heißt, die Handlung beruhe auf einem wahren Fall oder wahren Fällen. Das trifft dann aber wohl eher darauf zu, dass Rentner als Drogenkuriere arbeiten, um ihre kargen Bezüge aufzubessern, sicher nicht darauf, dass eine schwarze Hand dahintersteckt, die in einer Villa in München angesiedelt ist. Die Settings, die verschiedenen Häuser, die man sieht, sind übrigens gut gewählt. Die alten Stasis in einer verlängerten Stasi-Zentrale oder wie man sich sowas in kleiner als in der Berliner Normannenstraße vorstellt, der Architekt in einem keiner üblichen Form folgenden Architektenhaus, das ist schön voneinander abgegrenzt, diese Zwischengeneration, die aber in die Stasi-Heritage nur eingeheiratet hat, während das Böse direkt von den Großvätern auf die Enkel überging.

Aber wir müssen dann auch auf den Stasi-Hintergrund selbst zu sprechen kommen. Wir haben nicht recherchiert, ob die HVA diese Giftpflanze verwendet hat, um Menschen umzubringen und ob die Hilfe unter sozialistischen Bruderländern wirklich so ausgesehen hat. Wir halten das zumindest für übertrieben und sehr exzentrisch bezüglich der Zentrierung dieser Hilfe. Wir kennen eher die Variante „Vertragsarbeiter“. Dass Geheimdiensttätigkeiten ebenfalls koordiniert wurden, ist nichts Ungewöhnliches, das tun die Spionageorganisationen der NATO ebenfalls.

Was wir für eine ganz ungute Kombination halten, ist, dieses Stasi-Thema mit der Altersarmut zu verknüpfen. Dadurch werden Menschen, die nicht genug zum Leben haben, quasi als Manipulationsobjekte eines gescheiterten Systems gezeigt, das ist schon ziemlich schräg und ganz sicher fern der Realität. Man kann auch sagen, die soziale Anklage wird einer Idee geopfert, die viel von ihrer Kraft wegnimmt. Kein Wunder, dass auch Leitmayr sich bemüßigt fühlt, diese Personen auf der Moralebene anzugreifen. Was man sich dabei gedacht hat, zumindest, sofern es Menschen betrifft, die nicht kriminell vorbelastet sind, ist für uns nicht nachvollziehbar. Sonst heißt es oft in Tatorten: Wir haben einen Mord aufzuklären, ob du gegen das BTMG verstoßen hast, interessiert uns nicht, also arbeite mit uns zusammen. Hier aber am Ende: Die sind da noch nicht raus. Aber auf arme Rentner kann man offensichtlich mal eindreschen. Irgendwas wird schon hängenbleiben.

Dabei wird die Realität konsequent ausgeblendet: Wer auf die heutige Form von sozialen Sicherungssystemen angewiesen ist, muss entweder zur Tafel gehen, die gar kein Bestandteil dieser Systeme ist, sondern eine Verlagerungsstrategie der übelsten Art, oder er hat inoffizielle Quellen, die für etwas Entlastung sorgen. Meist sind das bessergestellte Familienmitglieder, deren Hilfe aber nicht legal ist. Auch au diese Form von Hilfe verlässt sich das System aber gleichzeitig. Wenn man, wie die Rentner im Film, vielleicht keine Angehörigen mehr hat, die aushelfen können, dann ist guter Rat teuer. Andererseits wird das „Sozialgeld“ falsch dargestellt, denn wer 600 Euro Rente hat und Miete zahlen muss, bekommt mindestens Wohngeld, um das kleingerechnete Existenzminimum von etwas über 400 Euro monatlich zu sichern bzw. hat einen Anspruch darauf. Die Mindestsicherung ist zwar viel zu gering, aber wer sie wegen ansonsten zu niedriger Bezüge beantragt, bekommt sie auch.

Finale

Durch diese Verschiebungen, falschen Verhaltensweisen von Polizisten, durch Ungenauigkeiten und den Stasi-Überbau wird das Thema Altersarmut weitgehend verfehlt. Man kann auch sagen, da hat sich jemand mit älteren Menschen nicht wirklich auseinandersetzen wollen und einen Aufhänger für die seltsamen Drogentransporte, stylische Bilder und einen durchaus systemaffinen Hintergrund gesucht. Es gab mal einen Wien-Krimi, in dem ältere Menschen ebenfalls die Kasse durch Geschäfte aufbesserten, da ging es um Medikamente, wenn wir uns richtig erinnern. Jedenfalls hatte man sich in dem Film mehr Mühe mit den Figuren gegeben, die in „One Way Ticket“ recht schwach ausgeformt sind – von den Ermittlern abgesehen. Dem Team wird eine unsinnige Dissonanz injiziert, indem man Kalli plötzlich als etwas arrogant hinstellt – orientiert an den Vorbesprechungen hatten wir uns auf eine etwas positivere Art der Hervorhebung eingerichtet.

Nun ja. Dieser Film ist kein Meisterstück, das steht fest. Und damit müssen wir etwas erwähnen, was sich zuletzt allzu deutlich gezeigt hat: Fast alle beliebten Ermittler der Reihe haben eher schwache Vorstellungen gegeben. Nicht wegen der Schauspieler, obwohl auch Nemec und Wachtveitl schon inspiriertere Darstellungen abgeliefert haben als in „One Way Ticket“. Es war in Stuttgart zu sehen, in Kiel und jetzt auch in München: Das Formt hat im Moment ein Problem damit, das Niveau zu halten. Es gibt nicht mehr genug gute Drehbücher für all diese 22 Teams, die versorgt werden müssen. Einige Standorte haben dieses Problem schon länger und beim Bayerischen Rundfunk kommt hinzu, dass die Top-Schreiber und -Regisseure mittlerweile wohl lieber für die Münchener Polizeiruf-Schiene arbeiten. Die ist ja auch spannender, nicht nur, weil sie gerade neu aufgestellt wurde, sondern weil sie mehr Spielraum bei der Handlungsgestaltung erlaubt als ein Tatort, der standardmäßig konstruiert ist – wie die Nr. 1114, dieser nicht richtig zu Ende gedacht Whodunit.

Wie wär’s denn damit, das, was einen guten Film so sehr bestimmt wie nichts anderes, nämlich das Skript, besser zu vergüten? Alles, was die Schauspieler an Witzigem, Denkwürdigem oder Beeindruckendem sagen oder tun und jede gute Wendung oder Idee basiert schließlich auf einem erstklassigen Drehbuch.

5,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

„One Way Ticket“ ist ein Tatort aus dem Hause des Bayerischen Rundfunks, der auf einer wahren Geschichte beruht. Darin bieten Rentner ihre Dienste als Drogenkuriere an, um sich ihre Finanzen aufzubessern. Die Münchner Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) bekommen es mit einem Fall zu tun, der internationale Ausmaße annimmt und bis nach Nordafrika reicht. Die Fahrt ohne Rückfahrschein soll ihr 82. gemeinsamer Einsatz werden„, schreibt die Redaktion von Tatort Fans einleitend, ihr Urteil zum Film fällt allerdings bescheiden aus: Ein Redaktionsmitglied kommt zu 3/5 und eines gar zu 1/5 Sternen.

In den Sonntagskrimis der ARD geht es im Dezember 2019 so international zu wie schon seit Jahren nicht mehr: Im überraschend schwachen „Tatort: Borowski und das Haus am Meer“ lösten die Kieler Kommissare den Fall am Ende in Dänemark, im humorvollen „Tatort: Väterchen Frost“ bekam es das Team aus Münster mit russischen und südafrikanischen Schwerverbrechern zu tun und auch im Brandenburger „Polizeiruf 110: Tod einer Journalistin“ wird am letzten Sonntag des Jahres einmal mehr jenseits der deutsch-polnischen Grenze ermittelt, fasst filmstarts.de das Geschehen der letzten und der kommenden Tage zusammen und meint zum 82. München-Tatort mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, die Geschichte sei für 90 Minuten Tatort eine Nummer zu groß, auffällig dabei der forsche Kalli Hammermann.

Dieser scheint sich also mehr und mehr in den Vordergrund zu spielen. Wir schreiben schon seit Längerem, die Figur und ihr Darsteller Ferdinand Hofer hat das Potenzial, die Silberhäupter Ivo und Franz einmal zu beerben.

„Der Tatort aus München räumt mit dem ein oder anderen dunklen Thema aus der Geheimdienstgeschichte auf. Er ist zwar ein bisschen schräg, aber meistens doch spannend, kein Zuschauer muss sich zu Tode erschrecken oder zu Tode langweilen. Und am Ende wartet sogar ein kleines dramaturgisches Finale, zumindest wenn man bayerisch gut versteht“, befindet man beim SWR-Tatort-Elchcheck und stellt drei von fünf Elchen auf. Sogar die Stasi scheint irgendwie eine Rolle zu spielen. Das kann ja die nächsten 30 Jahre noch heiter werden.

„Der fertige Film hält nicht, was das Produktions-Knowhow (Kenia-Dreh), was seine alternative Dramaturgie und was die Geschichte versprechen. Der langjährige Nur-Drehbuchautor Rupert Henning verlässt sich zu sehr auf die Schauspieler und ihren Text. Das macht den Handlungsfluss etwas zäh und den Film nicht nur gelegentlich schwermütig, sondern auch schwerblütig“, urteilt schließlich Tittelbach-TV, kommt aber, vermutlich wegen der Relevanz des Themas, immerhin auf 4/6 Sterne.

Wir werden heute Abend mehr wissen und in den nächsten Tagen unsere Eindrücke in einer der nächsten Crimetime-Ausgaben schildern. Die Münchener halten weiterhin die Bestmarke für das Tatort-Team mit den meisten Einsätzen und werden bald die letzte Hürde nehmen – die aber den Zuschauern nicht so bekannt sein dürfte, die sich auf den Tatort konzentrieren und von der wir ebenfalls erst wissen, seit wir auch die Reihe „Polizeiruf 110“ rezensieren: Ivo und Franz brauchen noch vier weitere Filme, um Hauptmann Peter Fuchs bezüglich der Fallzahl zu überholen. Darüber ist dann nur noch der weißblaue Münchener Himmel.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Kommissar Karl-Heinz „Kalli“ Hammermann – Ferdinand Hofer
Kommissar Ritschy Semmler – Stefan Betz
Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Numa Imani – Cynthia Micas
Martin Endler – Siemen Rühaak
Uschi Drechsl – Ulrike Willenbacher
Rolf Hard – Moritz von Treuenfels
Jakob Broch – Jürg Löw
Inge Mathes – Monika Lennartz
Erich Becker – Hark Bohm
Heiner Hersfeld – Hans-Uwe Bauer
Esther Kubat – Katja Rupé
Ludwig Jahn – Charly Rabanser
Jimmy Bobito – Ibrahima Sanogo
Amelie Seitz – Theresa Hanich
Heinz Harbig – Harald Schrott
Astrid Seyfarth – Annelies Guldner
Lutz Keller – Oli Bigalke
u.a.

Drehbuch – Rupert Henning
Regie – Rupert Henning
Kamera – Josef Mittendorfer
Szenenbild – Markus Dicklhuber
Schnitt – Dirk Göhler
Kostümbild – Esther Amuser
Musik – Verena Marisa

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