Die Gejagten / Engel der Gejagten (Rancho Notorious, USA 1952) #Filmfest 84

Filmfest 84 A

2020-08-14 Filmfest AEin rotblondes Hideaway

Fritz Lang, der Mann, der mit „Metropolis“ und „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ weltberühmt wurde, hat in seiner Karriere auch drei Western gedreht. Der letzte davon ist „Rancho Notorious“m due beiden anderen entstanden mehr als ein Jahrzehnt zuvor („Rache für Jesse James“ und „Überfall der Ogalalla“), dabei kam es zur Zusammenarbeit mit Henry Fonda bzw. Randolph Scott. Bei seinem Western-Spätwerk hingegen traf er auf Marlene Dietrich, mit der er während der Zeit der beiden in Deutschland nie einen Film gemacht hatte. Und wie war’s so mit dem Mann mit dem Monokel und der einstmaligen feschen Lola? Es ist nachzulesen in der -> Rezension, mit der wir das Filmfest gleich am ersten Tag ins neue Jahr starten lassen.

Mit einem Satz: Der Film ist verblüffend. Nicht der beste Western, nicht der beste Film von Marlene Dietrich und garantiert nicht in einer Linie mit den größten von Fritzs Langs Werken, aber definitiv ein hochinteressanter Film. Am meisteen werden Cineasten, auf ihre Kosten kommen, die sich schnell an einige Besonderheiten gewöhnen können und auch die Langschen Merkmale in dem Film zu identifizieren in der Lage sind.

Wir hatten großen Spaß beim Anschauen dieses Westerns, auch wenn er sehr unamerikanisch wirkt und dank der Farben und der Dekors auch sehr künstlich.

II. Handlung, Besetzung, Stab

Die Verlobte von Cowboy Vern Haskell (Arthur Kennedy) wird von Unbekannten bei einem Raubüberfall auf den Laden, in dem sie arbeitet, ermordet. Er beiteiligt sich an einem vom Sheriff angeführten Suchtrupp, der die Mörder finden soll. Die Männer geben an der Grenze zum nächsten District die Verfolgung auf, nicht jedoch Vern. Durch einen Zufall kommt er auf die Spur der ehemaligen Bardame Cora, die mittlerweile eine kleine Farm nahe der mexikanischen Grenze leitet. Dort beherbergt sie gegen ein Entgelt bzw. einen Anteil an der Beute die gesuchten Männer.

Vern findet heraus, dass Coras einstiger Komplize Frenchy im Gefängnis sitzt, lässt sich unter einem Vorwand selbst verhaften und flieht mit Frenchy zu Coras Farm, wo er hofft, die Mörder seiner Verlobten zu finden. Als vermeintlicher Retter Frenchys flirtet er mit Cora, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Cora findet ihrerseits auch Gefallen an ihm und bittet Frenchy, ihn aus gefährlichen Vorhaben herauszuhalten, zumal sie die Vermutung hat, dass er kein gewöhnlicher Outlaw ist wie die anderen. Einer von ihnen erkennt aber Vern und überredet Frenchy, Vern in einen Überfall miteinzubinden, bei dem er Vern dann erschießen will. (Wie die Sache ausgeht, sei hier allen zuliebe, die den Film noch nicht gesehen haben, das aber noch tun wollen, der Spannung wegen nicht vorweggenommen.)

Regie Fritz Lang
Drehbuch Daniel Taradash
Produktion Howard Welsch
Musik Emil Newman
Ken Darby
Kamera Hal Mohr
Schnitt Otto Ludwig

(Handlung, Besetzung, Stab: WIKIPEDIA -wir haben die Handlung oben nicht ergänzt, doch in der folgenden Rezension werden wir den Film aber doch auflösen, da sind wir, wie üblich, ungnädig).

III. Rezension

Mit einem Satz: Der Film ist verblüffend. Nicht der beste Western, nicht der beste Film von Marlene Dietrich und garantiert nicht auf einer Höhe mit den größten von Fritzs Langs Werken, aber definitiv ein hochinteressantes Werk. Am meisteen werden Cineasten auf ihre Kosten kommen, die sich schnell an einige Besonderheiten gewöhnen können und die Langschen Merkmale in dem Film zu identifizieren in der Lage sind. Wir hatten großen Spaß beim Anschauen der berüchtigten Ranch, auch wenn der Film recht unamerikanisch wirkt und dank der Farben und der Dekors auch sehr künstlich.

  1. Premierenfieber

Es ist ja doch so, dass wir die meisten US-Klassiker aus den fünfziger Jahren schon gesehen haben und daher die Rezensionsbesichtigungen keine Premieren mehr sind. Das gilt nicht für „Die Gejagten“. Dank eines Western-Doublefeature, das wir gestern Nacht aufgezeichnet und an diesem verregneten Berliner Sonntag angeschaut haben, konnten wir etwas für die Vervollständigung unser Kenntnisse über die Werke von Fritz Lang und Marlene Dietrich  tun.

  1. Chuck-A-Luck

So sollte der Film ursprünglich heißen, es handelt sich dabei umt ein Glücksrad-Spiel, das im Verlauf der Handlung eine große Rolle spielt, aber sie nicht so dominiert, wie man anhand des beinahe vergebenen Namens – oder anhand des Titelsongs – meinen sollte, außerdem ist eine ungewöhnliche Technik zu bestaunen, der Einsatz eines Narrators, der nicht aus der Perspektive einer FIgur erzählt, sondern singt.

Wir dachten bisher, Frankie Laines weltberühmtes „Do not forsake me“ aus „High Noon“, ebenfalls 1952, sei der erste Film mit einem Titellied gewesen, das im Vorspann beginnt – vielleicht war er’s auch, vielleicht kam die Idee, gleich loszusingen, etwa zeitgleich auf und es handelt sich nicht um eine Beeinfllussng. Anders als in „High Noon“, in dem der berühmte Song wiederholt wird, auch mal ohne Gesang intoniert, hört man von „Chuck-A-Luck“ im Verlauf weitere Strophen und der Song greift sozusagen immer wieder in Szenen ohne Dialog ein und dient in der Tat als Erzählstimme. Diese Idee hat sich, wie wir wissen, nicht durchgesetzt und wird von nicht wenigen Kritikern als Mangel von „Rancho Notorious“ empfunden. Über die Qualität von Text und Musik kann man geteilter Meinung sein, aber das Lied erzählt dieses kinematografische Werk mindestens zur Hälfte und bezüglich definiert viel von seiner Atmosphäre. Ein Youtube-Video, das wir 2011 in die erste Version dieses Artikels eingebettet hatten und das den kompletten Song enthielt, leider mittlerweile auf privat gestellt worden.

  1. Fritz Lang hat nie einen schlechten Film gemacht

Also ist auch „Rancho Notorious“ keiner. Die Adaption des uramerikanischen Genres Western wirkt durchaus charmant, aber man merkt, dass dieses Genre nicht Fritz Langs Beritt darstellt.  Man muss ihm jedoch attestieren, dass er aus der Sache gut herauskommt, indem er Elemente seiner anderen Filme mit einiger Überzeugunskraft in den staubigen Westen überträgt.

Die Zusammenrottung von Banditen an einem geheimen Platz ist ein typisches Lang-Motiv, und dass er diesen Typen in ganz kurzen Szenen recht individuelle Charakterzüge verleihen kann, zeigt etwas von seiner generellen Meisterschaft als Regisseur – obwohl Lang eher von der visuellen und der visionären Seite des Kinos kommt, hat er hier das Beste aus seinen Schauspielern herausgeholt.

  1. Marlene in einer Paraderolle

Marlene Dietrich gehört nicht zu unseren Vorzugsschauspielerinnen, ihre kühle Aura, ihr hohlwangiges Gesicht, das in den 1930ern durch Josef von Sternberg stark ikonisiert wurde, ist nicht die Projektionsfläche, auf der sich unsere Träume abbilden lassen. Das macht es nicht so einfach, ihre Filme korrekt zu bewerten. Ob man Schauspieler mag oder nicht, ist keiner objektiven Messlatte zugänglich, auch wenn es selbstverständlich Qualitätsmerkmale gibt. Auf uns wirkt Marlene Dietrich immer ein wenig unecht – selbst in ihren späten Filmen als „Zeugin der Anklage“ (1957) oder als preußische Generalswitwe in „Urteil in Nürnberg“ (1961), als sie nicht mehr Hollywoodgöttin, sondern nur noch als Schauspielerin und Diseuse arbeitete.

Ihre Vorstellung als Barsängerin, die sich mit einer Ranch, die als Banditenversteck dient, selbstständig gemacht hat, steht ihr aber sehr gut. Sie spielt eine ähnliche Rolle wie die in „Destry Rides Again“ (1939), ergänzt um Technicolor und den Aspekt des Alterns, der hier sogar thematisiert wird – abzüglich jenen Humors, der in „Destry Rides Again“ für Bewegung und hervorragendes Entertainment sorgt.

Dass die Dietrich ein wenig artifiziell wirkt und sogar ihre blauen Augen hier bräunlich scheinen, passt gut zur künstlerischen Gestaltung von „Rancho Notorious“.

  1. Wer will, kann die Farben an seinem Gerät anders einstellen

Diese Gestaltung ist in mehrfacher Hinsicht gewöhnungsbedürftig. Zum einen haben wir bisher selten einen so stark bräunlichrot gefärbten Technicolor-Film gesehen, zum anderen sind die Indoor-Sets sehr spartanisch und die Außendekorationen von kaum zu überbietender Künstlichkeit. Wäre der Film nicht bei Howard Hughes‘ RKO gedreht worden, sondern beim MGM, hätte man sich diese Bauntönung des Ganzen vermutlich verbeten und auch die Dekors etwas elaborierter wirken lassen, wenn man schon nicht draußen filmt.

Aber was sich hier an Farben für künstliche Himmeslformationen bietet, ist – ja, expressionistisch, und zwar an mehreren Stellen des Films. Eine Einstellung zeigt eine solchermaßen grandiose Wolkenformation, davor die Silhouette des Rächers Vernon Haskell.

So hat man den Eindruck, das Meiste vom Budget ging für die Gage der Dietrich und für den Regisseur Lang drauf und der Rest war zusammen nicht teurer als diese beiden Posten. Aber nach etwa zwanzig Minuten hatten sich unsere Augen darauf eingestellt und wir fanden’s charmant, weil in jeder Minute klar ist, nichts an diesem Film ist real oder erhebt den Anspruch, der Realität nahe zu kommen.

Auffällig ist die räumliche Enge, die der Film aufweist und die zum Ende hin immer stärker wird. Hier werden keine kleinen Menschen in übermächtiger Landschaft gezeigt, wie etwa bei John Ford, hier wird ganz dicht an die Figuren herangegangen. „Rancho Notorious“ ist beinahe ein Western-Kammerspiel, auch dieser Umstand trägt zur Künstlichkeit, die sich ständig mitteilt, ihren Anteil bei.

  1. Ein Cast mit Macken

Dass der Film kein High-End-Produkt ist, merkt man auch an der Besetzung. Für einen männlichen Topstar an der Seite von Marlene Dietrich hat es nicht gereicht, und das ist ein wenig schade. Mel Ferrer, der den ehrenhaften Gangster Frenchy Fairmont spielt (welch ein Comic-Name!), halten wir für einen guten Schauspieler, aber er wirkt ein wenig gehemmt und wir fanden ihn in der farbenprächtigen MGM-Produktion „Scaramouche“ aus demselben Jahr als französischen Marquis und Gegenspieler von Stewart Granger intensiver und überzeugender.

Arthur Kennedy als der Mann, der in dieser Story von „Hass, Mord und Gewalt“ (so die Refrainzeile des Titelliedes), wirkt hingegen als Protagonist zu schwach. Als Co-Star ist er sehr gut, etwa in „Bend of the River“ (ebenfalls aus 1952), wo er James Stewart herausfordert – aber für einen leading man, der hier Romantik, Dynamik und große, bis zur Obsession gehende Rachesucht in sich vereinen muss, hat er zu wenig Variationsmöglichkeiten und bringt zu wenig Strahlkraft auf die Leinwand.

Dazu kommt ja noch, dass dieser einfache Cowboy, der sich in etwa 8 Jahren eine Farm zusammensparen will, mit einem Mal zu einem echten Revolerheld und zu einem fintenreichen und versierten Jäger in eigener Sache mutiert. Das ist ein wenig zu viel, wäre vielleicht auch für einen Topstar nur schwer zu schultern. Trotz des nicht unterstellten Realismusanspruchs: Abzüge gibt es  – und zwar dafür, dass wir die Chemie nicht sehen, die dazu führen könnte, dass die Dietrich sich in diesen Mann verliebt.

  1. Nie konventionell sein

Das war sicher ein Motto von Fritz Lang und aufgrund seiner großen Reputation hatte er sicher mehr künstlerische Freiheiten als ein typischer Studioregisseur, der vielleicht mit kleinen Stummfilmsketchen angefangen hat. Zwar hat auch Fritz Lang seit 1919 gefilmt, aber schon früh gehörten seine Werke zum Besten, was damals in Deutschland über die Leinwänden flimmerte. Er hatte sicher einen ähnlichen Bonus des vorauseilenden Rufs wie Alfred Hitchcock, der einige Jahre später nach Hollywood ging (Lang 1933, Hitchcock 1939).

Aber es gibt einen Unterschied. Während sich Hitchcock in den USA weiter steigerte und dort seine berühmtesten Werke schuf, gelang es Fritz Lang nur hin und wieder, noch einmal an die ganz großen, frühen Zeiten anzuknüpfen. Aber seine Filme sind nie von der Stange und faszinieren. Das gilt auch für „Rancho Notorious“.

Schon der Plot ist ungewöhnlich. Die Ranch als Hideout für flüchtige Banditen, die Rancherin, die sich von ihnen Prozente abtreten lässt, dafür, dass sie die Leute unterbringt und notfalls auch außerhalb der Ranch sichere Verstecke für sie hat, falls es mal eine Razzia gibt, das ist ein kongenialer Lang-Plot und die Konspiration, die den zweiten Teil des Films dominiert und die eine dichte Atmosphäre schafft, die erinnert an Szenarien aus „Spione“ (1928), aus „Dr. Mabuse“ (1921, 1933) und aus „M“ (1931). Lang ist ein Meister darin, ungewöhnliche Ansammlungen seltsamer, verworfener Typen zu kreieren. Wer weiß,  welche Chiffre dahintersteckt, angesichts der Tatsache, dass er in Deutschland Figurentableaus erstellt hat, die so bedrohlich wirkten, weil das ganze Land davon bedroht war, unter die Räuber zu fallen.

In den USA der frühen 50er gibt es aber durchaus etwas Ähnliches. Nämlich die Ausschüsse zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe, die in Hollywood für die Ächtung vieler als links geltender Regisseure, Autoren, Schauspieler verantwortlich war, mit den „Hollywood Ten“ als Kern. Die frühen 50er waren im Filmbusiness keine ruhige, sonnige Zeit nach dem Sieg der Guten im Jahr 1945, wie man meinen könnte, sondern eine des Umbruchs, mit Streicks, mit der Kommunistenhetze und der massiv auftretenden Fernsehkonkurrenz. Wir fragten uns anfangs, was die Gefängniszene mit den korrupten Politikern sollte und diesem möglichen Lynchszenario – ein Motiv, das aus einem der besten US-Filme von Fritz Lang bekannt ist – aus „Fury“ von 1936.

Wir wagen es, dieses Plotelement zu intrpretieren – nämlich in derForm, dass hier einige Heuchler gezeigt werden sollen, die wegen irgendwelcher kleinen Korruptionsvergehen eingesperrt wurden, doch die Exekutive macht mit ihnen gemeinsame Sache und lässt ihnen, in eine Whiskyflasche gesteckt, einen Dietrich zukommen. Draußen läuft derweil eine Wahl ab, deren Ausgang darüber entscheiden wird, ob alle, die gerade einsitzen, gelyncht werden. Um es nicht zu spannend zu machen: Die Law-and-Order-Partei gewinnt und alle Gefängnisinsassen können froh sein, dass sie dank des Gaunerwerkzeugs inzwischen allesamt entfliehen konnten. Alle meint: Auch Vernon Haskell, der sich hat einsperren lassen, um an Frenchy heranzukommen, der Spur, die ihn  zu Cora Keane (Marlene Dietrich) führen soll. Dieser Part, in dem die Gefährlichkeit eines nicht zur Differenzierung fähigen, aus der Zivilisation herausfallenden Mobs gezeigt wird, dominiert nicht den Film, ist aber ein Thema von Fritz Lang.

Interessant sind nicht nur einige schnell und hart gefilmte Szene, etwa die Schlägerei zwischen Vernon und dem endlich gefundenen Mörder, da hat die Kamera Mühe mitzukommen, die Unschärfe wirkt beinahe videomäßig – auch der Showdown als solcher wird ungewöhnlich variiert. Am Ende reiten zwei Männer zusammen weg, die beinahe zu Rivalen geworden wären und die wenige Tage zuvor nichts gemein hatten. Es kommt nicht zum Duell zwischen den beiden vermutlich besten Schützen des Westens, nachdem die Frau, über die sich die beiden hätten streiten können, Cora Keane, in einem Schusswechsel getötet wurde.

Wenn man will, ist der Film auch einer der ersten Western, in denen starke Frauenfiguren auftreten, wie sie der Film noir der 40er Jahre entwickelt hat, wie sie im amerikanischen Kino aber auch in den 20ern schon zu sehen waren, selbst in der Zeit der großen Depression. Ähnliche Figuren haben dann Joan Crawford (in „Johnny Guitar“, 1954) und Barbara Stanwyck gespielt. Allerdings wäre ein Good Girl am Ende nicht erschossen worden. Man muss die Dinge immer zu Ende denken, um die Mentalität einer Zeit richtig zu verstehen – und 1952 war nicht gerade eine Blütephase des Feminismus in den USA zu beobachten. Faszinierende Frauen, die aus der Norm heraustraten und in eine Männerwelt hinein, mussten meist dafür bezahlen. Im Film zuweilen mit dem Tod.

  1. Ein Hauch von Expressionismus

Lang hat seine Wurzeln in der Zeit des deutschen Expressionismus nie verleugnet, in vielen seiner Filme finden sich kaum sichgbare oder deutliche Anklänge. In „Rancho Notorious“ ist es zum Beispiel die Szene, als die Kamera vom Hals der toten Verlobten von Vern Haskel herunterfährt, ganz langsam, bis zu den blutigen Fingern – dem Symbol dafür, dass sie sich gewehrt hat, dass sie vergewaltigt wurde, bevor sie sterben musste. Diese lange Fahrt an ihrem Arm hinab ist purer Stummfilm. Sie ist aber mehr als das. Sie wirkt im Tonfilm noch spannender, weil sie nicht mehr ein typisches Stilmittel ist, sondern einer von vielen Effekten, die in der Geschichte des Films entwickelt wurden und die man nutzen konnte. Bis heute werden sie zu wenig genutzt.

Es gibt eine Spiegelszene, ebenfalls ein typisches Kinomotiv für Momente, in denen vor allem das Gute und das Böse, die eine, die andere Seite des Lebens einander gegenübertreten – und die rasche Fahrt der Kamera über die Gesichter der Bandenmitglieder im Haus von Cora Keane. Von Gesicht zu Gesicht, von Einstellung zu Einstellung, beschleunigt sich der Schnitt – und bremst dann ab. Die Kamera ruht auf Vernon Haskell, der alle diese verdächtigen Personen sozusagen in Echtzeit angeblickt hat.

Die Rückblendentechnik, die Lang anwendet, um das Leben von Cora Keane (im Original: Altar Keane) zu beleuchten, ist hingegen nicht expressionistisch, sondern einfach klasse. Vern begibt sich auf Spurensuche, und die Spur führt zu Cora. Auf jeder seiner Stationen zu ihr erzählen Männer aus ihrem Leben, man spürt, sie ist eine Legende. Es wird viel gelacht und der Film nimmt sich alle Zeit, Coras Charakter zu erläutern und wie er sich – nicht gewandelt, sondern geradlinig entwickelt hat von einer jungen Bardame, die ein verrücktes Hürdenspiel mit Frauen als Reiterinnen und Männern als Pferden in einem Saloon aufführt. Die herrliche Sequenz hatten wir ursprünglich im Anschluss an diesen Absatz als Video eingespielt, das Video ist aber auf Youtube nicht mehr verfügbar – bis hin zu der Szene, in der sie an das Geld für die Ranch kommt und Frenchy kennenlernt.

  1. Große Erzählkunst auf kleinem Raum

Der Plot mag nicht realistisch sein, aber er ist hervorragend erzählt. Da gibt es keine Lücken, die Rückblenden verstärken die Spannung der Jagd nach dem Mörder, die Aktion ist schnell, präzise und schnörkellos ausgeführt.

Die Handlungslogik ist nicht immer zwingend, aber das ist bei den meisten Western nicht der Fall, in denen Stereotypen, Werte, Mythen anstatt realer Lebensumfelder mit durchschnittlich begabten, weder guten noch schlechten Menschen gezeigt werden. Auch das ein typisches Zeichen für Fritz Lang – dass er großartig erzählen kann und in der Lage ist, makellose Plots auszuführen. Dazu sind selbstverständlich auch adäquate Drehbücher notwendig, aber Lang wird gewiss die Drehbücher nicht einfach umgesetzt, sondern einen kreativen Umgang mit ihnen gepflegt haben.

Diese Fähigkeit, die er zweifelsohne besaß, rührt aus seiner frühen Zeit, in der seine Frau Thea von Harbou die Bücher für alle seine Filme schrieb. Die beiden waren eines der besten Autor-Regisseur-Teams der Filmgeschichte, entwickelten die Stoffe gemeinsam und setzten sie um – von Harbous Einfluss auf Fritz Langs Werk war phasensweise wohl größer als der von Alma Reville (Hitchcock) auf das ihres Mannes.

Finale

„Rancho Notorious“ ist ein Muss für alle, die sich mit Fritz Lang und seinem Werk beschäftigen und / oder Fans von Marlene Dietrich sind. Wer es nicht schafft, von den heutigen Sehgewohnheiten ein wenig Abstand zu nehmen, für denjenigen können die nur 85 Minuten allerdings quälend sein, auf ihn wird der Film besonders antiquiert wirken. Für uns steht er in etwa auf einer Stufe mit den Filmen von Anthony Mann mit James Stewart, die ebenfalls aus dieser Zeit stammen, aber in denen andere Akzente gesetzt werden und die deutlich amerikanischer wirken als „Rancho Notorious“ mit seinen Langschen Stil-Spezialitäten, die hier wieder deutlicher zutage treten als z. B. in seinen Films noirs der 1940er.

 75/100

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Fritz Lang
Drehbuch Daniel Taradash
Produktion Howard Welsch
Musik Emil Newman
Ken Darby
Kamera Hal Mohr
Schnitt Otto Ludwig
Besetzung

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