Freischwimmer – Tatort 612 #Crimetime 549 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #Schwimmer #frei

Crimetime 549 - Titelfoto © MDR, Hardy Spitz

Für die einen ist es halb voll, für die anderen halb leer

Stellenweise hat der Film etwas Unwirkliches oder leicht Apokalyptisches. Man merkt, wir sind von „Lost Places“ beeinflusst, unter anderem von unserem früheren Lieblingsschwimmbad, das jetzt einen solchen darstellt. Jedenfalls wirkt es seltsam, ein wenig unheimlich, wie das Sportbecken im Film immer nur zur Hälfte gefüllt ist und der Boden erkennbar nicht gesäubert wurde. Wir überlegten schon, ob sie in Leipzig immer so wenig Wasser reintun, aber die umlaufende Haltestange sollte normalerweise unter dem Wasserspiegel liegen, das tut sie hier erkennbar nicht – außerdem kann man bei einem solchen Wasserstand nur über die Leiter aus dem Becken steigen. Was gibt es sonst über den 612. Tatort zu schreiben?

Handlung

An einem heißen Sommertag in Leipzig wird ein Junge tot im Schwimmbecken eines Freibades gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass der am Down-Syndrom leidende Leo Stein ertränkt worden ist. Die Hauptkommissare Ehrlicher und Kain finden trotz des regen Badebebetriebes keinen Augenzeugen für den Mord. Von Leos Mutter erfahren die Kommissare, dass Leo als Hauptzeuge in einem Prozess gegen den 17-Jährigen Ralf Salchow aussagen sollte. Für die kandidierende Stadträtin Bettina Stein (Julia Jäger), die aus wahltaktischen Gründen auf eine schnelle Aufklärung drängt, scheint damit der Fall klar auf der Hand zu liegen.

Ehrlicher und Kain glauben allerdings nicht an das nahe liegende Motiv. Auch Leos Schwester Alexandra war im Freibad und sollte sich um ihren zuckerkranken Bruder kümmern. Sie hatte sich jedoch mit ihrem neuen Freund Mike hinter die Umkleidekabinen zurückgezogen, behauptet sie. Mike gehört zu der Clique von Ralf Salchow. Sie gehen gemeinsam auf die Schule, an der Leos Vater Martin Stein (August Zirner) als Lehrer tätig ist und wo er von den Jugendlichen schikaniert wird. Aus diesem Grund versucht der alles, um die Beziehung seiner Tochter zu Mike zu verhindern. Wahlplakate zeigen die Steins als eine glückliche Familie. Doch unter der Oberfläche scheinen sich dunkle Geheimnisse zu verbergen.

Rezension

In der Gesamtrangliste des Tatort-Fundus nimmt der Film mit Rang 537 eine Stellung im mittleren Mittelfeld ein, was allerdings unter den Ehrlicher-Kain-Filmen Platz elf von 44 bedeutet, da die Tatorte der beiden insgesamt als unterdurchschnittlich eingestuft werden. Vielleicht brauchen wir auch deswegen so lang, um Tatorte mit den beiden nachzurezensieren, dieses Mal lagerte die Aufzeichnung 63 Tage im Media Receiver. Vielleicht zu Unrecht, denn abgesehen davon, dass die Statisten wohl bei 13 Grad in ihren Badeklamotten ziemlich gefroren haben dürften und es ein bisschen albern wirkt, dass der gar nicht schwitzende Ehrlicher mit Schlips und Jackett als Disziplinmonster dargestellt wird, ist dies kein schlechter Tatort.

Vor allem hat man die Behindertengruppe, die überwiegend aus jungen Menschen mit Down-Syndrom besteht, sehr sympathisch dargestellt. Der Film ist eine Werbung dafür, sich einen Job in der Betreuung solcher Menschen zu suchen. Selbstredend durfte daher derjenige, der das Gruppenmitglied Leo Stein ertränkt hat, nicht aus der Gruppe stammen und natürlich auch nicht unter den Betreuenden zu finden sein. Aber in dem Film gibt es so viele Verdächtige, dass wir ihn richtig spannend fanden und bis zum Schluss nicht recht wussten, auf wen wir uns konzentrieren sollten.

Der Verdacht, es könnte der mit dem Leben verkrachte Ex-Leistungssportler gewesen sein, kommt zwar früh auf, verflüchtigt sich aber immer wieder, weil auch die eigene Familie und die Jugendgang durchaus in Frage kommen. Die Themen Mobbing und Diskriminierung, die gerade im neuesten Köln-Fall („Kein Mitleid, keine Gnade„) ein zentrales Thema waren, werden hier auf eine intuitive, glaubwürdige Weise erzählt, der Film ist außerdem durch einige gekonnte Sprünge zwischen Einstellungen für Leipziger Verhältnisse anno 2005 recht flott und locker gefilmt. Auch durch Situationen, die gerade erst entstehen und sich nach einem Schnitt schon aufgelöst haben, kann man Dynamik und Komik gleichermaßen erzeugen, das geschieht hier mehrmals. Anstatt eines mühevollen Faß-den-Verdächtigen-im-Galopp wird nur gezeigt, wie er davonstiebt – und in der nächsten Szene sitzt er schon in der Befragung. Zuvor hat Kain noch die Augen verdreht: Ach Junge, bringt doch nix und im Tatort kommt es eh zu oft vor.

Ebenfalls in unserer Erinnerung geblieben: „Diese Menschen akzeptieren sich einfach so, wie sie sind und haben Beziehungen“, im Gegensatz zu uns, die wir nicht als behindert gelten und häufig einer Chimäre nachlaufen, anstatt das Hier und Jetzt annehmen zu können, wie es ist. Niemand von diesen Downern käme auf die Idee, mit der Ausbeutung anderer sich die Welt untertan machen zu wollen, nebenbei bemerkt. Das liegt nicht daran, dass sie dumm wären, sie weisen oft eine überdurchschnittliche emotionale Intelligenz auf und die bewahrt sie davon, ihre Situation zu dramatisieren. Um das zu können, muss man sie natürlich auch erfassen und viel vom Unglück in der Welt kommt ja durch das ständige sich vergleichen mit anderen, unzufrieden sein kann man auf jedem Niveau.

Die Inszenierung schafft es, nicht nur den Behinderten in kurzen Szenen ein beachtliches Maß an Individualität zu verleihen, sie kann es auch bei den übrigen Episodenfiguren. Auffällig bei den Ermittlern ist, dass Kain in diesem Film viel mehr bei sich selbst wirkt als Ehrlicher, der hier in Relation zu einigen anderen Darsteller*innen doch etwas in den Hintergrund tritt. Auffallend ist, wie versiert Julia Jäger ihre Szenen als Stadträtin (wieder einmal) spielt, während August Zirners Rolle als ihr Mann darunter leidet, dass man zu gerne erfahren hätte, warum dieser Lehrer so gemobbt wird, dass er mit einem besprayten Auto herumfahren muss. Ohne glaubhafte Hintergründe einen beruflichen Niedergang dastellen zu müssen, dies in wenigen Minuten, ist nicht so einfach.

Eine weitere interessante Feststellung müssen wir anbringen: Dieser Film setzt sich sehr deutlich von den Ost-Elegien ab, die vor allem in ihrer Dresdener Zeit das Markenzeichen von Kain und Ehrlicher waren. Hier wird sogar das Sportsystem der DDR für seine Repressionen kritisiert – und gleichzeitig wird am Ende eine klare Botschaft vermittelt: Obwoh die Wende damals erst 15 Jahre alt war, kann man nicht sie und auch nicht das frühere System für alle persönlichen Fehler verantwortlich machen, die dazu führen, dass man z. B. einen Ein-Euro-Job machen muss.

Wenn man genau hinschau, ist der Film bezüglich Behinderter sehr hübsch gemacht, den Erfolgsuchenden gegenüber gnädig, denen, die leiden gegenüber nicht immer, aber manchmal. Für den Lehrer, der sich sogar umbringen will, wird durchaus Verständnis gezeigt, für den früheren Leistungsschwimmer, der es jetzt nicht einmal zum Bademeister – technisch: Schwimmmeister – bringt, hingegen eher nicht.

Finale

Man kann die unterschiedlichen Personen aber auch gemäß der Botschaft betrachten, welche die Behinderten an den Zuschauer senden, interpretiert von Kommissaren, die einen Zugang zu anderen Menschen haben: Jede von ihnen steht für sich und in ihrem eigenen Recht, als Individuum wahrgenommen zu werden. Nur sich durchs Leben jammern, das geht eher nicht. Die Mutigen, die Lebensfrohen, diejenigen, die trotz Belastungen etwas erreichen oder Gutes tun wollen, sie sind erkennbar die Pets, in diesem Film. Trotz Leos Tod wirkt er daher auf eine Weise optimistisch, vor allem die jüngere Generation betreffend, die sich über Schranken hinwegsetzen darf, die man heute in Tatorten kaum noch sieht. Plötzlich halten Eheleute wieder einander die Hände, die sich auseinandergelebt hatten, solidarisieren sich mutige Mädchen mit ihren Freunden, die schlechte Einflüsse aus ihrem Leben verbannen wollen, erlangen Kommissare ihre Handys wieder, die sie nachlässigerweise auf dem Tisch in Friederikes Bistro haben liegen lassen, indem sie die Diebe zu Fuß verfolgen. Hier geht noch was, die Welt hat noch warme Farben, auch wenn dieser Sommer sehr kühl gewesen sein mag – und für klassische Gags wie die im Windzu fliegenden Blätter auf Ehrlichers Schreibtisch ist auch noch Platz. Wir sind im Jahr 2005, nicht in 2020.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der letzte kühle Sommer 

„Leipzig an einem heißen Sommertag: In der Tatort-Folge 612 „Freischwimmer“ wird im Becken eines Freibads ein junger Mann tot aufgefunden. Der 23-jährige Leo Stein litt am Down-Syndrom und wurde nach ersten Erkenntnissen der Spurensicherung ertränkt. So die Anfangsszene des Films. Ironischerweise war es bei den Dreharbeiten, die im Juni stattfanden, mit 13° Celsius allerdings bitterkalt und statt in Leipzigs ältestem Freibad (1866 errichtet) mit vorhandenen Badegästen zu filmen, mussten Statisten angeheuert werden“, steigt die Plattform Tatort Fans in die Beschreibung zum Film ein.

Wir hingegen haben im einsetzenden Winter erneut einen Leipzig-Tatort zu sichten, den wir noch nicht kennen. Dieses Mal sind wir auch sicher, dass Archivsuche und Realität übereinstimmen: An einen Krimi, der mehr oder weniger in unserer Jugendwelt spielt, hätten wir uns erinnert, besonders, wenn Ehrlicher und Kain in einem Freibad zugange sind. Unter den Fans des Tatort-Fundus gilt dieser Film als einer der besseren mit dem Leipzig-Duo, steht auf Platz 11 von 44 Produktionen. In der Gesamtrangliste bedeutet dies allerdings gegenwärtig nur Platz 546 von 1125, ein Rang knapp über dem Durchschnitt (Stand 11.12.2019 vor der abendlichen Wiederholung).

Wir werden uns „Freischwimmer“ anschauen und unsere Meinung zum 38. Fall der beiden Zonies kundtun.

Besetzung  und Stab

Hauptkommissar Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Martin Stein – August Zirner
Lade Bettina Stein – Julia Jäger
Alexandra Stein – Karoline Teska
Mike Baader – Marcel Goldammer
Lutz Baader – Arved Birnbaum
Sibylle Kramer – Svea Timander
Techniker Walter – Walter Nickel
Ralf Salchow – Florian Bartholomäi
Frederike – Annekathrin Bürger

Regie – Helmut Metzger
Buch – Mario Giordano und Andreas Schlüter
Musik – Mick Baumeister
Kamera – Peter Nix

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s