Verdammte Sehnsucht – Polizeiruf 110 Fall 295 / Crimetime 552 #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Brandenburg #Krause #Herz #RBB #Sehnsucht #verdammt

Crimetime 552 - Titelfoto © RBB, Sandor Domonkos

Vor „Herz aus Eis“

Es tut uns wirklich leid, dass wir die Befassung des deutschen Fernsehkrimis mit dem Leben der internierten Zöglinge in zwei Epochen einteilen: Vor und nach „Herz aus Eis„, dem Meistertatort vom Bodensee, der die bis heute gültige Version von dieser Welt geliefert hat. Schon Ehrlicher und Kain hatten sich im Sachsen-Tatort an diesem Milieu versucht („Fürstenschüler“) und einige Jahre später, aber nur zwei Jahre vor „Herz aus Eis“ Herz und Krause in Brandenburg.

Was in der -> Rezension steht, wird aber nicht vergleichend angelegt sein, denn die Sichtung von „Herz aus Eis“ ist bereits einige Jahre her und was wir heute noch erinnern, ist eher, dass uns der Film insgesamt beeindruckt hat, als dass wir alle Details wiedergeben könnten.

Handlung

Der neue Fall für das Ermittlerteam um Kommissarin Johanna Herz führt in ein Elite-Internat in Brandenburg. Dort lernen überwiegend Kinder wohlhabender Eltern. Als der 18-jährige Diplomatensohn Felix Preyer mit einem Alkoholgehalt von 2,4 Promille tot im Wald aufgefunden wird, fürchtet Direktor Palm um den guten Ruf seiner Schule.

Johanna Herz vermutet, den Mörder des Schülers innerhalb des Internats zu finden. Doch Felix’ Eltern Tamara und Frank Preyer scheinen wenig über den privaten Umgang ihres Sohnes zu wissen. Es stellt sich heraus, dass Felix seinen Zimmergenossen Bastian Kröner, einen der wenigen Stipendiaten des Internats, bei einer Schlägerei vor anderen Schülern in Schutz genommen hatte. Diese Schüler gehören zur Clique von Justus Gruneberg, der ihr Wortführer ist. Bei den Ermittlungen gibt sich Justus Johanna Herz gegenüber selbstsicher und überlegen, weiß er doch seinen mächtigen Vater hinter sich, der als Hauptsponsor des Internats über erheblichen Einfluss verfügt.

Johanna Herz versucht, über Rainer Metz, den Klassenlehrer von Felix, mehr über die Jugendlichen herauszubekommen. Sie muss aber erkennen, dass der Lehrer entweder befangen ist oder das Vertrauen seiner Schüler doch nicht in dem Maße genießt, wie er behauptet. Die scheinbar heile Welt des Elite-Internats bekommt zunehmend Risse, als Polizeihauptmeister Krause den Hinweis liefert, dass die Kantinen-Angestellte Margot Kollmar verschwunden ist. Zunächst deutet nichts auf eine Verbindung zwischen den beiden Fällen hin.

Info-Werbetext-Kombination der ARD

Der neue „Polizeiruf 110“ verbindet ein aktuelles gesellschaftliches Thema mit einer spannenden Krimi-Geschichte. An der Seite herausragender populärer Darsteller spielen Vertreter der jungen deutschen Schauspielelite. Gedreht wurde im Frühjahr 2008 in Kleinmachnow, Potsdam und Berlin-Dahlem. Der „Polizeiruf 110: Verdammte Sehnsucht“ ist eine Produktion der Potsdamer ANTAEUS-FILM GmbH im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) für Das Erste.

Rezension

Wir haben die Rezension des DDR-Polizeirufs „Bitte zahlen!“ vorgezogen, den wir einen Tag später angeschaut haben, aber am gigantischen Abstand zwischen Anschauen und Schreiben darüber kann es doch nicht liegen, dass wir weder den Titel noch im Kopf hatten, noch, um was es ging. Erst durch echte Recherche in der Liste der Polizeirufe, die von der Wikipedia geführt wird, kamen wir durch das Eine wieder auf das Andere. Intrigen im Internat. Und Klassenkampf von oben.

Ja, ja, das gibt es alles, wir haben es schon live beobachten können. Aber wir schreiben nicht, wie der von der Wikipedia zitierte Kritiker Rainer Tittelbach, die Künstlichkeit des Szenarios resultiert aus einer künstlichen Welt und daher ist auch die Künstlichkeit der Auflösung des Films gerechtfertigt. Wir sind nicht sehr begeistert darüber, dass trotz des unverwechselbaren Horst Krause, der hier sogar undercover und ziemlich authentisch in der Internatsküche ermitteln darf, dieser Film kaum Individualität und Kreativität versprüht. Die Charaktere wirken zu gestanzt und klischeehaft, auch gute Darsteller*innen wie Nina Petri haben es nicht leicht, aus ihren Rollen etwas Prägendes herauszuholen; auch Inka Friedrich, die wir seit „Sommer vorm Balkon“ gerne sehen, kann in den wenigen Minuten, in denen sie am Ende eingesetzt, ihre Figur nur mit größter Anstrengung und unter Zuhilfenahme einer devastierten Disposition in den Vordergrund rücken. Mit diesem späten Einsatz fehlt dem Film auch eine Identifikationsfigur, die bei dieser Plotanlage zumindest nicht geschadet hätte. Der vermutlich sympathischste Schüler des gesamten Internats wird leider schon nach wenigen Minuten getötet.

Und mit Johanna Herz werden wir’s wohl nicht mehr packen. Dieses Mal bringt sie keine politisch diskutablen Töne rein, wie in „Geliebter Mörder„, aber dafür liefert sich auch nichts, woran man sich erinnern könnte. „Geliebter Mörder“ werden wir nicht so schnell vergessen, weil wir gezögert hatten, die Rezension zu veröffentlichen, sie wochenlang zurückhielten und dann noch einmal überarbeiteten, bevor sie raus durfte. Bei „Verdammte Sehnsucht“ besteht die Gefahr nicht, denn es gibt kein „heißes Eisen“ darin wie der Umgang mit einem verurteilten Sexualstraftäter und der Wiederholungsgefahr bei Freigang. Dass es arrogante, verzogene Jüngelchen gibt und die heutige Ausprägung unseres Wirtschaftssystems solche Typen unendlich privilegiert und sie das natürlich auch wissen und genau deshalb so sind, ist nicht neu und wird hier auch nicht so dramatisch gut dargestellt, dass man vor lauter Schaulust aus den Socken gleitet. Den Charakteren fehlt, klassisch geschrieben, die Tiefe oder das auf Verdorbene, das „Herz aus Eis“ so schön abstoßend-anziehend macht.

Drehbuchautor Stefan Rogall ist ja eine erfahrene Kraft und Bodo Fürneisen hatte bereits vor diesem Polizeiruf einige andere inszeniert – allerdings war „Verdammte Sehnsucht“ auch seine letzte Arbeit für die Reihe. Trotzdem wirkt die Inszenierung statisch und die Dialoge sind bestenfalls Mittelmaß. Außerdem ist der Whodunit einerseits mühsam, andererseits weiß man seit dem Auftritt der Söhnchen-Combo, es kann ja niemand anderes gewesen sein, der einzige Twist kommt dadurch zustande, dass ausgerechnet der Zimmermitbewohner und beste Freund des Getöteten ihm die tödliche Menge Alkohol eingeflößt hat, weil er, sagen wir mal, dazugehören wollte. Natürlich hätte er sich verweigern können, auch wenn er als Leistungsstipendiat eine Art Sonderrolle hat – sein bezahlter Nebenjob ist es, andere an seinen Lernerfolgen teilhaben zu lassen, ein Lehrer merkt es sogar und schreitet nicht ein.

Die Schule, der Ruf, die Sponsoren, die ungerechte Welt, in der immer der Geldbeutel der Eltern über alles entscheidet. Oh ja, wir sind auch dafür, dass die öffentliche Bildung verbessert wird, dazu bedürfte es unter anderem aber passender Schüler*innen, die ein feines Angebot zu schätzen wüssten. Wir erleben es in der Umgebung eher so, dass Eltern ihre Kinder so früh wie möglich an private Einrichtungen geben, damit sie nicht dem Berliner öffentlichen Schulwesen auf eine Weise ausgesetzt werden, die irreparable Schäden hinterlässt, ohne dass die Eltern das Geringste dagegen tun könnten – außer eben rechtzeitig den vielversprechenderen, wenn auch teuren Weg einzuschlagen. Dabei geht es nicht hauptsächlich um Elitedenken, sondern darum, das Schlimmste zu vermeiden. So hat eben alles seine zwei Seiten und es setzt sich auf den weiterführenden Schulen und auch im Studium fort, wobei es dann erst richtig viel kostet, zu privatisieren.

So, das war das, uns triggert der Zustand der Bildung in Berlin, daran lässt sich nichts ändern. Dies wiederum ändert nichts an der anderen Sache, nämlich dass Ungleichheit und darauf basierendes Denken bei uns auf eine Weise konstitutiv fürs Layout der Gesellschaft geworden sind wie in kaum einem anderen europäischen Land – beides ist zudem nicht getrennt zu betrachten. Trotzdem stört es uns, wenn Dinge so oberflächlich und klischeehaft dargestellt werden, den Menschen das Schlimmste unterstellt wird, aber man nicht das Griffige und Authentische erspüren kann, was man gerade bei einer Fiktion erwartete: Dass jemand auch ein wenig interessant ist.

Finale

Internatsschüler*innen müssen keine verschworenen Gemeinschaften sein, wie in dem wunderbaren „Das fliegende Klassenzimmer“, der keineswegs sozialromantisch ist, aber auf das Beste in uns abzielt und es fördern will – das ist ein ganz anderer Ansatz als in den Krimis der Reihen Tatort und Polizeiruf. Aber wir halten fest, dass die Einteilung in „Vor und nach ‚Herz aus Eis'“ durchaus berechtigt ist. Wenn man es schon böse spielte, dann eben so – und selbst dann muss ein Tötungsfall nicht so gewollt sein und wirken wie im 295. Polizeiruf.

6/10

© 2019 Der Wahberliner, Thomas Hocke

Regie Bodo Fürneisen
Drehbuch Stefan Rogall
Produktion Alexander Gehrke
Musik Ulrich Reuter
Kamera Frank Sthamer
Schnitt Gisela Zick

Imogen Kogge: Johanna Herz, Kriminalhauptkommissarin
Horst KrauseHorst Krause, Polizeihauptmeister
Anja Franke: Katrin Schubert, Kriminalassistentin
Inka Friedrich: Margot Kollmar
Nina Petri: Tamara Preyer
Hans Werner Meyer: Frank Preyer
Marlon Kittel: Bastian Kröner
Franz Dinda: Justus Gruneberg
Oliver Stokowski: Rainer Metz
Alexander Held: Direktor Palm
Michael Brandner: Walter Gruneberg
Esther Esche: Barfrau
Mirco Kreibich: Uwe Kollmar
Franziska Troegner: Frau Krüger
Anna Stieblich: Gerichtsmedizinerin
Peter Prager: Robert Beck
Eduardo Großmann De la Torre: Felix Preyer
Martin Goeres: Viktor Schneider
Andreas Schulz: Clemens Auer
Nikolaus Gröbe: Hotelier
Norman Schenk: Rechtsanwalt

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