Jeder Hans und Franz als Lehrer (Nachdenkseiten) – Reflexion

Die Bildungskrise nimmt immer bedrohlichere Ausmaße an. Der Rückschluss lässt sich ohne Weiteres aus dem profunden Artikel „Lehrer? Null Problemo! Die Beschulung unserer Kinder besorgt jetzt jeder Hans und Franz“ von Ralf Wurzbacher tätigen, der gestern in den Nachdenkseiten erschienen ist.

An dem Satz „Null Problemo!“ kann man ablesen, dass Wurzbacher in etwa unserer Generation angehört und in seiner Kindheit / Jugend von Alf fasziniert war. Aus seinem Artikel herauslesen kann man, was uns seit vielen Jahren befasst und in Sachen Bildung zu einer politischen Position geführt oder sie erhalten hat, die konservativer ist als auf allen anderen Gebieten. Wir wollen den Kampf um die Bildung in Deutschland noch nicht verloren geben, obwohl wir, insbesondere, seit wir in Berlin leben, wissen, es ist schon viel verloren. Unwiederbringlich verloren. Und, ja, die heutige Ausgestaltung von Bildung ist ein Verbrechen an der nächsten Generation und wenn Verbände, die so formulieren, als konservativ bezeichnet werden, dann ändert das nichts an der Wahrheit.

Wir haben bereits über die Berliner Verhältnisse berichtet und auch im Artikel von Ralf Wurzbacher spielen sie wieder eine Rolle. Was die SPD in Berlin an Schäden im System zu verantworten hat, würde nach unserer Auffassung alleine ausreichen, um sie nicht zu wählen, es gibt aber genug andere Gründe. Die aktuelle Berliner Situation wird hier dargestellt.

Selbstredend: Die Schüler*innen werden wohl immer problematischer, weil sie immer mehr Ausfallerscheinungen aller Art zeigen, wie schwer sie zu motivieren sind, bekommen wir gerade bei jemandem mit, der sich ans Examen herankämpft, dabei handelt es sich immerhin um eine Lehrkraft fürs Gymnasium. Die Berliner Schulfails haben legendäre, sogar alltagspoetische Beschreibungen ausgelöst, wie das Blog „Fräulein Krise interveniert“, das zu einem Buch wurde – und einen Krimi hervorbrachte.

Angesichts der Verhältnisse an Berliner Schulen, inklusive psychischer und physischer Gewalt unter Schüer*innen und gegen Lehrkräfte, heutzutage wohl seltener in der umgekehrten Richtung, liegt das Genre nicht so fern.

Das Thema des Beitrags von Ralf Wurzbacher ist aber der Lehrer*innenmangel, der immer dramatischere Ausmaße annimmt. Die Schulen und diejenigen, die Vorgaben für den Schulbetrieb erstellen, scheitern an eigentlich allem. Vor allem an den steigenden Ansprüchen bei immer weniger professionellen Lehrer*innen, die ihren Dienst im Bereich der Primarstufe aufnehmen, an immer mehr Verschleiß im Dienst und an Konzepten, die zwingend ein Mehr an ausgebildeten Fachkräften erfordern würden, das weit und breit nicht zu sehen ist.

Um es klarzustellen: Wir sind nicht gegen Inklusion an Schulen, gegen den sozialen Austausch der Klassen, der unterschiedlich Befähigten, eingeschlossen jene, die bisher in eigenen Schulformen unterrichtet wurden, aber wir haben viele Fragen psychologischer Natur und vor allem glauben wir nicht, dass das gegenwärtige System mit seinen erheblichen Mängeln eine gut ausgeführte, alle Schüler*innen nach ihren Talenten bestmöglich fördernde, kein Kind wegen Unter- oder Überforderung stressende Inklusion zulässt. Die Berliner GEW ein ideologisch verbohrter Haufen – die Formulierung entstammt einem Gespräch mit Freund*innen, die es wissen sollten – macht trotzdem immer weiter, obwohl hinten, vorne und dazwischen Chaos herrscht. Der Autor des NDS-Artikels beschreibt nicht seine eigene Meinung zum GEW-Ziel der Einheitsschule, sondern erwähnt es lediglich und lässt die Leser*innen aus der eindringlich dargestellten Faktenlage Rückschlüsse ziehen.

Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die es selbst oder deren Kinder es aufs Gymnasium geschafft haben, haben uns erzählt, sie halten diese Idee für absurd und führen, Bezug nehmend auf die Schulsysteme ihrer Herkunftsländer, an, warum sie dieser Ansicht sind.

Uns triggert vor allem, dass dieses Chaos die Ungleichheit zementiert und weiter verstärkt, die ohnehin in Deutschland ein Riesenthema ist. Kinder, deren Eltern es sich leisten können, ihre Lieblinge privat und nach eigenen Vorstellungen schulen zu lassen, sind fein raus, alle anderen werden zu Opfern eines teilweise fehlgesteuerten und zudem unterbesetzten Systems.

Die „Lovls“, die Hilfslehrer*innen, mehr noch als die Quereinsteiger*innen, werden von Sandra Scheeres, der Vorsteherin des Berliner Bildungsunwesens, in den Himmel gelobt. Wenn die Idee wirklich so gut wäre, könnte man sich jede Form von professioneller Ausbildung sparen. Nicht nur die für den Lehrbetrieb. Es gibt viele Dinge, die man durch das Tun lernen kann, keine Frage, manchmal nervt es uns, dass in Deutschland zu formal gedacht wird.

Uni-Professoren sind auch keine Pädagogen. Sie sind jedoch in der Erwachsenenbildung tätig, das ist eine andere Hausnummer, als neben der Stoffvermittlung immer häufiger Erziehungsaufgaben übernehmen zu müssen, die in den Elternhäusern nicht erfüllt werden. Für Letzteres ist eine professionelle Vorbereitung notwendig, auch wenn Hilfslehrkräfte vielleicht auf eine Weise zunächst „authentischer“, cooler wirken mögen, weil sie unbefangener an ihre ersten Schüler*innen herantreten, als Menschen, die jahrelang auf diese Situation eingestellt wurden und um ihre hohe Verantwortung wissen.

Gerade in diesen Zeiten, in denen Kinder fundamental unterschiedliche Voraussetzungen in die Schule mitbringen, halten wir pädagogisches Können für besonders wichtig. Ist dies nicht vorhanden, ist der schnelle Verschleiß auf der einen Seite, auf der anderen die fundamentale Unlust, sich etwas beibringen zu lassen, vorprogrammiert.

Wer vor allem viele Fakten und die politischen Hintergründe der Schulmisere nachlesen möchte, wer wissen will, warum Statistiken gebogen werden und außerdem wegen des Bildungsföderalismus nicht vergleichbar sind, dem sei der Artikel von Ralf Wurzbacher in den Nachdenkseiten empfohlen.

TH

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