Meuterei auf der Bounty (Mutiny on the Bounty, USA 1935) #Filmfest 120 DGR

Filmfest 120 A "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest ADie erste Revolution in der Südsee

Die Bounty-Verfilmung von 1935 gewann den Oscar für den besten Film des Jahres und gleich drei Darsteller waren für den Oscar als beste Darsteller nominiert: Charles Laughton als rüder Captain BlighClark Gable als meuternder Offizier Fletcher Christian und Franchot Tone als Seekadett Roger Byam.

Noch heute besticht der Film in vielen Aspekten, man würde aber die Handlung als unglaubwürdig einstufen, wenn sie nicht in weiten Teilen historisch wäre. Sie basiert auf der Fiktionalisierung eines tatsächlichen Vorfalls in der britischen Flotte gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Neuere Verfilmungen stützten sich hingegen auf Recherche, was sicher den Authentizitätsgrad erhöht hat – nicht aber die Originalität. Der atemberaubende Drive der 1935er „Bounty“, der sowohl auf Ereignissen wie auf den Zuspitzungen der menschlichen Misere an Bord fußt, ist seitdem nicht wieder erreicht worden.

MGM hat diese Verfilmung als aufwendigsten Streifen seit dem legendären „Ben-Hur“ von 1926 inszeniert, mit für damalige Verhältnisse außergewöhnlichen 2 Mio. US-$ Produktionskosten, die sich gelohnt haben. Insbesondere hat man ein echtes Segelschiff verwendet, das optisch der Bounty angeglichen wurde und mit dem die Szenen auf hoher See selbst dann realistisch wirken, wenn sie im Studio gedreht wurden.

Die Story an sich bietet so viel an Freundschaft, Verrat, Sadismus, Männerwelt, Gerechtigkeit, hohen und niedrigen Instinkten, an exotischer Schönheit und beinahe unfassbaren Wendungen, dass man sie nur vernünftig umsetzen muss, um großes Abenteuer mit einem der besten Filmstoffe aller Zeiten zu inszenieren. Auch wenn das Schwarzweiß, das 1935 auch bei Großproduktionen noch Standard war, heute ein wenig blass wirkt, besonders bei einem Film, der in der farbenprächtigen Südsee spielt – die Darstellungen der Schauspieler sind es nicht. Sie sind ergreifend und lassen selbst nach der Meuterei keine Langeweile aufkommen, als man das Gefühl hat, das Drehbuch hätte ingeniöser sein können.

Handlung

Die Bounty sticht 1787 in Portsmouth in See, um auf Tahiti Nutzpflanzen zu laden. An Bord befinden sich der selbstgerechte und joviale Kapitän Bligh, mehrere Marineoffiziere, darunter der Steuermann John Fryer und der um Ausgleich bemühte Fletcher Christian. Weiter der trunksüchtige Schiffsarzt, genannt Bacchus, der verschlagene Kapitäns-„Schreiber“ Maggs, der Bootsmann Morrison, der Botaniker David Nelson, sowie die drei Seekadetten Byam, Stewart und Hayward. Außerdem mehrere Vollmatrosen, darunter der etwa zwanzigjährige Thomas Ellison, der zuvor von Christian zur Marine zwangsrekrutiert wurde. Schon vor der Fahrt nach Tahiti macht sich der Kapitän bei großen Teilen der Besatzung unbeliebt, indem er im Hafen einen Toten auspeitschen lässt. Während der Fahrt wird der Zwiespalt noch gestärkt, indem er den Kadetten Byam bei Wind und Wetter in den Ausguck auf dem Mast schickt. Byam ist danach geschwächt und wird von „Bacchus“ gepflegt.

Mehrmals lässt der Kapitän seinen Vollstreckungsgehilfen Morrison eine Prügelstrafe ausführen, auch wenn offensichtlich kein schuldhaftes Verhalten vorliegt.

Bei der Ankunft auf Tahiti begrüßt Bligh seinen alten Bekannten, Hiti-Hiti („Häuptling und Priester“). Christian freundet sich mit Maimiti, der Enkeltochter von Hiti-Hiti an, mit der er auch wenig später ein Verhältnis eingeht. Auf der Rückfahrt stirbt der beliebte Bacchus, nachdem der Kapitän ihn trotz Krankheit zum Appell beordert hatte. Auch lässt der Kapitän mehrere Männer in Ketten legen, die desertiert waren. Als Bligh Christian beschuldigt, seine Kokosnüsse gestohlen zu haben, und die Gefangenen durch Maggs misshandelt werden, ist es für Christian genug.

Mit einigen Matrosen meutert er in der Nacht darauf und bringt das Schiff in seine Gewalt. Byam widersetzt sich trotz des guten Verhältnisses zu Christian aus Pflichtgefühl der Meuterei. Christian setzt Bligh mit Proviant in einer Barkasse aus und einige loyale Männer, einschließlich John Fryer, folgen Bligh. Christian und einige Männer, darunter der internierte Byam und Ellison, kehren mit der Bounty nach Tahiti zurück, wo Christian sich mit Byam versöhnt. Als ein englisches Schiff gesichtet wird, fahren Christian und einige weitere Männer und Frauen mit der Bounty weiter auf die unbewohnte und unentdeckte Insel Pitcairn, wo sie die Bounty verbrennen. Byam, Ellison und andere bleiben gegen die Warnung Christians zurück.

Das Schiff, an Bord auch Bligh, bringt die Zurückgebliebenen als Gefangene nach England. Roger Byam wird vorerst zum Tode verurteilt, dann aber durch ein Gnadengesuch des Königs gerettet. Er wurde zuerst von Sir Joseph Banks, einem adeligen Wissenschaftler gestellt. Byam heuert auf neuen Schiffen an.

Zuvor waren die Männer im Boot starken Entbehrungen ausgesetzt. Bligh zeigte sich von seiner fürsorglichen Seite und steuerte das Boot bis Timor. Bligh tritt dann als Zeuge im Prozess gegen die der Meuterei Angeklagten auf.

Rezension

Nachdem wir gerade mit Seefahrern zugange waren („The Pirate“ und „Schiffe versenken“) und uns derzeit intensiv mit US-Filmen der 30er und 40er Jahren befassen, um über sie für den Wahlberliner zu schreiben, kommen wir zum zweiten großen Seeabenteuer des Jahres 1935. Das andere, „Captain Blood“, haben wir bereits für den Wahlberliner rezensiert. Beide Filme sind heute Klassiker. Beide beschäftigen sich damit, wie Männer sich verhalten, die ungerecht behandelt, gedemütigt, ihrer Würde beraubt werden.

In beiden Filmen beschließen sie, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen – auf unterschiedliche Weise. Eines unterscheidet das Seeabenteuer „Captain Blood“ grundsätzlich von der „Meuterei auf der Bounty“: Ersterer war der erste große Tonfilm des Swashbuckler-Genres und ein Vorbild für viele weitere, oft sehr fantasievolle Abenteuerfilme in Piratenkostümen, während die „Bounty“ eine zu ungewöhnliche Handlung mit einer zu speziellen Konstellation an Charakteren hat, um Role Model für ein unterhaltsames Genre werden zu können.

Sie kann dafür eine prototypische Situation vorweisen, in der Gehorsam gegen Freiheit steht, Pflicht gegen Menschlichkeit. Ein Thema von ewiger Relevanz, in vielen Kriegs- und Militärfilmen angesprochen, 1935 von besonderer Aktualität. Als wolle man schon darauf hindeuten, was kommen würde, wird mehrmals „Rule Britannia“ intoniert: Britains never shall be slaves ist der Kernsatz dieses Liedes, das den Stolz des Empire und wiedergibt – und gewissermaßen auf den Kampf der Demokratien gegen die Diktaturen hindeutet, der vier Jahre später losbrechen sollte.

Figuren

Captain Bligh, der grausame Diktator und mutige Seemann

Dieser Mann, verkörpert vom großen Charles Laughton, ist ein Ausbund von Unmenschlichkeit. Er lässt seine Männer für nichts prügeln, kielholen, in die Wanten schicken. Er lässt Nahrungsmittel verschwinden und hält von niemandem etwas – außer von sich selbst. Ein riesiges Ego steuert ein gewagtes Unternehmen mit wissenschaftlichem Hintergrund in den Untergang. Auslöser der Katastrophe ist ausschließlich Blighs Verhalten – nachdem der den Lt. Fletcher Christian (Clark Gable)eine Untersuchung nach Heimkehr des Schiffes vornehmen lassen will, provoziert er diesen so sehr, dass der Erste sich zusammen mit der Mehrheit der Besatzung zur Meuterei entschließt. Bligh wird in ein Boot gesetzt und einige Getreue fahren mit ihm in der Nussschale über die stürmische See.

Hier geschieht etwas Verblüffendes. Blighs hervorragende Seemannsfähigkeiten und sein starker Wille sorgen dafür, dass dieses Häuflein Männer tatsächlich Timor erreicht, dort an Land geht, zurück nach Großbritannien fahren kann. Während dieser beinahe unmöglichen Seefahrt zeigt Bligh ein anderes Gesicht. Fürsorglich und selbstlos, aufopferungsvoll geradezu.

In diesem Teil der Handlung schafft es der Darsteller Charles Laughton tatsächlich, dass wir Bligh nicht nur Bewunderung zollen, sondern etwas wie Sympathie empfinden und die Meuterei tatsächlich als Verrat, nicht als notwendige Konsequenz aus Blighs Umgang mit den Menschen an Bord, mit denen er so lange unterwegs war.

Das ist in der Tat seltsam. Eine Gefahrengemeinschaft war auch die Besatzung der Bounty bereits, schließlich handelte es sich hier nicht um eine Routinefahrt ins Mittelmeer, sondern um eine Expedition auf den Spuren des großen Captain Cook, deren Dauer auf zwei bis drei Jahre veranschlagt war – für einige Besatzungsmitglieder wird sie lebenslang andauern. Doch auf der Bounty denkt Bligh strikt hierarchisch und nur in Disziplinkategorien, als müsse er die Zivilisation beständig gegen ein Ensemble von wahren Monstern verteidigen. Das hat psychopathische Züge, war aber nach damaligen Führungsregeln in der britischen Marine offenbar möglich, ohne dass eine übergeordnete Instanz im Normalfall eingegriffen hätte.

Dieser Bligh ist nicht etwa eine absolute Ausnahmeerscheinung – die Machtausübung war damals lediglich absoluter, als sie es in heutigen Arbeitsverhältnissen sein kann. Man geht davon aus, dass auf höheren Führungsebenen bis zu 25 % aller Männer psychopathische Persönlichkeitselemente vorweisen und oft gerade dadurch aufsteigen können. Bligh ist, das erfahren wir schon zu Anfang, kein gebildeter Mensch, entstammt nicht, wie die Offiziersanwärter Byam, Stewart und Hayward und auch Fletcher Christian, einer höheren Gesellschaftsschicht. Er hält sich etwas darauf zugute, was er ohne einen solchen Hintergrund erreicht hat. Man fühlt unweigerlich, dass man einen kleinen Hitler zur See vor sich hat, auch wenn man den Gedanken nicht mag. Dies besagt auch, gemäß heutiger Mehrheitsmeinung, dass ein Bligh nicht geisteskrank war, sondern nur eine extreme, hasserfüllte und auf eine Weise rassistische Persönlichkeit aufwies. Er verwendet seine Position, um Menschen bis zum Tod zu quälen.

Was zu Beginn des Films noch eine schrullige Note hat, etwas mit Dialogen wie diesem:

Captain William Bligh: What’s your name?
Seaman Thomas Ellison: Thomas Ellison, sir. Pressed into service. I’ve got a wife, a baby!
Captain William Bligh: I asked your name, not the history of your misfortunes”,

entwickelt sich im Verlauf zu einer Gefahr für jeden Mann der Besatzung. Der Lt. spricht es aus:

Lt. Fletcher Christian: He doesn’t punish men for discipline. He likes to see men crawl.”

„Byam: I don’t try to justify his crime, his mutiny, but I condemn the tyranny that drove ‚im to it. I don’t speak here for myself alone or for these men you condemn. I speak in their names, in Fletcher Christian’s name, for all men at sea. These men don’t ask for comfort. They don’t ask for safety. If they could speak to you they’d say, „Let us choose to do our duty willingly, not the choice of a slave, but the choice of free Englishmen.“ They ask only the freedom that England expects for every man. If one man among you believe that – *one man* – he could command the fleets of England, He could sweep the seas for England. If he called his men to their duty not by flaying their backs, but by lifting their hearts… their… That’s all.“

Wer sich vergegenwärtigt, welch ein hohes Gut Freiheit und innere Würde sind und wie sie in der Welt immer wieder erkämpft werden müssen, sieht sich als jemand, der diese Werte kennt oder in ihrer Verwirklichung leben möchte, zwangsläufig in Konfrontation mit allem, was Captain Bligh verkörpert.

Umso verblüffender ist die erwähnte Wandlung des Captain Bligh im Boot. Mag sie nur Mittel zum Zweck sein, um keine weiteren menschlichen Ressourcen zu vergeuden, untersteht der plötzlich so humane Umgang mit den Getreuen nur dem gedanklichen Hintergrund, sich durchzubringen, um Rache an den Meuterern üben zu können? Wir meinen – ja und nein. Natürlich ist, wie wir später wieder sehen, Bligh ein fanatischer Rächer, der noch einmal ein Schiff opfert, als er die Bounty jagt, und trotz seiner unbestreitbaren seemännischen Fähigkeiten auf ein Riff aufläuft. Aber er hat wohl auch einen Sinn für Gefolgschaft und Loyalität, der an Bord der Bounty aberwitzige Blüten treibt, in dieser Barkasse jedoch eine Wendung hin zu einer Form von positiver Energie findet und ganz natürlich wirkt. Wir sitzen alle im selben Boot, das gilt hier uneingeschränkt, während die Bounty noch groß genug war, um separatistischem und hierarchischem Denken Raum zu geben.

Im letzten Teil des Films, während der Suche nach der Bounty, dann vor dem Seegericht der Britischen Admiralität, ist er wieder ganz der bornierte Alte, der alle hängen sehen will, die sich gegen ihn gestellt haben und verliert die Sympathie wieder, die er sich zwischenzeitlich durch seinen heroischen Kampf ums Überleben verdient hat – die Bewunderung für seine Fähigkeiten ebenfalls, in dem Moment, in dem er die Fregatte „Pandora“, mit welcher er das Meuterschiff verfolgt, auflaufen lässt. Wir meinen, das war so gedacht – die schlussendliche Bewertung dieser Figur und ihres Charakters sollte negativ sein.

Fletcher Christian, der Offizier und integere Rebell

Der Widersacher des hässlichen, gedrungenen Bligh bringt alles mit, was ihn sogleich als Held der Erzählung avisiert: Er wird vom damaligen MGM-Superstar Clark Gable gespielt, welcher der Rolle des gleichermaßen erfahrenen wie humanen Seemanns eine angemessene Statur verleiht und eine ähnliche Glaubwürdigkeit erzielt wie Laughton in der Rolle des Captains. Die eine wie die andere Rolle sind wohl etwas pointiert angelegt, Christian wirkt für damalige Seeverhältnisse und für einen erfahrenen Offizier vielleicht eine Spur zu nett gegenüber der Mannschaft, zu kumpelhaft.

Doch aus dieser Auffassung seiner Pflicht, nämlich dafür zu sorgen, dass die lange, gefährliche Seereise für alle so angenehm wie möglich verläuft, der zwar Männer zum Dienst in der Marine presst, ohne auf deren Privatleben Rücksicht zu nehmen, weil es ihm so befohlen wurde, dann aber alles tut, um diesen Männern ein Gefühl von Gemeinschaft zu vermitteln, aus dieser Aufstellung lässt sich seine Meuterei gut nachvollziehen. Er entschließt sich zum Aufstand, als im Bauch des Schiffes mehrere Männer angekettet bei lebendigem Leib verrotten, vom Captain dafür bestraft, dass sie auf Tahiti nicht sogleich auffindbar waren, als der Landurlaub der Mannschaft vom Kapitän offiziell für beendet erklärt wurde.

Allerdings hat Christian auch eine persönliche Motivation, nachdem Bligh ihn mehrfach vor der Mannschaft gedemütigt und ihn sogar des Diebstahls an Nahrungsmitteln bezichtigt hat – es handelt ich um die Wiederholung eines ähnlichen Vorfalls auf der Hinreise, der Bligh selbst in Verdacht gebracht hat, nicht zu Unrecht, er gibt es gegenüber Christian in einem Vieraugengespräch zu. Der versucht zu dealen – mehr Gerechtigkeit und Nachsicht an Bord gegen ein Auge zudrücken gegenüber diesen offenbar routinemäßigen Diebstählen. Doch Bligh ist zu borniert, um darauf einzugehen.

Die Ereignisse auf Tahiti dürfen als Auslöser der Meuterei ebenfalls nicht unterschätzt werden. Christian erlebt dort Romantik, ja Liebe, und dieses ungezwungene Leben, die Zugewandtheit eines Naturvolkes dem Leben gegenüber und im Inselchef Hiti-Hiti einen Anführer von so ganz anderer Art als Bligh, der dennoch große Autorität hat und es sogar schafft, Bligh Grenzen zu setzen, indem er für Christian Landurlaub erwirkt. Bligh wollte diesen aus reiner Schikane an Bord behalten, während alle anderen sich auf der Palmeninsel vergnügen durften. Das Gute und Schöne, das ihm auf Tahiti widerfährt, lässt Christians inneren Widerstand gegen den sinistren Kapitän noch einmal anwachsen, als dieser ihn wieder triezt, kaum, dass Christian auf die Bounty zurückgekehrt ist – und hat vielleicht seinen Mut genau in dem Maß gestärkt, wie es notwendig war, um der Schinderei seitens des Alten ein Ende zu setzen.

Er riskiert dafür, niemals nach England zurückkehren zu dürfen und im zweiten Teil des Films geht er zunächst nach Tahiti, von wo aus er mit einigen Getreuen wieder in See sticht, als Blighs Fregatte am Horizont aufkreuzt. Er landet auf Pitcairn, einer damals noch unentdeckten Insel. Auch dieser Part ist historisch: Die Pitcairn-Meuterer gründeten mit einigen tahitianischen Frauen eine Kolonie, zeugten Kinder und von ihnen gibt es bis heute lebende Nachkommen.

Der junge Seekadett Roger Byam

Franchot Tone war der dritte Bounty-Darsteller, der 1936 für den Oscar nominiert wurde und erreichte mit diesem Film schnellen Starruhm. Dieser sanfte, edle und – wie man im Verlauf sieht – gegenüber der Obrigkeit genau in dem Maß, in dem er es persönlich verantworten kann, loyale Charakter ist sozusagen ein Transmissionsriemen zwischen den wuchtigen Persönlichkeiten Bligh und Christian, der die Verbindung mit den „normalen Menschen“, also zu uns als Zuschauern, herstellt. Er ist sympathisch und ein guter Freund, setzt sich damit von schnöselhaften und als verjüngte Ausgaben von Bligh gezeigten Mitkadetten wie Stewart ab und bleibt doch der Meuterei fern, obwohl er einer der ersten war, welcher den Zorn des Kapitäns zu spüren bekommen hat, als er wegen einer Nichtigkeit von diesem in die Rahen geschickt wird – für eine ganze Nacht und während eines Sturmwetters.

Durch die Umstände wird er allerdings an die Seite Christians gezwungen und auf Tahiti versöhnen sich die beiden nach einer Zeit wieder – Byam in dem Bewusstsein, nichts Unrechtes getan zu haben. Dass Bligh ihn dennoch verhaften lässt und dafür sorgt, dass er vors Kriegsgericht kommt, führt am Ende zu jener berühmten Ansprache an die Admiraität, die unter anderem zu einem veränderten Reglement auf britischen Kriegsschiffen führt. Wir wiederholen den Text hier noch einmal, weil er exzellent verfasst ist:

“Byam: I don’t try to justify his crime, his mutiny, but I condemn the tyranny that drove ‚im to it. I don’t speak here for myself alone or for these men you condemn. I speak in their names, in Fletcher Christian’s name, for all men at sea. These men don’t ask for comfort. They don’t ask for safety. If they could speak to you they’d say, „Let us choose to do our duty willingly, not the choice of a slave, but the choice of free Englishmen.“ They ask only the freedom that England expects for every man. If one man among you believe that – *one man* – he could command the fleets of England, He could sweep the seas for England. If he called his men to their duty not by flaying their backs, but by lifting their hearts… their… That’s all.“

Byam wird trotz dieser empathischen Worte verurteilt, aber aufgrund Fürsprache einflussreicher Verwandter begnadigt. Von allen Männern auf der Bounty hat er das glücklichste Schicksal. Er kommt wieder auf ein Kriegsschiff und bringt es in der britischen Flotte bis zum Kapitän.

Die realen Charaktere

Eine Zuspitzung ist wichtig, um Prinzipien aufzeigen zu können, die Wirklichkeit der Vorfälle auf der Bounty und der anschließenden Schicksalswege der Besatzungsmitglieder gibt der Film von 1935 offenbar bis auf kleinere Abweichungen gut wieder – doch gerade dort, wo es wichtig ist, werden differenzierende Ansätze vermieden. Bligh, in Wirklichkeit erst 33 Jahre alt, als die hier beschriebene Fahrt der Bounty begann, war wohl nicht ganz so terroristisch veranlagt, wie der Film ihn zeigt, und er war in England einer Rufmordkampagne insbesondere seitens des Bruders von Fletcher Christian, dem Rechtsanwalt Edward Christian, ausgesetzt. Es gibt viele Aufzeichnungen von Bligh und Gegendarstellungen aus dem Umfeld der Meuterer, die eingehendes Studium erfordern, um eine fundierte Bewertung  der Menschen und der Umständen an Bord der Bounty vornehmen zu können. Dass es zwischen den Tahitianern und den Bounty-Besatzungsmitgliedern nicht so ausschließlich freundlich zugegangen war, wie im Film gezeigt, gilt als erwiesen.

Die übrigen Figuren

Man hat das Gefühl, beinahe jeder der Seeleute auf der Bounty wurde als Charakter gewürdigt, dann gibt es noch den Arzt und den Wissenschaftler, der die Brotbäume zu betreuen hat. Regisseur Frank Lloyd hat all diese Menschen so inszeniert, dass sie uns in Erinnerung bleiben, lebendig und voller Individualität im Rahmen dessen, was ihre jeweilige Spielzeit erlaubt. Was die Bounty antreibt und ihre Menschen umtreibt, wird durch jene Darstellungen sehr gut nachvollziehbar.

Interessant ist auch die überaus positive Darstellung der Kultur auf Tahiti, die geradezu als naiver Gegenentwurf zur zivilisierten, oft repressiven und gewalttätigen Welt Großbritanniens gezeigt wird. Statur gewinnen Häuptling Hiti-Hiti und die beiden Frauen, die sich in Fletchter Christian und Roger Byam verlieben.

Tehani wird dargestellt von Movita Castenada, damals erst 18 Jahre alt, die später eine langandauernde Liebesbeziehung mit Marlon Brando hatte – dem Christian Fletcher der nächsten großen Bounty-Verfilmung aus 1962. Die Bounty hat also auch im realen Leben eine Bedeutung für Mitwirkende verschiedener Filmversionen gehabt, auch wenn sich Castenada und Brando während der Dreharbeiten zu „Viva Zapata!“ (1951) kennen gelernt hatten.

Drei Akte eines Dramas

Etwa die Hälfte des Films ist der Entwicklung der Dinge an Bord der Bounty bis zum Beginn der Meuterei gewidmet, eingeschlossen ist der erste Besuch der Mannschaft auf Tahiti, den Bligh übrigens nicht mitmacht – was wiederum ein Licht auf seinen den Freuden des Lebens abholden Charakter wirft.

Diese Hälfte ist nach damaligen Maßstäben bereits ein ganzer Spielfilm. Wäre nach dem Aussetzen von Bligh Schluss gewesen, hätte er die damals übliche Länge von ca. 70-80 Minuten gehabt. Dieser Teil ist hervorragend getimt. Anhand einer Landkarte, die immer wieder eingeblendet wird und zeigt, welchen Weg die Bounty zwischen zwei Sequenzen gefahren ist und damit, wo sich signifikante Ereignisse zutragen, ist man als Zuschauer immer orientiert. Möglich war das aufgrund der genauen Aufzeichnungen von Captain Bligh über die Fahrt der echten Bounty.

Dramaturgisch passt hier alles, viele Ereignisse an Bord lassen Freundschaften und Feindschaften entstehen oder vertiefen diese – wir erfahren, dass Bligh Christian sogar angefordert hat, weil er dessen Fähigkeiten schätzt, obwohl er auch ihn niemals vor der Mannschaft positiv behandelt, dass Christian aber nicht gerne unter des andern Kommando fährt. Dieser frei von der Leber sprechende, also sehr amerikanisch gezeigte Offizier, sagt dem Kapitän dies auch ins Gesicht.

Alles wird prototypisch durchgespielt: Sturm und Flaute, schöne Momente und die vielen anderen, in denen Bligh an seiner Absetzung arbeitet. Die Meuterei als Klimax ist nicht unbedingt zwangsläufig, aber sehr nachvollziehbar.

Dann aber teilen sich die Schicksale – und wechselt die Inszenierung in die Barkasse. Sie zeigt für mehr als zehn Minuten nur noch, wie Captain Bligh diese Nussschale durch die Südsee zu einer holländischen Besitzung auf Timor steuert. Aus heutiger Sicht halten wir das für nicht unproblematisch, denn unweigerlich baut sich eine Verbindung des Zuschauers mit Bligh auf, die mit Christian hingegen geht verloren. Die meisten Menschen haben in ihrem Leben einmal ein Gefühl von hilflos ausgesetzt sein kennengelernt, und für dieses Gefühl bietet Bligh, wie er das Unmögliche möglich machen will, nämlich im letzten Moment ein rettendes Ufer zu erreichen, eine hervorragende Projektionsfläche. Wir fiebern mit allen Menschen mit, die in Gefahr sind und heldenhaft gegen den Tod kämpfen. Der Film beschäftigt sich solange nur mit Bligh, bis dieser, am Ende seiner Kräfte, Land sieht.

Hätte man nach üblichem Verfahren, in dem immer wieder einmal zwischen den  Handlungssträngen gewechselt wird, diesen Vorgang  zwei- oder dreimal unterbrochen und gezeigt, was sich derweil auf der meuternden Seite der Besatzung zuträgt, wäre der Effekt nicht so massiv gewesen und die Distanz zu Bligh nicht so stark geschwunden.

Wir hatten danach Mühe, uns zum Beginn des dritten Aktes wieder bei Christian und den anderen auf Tahiti einzufinden. Auch da spielt unsere Sozialisierung unterschwellig eine Rolle – diese Männer haben ein Leben ohne Pflichten und Sorgen in einer Art von sich selbst generierendem Überfluss, während Bligh für die hart an einem auskömmlichen Leben arbeitende Normalbevölkerung steht. Hier werden gängige Erzählschemata, die im Hollywoodfilm den Zuschauer auf Kurs halten, gebrochen, und man hat den Eindruck, diese Durchbrechung ist nicht etwa Absicht, sondern nicht reflektiert.

Hinzu kommt, dass der Film während der Tahiti-Sektion und bis zum Aufbruch nach Pitcairn erheblich an Fahrt verliert – erst zum Finale mit der Flucht der Bounty vor der Pandora und mit der Seegerichtsverhandlung, bei der mit dem Kapitän und späteren Admiral Nelson ein besonders bekannter und demgemäß besonders intelligent nachfragender Mann in der Jury sitzt, nimmt der Film  nach einer Flaute-Phase wieder volle Fahrt auf und gewinn die furiose und packende Erzählweise wieder, die er bis zum Meuterei-Ereignis hatte.

Auf der Höhe der Zeit – nicht, was die Ausstrahlung betrifft

Für einen Film aus 1935 ist „Meuterei auf der Bounty“ aber fraglos ein sehr gut inszenierter Film, auch wenn die umfangreiche Handlung nur mit Mühe bewältigt werden konnte. Technisch ist er in Ordnung – mehr leider deshalb nicht, weil wir nur die Kopie beurteilen können, die wir gesehen haben, und die leidet unter der zu starken digitalen Verpixelung. Diese Art der Verbreitung für eine offenbar nicht restaurierte Version zu verwenden, führt zu einer künstlichen Anmutung der Bilder, die wir in manchen Szenen ärgerlich finden, weil sie vor allem dort für Verwischung von Kontrasten sorgt, wo der Film ohnehin nicht perfekt gefilmt ist – bei den Außenaufnahmen, insbesondere bei stürmischem Wetter (die Sequenz, die Blighs Fahrt nach Westindien zeigt, ist sowieso unter Einsatz einer Rückprojektion gedreht).

Wir hätten die ARD, wenn sie solche Klassiker zeigt, schon den Wunsch, dass die Ausstrahlung adäquate Qualität aufweist. Die spätnächtliche Vorstellung mit reduzierter Datenmenge wirkt lieblos und lückenfüllend. Eine Zeitlang war das nervender Standard, aber heute ist man doch im Grunde ein Stück weiter und bringt alte Filme mit wesentlich besserer optischer Aufbereitung auf den Bildschirm.

Die Originalfeatures sind geprägt von einer für die Verhältnisse der Kinoära umfangreiche und mit viel Wasser inszenierte Trick- und Actiontechnik, die Kamera erlaubt sich den einen oder anderen Topshot auf das Deck der Bounty und die Massenszenen auf Tahiti sind eine – immer gemessen an den Verhältnissen der Zeit – gut gelungene Mischung aus Vordergrundszene und Rückprojektion. Die 1962er Version der „Meuterei auf der Bounty“ wurde dann tatsächlich überwiegend auf Tahiti gefilmt, was den Film für damalige Verhältnisse ungeheure 19 Mio. US-$ kosten und ihn trotz guter Einspielergebnisse zu einem wirtschaftlichen Misserfolg werden ließ.

Als Individualstil zu interpretierende Merkmale konnten wir bei Regisseur Fran Lloyd nicht erkennen, allerdings hat er das typisch Britische, das den Film stellenweise prägt, gut eingefangen – was ihm als gebürtigem Schotten nicht schwergefallen sein dürfte. Zur Authentizität trägt natürlich noch mehr der Yorkshireman Charles Laughton bei.

Der Film in der Zeit, in welcher er spielt, in welcher er gedreht wurde – und heute.

Während der Zeit, in welcher die Bounty unterwegs war, möglicherweise im selben Jahr, in welchem die Meuterei stattfand, geschah etwas, von dem die Mannschaft vermutlich mangels Kontakt zur Außenwelt keine Kenntnis hatte: In Franrkreich stand das Volk gegen König Ludwig XVII und die verhasste Königin Marie Antoinette auf und der Schrei nach Freiheit und Gleichheit entlud sich in einer blutigen Revolution.

Die Parallelität der Ereignisse und die Möglichkeit, das große Weltereignis mit einem Vorgang in kleinerem Maßstab gleichzusetzen, haben zweifelsohne zur Verklärung geführt, indem man die Meuterei als Aufstand der Unterdrückten gegen ein repressives Regime gedeutet hatte. So zeigt auch der Film das Geschehen und diese Sichtweise hatte 1935 durchaus wieder eine Relevanz.

Waren noch um 1900 die industrialisierten Länder mehr oder weniger demokratisch, konstituive Monarchien oder Mischformen wie in Deutschland, hatte sich inzwischen eine Teilung vollzogen – immer mehr diktatorische Regime waren an die Macht gelangt (Deutschland, Italien, in Spanien zeichnete sich der Bürgerkrieg ab, der zum gleichen Ergebnis führen sollte). Die Demokratien waren zu Recht beunruhigt über die Entwicklung und so hat der Film natürlich auch eine Bedeutung im Kontext seiner Entstehungszeit, weil er ein Bekenntnis zur Freiheit der Briten ist. Damals hat allerdings wohl kaum jemand vermutet, dass sich dieses Bekenntnis so rasch einer Prüfung würde unterziehen müssen, als 1939 der Zweite Weltkrieg begann. Der Film, wäre er ein paar Jahre später entstanden, hätte auch als Propaganda-Vehikel getaugt.

Das Duell zwischen Freiheit und Unterdrückung ist bis heute aktuell geblieben, auch wenn sich mancher Parameter verändert hat. So ist zum Beispiel sehr auffällig, dass Länder oft dann ökonomisch erfolgreich sind, wenn sie die Freiheit ihrer Bürger in recht engen Grenzen halten und damit fordern sie die alten oder neueren Demokratien heraus. Armut kann nicht mehr gegen Freiheit gestellt werden, als ob das Erreichen der Freiheit Garant für die Beseitigung aller wirtschaftlichen Not wäre – im Jahr 1787 war dies noch viel ursächlicher zusammenhängend, dass nur die wenigen in gewisser Weise freien und unabhängigen Angehörigen der Oberschicht auch die Vorzüge materieller Gutstellung genießen konnten. Sträflinge und arme Leute hingegen waren jene, die zur See fuhren, um sich ernähren zu können, manche gewannen wenigstens die Freiheit vom Galgen.

Fazit

„Meuterei auf der Bounty“ ist großes Kino in allen seinen Aspekten, hat eine ungewöhnliche, gleichwohl auf wahren Begebenheiten fußende Handlung und ist erstklassig gespielt. Vor der Ära des psychologisierenden Kinos wird hier einfach nur eine Ansammlung prägnanter Charaktere gezeigt, deren Ausstattung die Geschichte vorantreibt. Dass es zu einer Meuterei kommen wird, besagt schon der Titel des Films, aber wie ein solcher Aufstand entstehen kann, obwohl er für die Beteiligten dramatische Konsequenzen zeitigen muss, darauf kommt es an. Dieser Part ist exzellent ausgeformt und die später im Film auftretenden Durchhänger trüben den Gesamtgenuss nur wenig.

Im Film wird gezeigt, wie Weihnachten in England und auf Pitcairn stattfindet, in der Heimat der Seeleute, in denen sich Menschen nach ihren fernen Angehörigen sehnen – und bei den Meuterern, die nie wieder England betreten werden. Einen Weihnachtsbaum, wie im Film gezeigt, gab es Ende des 18 Jahrhunderts allerdings in England nicht, diese Tradition kam erst durch die Vermählung der jungen Queen Victoria mit dem deutschen Prinzgemahl Albert um 1840 ins Vereinigte Königreich.

86/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Frank Lloyd
Drehbuch Talbot Jennings,
Jules Furthman,
Carey Wilson
Produktion Albert Lewin,
Irving Thalberg
Musik Herbert Stothart u. a.
Kamera Arthur Edeson
Schnitt Margaret Booth
Besetzung
Crew der Bounty

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