Heilig sollt ihr sein! – Polizeiruf 110 Fall 385 #Crimetime Vorschau 03.05.2020, DAS ERSTE, 20:15 Uhr #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Lenski #Raczek #RBB #Brandenburg #Polen #heilig

Crimetime Vorschau - Titelfoto © RBB, Arnim Thomaß

Die 16-jährige Larissa, die ihren Eltern fest versichert noch Jungfrau zu sein, ist im neuesten Polizeiruf 110 „Heilig sollt ihr sein!“ schwanger. Als sie unter dramatischen Umständen stirbt, werden die Hauptkommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) mit der Aufklärung der schier unglaublichen Tat beauftragt …

So startet die Redaktion von „Tatort Fans“ in die Beschreibung der neunten Zusammenarbeit zwischen Olga Lenski und Adam Raczek beim polnisch-deutsche Kommissariat in Swiècko. Es wird allerdings einer der letzten Filme mit diesem Ermittlerpaar sein, denn Maria Simon, die Darstellerin von Olga Lenski, wird 2021 aufhören. Immerhin zehn Jahre hat lang hat sie dann den RBB-Polizeiruf geprägt. Das ist durchaus eine Zeit, zumal sie mit der langen Karriere von Polizeimeister Krause veknüpft ist (2000 bis 2015) und die Polizeiruf-Polizist*innen der Nachwende-Ära bisher nicht ganz so episch unterwegs sind wie einige Tatort-Teams, die es mittlerweile auf ca. 30 Jahre bringen (Odenthal / Batic und Leitmayr). Die Bestmarke ab 1990 halten beim Polizeiruf die Hallenser Kommissare Schmücke und Schneider (16 Jahre Dienstzeit, 50 Fälle).

Wie aber steht es mit dem Film? Die zwei Stimmen der Redaktion von Tatort Fans empfindet ihn als grenzwertig bzw. doch gut gemacht, mit Empfehlung, dem 385. Polizeiruf eine Chance zu geben.

Der Film scheint auch eine Art Thesen-Tatort zu sein: Ist die Bibel Propaganda oder ist Glaube Glaube? Klar, welche der beiden Ermittlerpersonen dazu welche Ansicht vertritt, denn Adam Raczek kommt aus Polen und Olga Lenski ist ein Gewächs des weitgehend glaubensbefreiten deutschen Ostens. Aber würde in einem Film, den auch der SWR3-Tatortcheck als irritierend bezeichnet, eine Drehung der Klischees nicht für noch mehr Kopfzerbrechen bei den Zuschauern sorgen? Hoffentlich löst sich am Ende die Sache mit der unbeflekten Empfängnis noch irgendwie rational auf. Trotzdem es heißt, der Film sei nicht so leicht zu ertragen, vergibt der „Check“ vier von fünf Elchen. Wir leben aber auch in Zeiten, in denen vieles nicht so leicht zu ertragen ist. Vielleicht passt das alles ganz gut, der Glaube spielt ja nun tatsächlich bei medizinischen Tatbeständen eine wichtige Rolle.

„Gottes Nerd und Teufels Beitrag Der Mörder, der als Heiliger verehrt wird: Das deutsch-polnische „Polizeiruf“-Team jagt einen selbst ernannten Propheten. Krimi-Trip in den christlichen Fundamentalismus“, schreibt Christian Buß im Spiegel über den Film. Er vergibt 6/10 und bemängelt unter anderem die Glaubwürdigkeit der Krimihandlung. So sehr wir Buß schätzen: Wieso gerade bei diesem Film eine solche Erwähnung? Es gab im Jahr 2020 noch keine fünf Tatorte mit einer halbwegs glaubwürdigen Krimihandlung, über die Probleme bei allen übrigen hat die Kritik des Leitfeuilletons bisher großzügig hinweggesehen und wir kamen uns immer wieder mal wie Korinthenkacker vor, wenn wir Plotfehler und mangelhafte Logik in der Form, festgemacht an einzelnen Tatbeständen oder Handlungselementen, bemängelt haben, wie Buß es hier tut. Sogar mit einer eigenen Zwischenüberschrift („Und weggeweht ist die Glaubwürdigkeit„).

„(…) ist der Film ein nur teilweise gelungener Versuch, das Thema Glauben und religiöser Wahn in einer Krimi-Reihe zu verarbeiten. Interessant und von Tom Gronau überzeugend gespielt ist die Täterfigur, aber unglaubwürdig bleibt die zentrale Geschichte doch. Auch trüben Unstimmigkeiten in der Inszenierung und der überfrachtete Plot den Eindruck“, schreibt Thomas Gehringer in Tittelbach TV. Wieder also die Glaubwürdigkeit, wobei mit Glaubwürdigkeit ausgerechnet bei einem religiösen Thema die Ansprache der Ratio an den Plot gemeint ist. Es kommt zu 3,5/6 Sternen. Dass der Plot überfrachtet ist, scheint ebenfalls mehrere Kritiker zu beschäftigen.

Die tatsächlich immer recht kritische Filmstarts-Redaktion hat dieses Mal gar nicht rezensiert, fragen wir gleich den Stern, ob sich das Einschalten lohnt: Absolut, heißt es da, denn der Krimi sei an Emotionalität nicht zu überbieten. Wir haben ja unsere eigenen Auffassungen darüber, was berührend ist und wo hemmungslos übertrieben wird und das Ganze doch hohl wirkt, aber wir wollen nichts präjudizieren. Außerdem haben wir das Glück, dem Glauben gegenüber mehr oder weniger neutral eingestellt zu sein: Solange er nicht auf Fanatismus, Exzeptionalismus und darauf, andere zu missionieren, hinausläuft, darf nach unserer Meinung jeder glauben, was er will, wir sind auch noch Mitglied einer christlichen Kirche, haben uns also nicht „losgesagt“. Es ist aber nicht die in Polen überwiegende Konfession.

Auf einer Ebene müssen wir leider alle auf den Stammvater Abraham rekurrierenden Religionen kritisieren, weil sie dazu verwendet werden, Unfrieden in die Welt zu tragen: Das Ding, dass es nur einen richtigen Glauben gibt. Das lässt sehr tief in unsere seelischen Abgründe blicken und sich auf ganz viele anderen Felder übertragen. Nun sind wir aber wirklich gespannt, ob der Film suggeriert, es sei zu einer Schwangerschaft ohne vorausgehenden Sex gekommen. Am Sonntagabend, gegen 21:45 Uhr, werden wir’s wissen.

Kleiner Nachtrag: Der Film wurde von Rainer Kaufmann inszeniert, dem wir den hervorragenden München-Polizeiruf „Nachtdienst“ mit Matthias Brandt als Ermittler von Meuffels verdanken – es kommt aber nach unserer Erfahrung bei Filmen der Reihen Tatort und Polizeiruf mindestens so sehr auf das Drehbuch an wie auf die Regiekünste. Also zu Autor Hendrik Hölzemann. Wir hatten kürzlich den ersten Tatort des neuen Saar-Teams „Das fleißige Lieschen“ rezensiert, zu dem Hölzemann ebenfalls das Skript beisteuerte. Da kamen wir auf 8/10.

Handlung

Die 16-jährige Larissa Böhler ist ungewollt schwanger. Ihre Eltern, Nikola und Simon Böhler, sind hilflos und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Larissa schweigt zur Frage, wer der Vater des Kindes ist. Die Ärzte diagnostizieren eine Trisomie 18 und gehen davon aus, dass das Kind mit schwersten Behinderungen auf die Welt kommen wird, einen Abbruch aber will niemand in Polen vornehmen. Larissa ist verzweifelt und entscheidet sich eines Nachts ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ein fremder junger Mann, Jonas Fleischauer, taucht scheinbar zufällig auf der Brücke auf, er selbst nennt sich Elias. Ihm gelingt es, Larissas Verzweiflungstat zu verhindern.

Larissa kommt in ein Krankenhaus in Frankfurt (Oder), wo ein Spätabbruch der Schwangerschaft durchgeführt werden soll. Von Wahnvorstellungen getrieben, gelingt es Jonas, sich in den OP zu schleichen: Er fühlt sich dazu berufen, das Leben des ungeborenen Kindes zu retten. Er schneidet wie ferngesteuert, in dem festen Glauben, etwas Gutes zu tun, Larissa das Baby aus dem Bauch. Als die Kommissare Olga Lenski und Adam Raczek an den Tatort kommen, schwebt die junge Frau in Lebensgefahr. Das Kind jedoch ist, entgegen aller Voraussagen, kerngesund, wofür auch der behandelnde Arzt, Prof. Delmen, keine medizinische Erklärung hat. Die Polizei startet mit Hochdruck die Suche nach Jonas Fleischauer. Die Nachricht des Gerichtsmediziners Marian, dass Larissa noch Jungfrau war, macht eine weltliche Erklärung nahezu unmöglich, wie kann das sein? Wer ist dieser Jonas? Die Ermittler setzen alles daran, Jonas zu finden und dem mysteriösen Fall auf den Grund zu gehen.

Adam wird zudem privat auf eine harte Probe gestellt: Nach fünf Jahren steht plötzlich seine Mutter Agnieszka vor der Tür und eröffnet ihm, dass sie schwer krank ist und nicht mehr lange leben wird. Adam will die religiöse Schicksalsergebenheit seiner Mutter nicht hinnehmen und gegen die Krankheit kämpfen – und zwar mit den Mitteln der modernen Medizin.

Besetzung und Stab

Hauptkommissarin Olga Lenski – Maria Simon
Hauptkommissar Adam Raczek – Lucas Gregorowicz
Inspektor Karol Pawlak – Robert Gonera
Komisarz Wiktor Krol – Klaudiusz Kaufmann
Polizeihauptmeister Wolfgang Neumann – Fritz Roth
Rechtsmediziner Dr. Marian Kaminski – Tomek Nowicki
Magda Fleischauer – Anna Grycewicz
ihr Sohn Jonas Fleischauer („Elias“) – Tom Gronau
Simon Böhler – Shenja Lacher
seine Ehefrau Nikola Böhler – Julia Krynke
die Tochter Larissa Böhler – Paraschiva Dragus
Jugendliche Sammy Fauler – Kyra Sophia Kahre
ihr Bruder Justin Fauler – Viktor Nilsson
Prof. Delmen, behandelnder Arzt von Larissa – Harald Schrott
Agnieszka Raczek, Mutter von Adam – Małgorzata Zajączkowska
Pater Anselm- Maciej Robakiewicz
u.a.

Drehbuch – Hendrik Hölzemann, nach einer Idee von Matthias Glasner
Regie – Rainer Kaufmann
Kamera – Klaus Eichhammer
Schnitt – Nicola Undritz
Szenenbild – Justyna Jaszczuk
Ton – Ludwig Bestehorn
Musik – Richard Ruzicka

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