Auskreuzung – Tatort 811 #Crimetime 681 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Auskreuzung

Crimetime 681 - Titelfoto © WDR, Willy Weber

Plötzliches Familiy-Business dank Gentechnik

Hat Max Ballauf nun, wie schon der eine oder andere Tatortermittler vor ihm, plötzlich einen Sohn, oder doch nicht? Wir fanden, diese Nebenhandlung gehörte zu den weniger notwendigen, die wir bisher in Tatortfolgen beobachten durften. Vielleicht hat es etwas mit dem Bild zu tun, das uns bisher von diesem Kommissar vermittelt wurde. Da war nichts von Anbindung und der Möglichkeit zu spüren, dass Ballauf für andere Verantwortung übernehmen könnte. Die Familie, die sich von ihm getrennt hatte, als er am Ende seiner Düsseldorfer Zeit unter Kommissar Flemming nach Kanada ging, kommt in den Kölner Folgen, die wir bisher rezensiert haben, nicht vor. Über diese Angelegenheit und über weitere Aspekte des Films steht mehr in der -> Rezension.

Handlung

Das Kühlsystem im renommierten »Kehrmann- Bredel-Institut für Pflanzenforschung« ist ausgefallen – eindeutig ein Sabotageakt, der einer jungen Labortechnikerin das Leben kostet. Doch weniger der Tod ihrer Kollegin als vielmehr der Verlust wertvoller Laborproben scheint den Institutsleiter Prof. Dr. Kaltenbruch und seinen Stellvertreter Dr. Rubner zu beschäftigen. Die beiden Hauptkommissare Ballauf und Schenk stoßen auf ein geradezu unmenschliches Klima unter den Wissenschaftlern. Der Leistungsdruck lässt jeden rücksichtslos nur an seine eigene Karriere denken – »kreative Konkurrenz«, so schwärmt die Führungsetage. Wer weiß, vielleicht hat jemand diesem Druck nicht mehr standgehalten?

Die Forschung mit genmanipulierten Tabakpflanzen für ein neues HIV-Medikament ist jetzt jedenfalls erstmal um Monate zurückgeworfen worden. Auch der Freiland-Versuch des ehrgeizigen Dr. Prangel wird torpediert, und zwar von militanten Gentechnik-Gegnern. Ob die selbst vor einem Mord nicht zurückschrecken würden? Freddy Schenk empört sich von Tag zu Tag mehr über die undurchsichtigen Methoden. Max Ballauf hat derweil ein ernsthaftes privates Problem: Der 14-jährige Sohn einer ehemaligen Freundin,Finn, hat sich bei ihm eingenistet. Während er sich um den jugendlichen Ausreißer kümmert, ermittelt sein Kollege Schenk schon wieder an einem neuen Tatort: Ein weiterer Mitarbeiter des Gentechnik-Instituts ist ums Leben gekommen.

Rezension

Für uns rüttelt diese nicht sehr ingeniös eingeflochtene Story mit dem möglichen Sohn Finn am sehr ausgefeilten Bild des einsamen Wolfes, das der WDR sonst so liebevoll pflegt. Mit der Haupthandlung, die sich mit Gentechnik befasst, ist diese zwischenmenschliche Geschichte höchstens insofern verbunden, dass Ballauf damit konfrontiert wird, dass sogar er seine Gene weitergegeben haben könnte. Am Ende will er das gar nicht wissen und verbrennt den Vaterschaftstest, den er heimlich in der Gerichtsmedizin hat anfertigen lassen.

Der mögliche Sohn ist zu dem Zeitpunkt schon wieder mit seiner Mutter abgereist und Ballauf spricht von einer Freiheit, die bleiben muss, als das Stück Papier in Flammen aufgeht. Das passt dann wieder zu dem Typ, der eine Bindung so weit wie möglich von sich weist. Hingegen erfährt man nicht, was aus seiner Flamme aus Folge 808 geworden ist. Aber da war ja auch schon so etwas Vages, das jede Entwicklung zulässt. Einzig die Sympathie, welche die Figur Ballauf erzeugt, verhindert, dass man dieses ewige Hin und Her als überzogen und nur noch als Ritual empfindet, Ende vorhersehbar, jedes Mal.

Es ist angerichtet. Die Befürchtung, dass ein Thema wie Gentechnik erst einmal doziert werden muss, damit das in der Regel nicht kundige Publikum einigermaßen im Bilde ist, dass dies der Natur der Sache gemäß sehr trocken wirkt und dadurch die Stimmung des gesamten Filmes genauso anmutet, ist leider nicht zu übersehen und vor allem nicht zu überhören.

Die Dramaturgie wirkt langsam, der ganze Film technokratisch. Das mag zum Naturwissenschaftler-Milieu in gewisser Weise passen, wer gute Spielfilme mag, wird damit weniger zufrieden sein können.

Ein Sonderlob gibt es allerdings für die nach dem Renommee und vermutlichen Gehalt der Wissenschaftler gestuften Ausformungen moderner Eigenheime, die, wie immer, Symbolik transportieren. Sogar stumme Fische werden als Lordsiegelbewahrer eingesetzt und man merkt, es muss nicht immer Tiefkühlkost sein.

Die Ausgewogenheit war den Machern wichtig. Was den Film zusätzlich belastet ist die Ausgewogenheit, die penible Darstellung des Pro und Kontra Gentechnik. Das macht es notwendig, jedwede Haltung von der Gegenhaltung kommentieren zu lassen. Jedes pointierte Statement in die eine oder andere Richtung wäre politisch nicht korrekt genug. Drehbücher für einen Tatort wie „Ausgrenzung“ zu schreiben, kann nicht wirklich Spaß machen, zu sehr wird die Handlung und werden die Figuren als Informationsgeber verwendet und auch missbraucht. Wäre eine andere, filmischere Darstellung drin gewesen? Wir meinen – ja.

Erstaunlich ist, dass einerseits die Welt der Wissenschaftler, die ja in diesem Fall etwas zwar Kommerzielles aber auch Gutes tun wollen, nämlich ein preisgünstigeres Medikament gegen die Auswirkungen von AIDS entwickeln, andererseits so kalt wirkt. Das mit dem Leistungsdruck wird schon stimmen, wie eben überall in der konkurrenzgetriebenen Wirtschaft, aber in diesem Betrieb nimmt die somnambul wirkende Jungwissenschaftlerin und Ex-Gentechnikgegnerin Lara wiederum eine Sonderstellung ein.

Anhand ihrer Figur lässt sich sehr wohl eine Positionierung der Tatortmacher erkennen – nämlich pro Gentechnik, solange sie sinnvollen medizinischen Zwecken dient und nicht darauf gerichtet ist, Currywürste und Pommes frites zu manipulieren. Wer wollte dem nicht zustimmen, der ein Herz für an AIDS erkrankte Menschen in Afrika hat? Dabei ist in Wirklichkeit die Abgrenzung so schwierig. Immerhin, dank der Episode „Ausgrenzung“ kann der interessierte Tatortfan nun mitreden. Das heißt, er könnte es, wenn die Argumente nicht so unübersichtlich eingestreut worden wären. Klar, das Gegenteil wäre ein gut gemachtes, einführendes Sachbuch für Laien gewesen. Wie man es dreht, die Sache mit den komplexen Sachverhalten in Tatorten bleibt schwierig.

Der Stand der Ermittler. In manchen Tatorten haben wir Alfred Schenk, genannt Freddy, und Max Ballauf als tolles Duo erlebt. Wenn man die beiden mit dem richtigen Stoff umgehen lässt, können sie den Zuschauer mitnehmen. Dann ist Humor drin und manchmal auch Schmerz, besonders bei Ballauf. Aber in „Ausgekreuzt“ springt der Funke nicht über. Das Thema ist eben sehr sperrig und der plötzliche, mögliche Sohn von Ballauf wirkt eher irritierend, als dass er die schwach ausgeprägte emotionale Note des Filmes stärken könnte.

Hinzu kommt, dass Freddy Schenk offenbar dazu verdonnert wurde, in den ersten fünf Minuten die Klappe zu halten. Danach musste er als Genskeptiker eine Position einnehmen, die etwas mehr den Protestlern auf dem Felde zugeneigt ist als der Ermittlungsarbeit.

Wir sind nicht der Meinung, dass Ballauf und Schenk zu altgedient sind, um noch gute Figuren zu machen und neue Wege zu beschreiten – in der Folge 808 („Altes Eisen“) hat sich klar gezeigt, was geht, wenn Drehbuch, Darsteller und Regie positiv zusammenwirken. Aber davon ist in „Auskreuzung“ eben viel weniger zu spüren. Ergänzung 2020: Das wurde mit Filmen wie „Franziska“ und „Ohnmacht“ ca. 2 Jahre nach „Auskreuzung“ bewiesen.

Finale

„Auskreuzung“ konnte uns nicht begeistern, dafür ist der Film zu kühl, routiniert und faktenhuberisch angelegt. Das Thema Gentechnik ist sicher ein schwieriges und es ist aller Ehren wert, es zu wagen, aber man hat dieses Wagnis halb zurückgenommen, indem man es in eine sehr starre, konventionelle Form gegossen hat. Man hat vielfach das Gefühl, diese Konstellationen schon einmal gesehen zu haben. Daran sind unter anderem die Berlin-Tatorte schuld, die sich gerne im Milieu der Forschungselite tummeln – und dabei oft ähnlich leblos wirken wie „Auskreuzung“. Wenn eines keine gute Idee ist, dann, dass die Kölner sich die Berliner Tatort-Machart abschauen, die wir deshalb häufig kritisieren, weil sie zu wenig vom echten Leben zeigt und sich in Sphären versteigt, deren Darstellung es an gefühlter, manchmal, wo wir eigene Erfahrungen abrufen können, erwiesenermaßen an Glaubwürdigkeit mangelt.

6/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Lara Bahls – Luise Berndt
Dr. Christoph Rubner – Misel Maticevic
Dr. David Prangel – Ole Puppe
Prof. Dr. Otmar Kaltenbruch – Klaus Schindler
Vera Breitkreutz – Kirsten Block
Alexander Geyda – Tom Schilling
Finn – Kai Malina
Angela Weber – Mona-Lisa Bünhove

Regie: Thorsten C. Fischer
Drehbuch: Karl Heinz Käfer

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