Abschiedslied für Linda – Polizeiruf 110 Episode 116 #Crimetime 687 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Fuchs #Hübner #Grawe #Zimmermann #Abschied #Lied

Crimetime 687 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Abschied oder Anfang, das ist die Frage

„Abschiedslied für Linda“ wurde „rückwirkend“ so kommentiert: dass „dieser Film mit der Realität in der DDR gut zwei Jahre vor deren Ende fast nichts zu tun [hatte]. Hier lag das Spiel mit dem Verbrechen ganz beim Autor und der Regisseurin […] Hier sollte der Krimi ganz offensichtlich nicht mehr als Spaß bereiten, am heiteren Verdächtigenraten mitzumachen.“[3]

Wir haben das Adverb rückwirkend in Anführungszeichen gesetzt, weil wir heute etwa doppelt so weit zurückblicken wie der Autor dieser Zeilen. Ob wir zu einem ähnlichen Ergebnis kommen, verraten wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Es ist Faschingszeit und Versicherungskassiererin Linda Ulmer beginnt in einem Hochhaus mit der Jahreskassierung, die sie einige Zeit zuvor im Haus durch Aushang bekanntgegeben hat. Am nächsten Morgen ist der Fahrstuhl defekt. Bei dessen Reparatur wird Lindas Leiche gefunden; sie wurde erwürgt. An ihrer Kleidung finden sich bunte Faserspuren. Zeugen sagen zudem aus, sie hätten am Abend einen Mann mit Larve im Haus gesehen. Eine Suche nach dem verkleideten Mann scheint aussichtslos, auch wenn mit Hauptmann Peter Fuchs, Oberleutnant Lutz Zimmermann und Leutnant Thomas Grawe drei Ermittler am Fall arbeiten. Tatmotiv scheinen die Jahresversicherungseinnahmen in Höhe von rund 10.000 Mark gewesen zu sein, die Linda bei sich hatte, die nun jedoch fehlen.

Am Faschingsabend hat die alleinstehende Verkäuferin Beate den Sänger Rikki kennengelernt. Dieser hält sich mit Auftritten auf kleinen Bühnen über Wasser und umgarnt auf seine charmante Art regelmäßig alleinstehende Frauen und verwickelt sie anschließend in vermeintlich lukrative Geschäfte, bei denen er sie um viel Geld erleichtert, ohne jemals Ware zu liefern.

Linda und Rikki kannten und liebten sich. In Lindas Wohnung findet sich unter anderem Rikkis Single Abschiedslied mit einer Widmung „für Linda“. Zum Tatzeitpunkt war Rikki allerdings nach seinem Auftritt bei der Faschingsfeier mit Beate im Hotelzimmer. Beate wiederum kann zwar bezeugen, dass er am Morgen neben ihr lag, weiß jedoch von den Stunden zuvor nichts, weil sie sehr betrunken war. Rikkis Wagen wurde in der fraglichen Nacht nicht bewegt und das Alibi scheint perfekt.

Beate hat er ein Importauto zu ihrem 40. Geburtstag versprochen und dafür von ihr 10.000 Mark Anzahlung erhalten. Zum Geburtstag erscheinen jedoch weder Auto noch Rikki, und Beate zeigt ihn schließlich bei der Polizei an. Für Oberleutnant Jürgen Hübner ist Rikki kein Unbekannter, so hat er sich gerade von Psychologin Dr. Elisabeth Thiel ein Gutachten über derartige Männer erstellen lassen. Elisabeth ist Beates beste Freundin und will ihr zu ihrem Recht verhelfen, indem sie Rikkis Bekanntschaft macht. Bald lässt Elisabeth deutlich werden, dass sie ein Grundstück sucht, und Rikki will ihr bei der Vermittlung und dem Kauf eines Anwesens schnell behilflich sein. So kann sie ihn auch darum bitten, an einem ihrer Experimente teilzunehmen. Es geht um Rollenspiele, in denen über Diskussionen bestimmte Verhaltensmuster aufgedeckt werden sollen. Rikki ist einverstanden, weiß jedoch nicht, dass alle anderen Teilnehmer bereits von Elisabeth ihre Dialoge vorgegeben bekommen haben.

Rikki wird zunächst als Vermittler zwischen einem streitenden Vorgesetzten und einer Mitarbeiterin besetzt. Der Vorgesetzte war von der Frau abgewiesen worden und hatte daher während eines Urlaubs der Mitarbeiterin ihren Posten neu besetzt und dies auch beibehalten, als die Frau aus dem Urlaub zurückkam. Nach einer besonnenen Phase als Vermittler bittet Elisabeth Rikki nun, die Rolle des Vorgesetzten einzunehmen. Die Diskussion wird immer mehr zu einer Diskussion über Rikkis möglicherweise rein sexuelles Motiv, in der Faschingsnacht Beate mit auf sein Zimmer zu nehmen. Er verteidigt sich am Ende, dass er nie mit ihr schlafen wollte, sondern sie nur betrunken machen wollte, sodass sie noch schlief, als er ins Zimmer zurückkam. Nach dieser Aussage wird Rikki bewusst, dass er sich gerade selbst verraten hat.

Peter Fuchs und Jürgen Hübner erscheinen, um ihn festzunehmen. Es wurde inzwischen ein Taxifahrer ermittelt, der Rikki in der Nacht vom abgelegenen Auftrittsort nach Berlin und wieder zurückgefahren hat. Der Schal, den sich Rikki umwirft, ist das letzte Puzzleteil, stammen doch von ihm die Fasern, die an Lindas Oberkörper gefunden wurden. Rikki beteuert, dass er Linda nur das Geld abnehmen wollte, da er durch seinen aufwendigen Lebensstil Schulden gehabt habe. Beim Gerangel im Fahrstuhl sei sie plötzlich leblos zusammengesackt. Rikki wird wegen vorsätzlicher Tötung verhaftet.

Rezension

Es versteht sich von selbst: Wenn man sich auf das Abenteuer einlässt, die DDR-Polizeiruf zu rezensieren, 30 Jahre nach dem Ende des zweiten deutschen Staates, wenn man außerdem nicht in ihm gelebt hat, dann ist man darauf aus, das Besondere und nicht das Banale oder das hervorzuheben, was man verallgemeinern kann. Und sieht manches ganz sicher anders als ein doch eher zeitgenössischer Kritiker, der als Koryphäe des Fernsehwesens nicht nur der DDR, sondern auch der Nachwendezeit galt.

Natürlich ist der Filme ein Whodunit und der Ton ist wesentlich heiterer als in jenen Jahren kurz vor dem Ende der DDR üblich. Fasching eben. Wer nimmt das Verbrechen ernst? Das dachten wir vor allem, als der doch so gewiefte „Rikki“ Donath während des Rollenspiels auf eine Weise aus der Fasson gerät, über die wir tatsächlich lachen mussten.

Rollenspiele in Gruppentherapien sind kein Ponyhof, das merkt man daran sofort, sondern hochgefährlich. Die Polizei sollte sie öfters einsetzen, um Täter zu einem ganz aus der emotionalen Notlage heraus erschaffenen Geständnis zu motivieren. Diese Darstellung gibt ein wenig Abzug, das schreiben wir an dieser Stelle schon. Andererseits ist die Idee ja auch amüsant und ziemlich neu, zumindest dürfte das auf Polizeirufe zutreffen. Wir erinnern uns auch nicht an einen Tatort aus der Vorwendezeit, in dem man solch eine Modellanordnung verwendt hat, um einem Täter auf die Spur zu kommen. Aber es ist ja oft, gerade in Polizeirufen jener Ära, so, dass trotz sehr kapabel wirkender KT diese eben nicht den letztgültigen Beweis bringen kann. Das Geschick der Kriminaler besteht ja auch darin, sich durch Befragungen voranzutasten.

Unzweifelhaft ist „Abschiedslied für Linda“ aber eine Premium-Produktion. Wir könnten uns vorstellen, dass es seinerzeit gar kein so kleines Ding war, dass mit Christa Mühl erstmals eine Frau einen Film für die Reihe inszenieren durfte. Bei Produktion und Dramaturgie gab es das bereits häufiger, die Stammdramaturgin der Reihe, Sonja Goslicki, wechselte nach der Wende zum WDR und ist bis heute für die von ihm gefertigten Köln-, Münster- und Dortmund-Tatorte als Produzentin verantwortlich.

Die Stellung des Films ist relativ leicht zu ermitteln: Er war mit 92 Minuten überdurchschnittlich lang, die Sets sind vergleichsweise reichhaltig, vor allem aber werden alle vier Ermittler-Stars eingesetzt, die damals regelmäßig die in den Polizeirufen gestellten Fälle lösten. Und, ja da ist ein robuster Humor dabei, vor allem hat Hautpmann Fuchs, der immer der Leitende ist, egal, wer von den anderen mitmacht, viel Spaß dabei, ebenjene anderen ein wenig zu triezen. Vor allem Thomas Grawe bekommt auffällig intensiv den Marsch geblasen, um es mit Worten aus der Zeit vor der Erfindung des Neusprech auszudrücken.

Diese vier zusammen zu sehen, macht auch Spaß, das ist keine Frage. Christa Mühl hat in ihrer ersten und einzigen Arbeit für die Reihe dieses Ensemble gut im Griff und lässt ihm doch Leine. Einiges wirkt ein wenig improvisiert, aber angesichts der großen Erfahrung besonders der „älteren Generation“ kommt das sehr authentisch rüber. Die Charaktere sind wieder einmal klasse gezeichnet, das hatten sie im Laufe der Entwicklung der Reihe einfach drauf.

Wir registrieren immer wieder Dinge, die einem Menschen, der in der DDR aufgewachsen ist, vielleicht nicht so besonders vorkommen – wie zum Beispiel, dass es einen Beruf gab, der im Westen nicht vorkam und dessen Ausübung in „Abschiedslied für Linda“ zum Verbrechen führt. Wobei die Ausübende das Opfer ist, Schnulzensänger gab es hingegen in der BRD zuhauf und es waren auch einige darunter, die man in jener Zeit als abgetakelt bezeichnen konnte – Restanten der großen Schlagerwelle Anfang der 1970er, wie wohl auch Rikki Donath. Nur Versicherungskassierer*innen gab es unseres Wissens nicht. Und das war absolut systembedingt. Zwar gab es Menschen, die z. B. alles Wichtige bei einem einzigen Versicherer abschlossen, aber hier ist die Versicherung für alles, die einmal im Jahr pro Person mit etwa 300 Mark Ost zu Buche schlägt, eine staatliche Stelle, die alle wichtigen Risiken abdeckt – ob man zwangsverpflichtet war, diese Versicherungen abzuschließen, ist uns nicht bekannt und wir haben leider heute nicht genug Zeit, um es zu recherchieren.

Und das lief offenbar per Barzahlung ab, was natürlich am Ende einer Hochhausbegehung in – Lichtenberg? – zu erheblichem Barbestand in der Brieftasche führte. Hier 12.000 Mark und es waren ja nicht alle Bewohner*innen zuhause. Es ist ein wenig, wie wenn die Zähler abgelesen werden, nur in dem Fall ohne Kassieren. Bei uns sind auch diese nervigen, weil immer wochentags-tagsüber stattfindenden, aber doch irgendwie liebgewordenen Turnusbesuche vorbei, seit wir Fernablesung haben. Es hängt, wie bei den Ankündigungen dieser Ablesung, im Haus auch ein Zettel von Frau Ulmer aus, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt vorbeikomme.

Da man diesen Beruf wohl nicht eigens für „Abschiedslied für Linda“ erfunden hat, rätseln wir weiter, was so wirklichkeitsfremd gewesen sein soll. Der Fasching mit Larven, nicht mit Masken? Die psychologische Versuchsanordnung hatten wir schon. Die Darstellung wirkt, als habe man damit noch nicht maximal Erfahrung, sondern versuche z. B. etwas wie innerbetriebliches Kommunikationstraining aufzubauen, um unter anderem den Umgang der Gender miteinander zu verbessern. Das ist für einen Machowie Rikki, desse schleimerische Maske schnell fällt, eine grandiose – sic! – Falle.

Wird der Lebensstil zu opulent dargestellt? Oder die Unternehmerin, die Rikki ausnimmt, gab es so jemanden nicht? Aber es taucht wieder etwas auf, das wir schon gut kennen: Die Sucht nach Importwaren. Die werden wieder einmal stark herausgehoben und um ein Auto geht es ja auch, als Rikki die Frau Pfefferkorn betrügen will. Um einen Japaner gar. Offensichtlich handelt es sich, wenn es in der DDR um japanische Autos ging, immer um das Modell Mazda 323. Hier nicht im Bild, denn das Objekt der Begierde gibt es ja nicht wirklich, aber in anderen Filmen so gesehen. Dafür erstmalig einen Mann, der einen Volvo fährt, was für DDR-Verhältnisse nun wirklich exorbitant war. Ja, wie kann der Herr Donath.der ja nur noch Kleinauftritte hat und keine Platten mehr besingt, sich das und so eine kitschig-schicke Wohnung leisten? Wahrscheinlich sind solche Tätertypen nicht nur in „Abschiedslied für Linda“ haarscharf an der Realität vorbeikonstruiert. Trotzdem blitzt mit dieser Importwarenmanie Kritik an den DDR-Produkten durch. Und ein Satz ist besonders hängen geblieben. Dass Warten ja eine Art Lebenszustand ist. Damit ist in dem Fall nämlich eher das Warten auf rare Konsumprodukte als auf den richtigen Lebenspartner gemeint, auch wenn beides sich miteinander kreuzt.

Finale

Auch wenn die vielen Figuren in diesem Film nicht dem Durchschnitt der damaligen DDR-Bevölkerung entsprochen haben dürften, eine starke Milieuverdichtung gab es in vielen Tatorten auch und gibt es immer noch, ebenso wie die nicht ganz authentisch wirkende Darstellung besonderer Milieus, die eben ein bisschen weg vom Mainstream sind und die Drehbuchautoren möglicherweise nicht immer aus eigener Anschauung kennen, wenn sie darüber schreiben. Aber dieses Reichhaltige macht auch den Reiz des Films aus, der ein deutlich anderes Gepräge hat als die Kammerspieldramen, die zu der Zeit auch häufig genommen wurden, etwa „Zwei Schwestern„, der Vor-Vorgänger, den wir zuletzt rezensiert haben oder der Polizeiruf Nr. 115 „Die letzte Kundin„, der auch deutlicher aufs kleinteilig-Zwischenmenschliche begrenzt ist. Sicher haben diese Filme mehr Tiefgang, mehr Drama, aber für eine gute Bewertung reicht es auch bei „Abschiedslied für Linda“ auf jeden Fall.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christa Mühl
Drehbuch Werner Hecht
Produktion Jutta Henning
Musik Jürgen Ecke
Kamera Michael Albrecht
Jürgen Heimlich
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

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