Interview mit dem ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow: „Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden“ (via „Gesichter der Demokratie“) #Demokratie #Klima #ARD #Corona #COVID19 #Ethik #Recht #Pressefreiheit #Medien

Liebe Leser*innen, zuletzt hatten wir im Rahmen unserer kleinen Serie von Interviews, die Sven Lilienström, der Gründer von „Gesichter der Demokratie“ mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens führte, ein Gespräch über das Friedensgutachten 2020 mit dessen Mitherausgeber Conrad Schetter veröffentlicht – heute möchten wir in medias res gehen – in Sachen Medienbetrieb.

„Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden“, sagt Tom Buhrow, der neue ARD-Vorsitzende in dem Interview, das Sven Lilienström mit ihm geführt hat. Wir bilden es in voller Länge ab, es ist auch hier auf der Seite von „Gesichter der Demokratie“ einsehbar. Wir veröffentlichen diese Interviews aber nie, ohne ein paar eigene Sätze darunterzuschreiben und gerade beim Thema Medien sind wir natürlich besonders engagiert, wenn es darum geht, unsere eigene Meinung zu vermitteln.

***

Sehr geehrter Herr Hocke,

die 1950 gegründete „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ – kurz ARD – besteht aus neun selbstständigen, staatsunabhängigen Landesrundfunkanstalten sowie der Auslandsrundfunkanstalt Deutsche Welle. Seit Januar 2020 führt der Journalist und amtierende WDR-Intendant Tom Buhrow (61) als neuer Vorsitzender die Geschäfte der ARD. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem gebürtigen Troisdorfer über demokratische Werte, die Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Medien in Zeiten der Corona-Krise und die Zukunft des Journalismus in Deutschland.

Interview

Tom Buhrow
Foto © WDR, Annika Fußwinkel

Herr Buhrow, als leidenschaftlicher Journalist mit mehr als 40 Jahren Berufserfahrung möchten wir auch Sie fragen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratie und demokratische Werte haben für mich persönlich einen sehr zentralen Stellenwert. Ohne Freiheit ist alles nichts. Und das bedeutet auch, dass es nicht darauf ankommt mit seiner eigenen Meinung Recht zu behalten, sondern vielmehr die Vielfalt der Meinungen zu respektieren.

In Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach Orientierung und verlässlichen Informationen. Erleben die öffentlich-rechtlichen Medien durch die Corona-Pandemie eine „Renaissance“? Was können die Medien aus der Krise lernen?

In Deutschland und auf der gesamten Welt steigt das Bedürfnis sich schnell und verlässlich durch einen vertrauten medialen Begleiter zu informieren. Auch deshalb übernehmen öffentlich-rechtliche Medien in diesen Zeiten eine besonders wichtige Funktion der Versorgung und Verbindung. Wir begleiten die Menschen in dieser schweren Zeit. Wir bringen die Angebote direkt in ihre Wohnzimmer. Es freut uns, dass sich die Menschen durch uns gut versorgt und informiert fühlen. Wir nehmen das auch als Verpflichtung.

In diesen Ereignislagen ist die Tagesschau eine wichtige Informationsquelle: Im ersten Quartal 2020 schalteten täglich über 12 Millionen Menschen die Tagesschau ein. Hinzu kommen viele weitere Nutzerinnen und Nutzer, die die Tagesschau online über Apps und Mediatheken abrufen. Darüber hinaus fragen viele Sondersendungen wie „ARD extra“ oder auch Politiksendungen extrem nach. Das zeigt, wie groß der Informationshunger ist. Was mich besonders freut: Wir sind auch für die Jüngeren ein wichtiger Begleiter während der Krise. Wir tun unser Bestes sie grundsätzlich für uns zu begeistern – zum Beispiel, indem wir ihnen unsere Mediathek nahebringen.

Bezogen auf die Corona-Pandemie sagten Sie: „Wir sehen eine Verpflichtung, den Menschen in dieser Ausnahmesituation zur Seite zu stehen.“ Inwieweit haben die öffentlich-rechtlichen Medien ihr Programm angepasst?

Wir haben die Angebote rund um Corona zum Beispiel am Vormittag ausgeweitet und auf die aktuelle Situation angepasst. In Zeiten, in denen Kitas und Schulen geschlossen sind, hat die ARD ihr Bildungsangebot für Kleinkinder sowie Schülerinnen und Schüler fortlaufend erweitert, um die Zeit zu Hause vor den Bildschirmen und an den Kopfhörern möglichst sinnvoll zu nutzen. Oder nehmen Sie die Kultur: Gerade, wenn Kinos geschlossen sind, Konzerte ausfallen und Publikumsveranstaltungen nicht stattfinden, machen wir den Menschen alternative Angebote von der „Kulturambulanz“ bis hin zu digitalen Konzerten auf „Arte Concert“.

Mit speziellen Service- und Ratgeberformaten bietet die ARD darüber hinaus aktuelle Unterstützung und praktische Hilfe diese Zeit gut zu überstehen. Wir sind für die Menschen da. Wir sind für sie alle da.

Journalismus soll die Wirklichkeit objektiv abbilden. Augenscheinlich fällt es jedoch vielen Menschen schwer – insbesondere in den sozialen Netzwerken – zwischen Meinung und Nachricht zu unterscheiden. Was tun?

Im Journalismus gelten – unabhängig von Ausspielwegen – klare Regeln für Nachrichten und Kommentare. Ein Kommentar gibt eine persönliche Meinung und eine individuelle Sicht auf ein Thema wieder und er ist als solcher gekennzeichnet. Im Netz verschwimmen diese Grenzen oft. Da ist es oft für Userinnen und User schwer, den Überblick zu behalten. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir die nachrichtlichen Angebote der ARD möglichst klar und eindeutig kennzeichnen. Mit einem klaren Absender. Denn so können die Menschen einordnen und wissen, das sind Nachrichten von einer unabhängigen Quelle.

Zunehmend werden auch in Deutschland Journalistinnen und Journalisten bedroht. Erleben wir ein Erodieren unserer Wertebasis und brauchen wir eine neue „Respekt-Kultur“ – auch im Umgang mit den Medien?

Wir haben den Anspruch, in unseren Programmen wahrhaftig und fair zu sein. Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Mit verlässlichen Informationen befähigen wir die Menschen, sich eine Meinung zu bilden und an den Debatten in unserer Gemeinschaft teilzuhaben. Das muss nicht immer allen gefallen, das ist klar. Wenn aber Journalistinnen und Journalisten wegen dieser wichtigen Arbeit bedroht werden, dann sind Grenzen überschritten.

Journalismus im Wandel: Zwischen „Clickbait“ und sorgfältig kuratiertem Inhalt. Wie geht es der Medienbranche heute und was wünschen Sie sich ganz konkret für die Zukunft des Journalismus in Deutschland?

Es ist stürmischer geworden. Das Klima in unserem Land ist gereizter und rauer geworden. Sie merken das, wenn Sie die Themen in der Tagesschau sehen, wenn Sie die Kommentarspalten in sozialen Netzwerken lesen, aber auch morgens beim Bäcker oder im Straßenverkehr. Auseinandersetzungen werden scharf geführt, Werte wie Respekt, Miteinander, Fairness und Wahrhaftigkeit sind ins Wanken geraten. Jetzt muss sich der unabhängige und kritische Journalismus in Deutschland beweisen. Ich wünsche mir eine offene, von Respekt geprägte, differenzierte und auf Fakten basierende öffentliche Debatte. Gegensätzliche Positionen können, müssen mit Leidenschaft ausgetauscht und medial begleitet werden, aber das Ziel sollte immer ein besseres Miteinander sein.

Herr Buhrow, seit Jahresbeginn sind Sie Vorsitzender der ARD. Wie hat sich Ihr Alltag, auch bedingt durch die Corona-Krise, verändert und was haben Sie sich für das Jahr 2020 vorgenommen – beruflich und privat?

Den größten Teil des Tages bin ich mit unseren ARD-Zielen beschäftigt: zu helfen, dass wir in den nächsten Jahren mit dem Rückhalt der Menschen in Deutschland weiter in der Lage sind, gutes Programm für alle zu machen. Dazwischen ist es wichtig, einfach mal Luft zu holen.

Vielen Dank für das Interview Herr Buhrow!

 Kommentar

Wir erstellen den Kommentar heute selbst in „Herausgeber-Interview-Form“, um über wichtige Aspekte des Medienbetriebs nachzudenken – und natürlich über Demokratie und Ethik.

Sind die Öffentlichrechtlichen, ist die ARD in einer modernen Medienlandschaft überhaupt notwendig oder könnten sie weg, zumal sie mit „Zwangsgebühren“ auf (fast) alle Bürger*innen einwirken?

Die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten sind für mich absolut unverzichtbar als Informationsanker, aber auch wegen des einen oder anderen fiktionalen Formats. Die Gebühren müssen endlich erhöht werden, weil sonst genau das passiert, was viele den Öffentlichrechtlichen so gerne ankreiden: Die Qualität des journalistischen und anderer Formate lässt nach.
Ich kann das einfach anhand der Tatorte und Polizeirufe darstellen, auf die sich aktuell fast 700 Artikel des Wahlberliners beziehen. Gagen und Gehälter für technisches Personal und Kosten für Ausrüstungsgegenstände steigen. Zu Recht, ich bin eher erstaunt, wie relativ wenig Haupt- und vor allem Nebendarsteller verdienen, bis auf ein paar Ausnahmen, die ich wiederum fragwürdig finde, weil sie nicht qualitativ gerechtfertigt sind.

Das Budget z. B. für Tatorte liegt aber schon seit vielen Jahren bei 1,4 bis 1,5 Millionen Euro pro Episode. Das bedeutet, man versucht, die Zahl der Drehtage immer mehr zu verkürzen und muss bei Ausstattung und Actionszenen und dergleichen sparen, um das immer gleiche Budget einzuhalten. Die Kritik, zumindest tun wir das beim Wahlberliner, bemängelt dann Fehler, die nach Schlamperei aussehen oder, das tun wir weniger, eine im internationalen Vergleich eher bescheidene Anmutung der Filme.

Von rechts und von links wird die Unausgewogenheit der Berichterstattung der öffentlich rechtlichen Medien kritisiert und man hätte sie am liebsten weg.

Der Traum aller Extremisten wäre ein journalistisches Chaos, das es niemandem mehr erlaubt, einigermaßen sicher an Informationen heranzukommen. Kein „alternatives Medium“ hat die Power für großangelegte Dokumentationen und Vor-Ort-Recherchen, die Privaten, die finanzstark genug sind, haben oft andere Interessen und keinen Bildungsauftrag: Das Niveau der Privatsender ist in manchen Bereichen hoch, bei Spielfilmen beispielsweise, beim Sport, wo sie aktiv in Konkurrenz mit den öffentlich rechtlichen Sendern um Rechte bieten, aber entsetzlich niedrig in weiten Bereichen des übrigen Programms. Mir hingegen ist allein ARTE und sind die Krimis schon die Gebühren für die ARD wert. Das ZDF nutze ich zugegebenermaßen weitaus weniger.

Aber warum werden die „Mainstream-Medien“ so massiv kritisiert für ihre Unausgewogenheit, wenn sie unabhängig sind, wie Tom Buhrow herausstellt?

Wir haben zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen an die Medien, vor allem, seit es die „sozialen Medien“ gibt, die eine fast ungehinderte Distribution von Informationen, aber auch für Ansichten, für jedermann erlauben.

Wenn wir bei den Ansichten sind. Nach meiner Ansicht informiert sich die immer noch überwiegehende Mehrheit so: Man schaut sich an, was gesendet wird und bildet sich daraus eine Meinung. Wer etwas mehr Zeit investiert, schaut nicht nur die Nachrichten, liest nicht nur eine Hauszeitung, sondern vergleicht die Darstellung verschiedener Sachverhalte in verschiedenen Medien, die in der Regel aber zum „Mainstream“ zählen. Daraus entsteht eine Meinung, die manchmal nicht besonders fundiert ist, weil aus zu vielen Fragmenten und ohne die Sicht auf größere Zusammenhänge gebildet.

Eine dezidierte, politisch aktive Minderheit geht genau umgekehrt vor: Sie hat eine ideologische Position und jede Nachricht wird bezüglich ihrer Qualität nach dieser Position bewertet. Lässt sich der Inhalt der eigenen Position entsprechend verwerten oder wenigstens interpretieren, ist die Nachricht okay, das sie verbreitende Medium auch, dann kann man auch mal von ganz links oder ganz rechts die meiner Ansicht nach unverzichtbaren ARD-Politikmagazine wie „Panorama“ zitieren. Passt hingegen das, was die Tagesschau verbreitet, nicht ins eigene Weltbild, ist es unausgewogen, verkürzt und verschweigt das Eigentliche.

So entsteht der Spin von den Lügenmedien. Ich bin ein Gegner der Hufeisentheorie, aber bezüglich der Informationsaufnahme und -bewertung kommen sich extreme Ideologen verschiedener Ausrichtung schon recht nah. Da haben es mittige Medien wie die ARD eben schwer. Die allgemeine Zuspitzung, die auch Buhrow erwähnt, tut ein Übriges. Die Aufgeregtheit nimmt seit vielen Jahren zu. Die sozioökonomischen Gründe dafür werden auch bei ARD-Formaten zu selten im Sinne von Systemkritik hinterfragt, wir beim Wahlberliner benennen sie vielfach, aus einer linken Sicht. Vieles, was sich in Medien aller Art findet, ist fragwürdig und hintergründig manipulativ, aber ich halte die öffentlich rechtlichen Sender trotzdem für einen Grundpfeiler der Informationsbeschaffung.

Aber es stimmt, dass die Leitmedien fundamental transatlantisch ausgerichtet sind, in der Wikipedia steht ja auch zu lesen, dass Buhrow schon bei Veranstaltungen der Atlantikbrücke vorgetragen hat.

Die extrem ausgeprägte Einbindung von deutschen Starjournalisten in transatlantische Strukturen ist in der Tat ein Problem. Ganz eindeutig zu kritisieren. Deswegen haben die Leitmedien selbst ein Problem: Niemand mag die Trump-Politik aber man darf nicht benennen, dass sie in vieler Hinsicht gar nicht so neu ist und außenpolitisch nicht aggressiver als die seines Vorgängers Barack Obama und als die Politik von Hillary Clinton, einer besonders imperialisetisch-expansiv ausgerichteten Demokratin, es gewesen wäre. Eher im Gegenteil. Deswegen müssen die Transatlantiker sich tiefergehender Analysen enthalten, die darauf hinauslaufen könnten, dass sich Europa endlich – sic! – unabhängiger und neutraler stellen müsste. Ich sehe deswegen auch den geplanten Truppenabzug, den Trump ernsthaft als Strafe für die zu wenig in Verteidigung investieren Deutschen verhängen will, als nicht so dramatisch an. Zumindest dann nicht, wenn die Truppen nicht an die russische Grenze verlegt werden.

About Russland?

Schwieriges Terrain. Ja, die Leitmedien sind nicht gerade russlandfreundlich, ich wiederum bin weit davon entfernt, das System Putin als demokratisch vorbildich zu erachten. Linke, die das anders sehen, sollten mal überlegen, ob sie wirklich die extreme Vermögensungleichheit in Russland gut finden. Diese Ungleichheit ist auch bei uns zu kritisieren, aber dort ist sie noch ausgeprägter. Das ist nur eines von mehreren Beispielen, die man anführen kann.

Wo ich, wenn es um politische Bewertungen geht, am meisten mit den Hautmpedien auf einer Linie liege, ist die China-Berichterstattung. Man muss schon ziemlich blind sein, um die Politik der KPCh nicht als imperialistisch und expansiv zu erkennen. Und das Land mit seinen 1,44 Milliarden ehrgeizigen und gleichzeitig bezüglich demokratischer Werte anders als wir tickenden Bevölkerung Bevölkerung hat die Power, rein wirtschaftlich große Teile der Welt zu dominieren und muss dafür gar nicht militärisch aktiv werden. Dagegen müssten nach meiner Ansicht alle anderen, die noch etwas Potenzial haben, inklusive Russland und den USA, zusammenarbeiten, sonst reicht die Kraft nicht aus, um dagegenzuhalten.

Dass die USA derzeit den Westen spalten, ist leider ein Aspekt von Trumps Politik, der wirklich ein Problem darstellt. Denn eine Weltordnung, die von einer Hegemoniemacht China in gegenwärtiger Verfassung dominiert wird, wird nicht demokratisch sein. Das sollte uns allen klar vor Augen stehen. Die USA hingegen riskieren geradezu, dass andere Länder sich an China anschließen. Das Gleiche gilt auch innerhalb der EU, wenn wir hier nicht endlich eine humanistisch-freiheitliche und sozial orientierte Werteordnung und nicht eine beliebig austauschbare wirtschaftliche Anbindung in den Vordergrund stellen.

Auch die Öffentlichtrechtlichen haben zum Beispiel den französischen Präsident Macron zu Unrecht gehypt.

Das haben sie in der Tat. Das werfe ich ihnen auch vor. Man konnte früh genug sehen, dass Macron ein wirtschaftsliberaler Diener des Großkapitals ist, sein europapolitisches Engagement genau dessen Interessen dienen soll. Ähnlich wie das von Angela Merkel, aber die beiden sind eben etwas unterschiedlich ausgerichtet, was die Methode angeht, entsprechend der verschiedenen Wirtschaftsstrukturen und Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Richtig innovativ bei der Bewertung der EU-Schwächen sind die Öffentlichrechtlichen leider nicht, das wiederum liegt an ihrer zu fest fixierten außenpolitischen Ausrichtung. Ich meine dabei immer die Hauptlinien, nicht, dass Journalisten nicht auch abweichende Ansichten vertreten.

Abweichende Ansichten bedeuten Pluralismus. Tragen die Öffentlichrechtlichen zum Pluralismus genug bei?

Ich hätte es gerne zwischen einzelnen Sendern und Journalisten viel konfrontativer, das erweitere ich auf den Print, von Faz bis Spiegel und  Zeit, aber die deutsche Medienlandschaft ist schon pluralistisch und relativ frei, ich beziehe auch gerne die „Alternativen“ in diese Betrachtung ein, die immer wieder Denkanstöße vermitteln. Aber wenn wir schon mal etwas Gutes über die USA sagen möchten: Der Printjournalismus der dortigen Leitmedien hat ethisch engere, höhere Grundsätze zu befolgen als bei uns – und ich finde es durchaus nicht unproblematisch, dass Topjournalisten wie Buhrow Nebentätigkeiten ähnlich denen von Politikern haben. Wir wenden uns hier oft unter Bezugnahme auf Beiträge von „Abgeordnetenwatch“ und ähnlichen Modulen gegen diese Verflechtung von Politik und Wirtschaft, die fundamental undemokratisch ist, das Gleiche gilt natürlich für Nebentätigkeiten von Medienmachern, die sich als unabhängig darstellen.

Kann man ein Gesicht der Demokratie sein, wenn man auch für Lobbys arbeitet?

Eine Frage der Definition. Die „reine Lehre“ wird von kaum einer prominenten Persönlichkeit eingehalten. Die vielen Möglichkeiten, die jemandem zuwachsen, der bekannt ist und dem man Einfluss auf die öffentliche Meinung zurechnet, sind einfach zu verführerisch. Ich finde auch Gehaltsvergleiche zwischen Medienleuten und Politiker*innen für Quatsch, wie sie z. B. zwischen dem Einkommen von Buhrow und dem von Angela Merkel schon vorgenommen wurde (seines liegt auch dann etwas höher, wenn man nur das Haupteinkommen aus der ARD-Funktion als deren Vorsitzender betrachtet). Dann müsste man das, was in der Privatwirtschaft durch Abzocke verdient wird, erst einmal kritisieren, also oben anfangen, wo wirklich keine vernünftige Relation zwischen Einkommen und Verantwortungsposition oder Gemeindienlichkeit mehr besteht.

Jemand, der keine Möglichkeiten hat, ist nicht automatisch schon deshalb ein besseres Gesicht der Demokratie. Wir Bürger*innen haben aber die Aufgabe, jedes Mal kritisch zu hinterfragen, welches Gesicht die Demokratie hat, wenn ihre wichtigen Politiker*innen und Medienmenschen sehr stark mit der Wirtschaft verflochten sind, und das tun wir beim Wahlberliner regelmäßig. Mir ist sehr klar, dass Unabhängigkeit relativ ist, denn niemand wird von gar nichts beeinflusst und ob z. B. wirtschaftliche Verbindungen oder ideologische Verortungen stärker auf das Mindset einer Person einwirken, darüber kann man viel nachdenken. In der Hinsicht wird vielfach propgandistisch agiert, nicht differenziert. 

Was ist mit den Faktenchecks, die quasi den Anspruch auf absolute Wahrheit vermitteln sollen?

Sehr kritisch, ich weiß, auch die ARD betreibt ein solches Format. Ein Leitmedium sollte sich fragen, warum es sowas nötig hat und sich vor allem auf die Seite derjenigen stellen, die es z. B. sehr undemokratisch finden, wenn ein Modul wie Correctiv quasi als Wahrheitsministerium installiert wird, indem es die sozialen Medien „berät“, wenn es um angebliche oder echte Fake News geht. Egal, welcher Blödsinn über Corona verbreitet wird, das müssen wir aushalten, denn Verschwörungstheorien lassen sich ohnehin nicht durch die Einschränkun der Meinungsfreiheit ausrotten. Im Gegenteil, sie erhalten dadurch neue Nahrung.

Leider sind die Leitmedien auch daran nicht unschuldig, weil sie das kritische Hinterfragen offizieller Darstellungen zu bestimmten Ereignissen der Weltgeschichte mit Mumpitz wie Reptiloiden-Theorien gleichsetzen. Dieser Spin, alles, was nicht konveniert, als Verschwörungstheorie abzutun  bzw. diesen Begriff komplett zu diskreditieren, wird sich als Bumerang für die Leitmedien erweisen, wenn sie ihn zu dezidiert verfolgen. Viele Menschen sind eh sehr schräg drauf; im Moment besonders. Manchmal habe ich den Eindruck, diejenigen, die nicht in irgendeiner extremen Sache unterwegs sind, das muss keine politische Sache sein, sind eher in der Minderheit und das kann durchaus die Demokratie gefährden. Etwas Verständnis für abweichende Ansichten, das integrativ und nicht spaltend wirkt, ist daher angebracht, solange diese Ansichten nicht rechtsextrem und rassistisch sind. Die Fähigkeit zum Aushalten anderer Meinungen, die Buhrow erwähnt, werde ich also auch anhand von ARD-Beiträgen gerne hin und wieder überprüfen.

Das ändert nichts daran, dass mein Bezug zur ARD weiterhin kritisch-positiv und eng bleiben wird und ich sie für ausnehmend wichtig für den Erhalt der Demokratie ansehe, denn es gibt kein anderes, vergleichbar vielfältiges Medium in Deutschland, das einen so umfassenden Informationsauftrag auch nur annähernd wahrnimmt. Deswegen ist die Position des Vorsitzenden der ARD eine der wichtigsten im Medienbetrieb dieses Landes. Sie muss mit besonderer Sorgfalt und viel Augenmaß ausgeführt werden. Als er vor der Kamera stand, fand ich Tom Buhrow recht sympathisch, jetzt werden wir sehen, wohin die ARD unter sich unter seiner Leitung entwickelt. Die Aufgaben werden nicht kleiner, in diesen unübersichtlichen und für die Leitmedien sehr herausfordernden Zeiten.

Abschließend. Gibt es einen Wunsch?

Einen, der nicht einfach zu erfüllen sein wird. In der Tat mehr außenpolitische Ausgewogenheit und Tiefgründigkeit, eine kritischere Haltung gegenüber der neoliberalen Ausrichtung der EU und gegenüber der NATO und der Interventionen des Westens – und bei den kritischen Politikmagazinen ruhig noch etwas mehr ins Grundsätzliche gehen, auch wenn die Politikvertreter, die in den Medienräten anzutreffen sind, quieken werden. Einige Formate vertragen Provokation und Konfrontation, darunter auch welche, die ich persönlich nicht mag, wie die einiger „Satiriker“ der Öffentlichrechtlichen. Ich halte Dieter Nuhr aber ebenso aus wie Jan Böhmermann vom ZDF, wenn ich dafür echten Pluralismus als Programm und Verpflichtung spüre.

Unseren Haussender in Berlin, den RBB betreffend: Nicht unkritisch Polizeimeldungen übernehmen, wenn es um die von dieser Seite kleingerechneten Teilnehmerzahlen von Demonstrationen geht, obwohl man eigene Reporter*innen vor Ort hat, die es besser wissen. Nur mal ein kleines Beispiel aus dem Alltag. Generell mehr Recherche, wenn es um Behauptungen der Wirtschaft und von wirtschaftsnahen Politiker*innen geht, die dürfen in Interviews einen Riesenblödsinn behaupten, ohne dass Journalisten mal ein paar kritische Nachfragen stellen. Kritische Begleitung der Mächtigen ist nun einmal ein fundamentaler Auftrag moderner Medien in einer Demokratie als vierte Macht, und nicht Hofberichterstattung.

Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Auch wenn es sich manchmal schmerzlich für den eigenen Betrieb sein mag, die ARD muss sich dafür einsetzen, dass die Meinungsfreiheit gestärkt, nicht eingeschränkt wird. Nicht der Versuchung nachgeben, sich lästiger Konkurrenz dadurch entledigen zu wollen, dass diese von Einschränkungen der Presse- und Meinungsfeiheit mehr tangiert wird als der Tanker ARD. Gesetze aller Art, die in jene Richtung zielen, muss die ARD kritisch behandeln und nicht denken: Super, dass die missliebigen Kleinen in dieser wildwüchsigen Medienlandschaft mal wieder eins aufs Dach kriegen. Pro domo: Der Wahlberliner wird z. B. durch die deutsche Auslegung der DSGVO erheblich behindert, wenn es um die Bildberichterstattung geht. Denn irgendwann wird es auch die ARD zu spüren bekommen, was es heißt, dass als Wahrheit nur nochgilt, was die politisch und wirtschaftlich Mächtigen als solche akzeptieren.

TH

Weitere Artikel, die auf Interviews von „Gesichter der Demokratie“ und „Gesichter des Friedens“ basieren:

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s