Der Dieb von Bagdad (The Thief of Bagdad, USA 1924) #Filmfest 179

Filmfest 179 A

Ein gar nicht stummer Traum aus Tausendundeiner Nacht

95 Jahre nach seiner Entstehung, im Jahr 2019, wurde „Der Dieb von Bagdad“ in 4K-Auflösung digital restauriert und die Originalmusik von Mortimer Wilson wurde neu eingespielt – vom Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter Leitung von Mark Fitz-Gerald. Regie führte 1924 Raoul Walsh und der Star war Douglas Fairbanks senior. Da wir bei unserem Special „IMDb Top 250 aller Zeiten“ ohnehin gerade im Jahr 1924 angekommen sind, empfiehlt sich die Rezension dieses Spektakels von mehr als zweieinhalb Stunden besonders. Der Film steht gegenwärtig nicht auf der Liste, ist mit 7,7/10 aber für ein Werk aus jener Zeit immer noch sehr hoch bewertet. Was das Kino 29 Jahre nach seiner Erfindung leisten konnte und was vielleicht noch nicht, darüber steht mehr in der -> Rezension zu lesen.

Handlung (1)

Im mittelalterlichen Bagdad lebt und stiehlt der geschickte Dieb Ahmed in den Tag hinein. Eines Tages planen der Dieb und sein Begleiter in das Schloss des Kalifen einzubrechen und einen wertvollen Schatz zu stehlen. Im Schloss sieht er allerdings die schlafende Prinzessin, die Tochter des Kalifen, und über ihre Schönheit vergisst er den Schatz zu stehlen. Er verliebt sich sofort in sie. Die mongolische Sklavin und Dienerin der Prinzessin entdeckt Ahmed und verständigt die Wachen, doch er kann ihnen entkommen. Nachdem sein Begleiter Ahmed erzählt, dass in der Zeit von Harun ar-Raschid schon einmal ein Meisterdieb eine Prinzessin gestohlen habe, will er das ebenfalls versuchen.

Am nächsten Tag feiert die Prinzessin ihren Geburtstag und soll verheiratet werden. Die Prinzen aus der Mongolei, Indien und Persien erscheinen am Hof des Kalifen. Die Prinzessin ist von den drei Männern allerdings keineswegs beeindruckt und insbesondere der finstere Mongolenprinz macht ihr Angst. Als Ahmed unter erfundenen Titel und mit gestohlenen Kleidern in den Hof einreitet, ist die Prinzessin von ihm begeistert und erwählt ihn als ihren Gemahl. Aus schlechtem Gewissen gibt Ahmed seine Entführungspläne auf und beichtet der Prinzessin die Wahrheit über sich. Unterdessen hat die mongolische Dienerin der Prinzessin in dem angeblichen Prinzen den Dieb aus der letzten Nacht wiedererkannt. Sie berichtet dem mongolischen Prinzen davon, der gemeinsam mit dem Kalifen die Verhaftung Ahmeds veranlasst. Ahmed wird ausgepeitscht und soll durch einen wilden Riesenaffen getötet werden. Die Prinzessin hält allerdings weiterhin zu Ahmed und besticht die Wachen, sodass sie Ahmed auf den Straßen Bagdads aussetzen.

Der Kalif verlangt von seiner Tochter, einen der drei anderen Prinzen zu nehmen. Um Zeit zu gewinnen, bittet sie jeden der Prinzen nach sieben Monaten beziehungsweise rund sieben Monden nach Bagdad mit einem Geschenk zurückzukehren. Derjenige, der das seltenste Geschenk bringe, solle sie zur Frau bekommen. Die drei Prinzen machen sich auf die Suche nach einem solchen Geschenk: Der Prinz aus Persien macht einen Fliegenden Teppich ausfindig, der Prinz aus Indien eine magische Glaskugel, der mongolische Prinz einen wunderlichen Apfel, der alle Krankheiten heilen kann.

Unterdessen bereut Ahmed sein früheres Leben und sucht einen Imam auf, den er zuvor noch wegen dessen Religiosität verspottet hatte. Der Imam zeigt ihm eine Möglichkeit, zu einem Prinzen und bedeutenden Mann zu werden: In einer Märchenwelt muss er allerhand aufregende und lebensgefährliche Abenteuer bestehen und vielen Versuchungen aus dem Weg gehen. Am Ende des siebenmonatigen Pfades wartet auf Ahmed aber schließlich ein Schatulle, die außergewöhnlicher und mächtiger als die Geschenke der drei Prinzen ist. Ahmed macht sich auf den Rückweg nach Bagdad.

Der mongolische Prinz hatte inzwischen eingefädelt, dass die Prinzessin vergiftet wird, damit er mit seinem heilenden Apfel den Retter spielen kann und ihre Hand versprochen bekommt. Die drei Prinzen treffen sich kurz vor Bagdad wieder. Hierbei blickt der indische Prinz in seine Glaskugel und sieht, dass die Prinzessin im Sterben liegt. Mithilfe des fliegenden Teppichs des persischen Prinzen erreichen sie sehr schnell das Schloss des Kalifen. Der mongolische Prinz verwendet den Apfel zur Heilung der Prinzessin und beansprucht die Heirat für sich, aber die anderen beiden Prinzen verweisen auf ihren Anteil an der Rettung der Prinzessin. Nachdem die Prinzessin in der magischen Glaskugel sieht, dass Ahmed auf dem Weg zu ihr ist, überzeugt sie ihren Vater, über die Auswahl des Bräutigams noch weiter zu beraten. Der mongolischen Prinz will allerdings nicht länger warten und bringt Bagdad in einem nächtlichen Überraschungsangriff unter seine Kontrolle.

Am nächsten Tag erreicht Ahmed das Stadttor, das durch die Mongolen bewacht wird. Mithilfe seines magischen Schatzes lässt er eine Armee aus dem Nichts entstehen, vor der ein Großteil der mongolischen Soldaten flüchtet. Der mongolische Prinz will sich daraufhin das Leben nehmen, allerdings weist ihn die mongolische Sklavin darauf hin, dass er noch mit dem fliegenden Teppich und der Prinzessin entkommen könne. Ahmed gelangt durch seinen Unsichtbarkeitsmantel durch die Reste der mongolischen Armee und kann die Prinzessin im letzten Augenblick retten. Der dankbare Kalif hat nichts mehr gegen die Heirat Ahmeds mit seiner Tochter einzuwenden.

Rezension

„Glück muss man sich verdienen.“ Diese Prämisse wird in einer magischen arabischen Nacht gleich zu Beginn eingeblendet. Der König der Diebe, Achmed, hält davon erst einmal nichts und auch die Vorzüge der Religion sind ihm suspekt. Doch um eine Prinzessin zu erobern, in die er sich unsterblich verliebt, geht Achmed auf eine Heldenreise und verdient sich so sein Glück, mit dem er am Ende auf eine Teppich davonschwebt. Jetzt könnte man natürlich rumfitzeln, weil man aus linker Sicht diese Prämisse zweifelhaft finden mag. Glück ist Glück und man kann es sich nicht verdienen. Wenn man sich etwas verdient hat, dann ist es kein Glück mehr, sondern ein Verdienst.

Natürlich ist dieser Spruch uramerikanisch: Das Glück liegt vielleicht auf der Straße, aber bücken muss man sich schon selbst. Mitte der 1920er, in der Phase der Prosperität, war das wohl wirklich die überwiegende Einstellung der Menschen und viele lassen sich bis heute ein X für ein U vormachen, obwohl die Erzählung längst glanzlos geworden ist – für die überwiegende Mehrheit, die sich noch so abrackern kann, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen oder gar keine Prinzessin heiraten zu dürfen.

Ich interpretiere daher die Prämisse lieber so: Das private Glück als Erfüllung einer Liebe zu erobern, hat auch Aspekte von Verdienst und es gibt Möglichkeiten, dafür etwas zu tun. Man muss nicht gleich eine Armee von 100.000 Mann aus dem staubigen Boden vor den Toren von Bagdad zaubern. Man kann die Stadt auch profaner einnehmen, wie die aktuelle politische Lage leider immer noch zeigt. Der Zauber des Nahen Ostens ist ohnehin einem Gefühl von Entsetzen darüber gewichen, was sich dort zuträgt. Aber im Jahr 1924 war war dieses Märchenland zumindest noch vorstellbar und daraus hat Douglas Fairbanks sehr viel gemacht.

Produktionstechnisch ist dies sicher einer der besten Stummfilme überhaupt, großartig die Dekors und Kostüme, flüssig und wendungsreich die Handlung, das Spiel natürlich der Zeit entsprechend, aber doch sehr angenehm: Man kann sich gut vorstellen, dass Fairbanks der erste Filmstar war, der gerne mit nacktem Oberkörper herumlief, wie über weite Strecken von „Der Dieb von Bagdad“. Der nächste Star, der das drauf hatte, war Clark Gable, zu sehen in „Meuterei auf der Bounty“ (1935), und dieser beerbte Douglas Fairbanks auch als „König von Hollywood“.

Die Zeiten im orientalischen Mittelalter, das wir hier angeblich sehen, waren zwar rau, aber in der Regel wurde nur ausgepeitscht, nicht geköpft, nicht gerädert, gevierteilt oder sonst gefoltert, wie im Abendland. Allerdings – die Mongolen. Die gelbe Gefahr wird in dem Film ganz hübsch strapaziert. Den Arabern gegenüber wirkt er kaum rassistisch, auch wen die Verwandlung eines Diebs in einen Mann, der aller Ehren wert ist, einen gewissen Hautgout hat – der aber auch der Märchentradition geschuldet ist, nicht nur der orientalischen. Die Völker des ferneren Orients kriegen es dafür etwas aufs Brot geschmiert, sie sind extrem hinterlistig und halten sich an keine Abmachung. Blöd, dass gerade China zum dominierenden Imperium aufsteigt, da werden Assoziationen aufgerufen. Es muss ja nicht immer die mongolische Methode sein, eine Art trojanische Armee zu requirieren. Obwohl … nun gut.

Der Film besteht aus einem großartigen ersten Teil und einem famosen Schluss – nur die Heldenreise von Achmed ist ein wenig rudimentär. Immer wieder erlegt er mit ein, zwei simplen Schwerthieben irgendwelche zotteligen Monster, mehrmals über und einmal unter Wasser. Eines konnte der tricktechnisch sonst schon sehr ausgefeilte Film nämlich noch nicht: Pappmaché-Figuren in Stop-Motion-Technik bewegen. Das kam erst mit „King Kong und die weiße Frau“ im Jahr 1933 auf einem Niveau in die Kinos, das nicht unfreiwillig komisch wirkt. „King Kong“ gilt auch als der erste Tonfilm mit einem durchgehenden Score, der ziemliche Bekanntheit erlangt hat und von Max Steiner stammt.

Die Musik von Mortimer Wilson für „Der Dieb von Bagdad“ ist eindeutig schöner. Sehr den Szenen angepasst und zum großen Glück ging man bei der 4K-Restaurierung nicht hin und unterlegte diesem Fantasy-Abenteuer einen „originalgetreuen“ arabischen Sound, möglichst noch verfremdet durch experimentelle Elemente oder moderne Einflüsse. Der Film wurde seinerzeit für ein westliches Publikum gemacht, er reflektiert trotz seiner sichtbaren Affinität zum Zauber des Ostens die westliche Sicht und das darf sich auch in einem für westliche Ohren angenehmen Sound ausdrücken, der die Pracht und die Lyrik des Films eindeutig verstärkt. Ich kenne auch den Film „Der Dieb von Bagdad“ von 1940, produziert in Großbritannien und in Technicolor von Alexander Korda – auch in diesem ebenfalls fantastischen Werk spielt die Musik eine große Rolle. Sie stammt von Miklos Ròsza und greift östliche Tonfolgen schon etwas mehr auf, im Stil sinfonischer Dichtungen des frühen 20. Jahrhunderts – aber sie ist eben sinfonisch und vor allem „Der Traum der Prinzessin“ ist wirklich ein traumhaftes Stück Filmmusik. Handlungsmäßig haben die beiden Werke nicht so viel gemeinsam, auch wenn in beiden der Dieb die Prinzessin kriegt.

Allerdings – hätte ich zu wählen gehabt, ich hätte nicht die Prinzessin genommen. Sondern die mongolische Sklavin. Durchtrieben und ergeben zugleich und gespielt von der ersten Frau mit chinesischem Hintergrund, die im US-Kino erfolgreich war: Anna May Wong. Sie ist der Hingucker, in diesem Film, während interessanterweise nicht Mary Pickford die Prinzessin spielt Vielleicht war sie dafür schon zu alt oder zu bekannt, um eine doch eher austauschbare Figur zu geben, die nur einen Bruchteil der Spielzeit des allgegenwärtigen Douglas Fairbanks hat. Er ist aufgrund der Nebenstränge des zweiten Teils, in dem alle Freier ausschwärmen und sich Schätze verschaffen, um die Prinzessin zu beeindrucken, nicht in jeder Szene zu sehen, aber der Film ist doch ganz auf ihn zugeschnitten. Dass er ebenfalls schon 41 Jahre alt ist, sieht man in Stills besser als in Bewegtbildern.

Die Freier sind als Figuren sehr gut angelegt und die Logik des Drehbuchs ist bestechend, denn auf der Suche nach dem außergewöhnlichen Geschenk verhalten sich die nicht so außergewöhnlichen Gentlemen genau so, wie man es ihnen aufgrund ihres ersten Auftritts zugerechnet hat: Der kleine, dicke persische Prinz (der von einer Frau gespielt wird) kauf auf einem Basar einfach einen fliegenden Teppich, als wenn ’s eine Tüte profaner Datteln wäre, der verwegen guckende Inder schändet eine Götzenfigur, um an deren Kristallkugel-Auge zu kommen, aber natürlich muss sein Diener ran, um die Tat auszuführen und der fällt dann auch runter und stirbt. Und was der monglische Prinz sich einfallen lässt, ist absolut typisch für ihn. Er lässt die Prinzessin von der schönen Sklavin vergitften, nur, um sie mit dem heilsamen Apfel kurieren zu können, den er in irgendeiner schäbigen Haftenstadt ersteht. Am Schluss geht die Rechnung für keinen auf, denn jedes Geschenk wird gebraucht, um die Prinzessin zu retten. Die Kugel, um ihr Leid zu sehen, der Teppich, um zu ihr zu eilen, der Apfel, um sie zu heilen. Aber Bagdad befreien, das kann nur der mächtige Zauberer, zu dem Achmed geworden ist: „Open wide the Gates of Bagdad!“, ruft er und macht es selbst mithilfe seiner Zauberarmee, nachdem die Besatzer ihn nicht reinlassen wollen. Auch das erinnert mich an gleich zwei politische Vorgänge, die auch etwa Mittelalterliches an sich haben, aber noch gar nicht so lange her sind …

Finale

In den Trivia der IMDb steht, dass Douglas Fairbanks durch die orientalische Episode von Paul Lenis „Das Wachsfigurenkabinett“ zu dem Film inspiriert wurde. Es ist noch nicht lange her, dass ich den Film gesehen habe und – in der Tat, der persische Prinz erinnert etwas an den Kalifen und Achmed – nun, an Achmed. Aber in Sachen Dynamik und emotionalem Gehalt sind die Filme doch unterschiedlch und es hat sich bewährt, dass Hollywood früh ein Schema herausgebildet hat, mit dem man die Massen verzaubern konnte. Der Plot ist nicht perfekt, aber er arbeitet schon deutlich mit dem gängigen Ablauf. Auf den ersten Blick wirkt der Film wie ein Zweiteiler oder Zweiakter, weil der erste Plotpoint doch etwas nach hinten verschoben scheint: Achmed verliebt sich in die Prinzessin und er fliegt in den Rosenbusch, hurra! Damit ist er der Auserwählte. Nur muss er das noch beweisen. Nach hinten stimmt es aber auch wieder auffallend, das Finale ist einfach nur großartig. Dramaturgisch stimmig und tricktechnisch nochmal ein Höhepunkt. Was mit dem magischen Seil beginnt, endet mit einem langfransigen Teppich, mit em Achmed und seine Auserwählte bzw. die Prinzessin und ihr Herzensdieb unter dem Sternenzelt dahingleiten und die Fransen des Teppichs lustig im Wind flattern. „Der Dieb von Bagdad“ ist der prototypische Fantasy-Abenteuerfilm und man kann ihn selbst heute noch anschauen, ohne dass man dabei ein rein filmhistorisches Interesse vorschieben muss.

81/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Angaben aus der Wikipedia

Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Douglas Fairbanks, James T. O’Donohoe
Produktion: Douglas Fairbanks
Musik: Mortimer Wilson
Kamera: Arthur Edeson
Schnitt: William Nolan

Douglas Fairbanks senior: Ahmed, der Dieb von Bagdad
Julanne Johnston: die Prinzessin
Snitz Edwards: Begleiter des Diebes
Charles Belcher: Imam (der heilige Mann)
Sojin Kamiyama: mongolischer Prinz
Anna May Wong: mongolische Sklavin
Brandon Hurst: Kalif von Bagdad
Noble Johnson: indischer Prinz
Mathilde Comont: persischer Prinz
Tote Du Crow: der Wahrsager
Sadakichi Hartmann: mongolischer Magier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s