Arzt und Dämon (Dr. Jekyll and Mr. Hyde, USA 1941) #Filmfest 209

Filmfeste 209 A

 2020-08-14 Filmfest AZehn Jahre sind eine Epoche

Wir nehmen die Gelegenheit wahr, die beiden bis heute bekanntesten Versionen eines ganz großen Stoffes der Filmgeschichte hintereinander und vergleichend zu rezensieren. Es handelt sich um die 1931er Verfilmung von Dr. Jekyll and Mr. Hyde mit Fredric March in der Titelrolle und die zehn Jahre später entstandene mit Spencer Tracy als Arzt und Dämon.

Beide Schauspieler meistern die Rolle des im Grunde idealistischen Arztes, der sich ins Böse hineinforscht und dabei in zwei Persönlichkeiten aufspaltet, sehr gut, aber es gibt Unterschiede. Noch größer sind die Unterschiede bei den übrigen Rollen und bezüglich der moralischen Tendenz der beiden Filme. Es ist faszinierend, zu sehen, was zehn Jahre Filmentwicklung in Hollywood ausmachen können und wie exakt die beiden Versionen dieses prototypischen Stoffes, der ein hervorragendes Gefäß auch für die Moralvorstellungen der Zeit ist, in welcher er bearbeitet wird, genau diesen Wandel wiedergeben.

Der Film von 1931 zeigt Mr. Hyde als affenähnliches Wesen und damit als eine Art Rückschritt auf der Evolutionsleiter. Abgesehen davon, dass man nicht sicher davon ausgehen kann, dass man den Affen damit nicht unrecht tut, ist das auch ein wissenschaftliches Statement. Anders im Jahr 1941. Der optische Unterschied zwischen Spencer Tracys Doktor Jekyll und dessen bösem Ich ist nicht ganz so groß, aber mit seinen riesigen, rollenden Augen, den dichten Brauen und den wirren Haaren – nebst schlechten, vergrößerten Zähnen in einem riesigen Mund – wirkt Hyde in der Tat dämonisch und gefährlich.

Die 1931er Verwandlung zielt also etwas mehr ins Tierische und der Film ist deutlich darauf ausgerichtet, dass innere sexuelle Spannungen für diese Verwandlung verantwortlich sind. 1941 trägt das Böse eher eine gemeine Verbrechervisage und es findet eine Transformation des direkten Ursache-Wirkungszusammenhanges zwischen Repression und ausgelebter Begierde hin zur allgemeinen Moralabgrenzung zwischen den auseinander strebenden Mächten innerhalb des menschlichen Charakters statt. Der Film ist deutlich weniger sexuell aufgeladen und Gut und Böse liegen zum einen näher beieinander und werden andererseits nicht mehr so schön hergeleitet wie noch zehn Jahre zuvor. Wie diese Entwicklung zu deuten ist und wodurch sie verursacht wurde, beschreiben wir in der anschließenden Rezension und berühren auch einige formale Unterschiede zwischen den beiden Filmen.

Handlung

Dr. Jekyll glaubt, dass in jedem Menschen Gut und Böse wohnt. Seine Experimente, die diese Eigenschaften trennen sollen, rufen seine dunkle Seite namens Hyde hervor. Die Erfahrung lehrt ihn, wie böse Mr. Hyde sein kann: Er tötet Ivy Peterson, die Interesse an Dr. Jekyll gezeigt hat, und Sir Charles, den Vater seiner Verlobten. Am Ende erschießt Jekylls bester Freund Mr. Hyde und veranlasst somit, dass Dr. Jekyll auch sterben muss, da Hyde ein Teil von ihm ist. 

Eine genauere Handlungsbeschreibung enthält die deutsche WIKIPEDIA zum 1931er Film – da die Handlung der beiden Filme nach einigen abweichenden Minuten beinahe identisch ist, kann diese ebenfalls herangezogen werden.

Rezension

Die 1932 unter der Regie von Rouben Mamoulian gedrehte Paramount-Produktion gilt unter den (…) Adaptionen als die beste Verfilmung des Romans. So ist es eigentlich verwunderlich, dass bereits neun Jahre später eine weitere Leinwandadaption entstand, die den Mamoulian-Vorgänger in jeder Hinsicht zu übertrumpfen versuchte, obwohl die Story im Prinzip ohne nennenswerte Änderungen übernommen wurde. Damit niemand das MGM-Remake mit Dr. Jekyll and Mr. Hyde direkt vergleichen konnte, ging das Studio sogar so weit, alle Rechte an der Mamoulian-Fassung zu erwerben und diesen Film dann für ein Vierteljahrhundert aus dem Verkehr zu ziehen! Erst 1967 tauchte der Streifen wieder im Rahmen einer Ausstellung des Lebenswerkes von Mamoulian in der Gallery of Modern Art auf (1).

Die Story der beiden Film ist also bereits für sich legendär und hat etwas von einem Psychothriller, scherzhafterweise könnte man sagen, das böse Marketing hat bei MGM über das Gute gesiegt, das allen Menschen jedes Werk zugänglich machen sollte, besonders natürlich den Cinéasten und Filmhistorikern. Vermutlich ist die 31er Version, die wir gesehen haben, aber vollständiger als die neuere, deren Spielzeit in den USA mit 113 Minuten angegeben wird, ist in Deutschland etwa fünf Minuten kürzer und besonders die harten Schnitte während der Terrassenszene sind erkennbar der Kürzung zu verdanken. Wären dies im Original so ausgefallen, hätte der Film gewiss keine Oscar-Nominierung für Schnitt und Kamera erhalten. Die 1931er Version brachte Fredric March einen der ganz wichtigen Oscars ein, den als bester Hauptdarsteller.

Die frühen 30er Jahre, als die oscarprämierte Mamoulian-Fassung entstand, waren eine ziemlich wilde Zeit. Die Wirtschaft lag darnieder, die Depression zog durch die USA und vernichtete Millionen von Existenzen und verbreitete sich von dort in alle Welt. Das Kino war im Umbruch und hatte den Übergang von der Stummfilmzeit in die Tonära gerade so bewältigt. Die Darstellungen im Film waren direkt, manchmal brutal und sehr freizügig. Es ist heute noch faszinierend zu sehen, wie diese raue Zeit sich im Filmstil niederschlug und wie sich schräge Charaktere aller Art auf der Leinwand tummelten. Viele Kinostücke waren schlicht Sensationen an Sex, Gewalt und – Horror. Zu den frühen Ton-Horrorfilmen (im selben Jahr entstand „Frankenstein“ in der legendären Version mit Boris Karloff, entstand „Dracula“ mit Bela Lugosi) zählt natürlich auch „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“. Er hat aber auch Gewalt und Sex, sogar in Form von sexueller Repression.

Diese Ära eines wie von der Leine gelassenen Hollywoodkinos war bald darauf zu Ende und es sollte 40 Jahre dauern, bis der Film wieder so direkt werden konnte wie in jener kurzen Zeitspanne, als der Ton lernte, synchron zu den Bildern zu laufen. 1934 wurde Franklin D. Roosevelt zum Präsident der Vereinigten Staaten und rief den New Deal aus. Die Prohibition war zu Ende und damit ein Sumpf des Verbrechens im wörtlichen Sinn trocken gelegt. Gemeinschaft, Soziales, Aufbruch, Zusammenstehen in der Krise waren die Schlagwörter jener Zeit. Verbrechergestalten konnten sich zwar noch auf dem Bildschirm tummeln, aber der moralische Zuckerguss wurde von Jahr zu Jahr dicker. Nicht verwunderlich, dass der „Hays Code“ ebenfalls 1934 in Kraft trat, und der hatte erheblichen Einfluss gerade auf die Art, wie Stoffe à la „Jekyll and Hyde“ verfilmt werden konnten. Schluss mit langen, sichtbaren Frauenbeinen und frivolen Posen und mit allzu deutlichen Statements zu Evolution und Religion. Die Gesellschaft wurde weniger feindlich, das Böse, wenn es sich zeigte, folglich abstrakter. Die Wirtschaft erholte sich, die Ängste der Menschen verstand die Roosevelt-Administration hervorragend in Vorwärtsdenken zu kanalisieren. Wie sich das Land damals erholt hat, das trug viel zum Mythos USA bei und zu dem von der Unbesiegbarkeit des anpackenden, christlich-familiären Geistes. Allerdings damals mit einem Schuss Sozialismus, den es im Land der (damals vielleicht wirklich beinahe) unbegrenzten Möglichkeiten niemals wieder gab. Zudem stand Europa bereits in Flammen und die USA waren kurz vor dem Kriegseintritt und im Film kam die psychologisierende Variante auf, die Figuren erklärt und lange philosophische Dialoge führen lässt, das entwickelte sich im Wesentlichen in der zweiten  Hälfte der 30er und in den 40ern.

Allerdings war die 1931er Version auch zu ihrer Zeit nicht unumstritten – in einigen Bundesstaaten durfte der Film nur mit Kürzungen oder der Eliminierung von Gewaltszenen und erotischen Anspielungen gezeigt werden (3).

All diese Veränderungen und Umstände schlagen sich im Stil und in der Aussage der 1941er Version von „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nieder. Meist sehen wir 40er-Jahre-Verfilmungen von Stoffen als klassische Höhepunkte an, in diesem Fall geben wir der (noch) älteren Version den Vorzug, weil eben gerade ein so kritischer Stoff wie derjenige vom Arzt, der zum Dämon wird, zensurfeindlich ist und der Production Code (Hays Code) war nun einmal eine starke Einschränkung der Möglichkeiten, bestimmte Aspekte des Lebens offen und schonungslos auf Zelluloid zu bannen.

Die Unterschiede beginnen bereits mit der Handlung. Auffällig ist, dass es zu den 1931er Szenen, in denen Dr. Jekyll als helfende Hand der Armen dargestellt wird, keine Entsprechung in der späteren Version gibt. Gleichermaßen deutlich hat z. B. der Hagestolz von einem Vater der Verlobten, den Dr. Jekyll aushalten muss, in einen strengen Beschützer verwandelt, dessen Wandlung zu mehr Toleranz nicht ganz nachvollziehbar ist – sie muss durch einen zu erwartenden Karrieresprung bzw. das wachsende wissenschaftliche Renommee von Dr. Jekyll notdürftig plausibilisiert werden, was keinen schlechten Blick auf den Geist des Films und der Zeit wirft. Da steckt eine gewisse – ungewollte? – Ironie drin. Anstatt Dr. Jekyll anfangs die Kranken behandeln zu lassen und dafür gesellschaftliche Ereignisse zu versäumen, beginnt die 41er Version tatsächlich in der Kirche, in der ein Pfarrer einen Diskurs über die Tugendhaftigkeit des spätviktorianischen Zeitalters hält. Der Film spielt exakt im Jahr 1887, denn das 50jährige Thronjubiläum der Queen Victoria wird erwähnt. Derlei Festlegungen gibt es in der zehn Jahre älteren Verfilmung nicht, sie wirkt deswegen zwar nicht zeitlos, aber nicht so klar definiert, was das gesellschaftliche Umfeld angeht.

Die späten viktorianischen Jahre waren durchaus ein Vorbild für die USA in den 40ern und 50ern. Diese Rückbesinnung auf die guten Werte nach den Exzessen der 20er und dem Börsencrash am Ende der Dekade, der einen hervorragenden Symbolwert für die zerstörerische Wirkung ungehemmter Triebe (Geld, Macht, Sex) aufwies, machte es unmöglich, diese guten Werte durch einen Film infrage zu stellen, indem ein junger, leidenschaftlicher Mann hauptsächlich aus unerfüllter Liebe heraus zu einem entfesselten Gewalttäter wird. Psychologisch ist das auch nicht so einfach, da hält sich die Version mit Spencer Tracy mehr an das Bild, das wir dank Psychoanalyse von der menschlichen Seele haben – indem er sich eines so deutlichen Kommentars zum Ursprung des Mr. Hyde enthält.

Vielmehr führt Dr. Jekyll mit Vertretern der Gesellschaft, dem Pfarrer und anderen Honoratioren, einen Diskurs über den Dualismus im Menschen und wie es wäre, das Böse aus dem Menschen zu eliminieren. Deutlicher als zehn Jahre zuvor nehmen die Gesellschaftsgrößen Stellung – und zwar im religiösen Sinn, nämlich, dass jedermann seine böse Seite selbst zu bekämpfen und zu überwinden habe und dass die Wissenschaft nicht in dieses Werk, das gerade durch den Zwang zur Entscheidung für Gut oder Böse ganz von Gott ist, einzugreifen habe. Dieser Diskurs entspinnt sich bei fast jedem medizinischen Fortschritt und man ist anfangs auf der Seite von Dr. Jekyll. Nicht so sehr allerdings wie bei seinem 1931er Pendant, dessen Motivation deutlicher herausgearbeitet wird. Spencer Tracys Dr. Jekyll ist mehr ein leidenschaftlicher Forscher mit einer differenzierten Psyche als ein praktisch-wissenschaftlicher Arzt, der aus Leidenschaft und mit konkreten Anwendungsvorstellungen im sozialen Bereich mit chemischen Formeln gegen das Böse zu Felde ziehen will.

Ein höherer Abstraktionsgrad für Dr. Jekylls Tun ergibt sich also aus der weniger negativen Darstellung des gesellschaftlichen Umfeldes. Lanyon, Dr. Jekylls Freund, ist 1941 mehr ein freundschaftlicher und gleichaltriger Begleiter denn strenger Tutor, obwohl auch er am Ende seinen Freund erschießt, als dieser sich wieder einmal in Mr. Hyde verwandelt hat. Der Schwiegervater in spe wirkt väterlicher – und die Verlobte fraulicher.

Sie heißt nicht mehr Muriel, sondern trägt den einnehmenden Namen Beatrice (die Glückbringende). Sie wird von Lana Turner gespielt, die hier von Tracy nicht nur als Engel bezeichnet wird, sondern wirklich engelhaft wirkt. Ivy ist Ivy geblieben, wird aber anstatt von der bodenständig wirkenden Miriam Hopkins vom kommenden Superstar Ingrid Bergman verkörpert. Erstaunlich, dass Karriereplaner von MGM es zugelassen haben, dass ihr neues Darling eine zwielichtige Frau verkörpern darf, die zudem auch noch einen gewaltsamen Tod findet. Aber das Studio des Lichtes und Glanzes von Hollywood wäre nicht es selbst, wenn es diese Ivy nicht auf eine so charismatische und beinahe entrückte Weise in Szene gesetzt hätte, dass sie ganz anders wirkt als ihre Vorgängerin. Natürlich ist sie schön und trägt ein tiefes Dekolleté, aber sie entfacht eher heilige Bewunderung für ihre Schönheit als irdisches Begehren, wie Hyde es aber zweifellos entwickelt. Welch ein Schurke, der ein so  zerbrechliches Wesen so malträtiert und – ermordet. Da bleibt auch für Dr.  Jekyll wenig Sympathie übrig, zumal dieser, wie erwähnt, sein ganzes Tun eher aus einer Idee ableitet als bedrängt und getrieben wirkt. Die Bergman allerdings spielt als angstvolle junge Frau schon eine Rolle, die auf einen Film wenig später hinweist – „Gaslight“, einen der echten Klassiker der 40er Jahre. Dort hatte sie die uneingeschränkte weibliche Hauptrolle und in diesem atmosphärischen und hochspannenden Krimidrama konnte sie ihre Darstellung aus „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ auch ohne übermäßig große Augen und feuchte Lippen entscheidend erweitern.

Wenn man bedenkt, dass Lana Turner wenige Jahre später negative Heldinnen, femmes fatales wie die Cora in „The Postman Always Rings Twice“ (1946) und die Lady de Winter in „Three Musketeers“ (1948) spielte und Ingrid Bergman mit Werken wie „Spellbound“ (1945)  oder „Arc de Triomphe“ (1948) und sinnbildlich als „Joan of Arc“ (1948) zu einer Ikone und einer Projektionsfläche des amerikanischen Wunsches nach einer höheren, opferbereiten und der Heiligkeit nahestehenden Form von weiblicher Tugendhaftigkeit wurde, hätte man die Rollen auch gut umgekehrt besetzen können. Offenbar gab es wirklich einen Tausch, den die Schauspielerinnen selbst organisiert hatten. Da war also auch etwas Dämonisches in der jungen Bergman, die unbedingte eine Frau mit zweifelhaftem Lebenswandel spielen wollte – und der Wunsch in der jungen Lana Turner, eine Figur in strahlendem Weiß zu sein.

Beide Figuren, die Verlobte des Arztes und die Zwangsgeliebte des Dämons, sind nicht Bestandteil des Romans von Robert Louis Stevenson, auf dem der Stoff fußt, sondern aus dem 1931er Film übernommen – wobei, gemäß den angesprochenen Zeitkonventionen aus der Prostituierten Ivy eine Bardame wurde. Die beiden Frauen wurden aber auch nicht vom früheren der beiden Filme eingeführt, sondern stammen aus einer Bühnenversion des späten 19. Jahrhunderts (4).

Was kommt dabei heraus, wenn ein Regisseur wie Victor Fleming, der kurz vor diesem Film das epochale Drama „Vom Winde verweht“ (1939) inszeniert hatte (zumindest in der Hauptsache, der Film hat mehrere Regieväter), bei einem Horrorfilm Regie führen soll? Das Ganze ist ein wenig glamourös geraten. Kein Wunder, angesichts des Casts und der MGM-typisch üppigen Dekors und des Glanzes, der sogar über den Londoner Nebel legt. Der Nebel ist aber auch dicht und so ist die Atmosphäre in Filmen der 40er. Wofür es allerdings bessere Beispiele in Dramen und Films noir gibt als die Fleming-Verfilmung von Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Es ist auch sicher nicht in erster Linie dem persönlichen Stil Victor Flemings zu verdanken, dass die 1941er Version mehr Psychodrama ist als ein überwiegender Horrorfilm. Diesem Genre stand die Mamoulian-Version mit ihren spannungsgeladenen Bildeinstellungen und einem guten Maß an Suspense deutlich näher.

Victor Fleming hat aber erkennbar Mühe damit, Spencer Tracy gut zu führen – falls es eine Frage der Schauspielerführung ist, wie glaubwürdig eine ziemlich besondere Rolle wie die des Mr. Hyde rübergebracht werden kann. In „The Wizard of Oz“ hat Fleming Judy Garland und ihre drei Freunde durch ein wunderbares Musical dirigiert, exaltierte und doch hoch charmante Charaktere auf die Leinwand gebracht. Aber ein Dämon ist eben eine andere Kategorie. Wenn wir heute auf die 41er Version von Jekyll and Hyde schauen, haben wir vielleicht gerade diesen verklärten Blick, der uns ein wenig vergessen lässt, wie zeitgenössisches Publikum den Film empfunden haben mag. Einen guten Einblick, wie zeitgenössische Kritiker zu Werke gingen, gibt uns immerhin die wenig freundliche Rezension des legendären Bosley Crowther in der New York Times (2). Er hat Tracys Darstellung in Teilen als lächerlich und die psychologische Unterlegung des Films als Hokuspokus bezeichnet.

Wenn man es sehr streng betrachtet, ist das nicht falsch. Andererseits ist der hochgeschätzte Crowther kein Genrefreund gewesen, sondern hatte eher ein gut gemachtes Melodram oder europäische Filme des aufkommenden Neorealismus im Sinn, wenn er an Filmkunst dachte und das Overacting, das nun einmal dem aus viktorianischen Motiven inspirierten Horrorfilm eher eignet als einer Sozialstudie aus dem Arbeitermilieu, das fand er lächerlich, während wir es immerhin als interessant ansehen und selbstverständlich eine gewisse Faszination für Filme zulassen, die schon so alt sind und uns in eine Zeit abtauchen lassen, die höchstens unsere Großvater bewusst erlebt haben. Wir meinen damit nicht die Epoche der Queen Victoria, sondern die zu Beginn des 2. Weltkrieges.

Weiterhin wurde – nach unserer Ansicht zu recht – kritisiert, dass Tracy nicht unbedingt dem Typ eines englischen Oberklasse-Arztes aus dem späten 19. Jahrhundert entsprach, im Gegensatz zum wesentlich eleganteren Fredric March. Der raue irische Bursche, dessen Dr. Jekyll zumindst in der deutschen Übersetzung eine alles andere als gepflegte, sondern ziemlich dünne, hohe und heisere Stimme aufweist, von der diejenige des Hyde eher eine Steigerung als eine Abweichung darstellt, war auf andere Rollen abonniert und hat danach auch nie wieder in einem Horrorfilm mitgespielt. Vielmehr hatte er selbst nach dem Anschauen des Films die Befürchtung, nach dieser Darstellung sei es mit seiner Schauspielkarriere zu Ende (4). Ein weiterer Kritikpunkt war, dass er für die Rolle des jugendlich-idalistischen und romantisch verliebten Arztes Dr. Jekyll mit 41 schon zu alt war.

Tatsache ist aber auch, dass sich MGM mit manchen Generes nicht leicht tat. Musicals, opulente Dramen, darin war das Luxusstudio zuhause, aber Horror war nun einmal eine Domäne der Universal. Das überragende Design, die erstklassige Technik, das unvergleichlich elegante Finish, das für MGM-Filme typisch war, half einem Film wie „Jekyll an Hyde“ nur bedingt und machte ihn keinesfalls besser als das allerdings von Paramount, nicht von Universal verantwortete frühere Werk.

Finale

Der Mensch soll nicht Gott spielen. Diese schlichte Maxime ist dem 1941er Film mehr zu eigen als dem von 1931 und trennt ihn von Meisterwerken des Horrors wie „Frankenstein“ von 1931. Es ist vorhersehbar, dass die Thesen, die Jekyll vor den Männern und Frauen der britischen Gesellschaft vertritt, nur zum Untergang führen können. Recht einfach ist auch die Konstruktion, dass das Böse einen Auslöser braucht – der in der 41er Version, wie geschrieben, nicht so klar ausgeformt ist wie im Vorgänger, welcher nicht mit so vielen Diskriminierungen zu kämpfen hatte.

Vieles musste 1941 eher angedeutet werden. Dass es nicht leicht war, einprägsam zu sein, heißt nicht, dass man diese zwar hochwertige, aber auch konventionelle Version des Stoffes aus der künstlerischen Verantwortung entlassen kann. Fraglos hat der Film schöne Momente, etwa die Flucht des Hyde mit wehendem Umhang durch den Londoner Nebel, die ein wenig an „Nosferatu“ und ähnliche Filme erinnert, in denen das Grauen Gestalt gewinnt. Ohne Zweifel ist Ingrid Bergman mit ihrer – für die Rolle etwas zu sehr – frischen und unverbrauchten, sehr unamerikanischen Anmut eine Show, spielt Tracy nach unserer Ansicht nicht so grottig, wie es manche Kritiker sehen, doch der Unterschied zum wesentlich beherzteren Film von Rouben Mamoulian aus 1931 ist erkennbar.

Wenn man so will, ist „Arzt und Dämon“ auch ein Beispiel für etwas, das 1941 noch wenig relevant war, weil Remakes in der Regel solche von Stummfilmen waren – nämlich dafür, dass sie nur in ganz seltenen Fällen an glanzvolle Originale herankommen. Heute kennen wir das aus unzähligen uninspirierten Neuverfilmungen. Wenn es um die Neuverfilmung von Stummfilmgen ging, konnte man noch sagen, die technische Entwicklung des Kinos in seinen frühen Jahren war so rasant, dass es sich meist lohnte, einen Stoff mit Ton neu zu verfilmen. Besonders, wenn es ein Stück Literatur war, das nicht bereits zu einer hochgeschätzten und als gültig angesehenen Adaption gefunden hatte. Oder eben ein Stoff wie der seltsame Fall des Arztes und Dämons, der immer dazu reizt, gemäß dem herrschenden Stil und der herrschenden (Un-) Moral neu ausgelegt zu werden.

72/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(3) Wikipedia, wie Handlung, a. a. O.
(1) Christian Lorenz in „Filmzentrale
(2) The New York Times, Kritik vom 13. August 1941
(3) Wikipedia, wie Handlung, a. a. O.
(4) International Movie Database (IMDb), „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“, Trivia.

Regie Victor Fleming
Drehbuch John Lee Mahin
Produktion Victor Saville
für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik Franz Waxman
Daniele Amfitheatrof
Mario Castelnuovo-Tedesco
Kamera Joseph Ruttenberg
Schnitt Harold F. Kress
Besetzung

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