Atemlos nach Florida (The Palm Beach Story, USA 1942) #Filmfest 224

Filmfest 224 A

2020-08-14 Filmfest AWie angle ich mir keinen Millionär

Regisseur Preston Sturges war zu Beginn der 1940er Jahre ein Wunderkind und Liebling der Filmbosse als Verfasser von Drehbüchern, die durch ihre geschliffenen Dialoge auffielen, als er begann, Filme selbst zu inszenieren.

Zu seinen ersten Arbeiten gehörte „The Palm Beach Story“, und obwohl die professionellen Rezensenten gegenüber Sturges mit seinen scharfen, manchmal zynischen Ansätzen der Gesellschaftskritik positiv eingestellt war, bemängelte der damals führende Kritiker Bosley Crowther, der für die New York Times schrieb, der Film sei zu dialoglastig und langsam. Haben wir das auch so empfunden? Dies und meht steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Tom und Gerry Jeffer leben trotz beengter finanzieller Verhältnissen glücklich in New York. Eines Tages können sie jedoch ihre Miete nicht mehr bezahlen und sollen ihre Wohnung räumen, als Gerry eine, wie sie findet, grandiose Idee kommt. Durch die Bekanntschaft mit dem betagten Wurstmagnaten „Wienie King“ wird sich die junge Frau ihrer Wirkung auf ältere, wohlhabende Männer bewusst. Sie macht sich auf nach Florida, um dort nach einer Expressscheidung einen Millionär zu heiraten. Das würde ihr ein Leben in Luxus und ohne Sorgen ermöglichen und ihr gleichzeitig die Möglichkeit verschaffen, Tom bei seinem beruflichen Fortkommen zu unterstützen.

Schon auf der Pennsylvania Station macht Gerry die Bekanntschaft einer Jagdgesellschaft mit dem klingenden Namen The Ale and Quail Club. Die stark alkoholisierten Herren laden Gerry ein, auf ihre Kosten mit nach Palm Beach zu kommen, doch als sie mit ihren Gewehren herumschießen und zudringlich werden, flieht Gerry in einen anderen Schlafwagen und landet prompt neben John D. Hackensacker III.

 Am nächsten Morgen findet sich Gerry nur im Pyjama wieder, weil mittlerweile der Salonwagen samt der ganzen Jagdgesellschaft wegen ungebührlichen Verhaltens vom Zug abgekoppelt wurde. John D. Hackensacker III., einer der reichsten Männer der Welt, erbarmt sich Gerrys und nimmt sie mit auf seine Yacht vor Palm Beach. Gerade als die beiden an Land gehen wollen, sehen sie dort schon Tom stehen, der seine Frau zurückhaben will. Gerry rettet die Situation, indem sie Tom als ihren Bruder „Captain McGloo“ vorstellt. Tom, alias Captain McGloo, erregt die Aufmerksamkeit von Johns bereits mehrfach geschiedener Schwester, der Prinzess Maud Centimillia. Die Verwicklungen nehmen ihren Lauf, während John Gerry und Maud Tom erste Avancen und dann Heiratsanträge machen. Schließlich klären sich die Missverständnisse auf und am Ende heiraten John und Maud die jeweiligen Zwillinge von Tom und Gerry und alle werden glücklich. Zumindest für den Augenblick.

Rezension 

Es ist, das zeigt sich immer wieder, von Vorteil, wenn  man das Milieu, über das man sich kinematografisch äußerst, selbst kennt, und das war bei Sturges der Fall, der aus einer sehr wohlhabenden Familie stammte.

Die Attitüden der Reichen waren ihm also vertraut. Und die Ansicht, dass „The Palm Beach Story“ langsam sein soll, kann man sich heute, nach vielen Jahrzehnten wirklich umständlich gedrehter Kinostücke, nur dadurch erklären, dass Bosley Crowther im Fach Screwball-Komödie, denn zu diesem Genre zählt „The Palm Beach Story“, Spitzenwerke der letzten Jahre zugrunde legte: „Bringing Up Baby“ (1938) und „The Philadelphia Story“ (1940) unter der Regie von Howard Hawks bzw. George Cukor. Beide hatten Katherine Hepburn und Cary Grant als Stars, und damit einen Vorteil bezüglich des humoristischen Talents,  der durch nichts zu ersetzen ist – außer durch noch mehr Talent, was wiederum kaum zu finden ist.

Und, ja, diese Filme waren noch quirliger und mindestens genauso sehr Gesellschaftssatire wie „The Palm Beach Story“ und hatten exorbitante Handlungen mit großem Ideenreichtum.

Claudette Colbert, die seit ihrem Teaming mit Clark Gable in „It Happened One Night“ (1934) von Frank Capra zu den Mitbegründerinnen des Screwball-Genres zählte, macht ihre Sache in „The Palm Beach Story“ gut und zählte nicht umsonst über viele Jahre hinweg zu den beliebtesten und bestbezahlten weiblichen Stars der Traumfabrik – aber Joel McCrea als ihr Ehemann ist nicht Cary Grant oder Clark Gable. Man mag einwenden, dass er auch nicht so wirken sollte, sondern wie ein netter Durchschnittsamerikaner, der sich redlich zum Erfolg müht, was man Grant oder Gable mit ihrem immensen Starpotenzial wohl kaum abgenommen hätte. Nach unserer Ansicht hätte es besonders bei Grant aber funktioniert, wenn man die Rolle etwas mehr mit Drive versehen hätte.  Es ist gemäß Drehbuch aber nicht die Aufgabe von Tom, die besten Dialoge zu haben, sondern am solidesten zu wirken, also am langweiligsten von allen Figuren.

Hingegen überzeugt der Crooner Rudy Vallee als Jachtbesitzer John D. Hackensacker III und wirkt als Typ sympathisch, trotz seiner vielen ererbten Kohle. Mary Astor als seine Schwester wurde von der zeitgenössischen Kritik gelobt, aber wir halten es mit ihr selbst, sie befand diese Rolle, die sie mit blonder Perücke spielte, nicht als Meisterstück, wenn man sie mit Darstellungen wie der in „Der Malteser Falke“ (1941) vergleicht. Dafür ist sie zu kurz und zu klischeehaft angelegt, wenn auch nicht ganz so stereotyp wie die des armen Italieners, der eine Art Punchingball für die Launen von Schwester Hackensacker darstellt. Die Deutschen sind in dem Film trotz Krieg außen vorgelassen worden (wenn man vom Nachnamen des Jachtbesitzers absieht), wohl auch deshalb, weil Sturges u. a. in Deutschland aufgewachsen war – doch wenigstens eine der Achsenmächte wird durch eine lächerliche Figur vertreten.

Heute wird der Film durchschnittlich mit sehr guten 7,9/10 von ca. 8000 Nutzern der IMDb bewertet, und Frauen gehen noch einmal höher (8,1/10) (2). Kein Wunder, denn die Heldin ist Gerry, die sich wirklich einiges einfallen lässt, um sich und Tom aus der misslichen finanziellen Lage zu befreien, ohne jenen gewissen Hauch von Luxus aufgeben zu müssen, ist eine wunderbare Projektionsfläche. Wohl kaum eine Frau kann deren Handeln nicht nachvollziehen und wie viele Frauen mögen sich selbst dafür verflucht haben, dass ihre Liebe auf einen pekuniär eher kargen Boden gefallen ist, sie aber nichts gegen ihre Gefühle tun können?

Aber auch manche Scheidung, wie im Film von Gerry geplant, wird genau darauf fußen, nämlich, dass der Mann nicht die Erwartungen an sich selbst oder die seiner Frau erfüllt und damit alle unzufrieden macht. Aber genau dafür hat dieser Film ein Herz: Schließlich finanziert Hackensacker Toms Idee von einem in der Luft aufgehängten Flugplatz, der am Boden folglich keinen Raum beansprucht. Zumindest das Modell, das 99.000 Dollar kosten soll. Schon damals muss jedem halbwegs denkenden Menschen klar gewesen sein, dass so etwas nicht realisierbar ist, es steckt demnach in dem Projekt selbst eine gewisse Ironie – und natürlich darin, dass ein Superreicher sich damit befassen will. Der Spleen von Milliardären wie Howard Hughes für die Fliegerei war in jener Zeit einer der reizvollsten Gegenstände der Betrachtung gleichermaßen ökonomischer wie gesellschaftlicher Aspekte. Allerdings muss man sagen, dass Hughes auch kommerziell erfolgreich war (als Gründer der TWA und Mit-Initiator der Konstruktion der Lockheed Constellation, die Vorgänge sind dargestellt in „Aviator“).

Finale

Mit den absoluten Spitzenfilmen des Genres kann „The Palm Beach Story“ nicht ganz mithalten, aber es ist ein ansehnliches Kinostück, zudem in der von uns gesehenen Fassung erstklassig restauriert und mit einer (relativ) neuen deutschen Synchronisation versehen. Manche Ideen, wie die Einführung von Hackensacker als Jachtbesitzer, könnten als Vorlage für berühmte Komödien wie „Manche mögen’s heiß“ (1959) gedient haben, auch „Wie heirate ich einen Millionär?“ (1953) zeigt stellenweise Anklänge an „The Palm Beach Story“, wie etwa die zu teure Wohnung – mit dem zusätzlichen Gag, dass immer, wenn das Geld knapp wird, das Inventar in die Pfandleihe wandert.

Bei aller kritischen Haltung des Films ist er aber doch typisch Hollywood und von einem der Studios, die sehr auf die Eleganz von Dekors und Menschen bedacht waren, die man sich mit den Lubitsch-Komödien zu Beginn der 1930er erworben hatte. Das heißt, auch die Armen sind gut gekleidet und leiden zwar unter Geldmangel, aber optisch fehlt ihnen kaum etwas. Echte Not, die den gewaltigen Gegensatz zwischen reich und arm illustriert, der in den USA fast während ihrer gesamten Geschichte geherrscht hat, kommt in Filmen dieser Art selten vor – sonst wären sie auch keine Screwball-Komödien.

Diese setzen einen Hintergrund voraus, der nicht desaströs ist oder aufrüttelt, denn man soll sich ja auf die schönen Dialoge, das gute Spiel und einige visuelle Gags konzentrieren können, die von Menschen gesprochen oder inszeniert werden, die alles in allem in bester Verfassung sind. Das betrifft auch die urwüchsige Art der Amerikaner von damals, das Leben bei den Hörnern zu packen. Depressive Stimmungen wegen Geldsorgen, die rasante Dialoge verunmöglichen würden, kommen in keinem dieser Filme vor.

7,6/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2020: Mittlerweile weist die IMDb nur noch durchschnittlich 7,5/10 aus. Das ist ein ungewöhnlich deutlicher Rückgang innerhalb von fünf Jahren. Dadurch liegen wir mit unserer Bewertung (angehoben um 0,1 gegenüber dem Zeitpunkt der Entwurfserstellung) sogar leicht über dem IMDb-Schnitt. Außerdem hat sich die nach Gendern aufgeschlüsselte Wertung etwas verändert: Männer vorten durchschnittlich mit 7,5, Frauen mit 7,4 Punkten. 

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