Doppeltes Spiel – Polizeiruf 110 Fall 54 #Cimetime 792 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Fuchs #Woltersdorf #Cottbus #Spiel #doppelt

Crimetime 792 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Man kann es immer wieder verwenden

Der 54. Polizeiruf ist durchaus ein besonderer, auch wenn das auf der Wiki-Seite mit der Zeitleiste aller veröffentlichten Filme der Reihe nicht angemerkt wird: Erstmals führte mit Ingrid Sander eine Frau Regie. Auch der zugrundeliegende Kriminalroman stammt von einer Frau, die allerdings unter einem männlich klingenden Pseudonym schrieb.

Inhaltlich bewegt „Doppeltes Spiel“ sich auf bewährtem Boden, fasst viele damals schon bekannte Polizeiruf-Elemente zusammen und steht gleichzeitig für eine Tendenz, die den Polizeiruf immer mehr eigenständig erscheinen lässt. Worum geht es dabei und was ist sonst zum Film zu schreiben? Es ist nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

In einer Baugrube wird die Leiche von Anja Bindseil aufgefunden. Bald wird deutlich, dass ihr Tod kein Unfall war, sondern Anja bereits tot war, als sie in die Grube gefallen ist. Zwei Personen identifizieren die Leiche: Arthur Hopfer, Hauptbuchhalter eines Warenhauses und Vorgesetzter von Anja, sowie Susi Brehm, die sich mit Anja eine Wohnung teilte. Susi Brehm vermutet sofort Heinz Caster als möglichen Täter. Anja hatte mit ihm ein Verhältnis, fand jedoch bald heraus, dass er verheiratet ist. Obwohl Susi ihr davon abriet, suchte Anja Casters Frau auf, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Seither war sie verschwunden.

Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Woltersdorf übernehmen die Ermittlungen. Sie erfahren im Gespräch mit dem Ehepaar Caster, dass Heinz, der in der Forschungsabteilung eines Chemiewerks wissenschaftlich arbeitet, regelmäßig neue Liebschaften hat, was seine Frau jedoch toleriert. Sie weiß, dass er sie und die beiden Kinder nie verlassen würde. Dies sagte sie auch Anja, als sie sie aufsuchte. Heinz hätte auch nie das gemeinsame Haus aufgegeben, das sie sich in mehr als zehn Jahren Ehe aufgebaut haben.

Peter Fuchs verfolgt neben der Familie Caster eine weitere Spur und ordnet im Warenhaus eine verdeckte Revision an. Dies empört Hauptbuchhalter Hopfer, der sich pflichtbewusst gibt. Er wird in die Ermittlungsarbeit der Polizei eingeweiht, so hat die erste Revision doppelt ausgestellte Rechnungen ergeben. Bei den weiteren Untersuchungen kommen immer mehr Fehlrechnungen ans Tageslicht, von denen Hopfer nichts gewusst haben muss. Eine Mittäterschaft kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Aufgrund der Art der Rechnungen vermuten die Ermittler einen Komplizen im zuliefernden Großhandelsbetrieb Textil und schon bald zeigt sich, dass Mitarbeiter Rautenberg über mehr Geld verfügt, als eine Erbschaft und sein Einkommen ergeben. Zudem erfahren die Ermittler, dass Hopfer am Tattag zwar auf einer Faschingsfeier war, jedoch von seinem dort gemieteten Zimmer aus jederzeit unbemerkt über das Dach verschwinden konnte. Hopfer ist im Ort als sehr freigiebig bekannt. Auch Anja Bindseil scheint über größere Geldbeträge verfügt zu haben, hatte sie sich doch kurz vor ihrem Tod ein Gartengrundstück gekauft und bar 3000 Mark Anzahlung geleistet.

Nach einer Befragung, in der Peter Fuchs und Leutnant Woltersdorf Rautenberg des gemeinschaftlichen Betrugs bezichtigen, lassen sie ihn laufen, beschatten ihn jedoch. Er fährt nach Berghainichen, wo Hopfer ein Grundstück besitzt, das er von seiner Mutter geerbt hat. In Hopfers Haus nehmen die Ermittler Rautenberg fest, doch kann Hopfer, der bereits vor Rautenberg angekommen war, entkommen. Er fährt zu seinem Betrieb und erwartet die Ermittler an seinem Schreibtisch. Erst jetzt gibt er zu, dass er von Anja erpresst wurde, die hinter den Betrug mit den doppelt ausgestellten Rechnungen gekommen war. Sie forderte immer höhere Anteile der Betrugssumme und wollte zuletzt die Hälfte von Hopfers Anteil haben. Er weigerte sich und sie kündigte an, seine Karriere zu zerstören. Er erschlug sie und brachte ihre Leiche anschließend zur Baugrube. Hopfer wird festgenommen.

Rezension

Es ist vielleicht etwas platt, aber wenn Rolf Hoppe einen Buchhalter spielt, muss etwas faul sein. So bereits in „Die Rechnung geht nicht auf„, einem Krimi, der 1975 uraufgeführt wurde. In der Tat hat Hoppe zur DDR-Zeit in nur zwei Filmen der Reihe mitgewirkt und in beiden sehr ähnliche Charaktere verkörpert. Otto Mellies hingegen, der den sensiblen Konstrukteur Caster darstellt, kam bis 1989 vier Mal zum Einsatz, erstmals in „Kollision“ (1977). Allein das Mitwirken dieser beiden Schauspieler ist ein Plus von „Doppeltes Spiel“, aber es gibt weitere ewähnenswerte Aspekte. Vielleicht zunächst zu den Standards, die wir oben angedeutet haben.

Der VEB oder die PGH, in der Schmu gemacht wird, ist ein Polizeiruf-Klassiker. Da es in der DDR nach offizieller Lesart kein organisiertes Verbrechen geben konnte, das die Volkswirtschaft sozusagen durch Eindringen schädigt, musste, wenn man Vermögensdelikte darstellen wollte, das Handeln der Genossen selbst mehr in den Blick genommen werden. Einzeltäter wurden anfangs auch vorgestellt, aber das war nur möglich, wenn Objekte schlecht gesichert waren und Schlamperei zu beklagen war. Anders bei Werktätigen aus den Betrieben selbst: Manchmal tat Brigade aus nur einem Betrieb Unrecht der Materialabzweigung oft aber mussten Mitarbeitende mindestens zweier Unternehmen zusammenwirken, damit es klappt und beide Buchhaltungen mussten in den Betrug bzw. die Unterschlagung verwickelt sein. In der Regel waren dies ein produzierender und ein distribuierender Betrieb, letzterer klassischerweise ein Kaufhaus. In „Doppeltes Spiel“ ist das Logo eines „Centrum“-Warenhauses zu sehen. Der Film wurde in Cottbus gedreht, steht in der Wikipedia, aber dort gab es kein „Centrum“, vermutlich wurde die Fassade des Hauses am Berliner Alexanderplatz eingeblendet.

Wir hätten aus der Anschauung heraus gedacht, dass eine solche Verschiebung am besten möglich ist, in dem produzierte Gegenstände gar nicht abgerechnet werden, auffällig würde dann aber irgendwann der zu hohe Materialverbrauch, also müsste schon an dem Ort, an dem Rohstoffe gewonnen werden, jemand zu niedrige (vor-) produzierte oder (bei Großhandelsbetrieben: eingelagerte) Mengen angeben. Wenn hingegen mehr Rechnungen ausgestellt werden, als Waren verkauft wurden, müsste es eine Lücke im Bestand geben, die bei jeder Revision auffällt und was sollte dabei für die Rechnungssteller gewonnen werden? Dass sie das Geld selbst einstecken, das auf den Rechnungen ausgewiesen ist, die Umkehrung zum Abzweigen von Material. Aber eben mit der Gefahr, dass kein entsprechender Warenbestand vorhanden war.

Außerdem wird erst gesagt, Hopfer hat vielleicht die Doubletten nicht wahrgenommen, weil sie ihm in Abständen vorgelegt wurden, später heißt es, er bekäme nur Summen zu sehen, keine konkreten Abrechnungen mit ausgewiesenen Positionen. Die Modelle, die in Polizeirufen in diesem Bereich gezeigt werden, sind unterschiedlich und vielleicht müssen wir uns damit noch einmal gesondert befassen, weil wir von den Tatorten her nicht mit schwierig zu verstehenden Vorgängen dieser Art vertraut sind (und unsere kaufmännische Erfahrung ebenfalls dagegen spricht, dass so etwas längerfristig funktioniert – im Gegensatz zur Steuerhinterziehung). Dass es neben der üblichen Inventur auch externe Prüfer gibt, ist hingegen verständlich, denn, anders als in Privatbetrieben, in denen die Unternehmer ein Interesse daran haben müssen, dass die Angestellten im Sinne des Unternehmens korrekt arbeiten, waren in den meisten DDR-Betrieben die Angestellten im Grunde solche des Staates, weil die Unternehmen ihm gehörten und die Prüfer hatten wohl eine ähnliche Position wie Betriebsprüfer vom Finanzamt, die Steuerverkürzung zulasten des Staates aufdecken sollen.

Ende der 1970er Jahre hatte der Polizeiruf ein hohes Niveau bezüglich der Figurenzeichnung erreicht, da macht „Doppeltes Spiel“ keine Ausnahme. Wir fanden den Film als Whodunit sehr spannend gemacht, weil die privaten Verstrickungen von Frau Bindseil und das Berufliche lange Zeit gut in der Schwebe gehalten werden. Sicher, Rolf Hoppe macht mit, aber es wäre ja auch eine schöne Brechung gewesen, wenn man ihm beim zweiten Einsatz (im ersten war er „Hauptökonom“ eines Taxi-VEB) tatsächlich als Saubermann ausgewiesen hätte. Man wird auch stark darauf hingeleitet, dass er das ist, weil der Polizist von der Staatsrevision (einer Art Gewerbepolizei) erklärt, der Betrug im Betrieb könnte ohne Weiteres an ihm vorbei gelaufen sein. Man sieht, die Art, wie der Schaden am „Volkseigentum“ zustande gekommen sein soll, lässt uns nicht los.

Alles ist ein bisschen doppelt gestrickt: Anja Bindseil liebt einen Mann, der ihretwegen aber nicht seine Familie aufgeben will und versucht, dessen Frau anzugreifen, hat aber nicht viel gegen sie in die Hand. Damit es mehr wird, erpresst sie ihren Chef, von dem sie aber nichts will, nachdem sie den Betrug aufgedeckt hat. Das Führen auf falsche Fährten wird in dem Film durchaus in eine kritische Richtung getrieben: Denn ihre Kollegin behauptet auch, dass eine „Tipse“, die noch gar nicht so lang im Betrieb ist, nicht den Einblick haben kann, um an der Sache beteiligt zu sein. Außerdem wird immer durch drei geteilt. Der Mitarbeiter des Textilwaren-VEB ist der eine, Hauptbuchhalter Hopfer der zweite, aber Anja presst doch von Hopfer einen Teil von dessen Drittel ab, was logisch erscheint. Wer ist also die dritte Person? Das kommt leider nicht heraus. Handlungsseitig bleiben also durchaus einige Erklärungen offen.

Dass Hopfer beteiligt ist, war uns aber spätestens klar, als Kommissar Woltersdorf auf dem Dach des Landgasthauses herumturnt. Wir erinnerten uns an einen Film, in dem ebenfalls behauptet wurde, jemand könne in einer bestimmten Zeitspanne nicht einen bestimmten Ort erreicht und wieder zurückgefunden haben zum Ausgangspunkt. Aber da ja der Hopfer nun doch einen Shiguli fahren kann, auch wenn der noch auf seinen verstorbene Mutter zugelassen ist, geht das ohne Weiteres, auch wenn mitten in der Nacht keine Bahn und kein Bus in die Stadt fahren.

Exkurs: Wenn in DDR-Produktionen Autos vorkommen, die aussehen wie ein Fiat 124, dann handelt es sich nicht um italienische Produkte, sondern um Polski-Fiats oder eben um Shigulis der Marke WAZ aus der Sowjetunion. Beide Unternehmen stellten bis zum Ende des eisernen Vorhangs Autos auf Basis dieses Fiat-Mittelklassemodells aus den 1960ern her. Wenn hingegen eine Figur einen VW fährt, deutet das so klar wie nichts sonst auf deren kriminelle Energie hin.

Selbstverständlich haben wir versucht, herauszuspüren, ob es Elemente der „weiblichen Sicht“ zu vermerken gibt, weil es sich bei „Doppeltes Spiel“ um die erste Produktion der Reihe Polizeiruf 110 handelt, die in den Händen einer Frau lag. Hätten wir’s nicht gelesen, uns wäre nichts aufgefallen. Frauen werden sehr differenziert dargestellt, vor allem werden gleich fünf junge Frauen als unterschiedliche Charaktere kenntlich. Die dezidierte und druckvoll agierende Anja, die elegante und einfühlende Frau Vogel, Anjas Mitbewohnerin, die als Krankenschwester arbeitet und daher ein sorgender Typ ist und eine Kellnerin, eher einfache Natur, aber ein Hingucker speziell für die Landbevölkerung. Vergessen: Frau Caster, die auch wichtig ist. Die Innenarchitektin, die trotz der Seitensprünge ihres Mannes sicher ist, alles, was sie ihm an Umgebung eingerichtet hat, wird er niemals aufgeben für eine Affäre.

Anja ist zwar sehr selbstbewusst, aber leider wird gerade an ihr auch exemplifiziert, dass Selbstbewusstsein leicht in Größenwahn übergehen kann: Die Szene, in der Hopfer sie dann erschlägt, ist furchtbar, weil darin so überzogen wird. Hopfer kann nachher sagen: Ich habe es nicht gewollt, ich bin kein Mörder – aber sie hat mich so grässlich ausgelacht! Ihre Hysterie ist in dem Moment auch überzogen, weil sie damit den Status Quo zwischen den beiden zerstört. Sie kann sich mit ihrer erhöhten Forderung nicht durchsetzen, okay, dann hätten wir von ihr erwartet, dass sie es weiter versucht und auf diese Weise Geld für das Haus zusammenrafft, das sie für ihren Geliebten bauen will.

Finale

Vielleicht gibt es aber doch etwas, das der Regie mehr als dem Drehbuch zuzuordnen ist (das von einem Mann stammt): Wir erleben erstmals, dass Fuchs sich in eine Frau – Hopfers Sekretärin Frau Vogel – verguckt und es ihm ab dem Moment keineswegs gleich ist, ob sie in die Sache verstrickt sein könnte – während Anja Bindseils Mitbewohnerin hofft, der jüngere Kommissar Woltersdorf habe ein Auge auf sie geworfen, der aber verfolgt in Wirklichkeit stur seine Ermittlungsansätze. „Doppeltes Spiel“ lässt Fragen offen und hat ein paar Momente, die nicht so gelungen sind. Wir verstehen gut, warum man es bei Tötungsdelikten, die spontan erfolgen, aus einer Demütigungssituation heraus („Hat gelacht!“), meist bei dieser Behauptung belässt. So kann jeder Zuschauer sein eigenes Maß hineinlegen: Wie muss jemand sich verhalten, damit er selbst dermaßen die Beherrschung verlieren könnte? Wenn man es hingegen zeigt, wird es vielen gehen wie uns in „Doppeltes Spiel“ – es wirkt unglaubwürdig oder man denkt sich: Na, so leicht hätte man uns aber nicht aus der Reserve locken können. Nicht so, dass wir die Tötungs-Hemmschwelle überwinden.

Aber spannend war’s und der Film hat mit fast tatortgemäßen 84 Minuten Spielzeit ein gutes Maß, das es erlaubt, die Charaktere hinreichend zu profilieren und aus ihrem Verhältnis zueinander die notwendige Spannung zu erzeugen. Die Polizisten Fuchs und Woltersdorf wirken beide sehr schlüssig und es wirkt, als ob man ihren Darstellern einen gewissen Raum lässt, den sie gut ausfüllen.

7,5/10

© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Originaltitel Doppeltes Spiel
Produktionsland DDR
Originalsprache Deutsch
Produktions-
unternehmen
DEFA
für Fernsehen der DDR
Länge 84 Minuten
Einordnung Folge 54 (Liste)
Erstausstrahlung 2. Juli 1978 auf DDR 1
Stab
Regie Ingrid Sander
Drehbuch Horst Angermüller
Produktion Dieter Dormeier
Musik Henry Krtschil
Kamera Peter Krause
Schnitt Karin Kusche
Besetzung

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