Berlin Alexanderplatz (DE / NL 2020) | 6 Empfehlungen | #Filmfest 227

Filmfest 227 B

Berlin Alexanderplatz ist ein deutsch-niederländischer Spielfilm von Burhan Qurbani aus dem Jahr 2020. Das Filmdrama orientiert sich frei an dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929. Der Regisseur Qurbani, der gemeinsam mit Martin Behnke auch das Drehbuch zum Film schrieb, verlegte die Handlung ins Berlin der Gegenwart.

Erzählt wird in fünf Kapiteln und einem Epilog die Geschichte eines illegalen afrikanischen Immigranten, dargestellt von Welket Bungué, der sich nach der gefährlichen Überfahrt über das Mittelmeer bemüht, trotz aller Umstände ein gutes und anständiges Leben zu führen.

Die Uraufführung war am 26. Februar 2020 im Wettbewerb der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin.[2] Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises im selben Jahr folgten fünf Auszeichnungen, darunter der Filmpreis in Silber als Bester Spielfilm und für Nebendarsteller Albrecht Schuch. Der reguläre deutsche Kinostart erfolgte am 16. Juli 2020. (1)

Die berühmte erste Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1931 werde ich demnächst sichten und fürs Filmfest rezensieren. Sie wurde im Rahmen der vielen Begleitfeatures für die dritte Staffel von Babylon Berlin wieder einmal auf die Bildschirme gebracht. Nun spielt Babylon Berlin tatsächlich in den Jahren 1929 bis 1931 (4. Staffel) und fraglos ist ein Straßenfilm über Berlin, der tatsächlich in jenen Jahren entstand, eine hervorragende Vergleichsquelle und war sicher auch eine der Inspirationen für die Macher der Serie. Aber schon deswegen, weil es „Babylon Berlin“ gibt, wäre es vielleicht keine perfekte Idee gewesen, gerade jetzt einen vom Sujet und Milieu ähnlichen und teuren Kostümfilm zu machen, nur um dicht an der Zeit zu bleiben, in welcher die Romanvorlage spielt.

Und was bietet sich 2020 besser an als die Welt der Geflüchteten, wie sie versuchen, in Berlin anzukommen, um dem Geist des Werks treu zu bleiben und es auch für diejenigen unter uns kenntlich zu machen, die nicht hier wohnen und vielleicht mit der Thematik, wie man sich heute durchschlägt, nicht so vertraut sind. Schon, weil es sich um einen Berlin-Film handelt, steht er auf meiner Must-see-Liste.

Was empfehlen wir als Kritik, bevor es eine eigene geben wird? Manchmal geht es etwas einfacher. Da in der Wikipedia bereits sechs Stimmen enthalten sind – bitte alle Artikel zur weiteren Vertiefung ganz lesen – beziehe ich mich genau darauf.

Carolin Ströbele schwärmt auf ZeitOnline: „Wo soll man anfangen bei diesem Film? Diesem Kosmos an Farben, Tönen, dieser Lebens- und Liebesgeschichte, die einen drei Stunden lang in den Kinosessel drückt. Diesem Werk, das man ohne Übertreibung gewaltig nennen kann. (…) Berlin Alexanderplatz ist weit mehr als ein großer Schauspielerfilm und eine virtuose Literaturverfilmung – es ist eine Parabel gegen den Rassismus. Gegen das Wegschauen. Und das Drama beinhaltet eine Botschaft, zu der man sich nicht nicht verhalten kann.“[12]

Qurbani integriere diese Aktualisierungen in seinen Film, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, ohne den didaktischen Zeigefinger zu schwingen: „Er liefert vielmehr aus der Perspektive der Halbwelt ein Panorama der Welt von heute im Kleinen. Und dramatisiert seine Geschichte wie einen Thriller. Denn eine ernsthaft böse Figur steuert Albrecht Schuch als Unterweltvizeboss Reinhold bei. Dieser Reinhold wird von Schuch als bis in die Poren unheimlicher Psychopath gegeben. Die Verwirrungen des Franz Biberkopf, der im Roman nicht ganz richtig im Kopf ist, sind bei Qurbani ausgelagert, in seiner Version ist Reinhold das böse Alter Ego von Francis, das ihn zu allem verführt und eifersüchtig über ihn wacht.“[13]

Andreas Busche (Der Tagesspiegel) spricht von einem wichtigen Film, der manchmal zu viel wolle: „Döblins Klassiker als Geschichte einer Migration zu erzählen – kein Klassenkonflikt, sondern Sinnbild einer globalen ökonomischen Krise, in der das Gefühl sozialer Entfremdung von der Suche nach einer Identität abgelöst wird –, klingt zu Beginn der zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts einfach zwingend.“ Bei Qurbani sei „Heimat“ ein komplizierterer Begriff als in der Vorlage Döblins. Am Ende zeigt sich der Kritiker hin- und hergerissen: „Kann so das deutsche Kino im Jahr 2020 aussehen? Jein. Qurbani ist seit dem Lichtenhagen-Drama „Wir sind jung. Wir sind stark“ (2014) eine treibende Kraft im deutschen Film. Und eine kluge, nachdrückliche Stimme. Aber im dreistündigen „Berlin Alexanderplatz“ steht sein missionarischer Eifer manchmal seiner erzählerischen Kraft im Weg. Jetzt fehlt Qurbani nur noch die Leichtigkeit.“[14]

Für Rüdiger Suchsland (SWR2 Kultur aktuell) ist der Film ein Favorit für höchste Auszeichnungen. „Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist bei Qurbani eine Geschichte vom Kampf um Anerkennung und Würde. Eine Geschichte des neuen Deutschland, das so MultiKulti ist, wie das Berlin der 20er Jahre, in dem Döblins Roman spielt. Hervorzuheben sind Qurbanis Mitarbeiter: Ein junges Team, das mit einem jungen Zugang belegt, wie frisch und unverstaubt der Stoff ist. Etwa die Filmmusikerin Dascha Dauenhauer, der Kameramann Yoshi Heimrath. Oder die Montage von Phillipp Thomas, die adäquat Döblins Montagetechnik auf die Leinwand überträgt. So ist dies ein ganz ausgezeichneter Film und ein Favorit auf höchste Auszeichnungen bei dieser Berlinale. Spätestens mit diesem Werk beweist Qurbani, dass er einer der wichtigsten Filmemacher des aktuellen deutschen Gegenwartskinos ist.“[15]

Andreas Borcholte (Der Spiegel) meint, es begeistere durchaus, dass sich Regisseur Qurbani dazu entschieden habe, seinen Berlin Alexanderplatz nicht als ein naturalistisches Sozialdrama, sondern als ambivalente, teilweise aus der Realität abstrahierte Parabel zu erzählen. Ausgerechnet dem Hauptdarsteller Welket Bungué gelinge es jedoch nicht, zum emotionalen Zentrum des Films zu werden.[16]

Hannes Klug (junge Welt) äußerte sich negativ zur [seiner Ansicht nach, A. TH] plumpen Inszenierung und naiven Darstellung von Diskursen zum Thema Rassismus: „Das ist das schwer Erträgliche an diesem Film, der nicht nur filmische Berlin-Klischees en gros aufwärmt, sondern dafür ausgerechnet eine Fluchtgeschichte benutzt. Dazu werden dem Zuschauer Rassismen wie aktuelle Weiß-Schwarz-Diskurse in Dialogform serviert. Francis ändert seinen Namen, und Reinhold kommentiert das so: »Francis war sein Sklavenname. Jetzt heißt er Franz.« Die Wörter, die Francis als Erstes auf Deutsch lernt, künden von Hoffnung: Seele, Haus, Sonne, Tag. Der Film spielt fast ausschließlich bei Nacht, und man merkt schnell, hier kämpft einer, der keine Mittel hat, um in einer anderen Welt zurechtzukommen. Das ist das eigentlich Paternalistische und Ärgerliche an diesem Film: »Menschenschlepper, Schwarzarbeiter, Drogenhändler, Zuhälter, Einbrecher. Wie kann ein Mensch nur so viel überleben? Sag Schande. Schrei Schande!«, deklamiert die Stimme aus dem Off. Francis agiert mit der Kompetenz eines großen Kindes. Millionen Einwanderer können es besser, jedoch nicht in diesem Film.“[17]

Die Kritik der „Jungen Welt“ hat mich doch etwas getriggert, ohne dass ich den Film schon kenne: Die Schreiber*innen dort sind oft gar nicht jung, sondern sehr dogmatisch. Ich würde mich auch eher als konstruktivistisch bezeichnen, aber gerade darauf sollte man eben genau schauen: Was geschieht, wenn die Geflüchteten eine Zeitlang hier sind und vor allem mit jenen, die sich nicht in bestehende ethnische und kulturelle Strukturen eingliedern können, die ihnen vertraut. Trotz allem spürt im Text man auch einen universalistisch-individualistischen Ansatz und der ist eben viel konstruktiver als ein überwiegend  identitätspolitischer. Die Frage ist, ob der Film eine Blaupause für ein Einwanderer-Schicksal zeigen möchte und in drei Stunden kann man doch allerhand zeigen (das „Original“ hat gerade die Hälfte an Spielzeit). Nicht zu vergessen allerdings die 13-teilige Fernsehserie aus den Jahren 1979 und 1980 von Rainer Werner Fassbinder, die dem Roman sicher auf ihre Weise gerecht wird.

Die Nutzer der IMDb finden den Film mit durchschnittlich 6,8/10 okay, aber nicht überragend, die Moviepilot-Community tendiert mit 6,7/10 ähnlich, einen US-Kritiker-Metascore gibt es für den Film, anders als für „Undine„, leider nicht. Auffällig ist die für eine deutsche Fernsehserie herausragende Bewertung der Fassbinder-Fassung von 8,6/10 in der IMDb.

(1) Alles in Kursiv zitiert nach der Wikipedia

TH

Regie Burhan Qurbani
Drehbuch Burhan Qurbani,
Martin Behnke
Produktion Leif Alexis,
Jochen Laube,
Fabian Maubach
Musik Dascha Dauenhauer
Kamera Yoshi Heimrath
Schnitt Philipp Thomas
Besetzung

 

 

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