Funkstille – Tatort 1137 #Crimetime 800 #Tatort #Frankfurt #Brix #Jannecke #HR #Funk #Stille

Crimetime 799 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Auf beiden Seiten der Front und dazwischen

Frankfurt ist nach wie vor ein heißes Pflaster, zumindest die Geheimdiensttätigkeiten betreffend. Hier kollidieren nur die Imperien, keine lächerlichen Stellvertreter. Das ist der Stadt, in der das deutsche Großbankentun zerbröselt, gewiss angemessen. Zwei kleine, tapfere Kommissar*innen nebst einem Techniker, der immer „Hallo Leute!“ sagt, müssen sich zwischen den Fronten durchwurschteln, auf deren beiden Seiten zuweilen dieselben Menschen stehen. Genaueres zu diesem Szenario hingegen steht in der -> Rezension.

Dieser Beitrag ist der 800. innerhalb der Rubrik „Crimetime“ seit dem Start des „neuen“ Wahlberliners am 24. Juni 2018. Das passt insofern ganz gut, als der 800. Tatort auch ein besonderer war. Mit ihm startete das Vorgänger-Team von Brix und Jannecke in Frankfurt, Frank Steier und Conny Mey („Eine bessere Welt“).

Handlung

Die 17-jährige Emily Fisher ist nachts im Park mit dem zwei Jahre älteren Nachbarsjungen Sebastian Schneider verabredet. Doch der kommt nicht. Zu Hause erfährt Emily, dass Sebastian in einem „Lost Place“, einer alten Fabrikhalle, in den Tod gestürzt ist.

Für die Hauptkommissare Anna Janneke und Paul Brix ist rasch klar, dass es sich um Mord handelt. Im Netz stoßen sie auf Videos, die Sebastian zusammen mit seinem Kumpel Adrian in verlassenen Fabrikgebäuden gemacht hat. Über Ulrich Schneider, Sebastians Vater, lernen Janneke und Brix die Nachbarn Raymond und Gretchen Fisher kennen. Die Fishers sind eine gut in die Nachbarschaft integrierte amerikanische Familie, die perfekt Deutsch spricht. Gretchen arbeitet im US-Konsulat in Frankfurt, Raymond ist bei einer großen Versicherung beschäftigt.

In einem der von Sebastian gefilmten „Lost Places“ findet Brix – gut versteckt – einen Hinweis darauf, dass Gretchen eine Affäre mit Sebastian hatte. Hat Sebastian sie erpresst? Könnte dies ein Mordmotiv für Gretchen sein? Allmählich kommen Janneke und Brix hinter das dunkle Geheimnis der Fishers.

Rezension

In letzter Zeit frage ich mich beim Anschauen neuer Frankfurt Krimis immer wieder, wie sag ich’s meinen Kindern? Den habe ich irgendwann erzählt, das aus Frankfurt mit zwei Cops namens Sänger und Dellwo super tolle Filme kamen, mit einem ganz eigenen Spin, die spannend waren, die aus unserem Leben gepresst wurden, in denen es besondere Menschen gab, die alles andere als „durchschnittlich“, aber bezüglich ihrer Gefühle glaubwürdig wirkten. Bei den Nachfolgern Mey und Steier hatte man schon etwas überzogen, außerdem war dieses dennoch vielversprechende Duo vorzeitig auseinander gegangen.

Nun mühen sich also Brix und Janneke als drittes Paar hintereinander, das Niveau aufrechtzuerhalten. das gab es, glaube ich, bisher an keinem anderen Stanort, dass dreimal hintereinander ein gemischtes Doppel antritt. Schon dies lässt auf eine zunehmend konservative Herangehensweise beim HR schließen. Mehr LGBTI oder / und mehr Farbe hätte man wenigstens reinbringen können.

Manchmal erkennt man die Sieger doch schon am Start – und auch die Verlierer. Wenn eine Kommissarin angesichts eines vermutlichen Mordes nichts anderes zu sagen weiß, als: Er war doch erst 19!, dann herrscht bereits quasi am Start Dialog-Alarm. Man ahnt Böses, die weitere Sprachverwendung in diesem Film betreffend. So kommt es dann leider auch im 1137. Tatort. Vom  Gezetere im Präsidium, das furchtbar aufgesetzt wirkt, bis hin zu der Geheimagenten-Familie, die doch immerhin ein besonderes Leben führt, ist kaum ein Satz zu hören, der aufhorchen lässt, vielmehr merkt man nach meiner Ansicht, dass die Darsteller Mühe haben, aus dem, was sie sagen sollen, versierte Darstellungen zu entwickeln.

Nichts gegen ein bisschen Altersrassismus gleich zu Beginn, aber meist deutet eine mäßige Diktion darauf hin, dass es mit der Handlung nicht viel besser aussieht. Janneke und Brix bzw. deren Darsteller Wolfram Koch und Margarita Broich machen ihre Sache einigermaßen routiniert, aber auch sehr unauffällig. Es gibt so gut wie keinen memorablen Moment zu berichten. Bei Tessa Mittelstaedt, die dieses Mal in einer sehr ungewöhnlichen Rolle zu sehen ist, habe ich ein Problem, das leider auf die Ungerechtigkeit der subjektiven Sichtweise rekurriert.

Ich habe sie lange Zeit nur als Assistentin der beiden Kölner Kommissare Ballauf und Schenk gekannt, wo sie den Namen Franziska trug, meist sehr hilfsbereit und immer auf der Suche war und auf sehr dramatische Weise aus dem Dienst schied. Ein paarmal habe ich jetzt in „Morden im Norden“ reingeschaut, wo sie ihre humoristische Seite etwas mehr ausspielen kann, hier aber muss sie eine Frau geben, die sich als Doppelagentin bewährt. Das ist nicht so einfach, schon gar nicht, wenn man dabei einer Amerikanerin geben muss, die Kurzwelle hört.

Ich musste versuchen, auszufiltern, dass dieses Franziska-Ding mich nicht zu sehr beeinflusst. Gerecht ist es sowieso nie, aber Mittelstaedt spielt ja noch in vielen anderen Serien mit. Ich finde die Darstellerin eigentlich sehr sympathisch, aber ich glaube hier musste sie ein bisschen zu viel changieren, um dem Film etwas wie Thrill zu geben, denn an ihrer Figur hängt ja eigentlich alles. Dass ihr Mann immer beim Bearbeiten eines Boxsacks expressiv wird, ist etwas zu wenig, um sie wirklich unterstützen zu können.

Am überzeugendsten fand ich die jüngste Darstellerin in diesem Film, die Tochter der Familie Fisher, genannt Emily (Emilia Bernsdorf). Aber das politische Narrativ ist auch mal wieder krass: Die Russen waren es, wie immer. Die Amerikaner aber auch, das weiß bloß noch nicht jeder.

Wir sind im Jahr 2020 und man kann generell niemandem mehr trauen und man wird doch nur glücklich, wenn man vertrauen kann. Kein Wunder, dass die Menschen so gereizt sind. Es ist nämlich leider so, dass Misstrauen der Politik gegenüber mehr als angebracht ist und dies für die Demokratie eine große Gefahr darstellt. Leider das Misstrauen bei einigen Menschen dazu, dass sie vollkommen abdrehen, anstatt bei einem gesunden Maß von Misstrauen und Distanz zu verweilen, sie gehen dann auf die Straße und behaupten Corona sei eine Grippe oder sowas (so viel zum Demokratieschaden).

Aber man kann „Funkstille“ nicht unterstellen, dass er nicht versucht, Einblicke in das reale  Agentenleben zu liefern, das weit entfernt von 007 ist, sondern von ganz normalen Familien ausgeführt wird – die Normalität ist sogar besonders ausgeprägt. Inklusive politischem Generationenkonflikt. Dass Botschafts- oder Konsulatsangehörige spionieren, mag man kaum glauben, weil sie doch zu den Personen zählen, hinter denen man genau solche Tätigkeit vermuten würde, aber das gab es schon und daher ist es nicht unrealistisch, es hier zu zeigen. Ob das auch für die Ausführung der Tätigkeit gilt, ist eine andere Sache.

Nebenbei wird die hiesige offizielle Lesart infrage gestellt, dass der russische Geheimdienst nicht in der Lage sein soll, einen Oppositionellen wie einen Herrn Nawalny so umzubringen, dass er tatsächlich tot ist und das Ganze zu einer riesigen politischen Sache aufgebauscht werden kann, indem der Mann nah Deutschland ausgeflogen wird und missbraucht wird, um Nordstream 2 noch irgendwie kippen zu können, ohne das Gesicht vollkommen zu verlieren und das Vasallentum der deutschen Regierung den USA gegenüber allzu sichtbar werden zu lassen. Cui Bono: immer schön diese Frage stellen, bei politischen Vogängen.

Im Film funktioniert es jedenfalls zunächst mal ganz locker, obwohl behauptet wird, nach ein paar Tagen haben die Kriminaler heraus, um welches Gift es sich handlete. Nach meiner Ansicht ist das eben nicht so einfach. Wenn eine Substanz nicht nachweisbar ist, ist sie nicht nachweisbar, und solche Substanzen gibt es bzw. es komm selten jemand darauf (Quelle). Deswegen wird ja auch hin und wieder gemunkelt, dass die Mordrate in Deutschland in Wirklichkeit viel höher ist, als das was die Statistik ausweist, vor allem, wenn es sich um ältere Menschen handelt, die einiges zu vererben haben.

Jedenfalls traut man sich vor lauter ausgeglichener politischer Unkorrektheit nicht, politisch tatsächlich inkorrekt zu sein. Dann hätte es eben Diskussionen gegeben, Transatlantiker gegen V-Theoretiker gegen Putinfans. Hätte mich interessiert, wie das in einem Format wie dem Tatort so verpackt wird, dass es nicht vollkommen rudimentär wirkt. So aber bleibt vor allem ein Film, der mich nicht überzeugtund mich nur mal ganz kurz berührt hat, als sich andeutete, dass die gesamte Familie mehr oder weniger einen Scheinleben geführt hat und dass die Tochter darunter am meisten zu leiden hat.

Dass diese über viele Jahre nichts von der Spionagetätigkeit ihrer Eltern, dazu von der doppelten, bemerkt, und der Hauptarbeitgeber, die CIA, ebenfalls nicht, wirkt angesichts der dargestellten Methoden zumindest fragwürdig, siehe oben: Ausführung der Tätigkeit?

Es wird unter anderem leider nicht geklärt, ob Die Fishers Emilias leibliche Eltern sind, aber davon gehe ich mangels Gegenbeweis aus. Das Verhältnis der Frau Fisher zu einem Jungen, der dann auch noch ihren Tarnung auffliegen lässt, erschließt sich aus dem Verhältnis zu ihrem Mann überhaupt nicht, man merkt nicht, dass vielleicht die eine jahrelange Anspannung in diesem Job oder in diesem Jobs dazu geführt hat, dass die beiden nicht mehr miteinander können. Einzig, dass der Mann aussteigen will, führt zu einer Diskrepanz, aber das scheint ja für sie überraschend zu sein. Auch die eher linke Einstellung der Tochter versandet irgendwann, anstatt dass sie in die Handlung integriert wird und diese möglicherweise mitlenkt. Einen Blick in die Zukunft des Berufsbeamtentums wirft man aber mit dem Polizeiteam inklusive Brix‘ Exvermieterin Zazie de Paris. Es wird im Winter unter einer Mainbrücke gegrillt.

Finale

Vieles wird in dem Film mühsam herbei geredet, was man eleganter hätte zeigen können. Die Bildsprache der Frankfurt Krimis ist immer noch gut, aber ein Mädchen im Liegen mit Topshot abzulichten, reicht nicht aus, um von einer visuellen Meisterleistung sprechen zu können, zumal die Aufwertung des Banalen durch erlesene Bilder mittlerweile auch gut durchschaubar ist; zudem sind   bestimmte Perspektiven heute dank Drohneneinsatz wesentlich leichter und günstiger herzustellen als früher.

Was ich leider nicht mehr ändern kann, ist, dass die Beschäftigung mit den Polizeirufen die Bewertungsmaßstab ein wenig verschoben hat. Früher hätte dieser Film z.b. 6,5 von 10 gebracht, vielleicht auch 7, im Moment kämpfe ich gerade darum ob es 5,5 oder 6 werden. Er wirkt irgendwie nach all diesen Aufregern, die ich in der Parallelreihe zuletzt begutachten durfte und die mich manchmal kognitiv, fast immer ethisch herausgefordert haben, seltsam leer und statisch.

6/10

© Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Anna Janneke – Margarita Broich
Hauptkommissar Paul Brix – Wolfram Koch
Kriminalassistent Jonas – Isaak Dentler
Kriminaltechniker Uhlich – Sascha Nathan
Staatsanwalt Bachmann – Werner Wölbern
Raymond Fisher – Kai Scheve
seine Ehefrau Gretchen Fisher – Tessa Mittelstaedt
die Tochter Emily Fisher – Emilia Bernsdorf
Ulrich „Ulli“ Schneider, Vater des Opfers – Henning Peker
sein Sohn, das Opfer Sebastian „Sebi“ Schneider – Tobias Schäfer
Adrian, bester Freund von Sebastian – Leon Seidel
Weaver – Pierre Shrady
Russin Katharina – Zeljka Preksavec
Fanny – Zazie de Paris
u.a.

Drehbuch – Stephan Brüggenthies, Andrea Heller
Regie – Stanislaw Mucha
Kamera – Johannes Monteux
Szenenbild – Manfred Döring
Schnitt – Mücke Hano
Ton – Majid Sarafi
Musik – Iwanka Skrivanek

2 Kommentare

  1. Ich fand die Handlung zwar irgendwo spannend, aber manches wirkte doch etwas arg aufgesetzt und plakativ. Da passt das Titelbild wie die Faust aufs Auge. Wer will uns hier verkaufen dass man einfach so mit Feuerschale am Mainufer sitzen kann?

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