Eine unruhige Nacht – Polizeiruf 110 Episode 122 #Crimetime 801 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Fuchs #Zimmermann #Hübner #Jung #Nacht #unruhig

Crimetime 801 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (aufgrund Mangel an qualitativ geeigneten Aufnahmen das aktuelle Polizeiruf-Logo verwendet)

Wie damals, als der Polizeiruf jung war – nur teurer

800.000 Mark Ost ist die zweithöchste Summe, die in einem Polizeiruf aus der DDR-Zeit geklaut wurde – wir haben allerdings einige dieser Fälle noch nicht gesehen. Der Millionen-Schmu aus „Fehlrechnung“ wurde allerdings über längere Zeit zustande gebracht, der fast-Millionenraub im Kaufhaus ist ein einziger Coup, der sich innerhalb weniger Minuten abspielt. Und wie lange dauert es, diesen Fall zu lösen? Darüber, warum wir an die Zeit denken, als der Polizeiruf jung war – nicht, weil es im Fall 122 einen Leutnant Jung gibt – und über manches mehr schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Das Weihnachtsgeschäft ist in vollem Gange und auch im Warenhaus am Markt werden die Tageseinnahmen von Tag zu Tag höher. Mitten in die Vorweihnachtszeit fällt auch die erste Nachtschicht von Leutnant Jung. Hauptmann Peter Fuchs hat zunächst zwar Bedenken, steht Jungs Frau Hella doch kurz vor der Entbindung, doch traut er dem motivierten Mann die Schicht an der Seite von Oberleutnant Lutz Zimmermann zu. Jung verspätet sich zu Schichtantritt etwas. Er gibt an, dass seine Frau dachte, die Geburt beginne; dies erwies sich jedoch als Falschalarm. Peter Fuchs eilt dennoch nach Dienst zu Hella Jung, die gerade die Sachen für das Krankenhaus zusammenstellt. Die Wehen haben eingesetzt, doch wollte sie ihren Mann nicht von seiner ersten Nachtschicht abhalten. Peter Fuchs begleitet sie ins Krankenhaus und bleibt die Nacht über dort, bis Hella am Morgen einen gesunden Jungen zur Welt bringt.

Die erhoffte ruhige Nacht erweist sich auch für Lutz Zimmermann und Leutnant Jung als turbulent. Wie jeden Tag wurden die Tageseinnahmen des Warenhauses am Markt von den Sicherheitsleuten abgeholt. Im Fahrstuhl jedoch ging mit einem Mal das Licht aus und der Fahrstuhl blieb stecken. Zwei vermeintliche Techniker zogen Pförtner Kufahl über die Deckenluke nach draußen und nahmen danach die Geldsäcke an sich. Anschließend flohen sie. Die beiden Kassenboten finden Kufahl unweit des Dachausstiegs niedergeschlagen vor. Die Höhe der gestohlenen Einnahmen beläuft sich auf rund 800.000 Mark.

Spuren am Tatort gibt es keine. Sicher ist nur, dass der Fahrstuhl von einem Fachmann mit Kenntnis moderner Aufzugstechnik außer Gang gesetzt wurde. Ein Spürhund verfolgt den Weg der Täter bis zu einem leeren Parkplatz. Erst Leutnant Jung fällt auf, dass Kufahl sein Funksprechgerät nicht genutzt hat. Das Gerät findet sich in seiner Jacke im Krankenhaus und funktioniert einwandfrei. Jung schlussfolgert, dass die Täter Kufahl ein defektes Gerät untergeschoben haben und dies nach dem Niederschlagen wieder an sich nahmen. Da auf dem Gelände jedoch ein fehlendes Gerät aufgefallen wäre, muss das defekte noch vor Ort sein. Tatsächlich findet Jung das gut versteckte Funksprechgerät. Kurze Zeit später stellen sie Pförtnerin Gerda Grauschke, die das Gerät aus dem Versteck holen will. Sie wird vorläufig festgenommen, schweigt jedoch beim Verhör. Der dritte Pförtner, Karl Kaminski, berichtet beim Verhör von einem Barkas, der längere Zeit hinter dem Warenhaus gestanden habe. Gerda hatte am Vortag mit einem Mann geredet, der für den Barkas eine Parklücke sicherte. Der Barkasbesitzer kann ausfindig gemacht werden und sagt aus, dass er den Wagen am Vortag an Bekannte verliehen hatte. Bei ihnen handelt es sich um die Brüder Rogan und Bubi Rogalke, zwei der drei Täter. Sie werden festgenommen und auch das gut versteckte Geld kann ausfindig gemacht werden.

Den Ermittlern fehlt dennoch der Haupttäter, der sich auch den Brüdern gegenüber nie vorstellte. Die Ermittler wissen, dass Gerda die Identität des Mannes kennt, ahnen sie doch von einer Liebesbeziehung der beiden. Gerda nimmt Herztabletten, und Jung hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Täter Gerda, genauso wie Kufahl, aus dem Weg räumen wollte. Sein Verdacht, eine der Pillen könnte gegen eine für Gerda tödlich wirkende ausgetauscht worden sein, bewahrheitet sich jedoch nicht. Lutz Zimmermann stellt beim nächsten Verhör Gerdas dieses Szenario jedoch vor, auch wenn er die Frage, ob es zutrifft, offenlässt. Gerda jedoch glaubt an den Verdacht, ihr vermeintlicher Freund wollte sie vergiften, und nennt den Ermittlern den Namen: Hans Henske. Die Ermittler nehmen ihn fest und finden auch das im Lampenschirm gut versteckte Geld.

Am nächsten Morgen kommt Peter Fuchs zur Arbeit. Er ist entsetzt, dass in seiner Abwesenheit ein Großraub begangen wurde, und will sich gerade in die Ermittlungsarbeit stürzen, als er von Lutz Zimmermann und Leutnant Jung erfährt, dass der Fall bereits gelöst ist. Erst jetzt besinnt er sich auf seine Neuigkeit: Leutnant Jung ist in der Nacht Vater eines Jungen geworden, der den Namen Peter erhalten soll.

Rezension

Der erwähnte 25. Polizeiruf Fehlrechnung war für seine Zeit ein ungewöhnlich moderner und auch ein wenig gewagter Film, die Nummer 122 zeigt insgesamt vier Ermittler, eigentlich fünf oder noch mehr, das ist in der Regel ein Kennzeichen für eine eher aufwendige Produktion. Aber er dauert nur 71 Minuten und geht damit zurück in die 1970er, denn im Jahr vor dem Mauerfall waren Polizeirufe in der Regel schon über 80 Minuten lang, manche hatten bereits die gleiche Dauer wie heute bzw. wie das Format Tatort.

Nicht nur bei der Spielzeit erlaubt sich „Eine unruhige Nacht“ einen Rückgriff, sondern auch beim Stil – und bei der Darstellung der Figuren. Schon der erste Polizeiruf, den Regisseur Hubert Hoeltzke inszenierte, „Die letzte Kundin“ aus dem Vorjahr, zeigt ungewöhnlich deutlich raffgierige und verdorbene Figuren, die vielleicht keine „asozialen Elemente“ im gesellschaftlichen Sinn darstellen, aber den stereotypen Täterpersönlichkeiten entsprechen, die in den ersten Polizeiruf-Jahren üblich waren.

Es wird nicht groß hinterfragt, wie jemand so geworden sein könnte, was ihn antreibt, es gibt keinen Hintergrund und keine Entwicklung, das Ziel ist, eine knackige Räuberpistole zu inszenieren und keinen Zweifel daran zu lassen, dass die Polizei gewinnt. Das tut sie dieses Mal auf eine wirklich beeindruckende Weise innerhalb von 71 Spielminuten und in einer einzigen Nacht. Das ist rekordverdächtig und außergewöhnlich für die in der Regel stark psychologisierenden und mit Charakteren zum Mitdenken oder gar Mitleiden ausgestatteten Polizeiruf der mittleren und späten 1980er. Wir schrieben bereits, dass die Jahre 1987 und 1988 wieder eine Tendenz zu weniger Melancholik zeigen und einige der Produktionen wirken, als ob der Staat noch einmal alle Kräfte sammeln will, um sich dem Niedergang entgegenzustellen. Zu dieser Kategorie zählt auf jeden Fall „Eine unruhige Nacht“, in dem Polizisten dramatisch schnell, zielsicher, intuitiv und konsequent gleichermaßen handeln. Besonders auffällig wird das, als Jung so rasch dahinterkommt, dass das Funkgerät des Geldboten Kufahl ausgetauscht worden sein könnte und dann auch noch das Versteck des defekten Gerätes in den weiten Heizhallen des Hauses im Expresstempo findet.

Selbst der schlaue Haupttäter, der „Kopf“, behält seine Hälfte der Beute nur wenige Stunden lang – weil Oberleutnant Zimmermann eine Mitwisserin mit einem Trick zum Reden bringt – die einzige Person, die ein wenig Mitgefühl auslöst, weil sie sich hat ausnutzen lassen.

Der Mann mit der Maske, das Hirn, mag gegen seinen Schachcomputer gewinnen, aber nicht gegen Oberleutnant Zimmermann und Leutnant Jung. Bei all dem ist sogar noch Zeit, um einen Mann herauszuheben, der ohnehin den Polizeiruf geprägt hat wie kein anderer: Hauptmann Fuchs. Dieser verpasst es, selbst zu ermitteln, weil Schichtwechsel ist, aber dafür sitzt er die ganze Nacht im Krankenhaus und wartet, bis die Frau von Leutnant Jung ihr Kind zur Welt gebracht hat. Diese Hommage an einen Großen der DDR-Fernsehgeschichte ist der eigentliche emotionale Aufhänger für den Zuschauer. Das ist recht gut gemacht und nimmt höchstens fünf Minuten Spielzeit in Anspruch.

Dass Tatverdächtige mit unzulässigen Mitteln überführt werden, thematisieren wir in unseren Crimetime-Rezensionen häufiger. Der eigentliche Clou ist hier aber, dass Oberleutnant Zimmermann der armen Frau Grauschke nur suggeriert, dass etwas mit ihren Herztabletten nicht in Ordnung ist, weil der Haupttäter, mit dem sie zusammen ein neues Leben beginnen wollte, sie als Mitwisserin aus dem Weg haben will oder wollen könnte. Wir meinen aber, Zimmermann hat nicht korrekt gehandelt, er rechtfertigt sich für seine Methoden an dieser Stelle und noch mindestens ein weiteres Mal damit, dass der Geldbote Kufahl möglicherweise seinen Verletzungen erliegen könnte, die ihm beim Raub im Fahrstuhlschacht beigebracht wurden. In solchen Momenten passiert es, dass wir nicht ausblenden können, dass Zimmermann-Darsteller Lutz Riemann überzeugter Stasi-IM war und möglicherweise genau gedacht hat wie seine Rollenfigur, aber mehr im Sinne des Systemschutzes als der Individualgerechtigkeit zugetan war, wie so viele Menschen seiner Generation.

Die Mittäter, die draußen in einer Kleingartenanlage namens „Abendsonne“ wohnen, können ohne zweifelhafte Aktionen überführt werden und damit haben die Polizisten auch nach knapp einer Stunde Spielzeit und etwa 3-4 Stunden Ermittlungsarbeit die Hälfte der Beute wieder in ihren Händen: das Regenfass! Wir fragen uns einen Tag nach dem Anschauen des Films, ob die Polizei wirklich so enorm gut war, oder ob die Tatausführung, wenn man vom Schachspieler-Mastermind absieht, doch einige Macken aufwies. Die Polizei ermittelt angesichts der hohen Schadenssumme aber auch mit sehr viel Personal und ist in der Lage, Verbrechern auf dem Fuß zu folgen. Dass einer der Täter zum Fluss fährt und dort die blutverschmierten Säcke reinschmeißt, ist im Grunde nicht mehr relevant, denn das Auffinden der Beute ist Beweis genug. Die Gemeinschaft der beiden Brüder in ihrer Datsche und des Mädchens „Röllchen“ ist schon recht strange dargestellt, aber man achtet immer darauf, dass, wenn überhaupt, nur für die junge Frau Sympathie entsteht, die zu entkommen versucht, nachdem sie bemerkt, hat, welche Spitzbuberei ihr Freund und sein Beruder da begangen haben – inklusive einer schweren Körperverletzung, die zum Glück nicht mit Todesfolge endet. Auch das ist ein Rückgriff auf die ersten Jahre: Nach einer wilden Anfangszeit gab es in den Polizeiruen um die Mitte und Ende der 1970er eher wenige Todesfälle.

Was in dem Film auch sehr prägnant ist: Der Vorweihnachts-Konsumismus. Die Summen, die von den Kassiererinnen in die Kassen eingetippt werden, sind teilweise vierstellig. Was wir auch lernen: Im Osten gab es nicht diese ,99-Preise, sondern alles war rund, selbst der Schwund. Wieso auch nicht, denn dieses Suggerieren eines niedrigeren Preises wegen der etwas kleineren Zahl vor dem Komma, das heute noch üblich ist, war im Sozialismus vermutlich verpönt, weil es als billige Masche der Kapitalisten galt, mit der sie Teures etwas billiger aussehen lassen wollten. Dass dieser Trick funktioniert, ist ohnehin bemerkenswert, vor allem, wenn es um hohe Summen geht. Wie viel doch der Unterschied zwischen 999 Euro und 1000 Euro ausmachen kann. Ob dieser real gesehen minimale Unterschied tatsächlich Kaufentscheidungen auslöst?

Finale

Dass dieser Polizeiruf flott gefilmt ist, liegt schlicht an der Kürze, das vergleichweise Knackige hatte ja auch die ersten Produktionen der Reihe ausgezeichnet. Allerdings hatten sie oft auch vergleichsweise einfache Plots und Raub aus dem Warenhaus war schon immer ein beliebtes Delikt, etwa in „Kein Paradies für Elstern„, dem traditioneller und in Schwarz-Weiß gefilmten Nachfolger des oben erwähnten „Fehlrechnung“, der auf einem tatsächlichen Fall mit 43.000 Mark der DDR Schaden basierte. Der einzelne, große Coup per Einbruch in ein Kaufhaus wurde noch früher thematisiert, im Fall Nr. 17 namens „Vorbestraft„.

Trotz großem Aufwand, etwa der Sicherung des Transport der Tageseinnahmen des Kaufhauses durch Polizeischutz, können Menschen, die moderne Aufzugs- oder Fahrstuhltechnik beherrschen, hier relativ leicht, wenn auch gewitzt und brutaler als notwendig, an dieses Geld herankommen. Man hat in dem Film in der Tat darauf geachtet, dass im Kaufhaus alles sehr proper wirkt, aber die Wohnungen und die Dienststelle wirken doch eher bescheiden. Ein kleine Wort noch zur vielleicht besten Schauspielleistung in diesem Film: Axel Werner stellt den Schrankenwärter des Kaufhauses so dar, dass man ganz schnell den Eindruck hat, er könnte mit drinhängen, sein Ausdruck ist überhaupt wundervoll. Er hat dann aber, anders als seine strickende Kollegin, mit der Sache nichts zu tun.

Uns war dieser Fall ideologisch zu platt und wurde viel zu schnell gelöst, am Ende mit einem „erbeuteten“ Geständnis, sonst wär’s halt nicht so schnell gegangen. Wir mögen die manchmal schmerzhaften Balladen über gescheiterte Menschen lieber als eine solche schon damals etwa antiquiert wirkende Räuberpistole, auch wenn darin nicht geschossen, sondern nur mit einer Eisenstange zugeschlagen wird.

6/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hubert Hoelzke
Drehbuch Fred Unger (= Peter Vogel)
als Albert Wachtermann
Produktion Wolfgang Rennebarth
Musik Mathias Schramm
Kamera Günter Heimann
Schnitt Ursula Henning
Besetzung

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