Berliner Bärchen – Tatort 466 #Crimetime 803 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Bär #Bärchen

Crimetime 803 - Titelfoto RBB

Im Zeichen des Bären und des Bärchens

Gerade ist ja wieder viel vom Berliner Bär die Rede, weil das Stadtmarketing rebrandet wird. Der Bär ist jetzt noch noch als Umriss zu sehen und drin ist bunt. Was immer man will, darf man hineintun, denn jeder Mensch ist sein eigener Beobachter und hat seine eigenen Identitäten und darf daher Berlin so sehen, wie er es möchte. Freilich in den Umrissen des Bären mit den erhobenen Tatzen.

Resultiert aus der totalen Subjektivität die Tatsache, dass ich nach über 1000 Rezensionen von Tatorten und Polizeirufen (inkl. noch nicht veröffentlichter Texte, daher trägt dieser „nur“ die Nr. 803) ein wenig auf Glatteis unterwegs gewesen bin? Ohne es zu merken, und ohne dass mir es jemand gesagt hätte? In letzter Zeit haben wir im Wahlberliner einige meiner anfangs Rezensionen aus den Jahren 2011 ff. wiederveröffentlcht, aus Berlin zuletzt „Schweinegeld“ (Tatort 746), selbstvberständlich mit Ritter und Stark. Damals hatte ich bestimmte Eindrücke und daraufhin Zuschreibungen vorgenommen, die nun zu überprüfen sind. Etwas dazu und zum ersten gemeinsamen Ritter-Stark-Tatort „Berliner Bärchen“ steht in der -> Rezension.

Handlung

Till Ritter hat sein Flugticket nach Kuba schon in der Hand, die Koffer sind gepackt, da brechen die Ereignisse über ihn herein: Er rauscht mit seinem neuen Partner Felix Stark zusammen, gewinnt im Lotto und muss den Mord an einem Kunstliebhaber aufklären.

Obwohl sich Felix Stark und Till Ritter zu Anfang nicht leiden können, raufen sie sich zusammen und folgen einer Spur, die sie in die polnische Kirchengemeinde zu Berlin führt. Dort treffen sie auf eine fremde Welt, deren starker Zusammenhalt auch die illegal in Berlin arbeitenden Polen überleben lässt. Der polnische Geistliche Emil Sowa scheint mehr als nur ein christlicher Ratgeber zu sein.

Trotzdem gelingt es skrupellosen Gangstern, polnische Putzfrauen, die illegal in Berlin arbeiten, zu Werkzeugen für ihre Einbrüche zu machen. Als der polnische Schwarzarbeiter Dariusz Zeuge eines Mordes wird und aus Angst vor dem Mörder Marco und dessen Bruder Siggi untertaucht, müssen Ritter und Stark mit Fingerspitzengefühl und kriminalistischem Scharfsinn einen weiteren Mord verhindern und herausfinden, welche Rolle die schöne Polin Theresa spielt.

Eine Aufgabe, bei der sich die beiden Partner wider Willen schließlich schätzen lernen und für deren Lösung sie am Schluss sogar den Segen des Priesters der polnischen Kirchengemeinde erhalten.

Rezension

Ich hatte von Beginn an gewisse Probleme mit dem Duo Ritter und Stark. Die beiden waren mir zu asymmetrisch und mich beschlich das Gefühl, man versucht etwas zu sehr mit Gewalt und mit einer nicht sehr authentisch wirkenden Form von Humor, diese ungleiche Arbeitsgemeinschaft den Zuschauern näher zu bringen. Mit asymmetrisch ist nicht gemeint, dass man sie intellektuell oder statusseitig zu unterschiedlich aufgestellt hat, aber gerade diesbezüglich gibt es nach dem Anschauen des ersten Falles, den die beiden miteinander zu lösten hatten, Bemerkenswertes zu berichten.

Es ist nämlich hier eindeutig zu bemerken, dass Stark die besseren Ideen und die bessere Einfühlung hat. Wenn man so will, liefert er direkt im ersten Einsatz eine starke Leistung ab. Das war nicht so dumm gedacht, denn die Zuschauer mussten sich erst einmal daran gewöhnen, dass der patente und dem Ritter auch körperlich mindestens gleichwertige Hellmann weg war und man eine vollkommen andere Idee über die Besetzung eines neuen Partners hatte, eines Gleichen im Ungleichen, was es bis dahi eigentlich nicht gab. Es hätte sicher andere Möglichkeiten gegeben als „Zwerg Nase“ dem Ritter als neuen Ermittlungspartner zur Seite zu stellen. Wer will nicht in Berlin filmen?

Man hat sich jedoch für diese nicht unspannende Lösung entschieden: Diversität, wie sie in Berlin gelebt werden soll, erst einmal optisch anzubieten. Es ist durchaus diskriminierend, den stark wirklich „Zwerg Nase“ zu nennen, aber es ist wiederum auch geschickt, denn auf diese Weise lässt man Ritter das aussprechen, was das Publikum vermutlich denkt, und wenn es ausgesprochen ist, weiß das Publikum, dass auch die Macher des Films auf alltäglich Diskriminierungen hinweisen wollten.

Außerdem ist Stark das Berliner Bärchen; heißt, er hat nicht nur ein eine kleine Ausgabe vom Bären in Stoff dabei, die er Ritter als Maskottchen anbietet, sondern ist mit seinem sympathischen Lächeln und seiner gewitzten Art tatsächlich mehr als Ritter in diesem Film der Typ, mit dem man sich identifizieren kann. Deswegen wird Ritter in diesem Film auch besonders als Kotzbrocken herausgestellt, ohne dass er dadurch insgesamt wie die Nr. 2 wirkt, wie das im Vergleich zu Hellmann tendenziell der Fall war. Außerdem hätte man mit Hellmann nicht diese etwas joviale Kumpelhaftigkeit darstellen können – etwa, dass der große Ritter dem kleinen Stark den Arm um die Schulter legt und dieser glücklich lächelt. Nach dem Motto: Das ging ja nochmal gut. Endlich einer, den man knuddeln kann, ohne dabei bescheuert auszusehen. Da haben sich die beiden also trotz des gleichermaßen blödsinnigen wie aufreibenden Kennenlernens per leichter Autokollision auf dem Parkplatz schon im ersten Film ziemlich gefunden.

Die Geschichte mit dem Lottoschein, der die beiden dann auch zusammenschweißen wird, weil keiner von ihnen daran schuld ist, dass dieses Dingsbums verloren geht, ist in die Handlung ganz gut eingewoben, wird jedoch zu sehr herausgestellt. Dadurch passiert schon im ersten Film der beiden etwas, was ich später immer wieder kritisiert habe, nämlich dass die Ernsthaftigkeit des Herangehens an ein Thema durch Nebengeräusche überlagert wird. Ds Thema sind hier sogenannte „Illegale“, in diesem Fall Polen, die von einer Gaunerbande dazu verwendet werden, auszukundschaften, in welchen Villen im Grunewald Bilder vom „Blauen Reiter“ aufgehängt sind, im konkretn Fall geht es um eines der blauen Pferde von Franz Marc.

Selbstverständlich klären Ritter und Stark den Mord auf, den ein Kunstdealer zwar nicht beauftragt hat, den ein ausführender Gangster = Dieb aber in überschießender Handlung ausgeführt hat. Aber das spielt letztlich keine entscheidende Rolle. Im oben erwähnten „Schweinegeld“ wird ein ähnlicher Ansatz gezeigt, aber in dem jüngeren Film geht es zentraler um die Ausbeutung von Niedriglöhner*innen. Die soziale Aussage von Berliner Bärchen tritt auf jeden Fall hinter der  Einführung des neuen Ermittlers zurück.

Eine wichtige Figur in diesem Zusammenhang ist „Mutter Teresa“, gespielt von Dana Vavrova, die durch „Herbstmilch“ berühmt wurde. Sie hat sozusagen eine Scharnierfunktion, vor allem dadurch, dass sie illegal in Berlin arbeitenden Landsleuten hilft, und dabei mit einem katholischen Priester kooperiert, der Gottesdienste auf polnisch anbietet. Ob es so etwas wirklich gibt, weiß ich nicht, aber angesichts der vielen Menschen mit polnischem Migrationshintergrund und deren stark ausgeprägtem Katholizismus wirkt es zumindest nicht an den Haaren herbeigezogen.

Allerdings ist es mir zumindest nicht gelungen, beim Schicksal des polnischen Handwerkers, der mit dem Überleben ringt, während er vor den Männern, die diesen Zeugen beseitigen wollen, auf der Flucht ist, und von Teresa versorgt wird, so richtig mitzugehen. Zum einen hat es natürlich mit dem Fokus auf die beiden Ermittler zu tun, zum anderen damit, dass man diese Story nicht emotional etwas mehr hochgezogen und vielleicht mit einer echten Liebesgeschichte verbunden hat. Auch wenn es etwas klischeehaft gewesen wäre, ich hätte das stärker bezüglich der Motivlage gefunden, als diese rein landsmannschaftlich-karitative Mentalität, die Teresa hier offenbart.

Die Konstruktion des Films ist sicher etwas übertrieben. Wer ein Objekt ausspähen will, braucht normalerweise nicht ein Vehikel, wie es hier gezeigt wird, aber auch hier ist festzuhalten, komplett bescheuert ist die Idee nicht. Insgesamt wurde der erste Ritter-und Stark-Tatort so inszeniert, dass man durchaus neugierig auf das neue Duo ist. Leider wird es dann bis auf einige Ausnahmen, die auch schon wieder ein bisschen überzogen daherkommen, später ziemlich klischeehaft, denn stark ist nun einmal der treusorgende Vater eines kleinen Jungen, während Ritter als Nachtschwärmer und Frauenschwarm unterwegs ist. Trotzdem haben die beiden ja immerhin insgesamt etwa 13 Jahre lang zusammengearbeitet. Und vor allem zum Ende hin auch einige ansehnliche Fälle zusammen gelöst, wie etwa „Gegen den Kopf„.

7,5/10 mit nachträglichem Anfängerbonus für Felix Stark

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Aller Anfang ist asymmetrisch

In der Tatort-Folge 466 „Berliner Bärchen“ bekommt Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) Unterstützung von seinem neuen Partner Felix Stark (Boris Aljinovic). Doch der gemeinsame Start des neuen Berliner Ermittlerduos ist alles andere als herzlich: Nach einem heftigen Zusammenstoß können sich die beiden Ermittler leider gar nicht leiden. „Berliner Bärchen“ beginnt mit einem denkbar schlechten Tag für Kommissar Ritter. Eigentlich wollte er gerade nach Kuba fliegen, muss dann jedoch den Mord an einem Berliner Kunstliebhaber aufklären. Hinzu kommt dann auch noch das unglückliche Zusammentreffen mit seinem zukünftigen Partner. (Redaktion Tatort Fans)

Die meisten Ritter-Stark-Tatorte habe ich nach fast zehn Jahren Beschäftigung mit der Krimireihe gesehen. Anders sah es bis vor Kurzem mit dem Vorgängerduo Ritter-Hellmann aus. Ich kann es nicht ändern, die beiden passen besser zusammen, aber vielleicht hat man beim Sender, der damals noch SFB hieß, gedacht: zu ähnlich. Man hatte sicher Schwierigkeiten damit, auszufuchsen, wer nun den Womanizer spielen soll. Bei Ritter und Stark ist das einfacher. Später hat man versucht, die beiden mit Humor teamfähig zu machen und sie haben ja auch recht lange zusammengearbeitet (von 2001 bis 2014). Kurz vor dem Ende der Kooperation kam sogar der lange erwartete Berliner Spitzentatort „Gegen den Kopf„.

In der Rangliste des Tatort-Fundus kommt der Starter auf Rang 14 von 31 Stark-Tatorten (30 davon mit Ritter), auf Rang 411 von 1149 aller bisherigen Tatorte (Stand 21.08.2020), das ist ansehnlich, wenn man bedenkt, wie ungewöhnlich diese Paarung damals war. Ich hatte lange Zeit Probleme, die beiden als halbwegs realistisches Ermittlerduo wahrzunehmen, aber es kommt auch darauf an, womit verglichen wird: Angesichts der heutigen Teams wirken die beiden relativ „denkbar“. Wie sie angefangen haben, werde ich mir heute in einer Woche, am Freitag, den 28.08.2020, um 22:15 in DAS ERSTE anschauen bzw. den Film aufzeichnen und in den Tagen darauf eine Rezension dazu verfassen.

Besetzung und Stab

Kommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Kommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Theresa – Dana Vavrova
Siggi Köhler – Gilbert von Sohlern
Jakob Steinmüller – Manfred Andrae
Dariusz – Peter Davor
Emil Sowa – Christian Doermer
Weber – Ernst-Georg Schwill
u.a.

Drehbuch – Pim Richter, Andreas Pflügler
Regie – Detlef Rönfeldt
Kamera – James Jacobs
Musik – Andreas Koslik

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