Ende einer Mondscheinfahrt – Polizeiruf 110 Episode 11 #Crimetime 804 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Treptow #Berlin #DDR #Hübner #Arndt #Subras #Mondschein #Fahrt

Crimetime 804 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Wieder eine neue Ära

Nachdem wir im März dieses Jahres mit der Rezension der Reihe Polizeiruf 110 begonnen haben, wurde heute wieder, sagen wir, ein neues Kapitel aufgeschlagen. Durch den neuen Media Receiver, den wir zwar schon seit Wochen hier stehen, aber heute, nach der Leerung des Vorgängers, endlich angeschlossen haben, sind die Mediatheken viel übersichtlicher angeordnet, da hat man sich einiges einfallen lassen. Vorrangig zugunsten der kommerziellen Anbieter natürlich, aber auch die ARD-Mediathek ist leicht aufrufbar. Zu unserer Überraschung haben wir festgestellt, dass darin einige sehr alte Tatorte und Polizeirufe enthalten sind, die wir noch nicht gesehen haben. Der älteste Polizeiruf, auf den das zutrifft, ist „Das Ende einer Mondscheinfahrt“, die Nr. 11 in der Gesamtliste. Wir hatten uns beklagt, dass der MDR bei der Ausstrahlung der frühen Fälle, mit denen wir im März gestartet waren, einige ausgelassen hat, besonders aus den Jahren 1972 und 1973 – heute konnten wir wieder eine Lücke schließen.

Ergänzung anlässlich der Publikation im September 2020: Die Angaben oben beziehen sich auf den November 2019, als er Entwurf verfasst wurde. Mittlerweile haben wir die ersten zehn Polizeirufe komplett, weil der RBB, der nun seinerseits eine chronologische Wiederholung gestartet hat, weitere Filme zeigt, die beim MDR nicht zu sehen waren, darunter die sehr wichtigen „Eine Minute zu spät“ und den direkten Nachfolger „Blütenstaub“.

Aber meint dies die neue Ära, die wir im Titel angedeutet haben? Vermutlich nicht, denn man kann nicht statt einer Kritik nur eine Beschreibung des aktuellen eigenen technischen Status Quo abliefern. Deswegen steht das Eigentliche in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kapitän Wolfgang Hasse benachrichtigt die Polizei, weil er in seinem Wochenendhaus die tote Marlies Geißler aufgefunden hat. Oberleutnant Jürgen Hübner, Leutnant Vera Arndt und Wachtmeister Lutz Subras nehmen die Ermittlungen auf. Im Haus stellen sie den Maschinisten Eberhard Mäusler, der durch das Fenster in das Haus eingestiegen ist. Es stellt sich heraus, dass Eberhard einst mit Marlies zusammen war, sie ihn aber verließ, weil sie sich in den verheirateten Wolfgang verliebt hatte. Erst kurze Zeit zuvor hatte sie in einer Aussprache klargemacht, dass sie mit Eberhard nicht mehr zusammen sein will. Sie sei zudem auf besondere Weise mit Wolfgang verbunden.

Wolfgang, Eberhard und Marlies waren am Abend des Todes von Marlies zunächst gemeinsam auf einem Ausflugsdampfer unterwegs gewesen, da ihre Brigade die traditionelle Mondscheinfahrt unternommen hatte. Wolfgang ist Kapitän des Schiffes, Eberhard Maschinist und Marlies arbeitete am Abend als Kellnerin. Während der Fahrt hatten sich Wolfgang und Marlies zunächst zu einer Unterredung in einer Kabine aufgehalten, später war es laut geworden. Wolfgangs Ehefrau Helga, die ebenfalls an Bord war, stellte ihren Mann zur Rede und kündigte an, sich von ihm zu trennen. Als Eberhard dazukam und Wolfgang aufforderte, endlich die Finger von Marlies zu lassen, war das der Grund für Helga, endgültig einen Schlussstrich zu ziehen.

Es stellt sich heraus, dass Marlies’ Verletzungen nicht unbedingt fremdverschuldet sein müssen. Auch wenn ihr Tod erst 1,5 Stunden nach Ende der Mondscheinfahrt eintrat, hat Wolfgang für die Zwischenzeit bis zum Auffinden der Leiche ein Alibi: Sein Auto hatte eine Panne, und er musste einen Reifen wechseln. Wolfgang wird freigelassen und auch Eberhard darf gehen, weil er in der Nacht im Wald seinen bezeugten Rausch ausgeschlafen hat. Beide Männer werden jedoch beschattet, da die Ermittler festgestellt haben, dass auf der Schreibmaschine am Tatort ein Brief geschrieben wurde. Es findet sich eine Ecke des Papiers in der Maschine, deren Tasten jedoch abgewischt wurden. Die Ermittler vermuten einen Abschiedsbrief, der jedoch vom Täter entfernt wurde.

Lutz Subras folgt unauffällig Eberhard, der auf den Ausflugsdampfer zurückkehrt. Er bricht in die Kapitänskajüte ein und durchwühlt Wolfgangs Papiere. Er findet einen Brief von Marlies, den er an sich nimmt. Wolfgang erscheint, und es kommt zum Handgemenge, das Lutz Subras unterbricht. Wolfgang hat Eberhard den Brief entwendet und das Blatt über Bord geworfen, doch Lutz kann den Brief durch einen Sprung ins Wasser zurückholen. Im Brief gesteht Marlies Wolfgang, dass sie von ihm ein Kind erwartet. Wolfgang gibt vor, dass sie die Schwangerschaft erfunden haben könnte, doch auch die Obduktion ergibt eine Schwangerschaft im dritten Monat. Wolfgang hat bereits zwei außereheliche Kinder. Seine Frau, die als Kindergärtnerin arbeitet, kann selbst keine bekommen. Helga treibt jedoch das schlechte Gewissen zur Polizei. Sie war am Tatabend im Wochenendhaus, habe dort aber nur die bereits tote Marlies aufgefunden. Den Abschiedsbrief in der Schreibmaschine habe sie an sich genommen, um ihren Mann zu decken. Sie übergibt den Zettel an die Ermittler.

Jürgen Hübner nutzt den Brief als Trick, da nur der Verfasser etwas von der Existenz des Briefes wissen und ein Interesse daran haben kann, dass die Existenz nicht bekannt wird. Er hinterlegt in Wolfgangs Kajüte einen Zettel mit dem Text „Falls du den Abschiedsbrief suchst – ich hab ihn“. Wolfgang begibt sich umgehend zu Eberhard und stürzt sich auf ihn. Die Polizei verhaftet Wolfgang. Er gesteht, dass Marlies ihm während der Mondscheinfahrt von ihrer Schwangerschaft berichtet hatte. Er hatte Angst, dass seine Frau ihn verlässt, und bat Marlies am Abend in das Wochenendhaus. Hier wollte er sie zu einer Abtreibung überreden, doch Marlies bestand darauf, das Kind zu bekommen. Er konnte sich ein drittes Kind nicht leisten. Als sie gehen wollte, versperrte er ihr den Weg. Sie rutschte auf dem Fußbodenläufer aus, fiel in die Fensterscheibe und verblutete an den dabei erlittenen Schnittwunden. Wolfgang schrieb den fingierten Abschiedsbrief, um den Unfall zu einem Selbstmord werden zu lassen. Er fühlt sich unschuldig, doch klären ihn die Vermittler auf, dass auch unterlassene Hilfeleistung strafbar ist. Wolfgang wird verhaftet und abgeführt.

Rezension

Oberleutnant Jürgen Hübner und Wachtmeister Lutz Subras ermittelten in ihrem dritten, Leutnant Vera Arndt in ihrem neunten Fall. Es war das erste Mal, dass Jürgen Hübner und Vera Arndt gemeinsam ermittelten und das erste Mal, dass Vera Arndt ohne ihren Kollegen Peter Fuchs arbeitete.

Wir hatten in unserer jüngsten Rezension zu „Schuldig“ (Nr. 55) Vera Arndt (Sigrid Göhler) hervorgehoben, die damals in der Tat genau so viele Einsätze hatte wie der Superstar des Polizeirufs, der Oberleutnant und spätere Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt). Mit der Episode 11 wurde sie sogar die Nummer eins, gemessen an der Zahl der Filme, erst 1981 wechselte die Führung wieder an Fuchs. Das ist eine deutlich andere Aufstellung als in den Tatorten, auch wenn Arndt nie leitende Ermittlerin wurde. Beim damaligen SWF hingegen wurde 1978 mit Marianne Buchmüller (Nicole Heesters) erstmals eine Frau als die Ermittlungen leitende Kommissarin vorgestellt – während in der DDR nach Arndts Abgang 1983 keine gleichwertige oder höherrangige, permanente Rolle mehr für eine Frau eingerichtet wurde.

„Ende einer Mondscheinfahrt“ bezieht sich auf die Abendfahrten der „Weißen Flotte“, die auf den Berliner Gewässern unterwegs ist. Bestimmte Fahrten endeten etwa gegen Mitternacht und berinhalteten offenbar regelmäßig ein Tanzvergnügen und ein Dinner. Peter Fuchs ist dieses Mal nicht dabei, Jügen Hübner leitet die Ermittlungen.

Der Fall entwickelt sich aus einer Vierecksgeschichte zwischen zwei Mitgliedern der Besatzung, dem Kapitän, dem Maschinisten, einer jungen Kellnerin und der Frau des Kapitäns. Es ist ein klassischer Whodunit im anfangs für die Polizeirufe üblichen 64-Minuten-Format und natürlich in Schwarz-Weiß gedreht. Dass der Film recht atmosphärisch geworden ist, liegt am Setting. Ein Ausflugsdampfer eignet sich fast so gut wie ein Kreuzfahrtschiff, um Milieus zu etablieren. Anders als beim Traumschiff des ZDF stehen aber nicht die Passagiere im Vordergrund, der Fokus ist auf das Bordpersonal gerichtet. Da ist der Womanizer-Kapitän, der junge Wilde, der passenderweise bei den stampfenden Maschinen sein Zuhause gefunden hat – Darsteller Peter Reusse ist im wirklichen Leben allerdings der Ehemann von „Vera Arndt“. Die junge Kellnerin liebt den Kapitän, nicht mehr den Maschinisten, der Kapitän will sie aber los sein und vor allem kein Kind mit ihr. Eifersüchtig ist trotzdem die Ehefrau des Kapitäns und dann gibt es noch eine berlinernde Kellnerin, die wiederum dem Maschinisten gerne nähertreten würde, aber sie ist für ihn vielleicht doch etwas zu alt und nicht sein Typ. So kommt es, dass wir nur Menschen sehen, die mit ihrer persönlichen Situation unzufrieden sind.

In einem Tatort wäre daraus mit Sicherheit ein Tötungsdelikt hervorgegangen, in den damaligen Prozeirufen musste das nicht zwangsläufig der Fall sein. War es in diesem Fall auch nicht. Vielleicht liegt nicht einmal eine vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge vor, lediglich wollte der Kapitän die junge Frau daran hindern, aus der Datsche, in der sich das Geschehen abspielt, das zu ihrem Ableben führt, zu entweichen. Interessanterweise ist es ihr gar nicht mehr so wichtig, ob der Mann noch bei ihr bleibt, sie möchte das Kind austragen. Aus materiellen Gründen, weil er schon zwei uneheliche Kinder mitzuversorgen hat, möchte der Kapitän das nicht zulassen. Mag auch der Todesfall eine sehr unglückliche Geschichte sein, weil die junge Frau auf einem Teppich ausrutscht, in ein Fenster fällt und sich dadurch schwer verletzt, so ist der Kapitän natürlich trotzdem zu verurteilen. Zum einen, weil er die Konsequenzen seines Handelns zu tragen verweigert, zum anderen aus dem einfachen Grund, dass es sich hier um Tötung durch unterlassene Hilfeleistung handelt.

Der Film ist spannend und recht anständig gespielt, auffällig ist die geringe ideologische Durchsetzung – aber auch verständlich, weil es sich um ein privates Drama handelt und nicht, wie bei Polizeirufen aus dieser Zeit häufig zu sehen, um eine Schädigung von Volkseigentum. Die einzige in diesem Sinne der Bewertung zugängliche Aussage ist die erwähnte Weigerung des Kapitäns, seinen Pflichten als Vater von unehelichen Kindern nachzukommen. Belastet wird das Verhältnis zu einer Frau, die als Kindergärtnerin arbeitet, dadurch, dass sie keine Kinder bekommen kann. Sehr interessant war es für uns, Gudrun Ritter in der Rolle der Ehefrau Helga zu sehen. Es war ihre erste Episodenrolle in einem Film der Reihe Polizeiruf 110, es sollten in einem großen Zeitraum von 1975 bis 2016 sieben weitere folgen, zusätzlich mehrere in der Parallelreihe Tatort. Wir waren dabei erstaunt über die Typveränderung, die bei ihr zwischen 1972 und Mitte der 1980er stattfand, anders ausgedrückt, wir hätten sie in „Ende einer Mondscheinfahrt“ nicht erkannt.

Finale

„Routinefilme“ gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht, schließlich ist „Ende einer Mondscheinfahrt“ erst der elfte Polizeiruf. Aber das Muster und den Stil stellen wir uns als Weiterentwicklung der Vorgängerreihe „Blaulicht“ vor, mit einem traditionellen Szenario, das es immerhin erlaubt, dass Hübner einmal den lieben Gott anrufen darf und ein Organist sich dagegen verwahrt, dass der Maschinist in seiner Kapelle säuft. Für Regisseur Hubert Hoelzke war „Ende einer Mondscheinfahrt“ die erste Arbeit innerhalb der Reihe, es folgten nach langer Pause zwei vom Stil recht unterschiedliche, aber moralisch eindeutige Film 1987 und 1988 („Die letzte Kundin“ und „Eine unruhige Nacht„).

Welche Art von Kollektiv war das noch einmal, das wir hier sehen? Ein Mischkollektiv? Ein erweitertes Kollektiv? Der Fachbegriff, der im Film genannt wird, ist uns leider entfallen – jedenfalls eine Form von gemischtem Team, das Bordpersonal und Servicekräfte auf der „Sonnenschein“, wie der hier gezeigte Ausflugsdampfer heißt, sind darunter zugsammengefasst. Immerhin wussten wir schon, was ein Schiguli oder Shiguli ist, weil der Fahrzeugtyp des russischen Herstellers VAZ kürzlich in einem Polizeiruf aus den 1980ern erwähnte wurde und weil wir ihn daraufhin recherchierten.

Wie werten wir nun? Es gab, wie eigentlich in allen Polizeirufen, einige recht gelungene Szenen, auch ein paar witzige Momente, bei der Einordnung hilft uns mittlerweile, dass wir einige Jahrgänge aus der Vorwendezeit bereits komplett ober überwiegend gesehen haben. Die Bordatmosphäre und auch die Spannungen an Bord werden, gemessen an der kurzen Spielzeit, recht einleuchtend, wenn auch nicht übertrieben tiefschürfend dargestellt, die beiden konkurrierenden Männer hat man besser hervorgehoben als die Frauen, gelangweilt haben wir uns nicht. Auch, weil wir den Film mehrfach unterbrochen haben, um das offenbar veränderte Farbsignal des neuen Media Receivers so anzupassen, dass es wieder in etwa dem bisherigen Stand entsprach, mit vergleichsweise hohem Konstrast, nicht zu hell und nicht zu farbintensiv eingestellt. Letztere Justierung erwies sich bei diesem Monchromfilm als schwierig, aber wir werden noch ein wenig daran arbeiten. Vielleicht mit einem alten Tatort, die Tatorte waren ja von Beginn an in Farbe gedreht.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hubert Hoelzke
Drehbuch Ulrich Waldner
Produktion Hans W. Reichel
Musik Wolfgang Pietsch
Kamera Adam Pöpperl
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

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