Die Marx Brothers im Krieg (Duck Soup, USA 1933) #Filmfest 235

Filmfest 235 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" 

2020-08-14 Filmfest ADie Ente schießt um Mitternacht

„Duck Soup“ ist der fünfte Film der Marx Brothers, im Jahr 1933 konnte man sie bereits als etabliert bezeichnen. Er ist aber auch ein Wendepunkt, denn zum letzten Mal trat der brave Zeppo mit den drei viel chaotischeren Brüdern auf und zum letzten Mal filmten sie für die Paramount, bevor sie zu MGM wechselten und dort ihren nächsten Film, „A Night at the Opera“ drehten.

Handlung (1)

Das kleine Land Freedonia befindet sich in einer schweren finanziellen Notlage, die aktuelle Regierung sieht keinen Ausweg in der Staatskrise. Die reiche Witwe Teasdale, die das Land mittlerweile im Alleingang finanziert, fordert für einen weiteren Kredit, dass man im Gegenzug den von ihr verehrten Rufus T. Firefly (Groucho) zum Regierungschef ernennt. Dies geschieht auch, doch bald wird klar, dass Firefly seinen Pflichten als Premierminister kaum nachkommt. Unterdessen plant der Nachbarstaat Sylvania, in Freedonia einzumarschieren. Chicolino (Chico) und Pinky (Harpo) werden vom sylvanischen Botschafter Trentino als Spione auf den neuen Staatschef Firefly angesetzt. Dieser ernennt die beiden allerdings aus einer Laune heraus zu Ministern, als Chicolini Erdnüsse vor seinem Fenster verkauft. Trentino macht sich ebenfalls an die Witwe Teasdale heran, die jedoch nur Augen für Firefly hat. Firefly umwirbt Teasdale auch wegen ihres Vermögens, sodass es zu ersten Spannungen zwischen ihm und Trentino kommt.

Fireflys Sekretär Bob Roland (Zeppo) rät seinem Vorgesetzten, Trentino loszuwerden, indem man ihn beseitigt. Firefly stimmt seinem Sekretär im Prinzip zu, doch dann kommt es zu einer Reihe von Beleidigungen zwischen ihm und Trentino, an deren Ende Firefly den Botschafter schlägt. Damit provoziert er einen Krieg gegen Sylvania. Trentino erfährt, dass die Kriegspläne im Safe der Witwe Teasdale liegen, und er beauftragt Chicolini und Pinky, diese zu entwenden. Chicolini wird gefangen genommen und angeklagt, doch noch während der Verhandlung erfolgt die Kriegserklärung. Das ärmere und kleinere Freedonia hat zwar denkbar schlechte Erfolgsaussichten, dennoch wird das Ereignis vom Parlament mit Gesängen und Tänzen euphorisch aufgenommen. Schließlich kommt es zur Schlacht, die schon verloren scheint, als Trentino gefangen genommen werden kann. Die Marx Brothers bewerfen ihn mit Früchten, bis er schließlich kapituliert. Mrs. Teasdale besingt den Sieg mit Freedonias Hymne, wird dann aber von den Brüdern ebenfalls mit Obst beworfen.

Rezension

Die Komödie ist Slapstick und Kriegssatire voller anarchischer optischer Gags und Wortwitz. Die Marx-Brothers treten ihren bekannten Rollen entsprechend auf: Groucho als arroganter Staatschef mit Hang zu Beleidigungen und Wortspielen, Chico als der Proletarier mit Abneigung gegen jede Autorität, Harpo als der stumme, verspielte Kindskopf und Zeppo als „Straight Man“, der gutaussehende Pflichtbewusste.   

„Duck Soup“ gilt als einer der besten Filme des – damals noch – Quartetts und wird heute zusammen mit „A Night at the Opera“ von den Nutzern der IMDb am höchsten bewertete (je 8,1/10). Dass wir für den Nachfolger schwärmen, haben wir in unserer damaligen, ersten Rezension für einen Marx-Film kundgetan, folgen wir also der Meinung der Fans, müsste es bei „Duck Soup“ ähnlich sein. (2)

Überraschenderweise sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass „Duck Soup“ schlechter und besser zugleich ist als sein Nachfolger und in allen Belangen besser als „Die Marx Brothers auf See“ (1931), den wir zuletzt rezensiert haben. Allerdings kommt zwischen diesem und „Duck Soup“  der Film aus 1932, „Horse Feathers“, den wir noch nicht kennen.

„Duck Soup“ enttäuschte uns zu Anfang. Zu deutlich ist die Anleihe an „Animal Crackers“, was die Einführungszenen angeht, in denen Rufus T. Firefley, der neue Staatschef Freedonias, dem Publikum und den Honorablen des Landes und seines Nachbarlandes Sylvania vorgestellt wird. Die Anlage der Szene „Hail Freedonia!“ ist ablauftechnisch beinahe eine Kopie von jener legendären Szene aus „Die Marx Brothers auf See“, die in „Hey, I Must be Going“ gipfelt, die Groucho Marx selbst dann unsterblich gemacht hätte, hätte er nur diese eine Szene jemals gehabt.

Auch der Folgeverlauf mit der unterschiedlichen Verwendung der verschiedenen Marx-Brüder als Spione etc. wirkt ein wenig gequält, die Gags ein wenig aufgesetzt. Außerdem, das nehmen wir an dieser Stelle vorweg, fehlt „Duck Soup“ unverständlicherweise ein Element, das alle anderen Marx-Filme, die wir bisher gesehen haben, wie selbstverständlich aufweisen und das für uns zu den Essentails rechnet, weil während dieser zwei oder drei Minuten die turbulente Welt der Marxens den Atem anhält und den entzückenden Klängen des Buder Harpo lauscht, der seinem Namen Ehre macht und uns ein – meist sehr bekanntes – Stück auf der Harfe darbringt. Diese Momente sind deshalb so bemerkenswert, weil gerade der stumme Harpo ganz aus seiner Pantomimen-Clownsrolle heraustritt und zum Künstler wird. Ein Element, das im Grunde nicht in die Marx-Filme passt und gerade deshalb so signifikant ist. Wir bemerken dann, wie leicht wir in eine andere Stimmung hineinzumanipulieren sind und es macht uns nichts aus. Diese weiche Seite hätte dem in mancher Hinsicht recht knackigen „Duck Soup“ gut gestanden. Allerdings hätte sie vor dem Kriegseintritt Freedonias kommen müssen, danach wäre sie leider fehl am Platz gewesen.

Aber nachdem man sich auf einen eher mittelmäßigen Marx-Film schon eingerichtet hat – eingeschossen wäre hier zu bezüglich – geschieht etwas wie ein Wunder, eine Offenbarung, ein Reset mitten im Film.

Natürlich meinen wir die Spiegelszene. Sie ist nicht nur innerhalb der Marx-Filmanthologie herausragend, sie ist eine der besten, schönsten, grandiosesten Gags, die je auf die Leinwand kamen. Die Idee, Groucho Marx im Schlafanzug und mit Zipfelmütze vor einen Spiel  zu stellen und zwei verkleidete Imitatoren seines Rufus Firefly gesellen sich hinzu, ist so witzig, dass man innerhalb weniger Minuten so viel lacht, dass es für zwei oder drei Filme selbst der Marx Brothers ausreicht und sicher für einen schönen Abend.

Was macht diesen Sketch so besonders? Zum einen ist es die Idee, Groucho abwechselnd einem der anderen Marx-Brüder gegenüberzustellen, der ihn imitiert, und dann wieder vor einen echten Spiegel, sodass die Bewegungen und Aktionen der Figur auf der Gegenseite abwechselnd leicht verschoben und dann wieder exakt – eben spiegelbildlich – wirken. Ganz ohne Schnitte und ohne dass Groucho und die anderen auch mal das Bild verlassen, geht das nicht, weil ja immer wieder zwischen echten und falschen Spiegelszenen gewechselt werden muss, und ohne Schnitt wären diese Wechsel beim damaligen Stand der Technik wohl aufgefallen. Aber das macht die Komik nicht schlechter, sondern eher noch charmanter. Hinzu kommt, dass dies einer der wenigen nonverbalen Gags ist, in denen man Groucho sehen darf, er ist pure Pantomime und entfaltet eine beinahe hypnotische Wirkung dadurch, dass man wirklich nicht weiß, was im nächsten Moment passiert, anders als z. B. bei den auf ihre Art so gelungenen Slow-Burns von Laurel und Hardy, bei denen man das Ende meist vage vorhersehen kann. Man weiß beim Anschauen der Spiegelszene nur, es wird sehr originell sein und der innere Sturm, der sich dabei Bahn bricht, der ist keiner intellektuellen Analyse zugänglich.

Eine wichtige Rolle spielt sicher die Tatsache, dass diese Sequenz, Schnitte mittendrin hin oder her, so leicht wirkt, weil sie so anstrengend gewesen sein muss. Die Koordination, die gerade darin liegt, dass die beiden anderen mal mehr, mal weniger abweichend auf Grouchos Bewegungen und Faxen reagieren, erforderte sicher eine lange Übungszeit. Dass am Schluss sowohl Harpo als auch Chico kurzzeitig auf der anderen Seite des vorgeblichen Spiegels sind, ist der Höhepunkt im Höhepunkt und wir haben uns wirklich weggeschüttet.

Ein weiterer Aspekt ist das Absurde an der Szene. Denn: Ist da nun eine Spiegelwand oder nicht? Offenbar nicht, aber dann eben doch, wenn es darauf ankommt, dass Groucho sich eben noch nicht sicher ist, dass etwas nicht stimmt und immer wieder verwirrt feststellen muss, dass manchmal, ja manchmal, sein Spiegelbild sich eben doch exakt benimmt wie er selbst. Letztlich aber muss man die Beschreibung dieser Szene mit den Worten schließen: Man muss sie gesehen haben. Man sollte sie gesehen haben, wenn man sich für Komik im Film interessiert und das Beste vom Besten nicht auslassen will, weil diese Szene selbtredend viele Nachahmer gefunden hat (etwa in Form der  „Affenszene“ im Finale von „Der rosarote Panther“, die auf ihre Weise gut gelungen ist).

„Duck Soup“ ist allein wegen dieser Szene das Anschauen wert.

Allerdings ist sie auch das Fanal für einen Wandel des Tenors, denn war der Film vorher mehr eine Diplomatie-Farce und das übliche böse Spiel mit den naiven Menschen der besseren Gesellschaft, so wird der Film nach der Spiegelszene zur ersten echten Kriegssatire der Kinogeschichte. Anklagen gegen den Krieg gab es zuvor schon, aber das waren ernste Filme, von „J’accuse“ (1919) bis hin  zu „Im Wesen nichts Neues“ (1930). Den Krieg auf die Schippe zu nehmen und dabei geradezu prophetisch zu sein, das aber konnten wohl nur die Marx Brothers einführen, die nun einmal die frechsten Jungs in Hollywood und darüber hinaus waren. Andere Komiker ließen davon weitgehend die Finger, das Thema war zu heiß, und bei allem Sarkasmus, der sich in den Depressionsjahren aufzubauen begann, der Stolz auf das Militär war eine heikle Angelegenheit.

Deswegen konnte selbstverständlich nur ein Duo von Fantasiestaaten das Setting für den von Rufus T. Firefly provozierten Angriff eines anderen Staates sein. Dass es dabei auch ums Geld geht, zeigt, wie sehr die Marxens die Mechanismen zwischen Politik, Macht, Geld durchschauten. Es gibt nicht wenige Historiker, die Deutschlands Kriegstreiberei vor und bis zum Zweiten Weltkrieg auch der Tatsache zuschreiben, dass das Land durch seine enorme Hochrüstung quasi pleite war und nur duch die Eroberung neuer Ressourcen – kurzfristig und vorläufig – gerettet werden konnte. Wir wissen auch, dass die Schweiz als Transitland für die Geldströme zwischen den Nazis bzw. deren Beute und Abnehmern im Ausland fungierte, was ihr die Unabhängigkeit erhielt.

Viel davon sieht man schon in „Duck Soup“, wo die reiche Amerikanerin Teasdale quasi die Funktion möglicher Geldgeber einnimmt, wobei sie allerdings mäßigend einwirken will, um einen Krieg zu verhindern. Vergebens, wie wir wissen.

Auch der Verlauf der Kämpfe, in denen Freedonia immer mehr in die Ecke gedrängt wird, bis plötzlich Hilfe von überall her kommt, nimmt schon den  Zweiten Weltkrieg vorweg – ohne diese schlussendliche, ebenso wunderbare wir absurde Hilfe von Herden von Delphinen, Schwimmern usw. In der Wirklichkeit scheiterte dann die Nation, deren Führung den Krieg anzettelte.

Es sollte einige Jahre dauern, bis die nächste politische Satire entstand, Charles Chaplins „Der große Diktator“. Dieser Film ist reicher, noch deutlicher, viel mehr auf die konkrete Situation nach dem Ausbruch des Krieges in Europa bezogen, und er hat eine ganz andere Stimmung. Eines nämlich waren die Marxens nie:  gefühlvoll oder gar romantisch. Die Art ihrer Komik schloss das aus, auch wenn ihren Filmen meist ein romantischer Subplot zugeordnet war. Dessen Abwesenheit in „Duck Soup“ ebenso auffällt wie der mangelnde Musikeinsatz von Harpo – auch Chico kommt nicht so zum Klavier spielen wie sonst.

Finale

Aufgrund der eher mittelmäßigen ersten Hälfte kann „Duck Soup“ nicht ganz mit „A Night At the Opera“ mithalten, der viel geschlossener wirkt und die beste Synthese aller Eigenschaften der Marx Brothers bietet. Aber aufgrund der im Wortsinn spektakulären Spiegelszene und der gelungenen Satire, die den Film dann beschleunigt und schärft, kommen wir auf gute

79/100

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) Die Bewertungen haben sich mittlerweile auf 7,9/10 für „A Night At the Opera“ und 7,8/10 für „Duck Soup“ ermäßigt, Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes Ende September 2020. Dadurch stehen beide derzeit so weit weg von der aktuellen Top250, dass an eine Rückkehr nur zu denken wäre, wenn es eine Art Swing, eine Neubewertung der Marx Brothers ingesamt geben würde. Vielleicht finden manche Menschen die Filme angesichts der aktuellen US-Politik bzw. ihrer Nähe zur Realsatire gar nicht mehr so witzig.

Regie Leo McCarey
Drehbuch Bert Kalmar
Harry Ruby
Produktion Herman J. Mankiewicz
Musik John Leipold
Kamera Henry Sharp
Schnitt LeRoy Stone
Besetzung

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