Gesichter im Zwielicht – Polizeiruf 110 Episode 14 #Crimetime 811 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Ostsee #Fuchs #Arndt #Subras #Gesichter #TwilightZone

Crimetime 811 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Das Zwielicht ist auch in Farbe zwielichtig

Wenn man während der DDR-Phase der Reihe 13 Polizeirufe inszenieren durfte, kann man nicht alles falsch gemacht haben. Manfred Mosblech war einer der führenden Regisseure des Polizeirufs und was wir schon von „Holzwege“ her kannten und von „Der Mann im Baum“ zeigt sich auch im zweiten Film, den er für die Reihe verantwortete: „Gesichter im Zwielicht“. Mosblechs Regiestil führt dazu, dass man fast unvermittelt anfängt, emotional mitzugehen. In „Holzwege“ kommt eine furiose Kameraführung hinzu, die ist in „Zwielicht“ nicht zu bemerken, man konzentriert sich darauf, die Ostseeküstengegend so darzustellen, wie Fuchs sie findet: Im Oktober eher trist. Das Schilf ist gelb, die letzte Regatta gefahren, ein kleines Fischerhaus bildet das Zentrum eines für die damalige Zeit offensiv, aber nicht zu exploitativ gezeigten Verbrechens. Dass man aus der Einleitung schon auf die Bewertung am Ende der Rezension schließen kann, versuchen wir in der Regel zu vermeiden, aber hier wollten wir mal anders anfangen. Trotzdem steht viel mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Segeltrainer Bodo Jansen gibt bei der Polizei zu Protokoll, dass er seine Ehefrau Astrid erwürgt habe. Oberleutnant Peter Fuchs, Leutnant Vera Arndt und Leutnant Lutz Subras nehmen die Ermittlungen auf. Astrid hatte am Vortag bei einem Segelwettstreit den ersten Platz in der Klasse 2 belegt. Bodo missfiel ihr Segelstil, der genauso egoistisch wie Astrid selbst sei. Als ihm ein Freund anbot, sich bei ihm auszusprechen, lehnte Bodo dies jedoch ab.

Bodo hatte Astrid in zweiter Ehe geheiratet. Sie war deutlich jünger und viel extrovertierter als er. Sie hatte ihre Launen, die sie an ihm ausließ. Bodo hingegen wird von allen Zeugen als herzensguter Mann beschrieben und auch seine erste Ehefrau findet nur gute Worte für ihn. Sie kennt ihn schon aus der Schulzeit und in der Ehe gab es nie Ärger. Dadurch verlief sie sehr gleichförmig. Als Bodo Astrid kennenlernte, verließ seine erste Frau ihn, weil sie das Gefühl hatte, dass er Abwechslung brauchte. Bodo hatte deswegen ein schlechtes Gewissen. Aus erster Ehe hat Bodo seinen Sohn Detlef, der 17 Jahre alt ist. Mit Astrid bekam er ein zweites Kind, das Mädchen Mareike, das kaum das Schulalter erreicht hat.

Peter Fuchs und Vera Arndt glauben nicht, dass Bodo der Täter ist, auch wenn er auf seiner Täterschaft besteht. Niemand kann sich Bodo als Mörder vorstellen. Bodo selbst wirkt beim Verhör erschüttert und ihm wird schlecht, als Vera ihm die Tatspuren am Körper seiner Frau aus dem Protokoll vorliest. Bei den Vernehmungen kommen drei neue Punkte ans Licht: Detlef wollte seit mehreren Jahren Arzt werden, doch brachte ihn Astrid dazu, sich für eine Laufbahn als Pianist zu entscheiden. Er bestand die Aufnahmeprüfung in Berlin, doch reagierte Bodo wütend auf den Gesinnungswechsel des Sohnes, den er auf Astrids schlechten Einfluss, nicht jedoch auf wirkliches Wollen zurückführte. Astrid hatte seit einem halben Jahr ein Verhältnis zum Fischer Knud Hinrichs, von dem sie ihrem Ehemann kaltherzig berichtete. Bodo wiederum tat alles, um die Ehe nach außen hin harmonisch wirken zu lassen, ließ seine Frau jedoch fremdgehen, zumal er sich ihr seit dieser Zeit auch zunehmend entfremdete. Der dritte Punkt war die Tatnacht selbst. Schon beim Segelrennen war Mareike fiebrig. Bodo wollte deswegen die Teilnahme am Seglerball am Abend absagen, ging jedoch mit seiner Frau hin, als Detlef anbot, auf Mareike aufzupassen. Er rief gegen Mitternacht im Ballhaus an, da Mareikes Fieber stärker geworden war. Bodo kam sofort nach Hause und brachte Mareike ins Krankenhaus. Dort wurde festgestellt, dass Mareike wahrscheinlich Diphtherie hat. Astrid hingegen blieb auf dem Ball und amüsierte sich.

Bei den Ermittlern meldet sich Knud Hinrichs, der angibt, Astrid vom Ball abgeholt zu haben. Beide hätten dann eine Liebesnacht in der Hütte verbracht, in der später die tote Astrid aufgefunden wurde. Er habe das Gefühl gehabt, dass jemand um die Hütte herumschleiche, jedoch niemanden gesehen. Gegen 2.30 Uhr sei er gegangen. Beide haben an dem Abend Wodka getrunken. Das benutzte Glas fand sich jedoch abgewaschen im Schrank, obwohl es Knud auf dem Tisch zurückgelassen hatte. Der befragte Bodo gibt vor, nach dem Fund der Leiche ein Glas Wodka getrunken zu haben. Das abgewaschene Glas stellte er in den Schrank und nahm die Flasche mit. Es wird deutlich, dass er jemanden decken will. Vera Arndt sucht noch einmal Detlef auf und lässt die Schuhe und die Jacke untersuchen, die Detlef am Tatabend trug. Es finden sich Erdreste, die mit der Erde vor der Fischerhütte übereinstimmen. Feine Holzsplitter in der Jacke stammen ebenfalls von der Hütte.

Detlef gibt schließlich zu, Astrid getötet zu haben. Er hatte gesehen, wie hilflos Bodo im Umgang mit seiner Tochter war und war wütend, dass Astrid nicht mit nach Hause gekommen war. Als er sie vom Ball abholen wollte, war sie nach Augenzeugenberichten bereits mit einem fremden Mann gegangen. Er fand beide im Holzhaus beim Liebesspiel, wartete, bis Knud gegangen war und wollte Astrid anschließend zur Rede stellen. Sie jedoch verhöhnte ihn als Spanner und bezeichnete Bodo als Rentner und Versager und so erwürgte Detlef sie. Anschließend wartete er zuhause auf Bodo und gestand ihm die Tat. Er war erschüttert, dass Bodo wusste, dass seine Frau ihn betrog, und warf ihm vor, nie etwas gesagt zu haben. Bodo schickte ihn fort und nahm die Tat auf sich. Selbst als Peter Fuchs ihm nun sagt, dass Detlef der Täter ist, versucht er dies noch zu bestreiten. Erst als Detlef selbst ihm berichtet, die Tat gestanden zu haben, bricht Bodo zusammen. Detlef wird abgeführt.

Infos (Wikipedia, a. a. O.)

Gesichter im Zwielicht wurde vom 15. November 1972 bis 15. Januar 1973 unter dem Arbeitstitel Die zertanzten Schuhe an der Ostseeküste gedreht. Peter Fuchs und Vera Arndt sind im Film im Hotel Warnow in Rostock untergebracht, das 2003 abgerissen wurde. Weitere Drehorte waren AltwarpBad Doberan, das OderhaffStralsund und Umgebung sowie Ueckermünde.[1]

Die Kostüme des Films schuf Ruth Karge, die Filmbauten stammen von Günter Broberg. Die Filmmusik von Hartmut Behrsing verwendet Motive von Ludwig van Beethovens Für Elise, das Detlef im Film auch selbst am Klavier spielt. Zudem ist ein Ausschnitt von Beethovens Mondscheinsonate zu hören, auf dem Seglerball spielt die Band My Bonnie und Fuchs und Arndt hören auf dem Schallplattenspieler eine Platte, die Michel Polnareffs Please Love Me spielt.

Über Manfred Mosblech

Im Jahre 1971 wurde der Polizeiruf 110 als Antwort des DDR-Fernsehens auf den Tatort ins Leben gerufen. In insgesamt 13 Folgen dieser Reihe führte er Regie, trat in zwei weiteren als Darsteller auf und verfasste auch zu einigen Folgen die Drehbücher. Besondere Bekanntheit erlangten die Folgen Der Teufel hat den Schnaps gemacht (1981) – eine für das DDR-Fernsehen bis zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich offene Darstellung von Alkoholmissbrauch und seinen Folgen – und Der Mann im Baum (1988), der die Jagd nach einem Sexualstraftäter zeigt. Darüber hinaus inszenierte er auch die erste farbige Folge der Reihe Gesichter im Zwielicht (1973).

Rezension

Der Film hat schon fest die Melancholie wie Polizeirufe sie MItte der 1980er auf eine so konzentrierte Weise erreichten, dass möglicherweise die staatliche Aufsicht eingriff und etwas mehr Optimismus forderte. Die Figurenzeichnung ist exzellent und setzt Maßstäbe für diese Zeit, auch wenn sie auf Stereotypen zurückgreift. Der 14. Polizeiruf ist mit 76 Minuten für damalige Verhältnisse relativ lang, vereint drei Ermittler*innen – und erstmals sehen wir alles in Farbe.  Interessant, dass man für diese Polizeiruf-Premiere eine Szenerie gewählt hat und auch eine Farbgebung, die das Ganze noch trauriger wirken lässt, als wenn es in Schwarz-Weiß gefilmt gewesen wäre. Vielleicht war das die Absicht: Farbe nicht als Knallbonbon zu verwenden, sondern zu zeigen, dass sie auch im Krimi ihre Berechtigung hat und dass man sie so ausdünnen kann, dass kaum zu erkennen ist, ob es sich um einen Tag mit schwacher Sonne oder mit einer hellen Wolkendecke handelt. Anfangs scheint noch alles auf Schauwert zu gehen: Die Regatta findet noch bei sehr schönem Wetter statt – aber schon in derselben Nacht ändert sich alles.

Wieder einmal entblättert ein Polizeiruf in Rückblenden die Wahrheit und man wird noch häufiger sehen, dass Menschen sich selbst eines Mordes bezichtigen, um jemanden zu decken bzw. zu schützen. Davon ist auszugehen, als sich Herr Hansen so rasch bei der Kripo meldet und behauptet, seine Frau erwürgt zu haben. Der größte Nachteil des Films resultiert daraus, dass man zwar noch einen familienfremden Verdächtigen installiert, aber so recht haben wir nicht geglaubt, dass der robuste Fischer die Frau Hansen umbringt, auch wenn sie ihn ebenso angeht wie alle anderen Männer. Nein, es ist der sensible junge Klavierkünstler, den sie so provoziert, dass er seine schlanken, aber durchaus kräftigen Hände einsetzt, um sie zum Schweigen zu bringen. Töten wollte er sie nicht, das hören wir häufig, auch in Tatorten.

Bisher hatten wir von Manfred Mosblech noch keinen Film gesehen, in dem bösartige Frauenfiguren eine wichtige Rolle spielen, aber Regina Bayer stellt die Astrid Jansen hier als aggressives Wesen dar, das die Männer sehr herausfordert. Es kommt nicht so häufig vor, dass wir denken: So, das war mal wenigstens ein Zeichen von Gegenwehr, als ihr ansonsten so friedfertiger Mann sie – nicht sehr hart – ohrfeigt. Man darf sowas eigentlich nicht schreiben, aber die Figuren funktionieren wirklich gut und das bedeutet auch, dass wir uns sehr mit dem Hansen identifiziert haben. Es deutet auch darauf hin, dass Gewalt verbal ausgeübt werden kann. Dass jemand der körperlich unterlegen ist, durch seine Eloquenz und verbale Aggressivität den anderen Teil komplett beherrschen kann, wird durchaus nicht immer anerkannt, wenn es darum geht, die Entstehung von Konflikten deren Eskalation nachzuzeichnen. Dafür musste man hier eine Figur aufbauen, die auch ein Sinnbild darstellt.

Ganz sicher sind wir uns nicht, ob der Film in diesem Familiendrama ideologisch eindeutig oder eben gerade dies nicht sein sollte – man sieht die Dinge eben im Zwielicht. In der Dämmerung des Morgens und des Abends. Astrid Jansen ist im Rahmen der Möglichkeiten ein Erfolgsmensch und bei ihr wirkt es so, als ob Erfolg immer bedeutet, dass jemand sozusagen über Leichen geht und alle verachtet, die nicht ebenso rücksichtslos sind. Das ist bei vielen „Erfolgsmenschen“ so, wenn man Erfolg in Trophäen oder finanziell misst. Ab einem gewissen Punkt, in dem das Maß überschritten ist handelt es sich auch um eine Art Sucht und eine Krankheit – krankhafter Ehrgeiz ist nicht umsonst ein geflügeltes Wort. Andererseits – wir hatten zuletzt den Sportkrimi „Siegquote 180“ rezensiert. Erfolg erfordert meist Hingabe, ja Besessenheit, im Sport mehr noch als in der Kunst, wenn es hoch hinausgehen soll. Wir haben in der Rezension von „Siegquote 180“ referiert, dass die DDR sich in jenen Jahren anschickte, unter Einsatz wirklich aller Mittel eine führende Sportnation zu werden – wenn man so will, bestand dieser Betrieb aus lauter Astrids, die bereit waren, auf jede unfaire Art andere auszustechen. Wobei nicht gezeigt wird, dass Astrid etwas Illegales getan hat, sie ist nur sehr riskant gesegelt, was leider auch nicht konsequent ins Bild gesetzt wird.

Was wird nun also kritisiert? Egoismus oder kollektive Verabredung zum übersteigerten Wettewerb? Wir schrieben in der Kritik zu „Siegquote 180“, dass wir eher nicht glauben, dass Filmemacher schon 1972 wissen konnten, was hinter den damals gerade erst einsetzenden außergewöhnlichen Erfolgen des DDR-Sports steckte, daher liegt die Interpretation nahe, dass systemkonform ein Mensch als gefährdet dargestellt werden soll, der sich nicht einfügen mag. Sehr interessant ist in dem Zusammenhang der Part, dass Astrid Jansen ihren Stiefsohn fast überredet, Pianist zu werden – er aber auch wirklich Talent hat und am Konservatorium aufgenommen wird, während der Vater mehr oder weniger darauf besteht, dass die Verabredung, der Junge solle Arzt werden, eingehalten wird. In dem Moment handelt auch der Vater nicht mehr richtig, wirkt übergangslos sehr borniert. Ist es wirklich überraschend? NIcht, wenn man einen Schritt weiter denkt: Er hat auch in diesem Fall gegen den Willen seiner übermächtigen Frau verloren. Es geht gar nicht mehr um das Glück des Jungen, denn dieser hat Recht, wenn er zunächst einmal versuchen will, sein Talent, das mit seiner Leidenschaft gepaart ist, zu testen. Klar, die DDR brauchte dringend Fachkräfte, Musiker hingegen gab es auch dort mehr als genug. Deswegen ist die Szene, in welcher Detlev seinen abweichenden Berufswunsch äußert, tricky. Er liebt seinen Vater aber trotzdem und Astrid, die ihn unterstützt hat, vermutlich auch dies aus eigensüchtigen Gründen, kann er umbringen, als sie übergriffig wird.

Finale

„Gesichter im Zwielicht“ ist ein sehr intensiver, emotionaler Film, lotet die Figuren recht gut aus und lediglich die Vorhersehbarkeit kann man negativ anmerken. Noch ein Wort zu den Ermittlerpersonen: Subras spielt kaum eine Rolle, aber wir haben in der Rezension zu „Siegquote 180“ herausgestellt, wie stark Vera Arndt in den Vordergrund gerückt ist, weil wir das von den bisherigen Polizeirufen so nicht kannten – dass sie als Figur ebenso stark ist wie Oberleutnant Fuchs. Aber hier haben wir das gleich zum zweiten Mal. Und wie in dem Film mit den Pferden auf der Rennbahn setzt sie entscheidende Akzente. Dort mit der Aufdeckung des Motivs, hier damit, dass sie Detlev zum Reden bringt und es dem 17jährigen Jungen ermöglicht, die Tat zuzugeben. Sie kann ja auch sehr streng sein, aber hier ist sie mit der differenzierteste Charakter, weil sie, ohne dass es erwähnt werden muss, die richtige Intuition hat. Die Frauen sind im Personaltableau sehr wichtig – das sagt sie zu Oberleutnant Fuchs. Und beweist es.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Manfred Mosblech
Drehbuch Fred Unger
Manfred Mosblech
Produktion Marianne Birkholz
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Winfried Kleist
Schnitt Silvia Hebel
Besetzung

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